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  Gedichte  -  Eduard *örike 1804-1875 deutscher Lyriker
Ann
BeitragVerfasst am: 17.05.2007, 17:34  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Eduard *örike 1804-1875 deutscher Lyriker
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
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An Karl Mayer

Dem gefangenen, betruebten Manne
Hinter seinen dichten Eisenstaeben,
Wenn ihm jemand deine holden Lieder
Aufs Gesimse seines Fensters legte,
Wo die liebe Sonne sich ein Stuendlein
Taeglich einstellt, handbreit nur ein Streifchen:
O wie schimmerten ihm Wald und Auen
Sommerlich, die stillen Wiesengruende!
O wie hastig irrten seine Schritte
Durch die tausend Lieblichkeiten alle,
Ohne Wahl, was er zuerst begruesse:
Ob das Doerflein in der Sonntagfruehe,
Wo die frische Dirne sich im Gaertchen
Einen Busenstrauss zur Kirche holet;
Ob die Truemmer, wo das Laub der Birke
Herbstlich rieselt aufs Gestein hernieder,
Drueberhin der Weih im Fluge schreiend;
Und den See dort einsam in der Wildnis,
Uebergruent von lichten Wasserlinsen.


Waer ich, waer ich selber der Gefangne!
Sperrten sie mich ein auf sieben Monde!
Herzlich wollt ich dann des Schliessers lachen,
Wenn er dreifach meine Tuer verschloesse,
Mich allein mit meinem Buechlein lassend.


Aber wenn doch endlich insgeheime
Eine tiefe Sehnsucht mich beschliche,
Dass ich trauerte um Wald und Wiesen?
Ha! wie sehn ich mich, mich so zu sehnen!
Reizend waers, den Jaeger zu beneiden,
Der in Freiheit atmet Waldesatem,
Und den Hirten, wenn er nach Mittage
Ruhig am besonnten Huegel lehnet!


Sieh, so seltsam sind des Herzens Wuensche,
Das sich muessig fuehlt im Ueberflusse.
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Ann
BeitragVerfasst am: 25.06.2007, 17:04  Neue Antwort erstellen
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Liebesvorzeichen

Ich stand am Morgen jüngst im Garten
Vor dem Granatbaum sinnend still;
Mir war, als *üßt ich gleich erwarten,
Ob er die Knospe sprengen will.

Sie aber schien es nicht zu wissen,
Wie *ächtig ihr die Fülle schwoll,
Und daß sie in den Feuerküssen
Des goldnen Tages brennen soll.

Und dort am Rasen lag Jorinde;
Wie schnell bin ich zum Gruß bereit,
Indes sie sich nur erst geschwinde
Den Schlummer aus den Augen streut!

Dann leuchtet dieser Augen Schwärze
Mich an in lieb- und guter Ruh,
Sie hört dem Mutwill meiner Scherze
Mit kindischem Verwundern zu.

Dazwischen dacht ich wohl im stillen:
Was hast du vor? sie ist ein Kind!
Die Lippen, die von Reife quillen,
Wie blöde noch und fromm gesinnt!

Fürwahr, sie schien es nicht zu wissen,
Wie *ächtig ihr die Fülle schwoll,
Und daß sie in den Feuerküssen
Des kecksten Knaben brennen soll.

Still überlegt ich auf und nieder,
Und ging so meiner Wege fort;
Doch fand der nächste Morgen wieder
Mich zeitig bei dem Bäumchen dort.

Mein! wer hat ihm in wenig Stunden
Ein solches Wunder angetan?
Die Flammenkrone aufgebunden?
Und was sagt mir dies Zeichen an?

Ich eile rasch den Gang hinunter,
Dort geht sie schon im Morgenstrahl;
Und bald, o Wunder über Wunder!
Wir küßten uns zum erstenmal.

