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  Gedichte  -  Bruno Wille 1860-1928
Ann
BeitragVerfasst am: 14.04.2009, 17:41  Neue Antwort erstellen
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Bruno Wille 1860-1928
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
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Der Träumer

Ich war ein Kind, mit großen Kinderaugen,
Die nur zu träumerischem Schauen,
Nicht zum Berechnen und zum schlauen
Erwerben taugen;
In dumpfen Stuben bangte mir, ich scheute
Gespräche nüchtern kluger Leute
Und stahl mich fort mit stiller Wonne
Zu Blumen, Gras und Sonne.

Dort sog ich Luft wie ein Befreiter, lauschte
Den Bienen, Grillen, schwankendem Gesträuch,
Das wogengleich im weichen Winde rauschte;
Mit Staunen und Entzücken schaute
Mein Aug' empor zu ihm, der tief und weithin blaute;
Und der bethörte Träumersinn
Schwamm mit dem wunderbaren,
Wie Schneegebirge klaren
Gewölke sanft dahin.

So wuchs ich auf; und allezeit getreu
Blieb meinem Aug das träumerische Schauen.
Doch ich bedachte nie: Der Schatz der Auen
Sind nicht die bunten Blumen, sondern Heu;
Was blau und rot im Ährenfelde blüht,
Ist nicht dem Bauch des Erntesackes hold;
Und eines Dichters träumereich Gemüt
Trägt wenig Körnchen irdisch Gold. –

Nun stehn die Äcker braun und stopplig nackt,
Geschorne Wiesen werden bleich und bleicher,
Und mir zum Spotte tanzt im fremden Speicher
Der plumpe Flegel trocknen Erntetakt.
Am Dornstrauch sitz' ich, trübe wie der Himmel;
Verwelkte Blätter zerrt ein rauher Wind,
Scheucht *ürrisch fort das raschelnde Gewimmel;
Und träumend starr' ich nach ... ich dummes großes Kind!

Der Winter kommt; ich werde frieren, darben
Und wie die arme Maus im Stoppelwald
Mich nähren von dem Abfall fremder Garben;
Vielleicht auch sterb' ich bald ...
Mag sein! Doch schließ' ich ohne Reue
Und segne dankbar meinen Träumerblick;
Er ließ mich lieben Flur und Himmelsbläue,
Und diese Liebe war mein Lebensglück.

Bruno Wille
Aus der Sammlung Der Einsiedler
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Ann
BeitragVerfasst am: 14.04.2009, 17:42  Neue Antwort erstellen
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Die beiden Waldfeuer

Waldfeuer drüben an der Bergeshalde,
Dein Wölkchen Rauch
Schwebt einsam nicht; aus meinem Tannenwalde
Steigt gleicher Hauch.

Ob dort und hier zwei treue Herzen flammen,
Getrennt durch Kluft und Strom/
Den Rauch, die beiden Säulen, schmilzt zusammen
Ein Himmelsdom.

Die Ferne hat ein Minnen uns beschieden,
Das nicht genießt,
Nur segnend grüßt/ und sanft zu Gottes Frieden
Hinüberfließt.



Und ob ich ewig dunkel bliebe
Wie traurig diese Wälder düstern!
Kein Sonnengold tief innen lacht;
Das tun die felsengrauen Rüstern,
Von Laubgeflechten überdacht.

Auch ich so trüb. Der Liebe Gnade
Darf strahlen nicht zu meinem Grund.
Die Sorg umdüstert meine Pfade,
Ich bin ein öder Dickichtschlund.

Doch duld ich lächelnd, heilge Sonne,
Daß sich dein Brautkuß mir verschließt/
Wenn draußen nur die goldne Wonne
Um tausend Sonnenkindlein fließt.

Laß lieben dich mit jener Liebe,
Die nicht Genuß, nur Andacht will.
Und ob ich ewig dunkel bliebe/
Von deinem Leuchten träum ich still.

Bruno Wille
Aus der Sammlung Der heilige Hain. Sternenbraut
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BeitragVerfasst am: 14.04.2009, 17:43  Neue Antwort erstellen
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Die Ferne

Zur Fernesucht geboren,
Wird nie der Pilgram froh.
Seine Heimat ging verloren,
Er weiß nicht wo.

Ihn rührt ein stummes Mahnen
Von blauer Berge Wand.
Darf er dahinter ahnen
Sein Wunderland?

Im Tale Bauden winken,
Zum Dorfe traut gereiht.
Er aber muß versinken
In Einsamkeit.

Er haust auf Bergesklippen
In dumpfer Schwermut Bann,
Umstarrt von Knieholz-Rippen
Und wüstem Tann.

Verworren träumt im Grunde
Des *ühlenrads Gesumm.
Er lauscht mit zuckendem Munde,
Sein Lied bleibt stumm.

Er schmachtet, wie im Staube
Ein welkes Blumenhaupt.
Doch ward sein frommer Glaube
Ihm nicht geraubt.

O Pilgram, du mußt lernen
In Demut abseits stahn,
Du darfst den blauen Fernen
Nie täppisch nahn.

Wenn ungestüme Minne
Dich riß zum Götterweib,
Umarmten deine Sinne
Nur Menschenleib.

So bleib dem Wunderlande
In keuscher Andacht hold.
Dann spülst du aus dem Sande
Das ewige Gold.