Nun trieb der Baum wohl Blüt auf Blüte
Frisch in die blaue Luft hinaus,
Und noch, seitdem er lang verglühte,
Ging uns das Küssen nimmer aus.
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Ann
BeitragVerfasst am: 25.06.2007, 17:07  Neue Antwort erstellen
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An eine Aeolsharfe

Tu semper urges flebilibus modis
Mysten ademptum: nec tibi Vespero
Surgente decedunt amores,
Nec rapidum fugiente Solem.
(Horaz)

Angelehnt an die Efeuwand
Dieser alten Terrasse,
Du, einer luftgebornen Muse
Geheimnisvolles Saitenspiel,
Fang an,
Fange wieder an
Deine melodische Klage!

Ihr kommet, Winde, fern herueber,
Ach! von des Knaben,
Der mir so lieb war,
Frisch gruenendem Huegel.
Und Fruehlingsblueten unterweges streifend,
Uebersaettigt mit Wohlgeruechen,
Wie suess bedraengt ihr dies Herz!
Und saeuselt her in die Saiten,
Angezogen von wohllautender Wehmut,
Wachsend im Zug meiner Sehnsucht,
Und hinsterbend wieder.

Aber auf einmal,
Wie der Wind heftiger herstoesst,
Ein holder Schrei der Harfe
Wiederholt, mir zu suessem Erschrecken,
Meiner Seele ploetzliche Regung;
Und hier - die volle Rose streut, geschuettelt,
All ihre Blaetter vor meine Fuesse!
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Ann
BeitragVerfasst am: 12.07.2007, 14:38  Neue Antwort erstellen
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Elfenlied.
Bei Nacht im Dorf der Wächter rief:
Elfe!
Ein ganz kleines Elfchen im Walde schlief -
wohl um die Elfe! -
und meint, es rief ihm aus dem Tal
bei seinem Namen die Nachtigall,
oder Silpelit hätt' ihm gerufen.
Reibt sich der Elf' die Augen aus,
begibt sich vor sein Schneckenhaus
und ist als wie ein trunken Mann,
sein Schläflein war nicht voll getan,
und humpelt also tippe tapp
durchs Haselholz ins Tal hinab,
schlupft an der Mauer hin so dicht,
da sitzt der Glühwurm, Licht an Licht.
»Was sind das helle Fensterlein?
Da drin wird eine Hochzeit sein:
die Kleinen sitzen beim Mahle
und treiben's in dem Saale.
Da guck' ich wohl ein wenig 'nein!«
- Pfui, stößt den Kopf an harten Stein!
Elfe, gelt, du hast genug?
Gukuk! Gukuk!
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Ann
BeitragVerfasst am: 12.07.2007, 14:39  Neue Antwort erstellen
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Künstlers Abendlied
Ach, daß die innre Schöpfungskraft
Durch meinen Sinn erschölle!
Daß eine Bildung voller Saft
Aus meinen Fingern quölle!
Ich zittre nur, ich stottre nur,
Und kann es doch nicht lassen;
Und fühl, ich kenne dich, Natur,
Und so muß ich dich fassen.

Bedenk ich dann, wie manches Jahr
Sich schon mein Sinn erschließet,
Wie er, wo dürre Heide war,
Nun Freudenquell genießet;

Wie sehn ich mich, Natur, nach dir,
Dich treu und lieb zu fühlen!
Ein lustger Springbrunn wirst du mir
Aus tausend Röhren spielen.

Wirst alle meine Kräfte mir
In meinem Sinn erheitern
Und dieses enge Dasein hier
Zur Ewigkeit erweitern.
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Ann
BeitragVerfasst am: 14.01.2008, 17:43  Neue Antwort erstellen
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Nimmersatte Liebe

So ist die Lieb'! So ist die Lieb'!
Mit Küssen nicht zu stillen:
Wer ist der Tor und will ein Sieb
Mit eitel Wasser füllen?
Und schöpfst du an die tausend Jahr;
Und küssest ewig, ewig gar,
Du tust ihr nie zu Willen.
Die Lieb', die Lieb' hat alle Stund'
Neu wunderlich Gelüsten;
Wir bissen uns die Lippen wund,
Da wir uns heute küssten.
Das *ädchen hielt in guter Ruh',
Wie's Lämmlein unter '* Messer;
Ihr Auge bat: "Nur immer zu,
Je weher desto besser!"
So ist die Lieb', und war auch so,
Wie lang es Liebe gibt,
Und anders war Herr Salomo,
Der Weise, nicht verliebt.

(eingetragen von freche Lola)
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rita
BeitragVerfasst am: 29.01.2008, 13:21  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 14.10.2007
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Gebet
Herr ! Schicke was du willst ,
ein Liebes oder Leides ;
Ich bin vergnügt ,
daß beides
aus deinen Händen quillt .

Wollest mit Freuden
und wollest mit Leiden
mich nicht überschütten !
Doch in der Mitten
liegt holdes Bescheiden .
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rita
BeitragVerfasst am: 29.01.2008, 18:59  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 14.10.2007
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Am Rheinfall
Halte dein Herz , o Wanderer , fest in gewaltigen Händen !
Mir entstürzte vor Lust zitternd das meinige fast .
Rastlos donnernde Massen auf donnernde Massen geworfen ,
Ohr und Aug , wohin retten sie sich im Tumult ?
Wahrlich ,den eigen Wutschrei hörete nicht der Gigant hier ,
läg er , vom Himmel gestürzt , unten am Felsen gekrümmt !
Rosse der Götter , im Schwung , eins über dem Rücken des anderen ,
Stürmen herunter und streun silberne *ähnen umher ;
herrliche Leiber , unzählbare , folgen sich ,nimmer dieselben ,
ewig dieselbigen - wer wartet das Ende wohl aus ?
Angst umzieht dir den Busen miteins und wie du es denkest ,
über das Haupt stürzt dir krachend das Himmelsgewölb !
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rita
BeitragVerfasst am: 29.01.2008, 19:21  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 14.10.2007
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Der alte Turmhahn (1 )

Zu Kleversulzbach im Unterland
hundert und dreizehn Jahr ich stand
auf dem Kirchturm , ein guter Hahn ,
als Zierat und Wetterfahn .
In Sturm und Wind und Regennacht
hab ich allzeit das Dorf bewacht .
Manch heller Blitz hat mich gestreift,
der Frost mein roten Kamm bereift ,
auch manchen lieben Sommertag ,
da man gern Schatten haben mag,
hat mir die Sonne unverwandt
auf meinen goldigen Leib gebrannt .
So ward ich schwarz für Alter ganz ,
und weg ist aller Glitz und Glanz .
Da haben sie mich denn zuletzt
veracht't und schmählich abgesetzt .
Meinthalb ! So ist der Welt ihr Lauf ,
jetzt tun sie einen andern nauf .
Stolzier , prachtier und dreh dich nur !
Dir macht der Wind noch andre Cour !

Ade , o Tal , du Berg und Tal !
Rebhügel , Wälder , allzumal !
Herzlieber Turm und Kirchendach ,
Kirchhof und Steglein übern Bach !
Du Brunnen , dahin spat und früh
Öchslein springen , Schaf und Küh ,
Hans hinterdrein kommt mit dem Stecken !
- Ihr Störch und Schwalben , grobe Spatzen ,
euch soll ich nimmer hören schwatzen !
Lied deucht mir jedes Drecklein itzt ,
damit ihr ehrlich mich beschmitzt .
Ade , Hochwürden , ihr Herr Pfarr ,
Schulmeister auch , du armer Narr !
Aus ist, was mich gefreut solang ,
Geläut und Orgel , Sang und Klang .

Von meiner Höh so sang ich dort ,
und hätt noch lang gesungen fort ,
da kam so ein krummer Teufelshöcker ,
ich schätz , es war der Schieferdecker ,
packt mich , kriegt nach manch hartem Stoß
mich richtig von der Stange los .
Mein alt preßhafter Leib schier brach ,
da er mit mir fuhr ab dem Dach
und bei den Glocken schnurrt hinein;
die glotzten sehr verwundert drein ,
regt ihnen doch weiter nicht den Mut ,
dachten eben : wir hangen gut .

Jetzt tät man mich mit altem Eisen
dem Meister Hufschmied überweisen ;
der zahlt zween Batzen und meint Wunder ,
Wieviel es wär für solchen Plunder .
Und also ich selben Mittag
betrübt vor seiner Hütte lag .
Ein Bäumlein - es war MAIENZEIT -
schneeweiße Blätter auf mich streut ,
Hühner gackeln um mich her ,
unachtend , was das für ein Ritter wär .

Da geht mein Pfarrherr nun vorbei ,
Grüßt den Meister und lächelt : Ei ,
wäer's so weit mit uns , armer Hahn ?
Andrees , was fangt ihr mit ihm an ?
Ihr könnt ihn weder sieden noch braten ,
mir aber *üßt es schlimm geraten ,
einen alten Kirchendiener gut
nicht zu nehmen in Schutz und Hut .
Kommt ! Tragt ihn mir gleich vor ins Haus ,
Trinket ein kühl Glas Wein mit aus .

Der rußig Lümmel , schnell bedacht ,
nimmt mich vom Boden auf und lacht .
Es fehlt nicht viel , so tat ich frei
gen Himmel einen Freudenschrei .
Im Pfarrhaus , ob dem fremden Gast
war groß und klein erschrocken fast ;
bald aber in jedem Angesicht
ging auf ein rechtes Freudenlicht .
Frau , Magd und Knecht , *ägdlein und Buben ,
den großen Göckel in der Stuben
mit siebenfacher Stimme Schall
begrüßen , begucken , betasten all .
Der Gottesmann drauf mildiglich
mit eignen Händen trägt er mich
nach seinem Zimmer , Stiegen auf ,
nachpolterte der ganze Hauf .

Hier wohnt der Frieden auf der Schwell
in den geweißten Wänden hell
sogleich empfing mich sondre Lust ,
Bücher - und Gelahrtenduft ,
Gerani - Resedaschmack ,
auch ein Rüchlein Rauchtaback .
(Dies war mir all noch unbekannt ).
Ein alter Ofen aber stand
in der Ecke linker Hand .
Recht als ein Turm tät er sich strecken
mit Säulwerk , Blumwerk ,kraus und spitz -
o anmutsvoller RUHESITZ !
Zu öberst auf dem kleinen Kranz
der Schmied mich auf ein Stänglein pflanzt .
Betrachtet mir das Werk genau !
Mir deucht's ein ganzer *ünsterbau !
Mit Schildereien wohl gezieret ,
mit Reimen christlich ausstaffieret .
Dieweil der Ofen ein guter Hort
für Kiind und Kegel und alte Leut,
zu plaudern , wann es wind't und schneit .

Hier seht ihr seitwärts auf der Platten
eines Bischofs Krieg mit *äus und Ratten ,
mitten im Rheinstrom sein Kastell .
Das Ziefer kommt geschwommen schnell ,
die Knecht nichts richten mit Waffen und Wehr ,
der Schwänze werden immer mehr .
Viel Tausend gleich in dicken Haufen
frech an der Mauer auf sie laufen ,
fallen dem Pfaffen in sein Gemach ;
sterben muß er mit Weh und Ach ,
von den Tieren aufgefressen ,
denn er mit Meineid sich vermessen .
- Sodann König Belsazers seinen Schmaus ,
Weiber und Spielleut , Saus und Braus !
Zu großem Schrecken an der Wand
Rätsel schreibt eines Geistes Hand .
- Zuletzt da vorne stellt sich für
Sarah lauschend an der Tür ,
als der Herr mit Abraham
vor seiner Hütte zu reden kam
und ihnen einen Sohn versprach .
Weil sie beide schon sehr hoch betaget .
Der Herr vernimmt es wohl und fraget :
,, Wie , lachet Sarah , glaubt sie nicht ,
was der Herr will , leicht geschicht ?''
Das Weib hinwieder Flausen machet ,
spricht :,, Ich habe nicht gelachet .''
Das war nun wohl gelogen fast ;
der Herr es doch passieren laßt ,
weil sie nicht leugt aus arger List ,
auch eine Patriarchin ist .


Zuletzt bearbeitet von rita am 29.01.2008, 21:25, insgesamt einmal bearbeitet
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rita
BeitragVerfasst am: 29.01.2008, 20:42  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 14.10.2007
Beiträge: 3155

Der alte Turmhahn ( 2 )
Seit ich hier bin , dünket mir
die Winterszeit die schönste schier .
Wie sanft ist aller Tage Fluss
bis zum geliebten Wochenschluss ! -
Freitag zu Nacht , noch um die Neune ,
bei seiner Lampen Trost alleine ,
Mein Herr fängt an sein Predigtlein
studieren ;anders mag's nicht sein ;
Eine Weil am Ofen brütend steht ,
unruhig hin und dannen geht :
sein Text ihm schon die Adern reget ;
drauf er sein Werk zu Faden schläget .
Inmittelst einmal auch etwan
hat er ein Fenster aufgetan -
ah ,Sternenlüfteschwall wie rein
mit Haufen dringet zu mir ein !
Den Verrenberg ich schimmern seh ,
den Schäferbühel dick mit Schnee .

Zu schreiben endlich er sich setzet ,
ein Blättlein nimmt , die Feder netzet ,
zeichnet sein Alpha und sein O
über dem Exordio .
Und ich vom meinem Postament
kein Aug ab meinem Herrlein wend ;
seh , wie er mit Blicken steif ins Licht ,
sinnt , prüfet jedes Worts Gewicht ,
einmal sacht seine Prise greifet ,
vom Docht den roten Butzen streifet ;
auch dann und wann zieht er vor sich
ein Sprüchlein an vernementlich ,
so ich mit vorgerecktem Kopf
begierlich bringe gleich zu Kropf .
Gemachsam kämen wir also
bie Anfang Applicatio .

Indes der Wächter Elfe schreit .
Mein Herr denkt : es ist Schlafenzzeit ;
ruckt seinen Stuhl und nimmt das Licht . -
Gut Nacht , Herr Pfarr ! - Er hört es nicht .

Im Finstern wär ich dann allein .
Das ist mir eben keine Pein .
Ich hör in der Registratur
fast eine Weil die Totenuhr ,
lache den Marder heimlich aus ,
der scharrt sich *üd am Hühnerhaus ;
windweben um das Dächlein stieben ;
ich höre , wie im Wald da drüben -
man heisset es im Vogeltrost -
der grimmig Winter sich erbost ,
ein Eichlein spalt't jähling mit Knallen ,
eine Buche , dass die Täler schallen .
- Du meine Güt , da lobt man sich
so frommen Ofen dankbarlich !
Er wärmelt halt die Nacht so hin ,
es ist ein wahrer Segen drin .
- Jetzt , denk ich , sind wohl hie und dort
Spitzbuben aus auf Raub und Mord ;
Denk , was eine schöne Sach es ist ,
brave Schloss und Riegel zu jeder Frist !
Was ich wollt machen herentgegen ,
wenn ich eine Leiter hört anlegen ;
und sonst was so Gedanken sind ;
ein warmes Schweisslein mir entrinnt .
Um Zwei , gottlob , und um die Drei
glänzet empor ein Hahnenschrei ,
um Fünfe , mit der Morgenglocken ,
mein Herz sich hebet unerschrocken ,
ja voller Freuden auf es springt ,
als der Wächter endlich singt :
,, Wohlauf , im Namen Jesu Christ !
Der helle Tag erschienen ist ! "

Ein Stündlein drauf , wenn mir die Sporen
bereits ein wenig steif gefroren ,
rasselt die Lis im Ofen , brummt ,
bis's Feuer angeht , saust und summt .
Dann von der Küch rauf , gar nicht übel ,
die Supp ich wittre , Schmalz und Zwiebel .
Endlich , gewaschen und geklärt ,
mein Herr sich frisch zur Arbeit kehrt .

Am Samstag muss ein Pfarrer fein
daheim in seiner Klause sein ,
nicht visiteln , herumkutschieren ,
seine Fass einbrennen , sonst hantieren .
Meiner hat selten solch Gelust .
Einmal - ihr sagt's nicht weiter just -
Zimmert 'er den ganzen Nachmittag
dem Fritz an einem Meisenschlag ,
dort an dem Tisch , und schwatzt und schmaucht ,
mich alten Tropf kurzweilt es auch .

Jetzt ist der liebe Sonntag da .
Es läut zur Kirchen fern und nah .
Man orgelt schon ; mir wird dabei ,
als säß ich in der Sakristei .
Es ist kein Mensch im ganzen Haus ;
ein *ücklein hör ich , eine Maus .
Die Sonne sich ins Fenster schleicht ,
zwischen die Kaktusstöck hinstreicht
zum kleinen Pult von Nußbaumholz ,
eines alten Schreinersmeisters Stolz ;
beschaut sich was da liegt umher ,
Konkordanz und Kinderlehr ,
Obladenschachtel , Amtsigill ,
im Tintenfaß sich spiegeln will ,
zuteuerst Sand und Grus besicht ,
sich an dem Fenstermesser sticht
und gleitet übern Armstuhl frank
hinüber an den Bücherschrank .
Da stehn in Pergament und Leder
vornan die frommen Schwabenväter .
Andreä , Bengel ,Rieger zween
samt Ötinger sind da zu sehn .
Wie sie die goldnen Namen liest ,
noch goldener ihr Mund sie küßt ,
wie sie rührt an Hillers Harfenspiel -
Horch ! Klingt es nicht ? So fehlt nicht viel .
Inmitten läuft ein Spinnlein zart
an mir hinauf nach seiner Art ,
und hängt sein Netz , ohn erst zu fragen ,
mir zwischen Schnabel auf und Kragen .
Ich rühr mich nicht aus meiner Ruh ,
schau ihm eine ganze Weile zu .
Darüber ist es wohl geglückt ,
daß ich ein wenig eingenickt .-
Nun , sagt, ob es in Dorf und Stadt
ein alter Kirchhahn besser hat ?

Ein Wunsch im stillen dann und wann
kommt einen freilich wohl noch an .
Im Sommer stünd ich gern da draus
bisweilen auf dem Taubenhaus ,
wo dicht dabei der Garten blüht ,
man auch ein Stück vom Flecken sieht .
Dann in der schönen Winterzeit ,
als zum Exempel eben heut :
ich sag es grad - da haben wir
gar einen wackern Schlitten hier ,
grün , gelb und schwarz ; - er ward verwichen
erst wieder sauber angestrichen :
Vorn auf dem Bogen brüstet sich
ein fremder Vogel hoffärtig -
wenn man mich etwas putzen wollt ,
nicht , daß es drum viel kosten sollt ,
ich stünd so gut dort als wie der ,
und machet niemand nicht Unehr !
- NARR ! Denk ich wieder , du hast dein Teil ! -
Willst du noch jetzo werden geil *
mich wundert , ob dir nicht gefiel,
daß man , der Welt zum Spott und Ziel ,
deinen warmen Ofen gar zuletzt
mitsamt dir auf die Läufe setzt ,
daß auf dem G'sims da um dich säß
Mann , Weib und Kind , der ganze Käs !
Du alter Scherb , schämst du dich nicht ,
auf Eitelkeit zu sein erpicht ?
Geh in dich , nimm dein Ende wahr !
Wirst nicht noch einmal hundert Jahr .
*urspr. Bed. :übermütig , mutwillig .


Zuletzt bearbeitet von rita am 17.10.2009, 20:20, insgesamt 7-mal bearbeitet
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Ann
BeitragVerfasst am: 29.02.2008, 11:33  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
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Im Frühling

Hier lieg' ich auf dem Frühlingshügel:
Die Wolke wird mein Flügel,
Ein Vogel fliegt mir voraus.
Ach, sag' mir, alleinzige Liebe,
Wo d u bleibst, dass ich bei dir bliebe!
Doch du und die Lüfte, ihr habt kein Haus.

Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüte offen,
Sehnend,
Sich dehnend
In Liebe und Hoffen.
Frühling, was bist du gewillt?
Wann werd ich gestillt?

Die Wolke seh ich wandeln und den Fluss,
Es dringt der Sonne goldner Kuss
Mir tief bis ins Geblüt hinein;
Die Augen, wunderbar berauschet,
Tun, als schliefen sie ein,
Nur noch das Ohr dem Ton der Biene lauschet.

Ich denke dies und denke das,
Ich sehne mich, und weiß nicht recht, nach was:
Halb ist es Lust, halb ist es Klage;
Mein Herz, o sage,
Was webst du für Erinnerung
In golden grüner Zweige Dämmerung?
- Alte unnennbare Tage!
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rita
BeitragVerfasst am: 27.08.2008, 19:45  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 14.10.2007
Beiträge: 3155

Angelehnt an die Efeuwand
dieser alten Terrasse ,
Du , einer luftgebornen Muse
geheimnisvolles Saitenspiel,
fang an , fange wieder an
deine melodische Klage !

Auf einmal ,
wie der Wind heftiger herstößt ,
ein holder Schrei der Hafe
wiederholt , mir zu süßem Erschrecken ,
meiner Seele plötzliche Regung :
Und hier - die volle Rose streut , geschüttelt ,
all ihre Blätter vor meine Füße !
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rita
BeitragVerfasst am: 27.08.2008, 19:52  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 14.10.2007
Beiträge: 3155

Phöbus überzählt die Stücke ,
weidet selbst sich daran ,
ja es fängt im Augenblicke
ihm der Mund zu wässern an .

Lächelnd nimmt der Gott der Töne
von saftigsten Besitz :
,, Laß uns eilen , holde Schöne ,
und Amorn - diesen Schnitz !"
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rita
BeitragVerfasst am: 09.10.2008, 06:05  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 14.10.2007
Beiträge: 3155

Um Mitternacht .
Gelassen stieg die Nacht ans Land ,
lehnt träumend an der Berge Wand ,
ihr Auge sieht die goldne Waage nun
der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn ;
und kecker rauschen die Quellen hervor ,
die singen der Mutter , der Nacht , ins Ohr ,
vom Tage ,
vom heute gewesenen Tage .

Das uralt alte Schlummerlied ,
sie achtet's nicht , sie ist es *üd ;
ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch ,
der flücht'gen Stunden gleichgeschwungnes Joch .
Doch immer behalten die Quellen das Wort ,
Es singen die Wasser im Schlafe noch fort
vom Tage ,
vom heute gewesenen Tage .
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rita
BeitragVerfasst am: 30.01.2009, 19:52  Neue Antwort erstellen
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Gartenmeister(in)
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Anmeldungsdatum: 14.10.2007
Beiträge: 3155

Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt ,
noch träumen Wald und Wiesen :
Bald siehst du , wenn der Schleier fällt ,
den blauen Himmel unverstellt ,
herbstkräftig die gedämpfte Welt
in warmem Golde fliessen .
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