Es sammelt alle Zähren
Die treue Ewigkeit.
Sie sollen sich verklären
Zum Krongeschmeid.

O sieh, ein Fenster glühet
Im roten Abendglast!
Das Baudenhaus erblühet
Zum Goldpalast.

Die Felsenschatten dehnen
Sich weit ins Talgefild.
So wird wohl manches Sehnen
Noch spät gestillt.

Erst wenn im großen Dunkel
Versank die wirre Welt,
Erblüht das Trostgefunkel
Am Sternenzelt.

Und birgt sich in der Erden
Ratlos dein Angesicht,
Tief innen soll es werden
Auf einmal Licht.

Bruno Wille
Aus der Sammlung Der heilige Hain. Bergeinsamkeit
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BeitragVerfasst am: 14.04.2009, 17:45  Neue Antwort erstellen
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Die kommende Sonne

»Mutter, gib mir die Sonne!«
Ibsen.

Es brennt in meinem Gehirn
Ein Traum mit gährender Glut,
Wie hinter Vesuvius' Felsenstirn
Der Erde fieberndes Feuerblut. –
Ich träume die kommende Sonne.

Und wie des Meeres Fluth empor
Zum lockenden Monde schwillt,
Wallt meine Seele schmachtend
Dem angebeteten Traumgebild
Entgegen – der kommenden Sonne.

In stummer Nacht, dem weichen Arm
Schläfernder Ruh entwunden,
Wälz ich mich mit heißem Sehnen,
Fülle mit Grübeln zögernde Stunden
Und harre der kommenden Sonne.

Vom Lager fahr' ich wild empor,
Wissende Bücher aufzuschlagen;
Ihr starren Züge, laßt mich lesen:
Wann wird umnachteten Völkern tagen
Die selig machende Sonne?

Es treibt mich auf die Gassen hinaus;
Da athmen die Gassen Moderluft;
Ein steinerner Sarg jedwedes Haus,
Die Stadt eine riesige Gruft. –
Erbarme dich, kommende Sonne!

Und schaudernd durch das Thor der Gruft
Flücht' ich hinaus auf offnes Feld,
Zu spähen, ob die finstre Luft
Ein Morgenschimmer nicht erhellt.
Ich ahne die kommende Sonne.

Und sieh, des Lichtes Halme schießen
Empor vom grauen Himmelsstrande,
Wie hinter schwarzem Schildesrande
Blutige Speere sprießen.
Das sind die Speere der Sonne!

Da weicht der Drache der Verwesung
Von seinem Nest, der Völkergruft;
Er faltet die zackigen Flügel
Und kriecht entsetzt in eine Schluft. –
Preis dir, siegende Sonne!

Nun taucht am froh erröthenden Himmel
Empor der rollende Feuerball.
Da zittert die Erde, da bersten
Die Riesensärge mit Donnerschall. –
Preis dir, erlösende Sonne!

Die toten Völker stehen auf
Und baden im goldig strömenden Licht;
Die Leiber blühen schön und stark,
Und geistig strahlt das Angesicht. –
Preis dir, erweckende Sonne!

Die Erde schimmert wie eine Braut
Im Schmuck der Blumen und Seen;
Hinter üppig grünenden Hainen
Marmorhäuser erstehen. –
Preis dir, verklärende Sonne!

Und aus den Thoren der Marmorstadt
Wallt des Volkes festliche Schaar,
Bringt Fahnen, selige Lieder,
Trunkene Blicke zum Opfer dar
Der entzückenden Göttin Sonne. – –

So brennt in meinem Gehirn
Der Traum mit gährender Glut,
Wie hinter Vesuvius' Felsenstirn
Der Erde fieberndes Feuerblut. –
Ich träume die kommende Sonne.

Bruno Wille
Aus der Sammlung Der Genosse
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BeitragVerfasst am: 14.04.2009, 17:47  Neue Antwort erstellen
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Die leidende Stadt

Wolke – du weiße Taube im Blauen –
Willst du mich locken zu seligem Fluge
Über die jugendfröhlichen Wiesen,
Über der Wälder jubelnde Häupter,
Über den spiegelnden See? –
Ach ich kann nicht schwärmen wie eh'.
Über Wiesen, über Wälder
Seh ich finstre Schatten gleiten,
Trauerschatten ... mir wird so weh.

Wie ein Wandrer,
Der zur sterbenden Mutter eilt,
Vor Sorge nicht sieht die Gärten am Wege,
Und der Bäume, der alten Freunde,
Grüßendes Flüstern überhört:
So schwebt vom deutenden Hügel
Meine seufzende Seele
Achtlos über den Reiz der Flur
Zur fern gelagerten Stadt
Und umfängt die trübe Stadt
Mit leidender Liebe –
Wie der weinende Wandrer
Die kranke Mutter.

Leidende Liebe!
Kränze mein williges Haupt
Mit dornigen Träumen,
Laß mein durstendes Auge trinken
Meiner Geschwister Leiden! –
Mit Geliebten Leiden ist süß,
Und Vergessen ist Sünde.

Trübe Stadt, *ürrische Schaar
Schwärzlicher Dächer in Dunst gehüllt,
Steinerne Nester brütender Uebel,
Feuchte Kerkermauern,
Bange Krankenkammern
Meiner bleichen Geschwister! ...

Dort am engen Giebelfenster
Trauert ein blasses *ädchengesicht
Gleich welkender Blume geneigt;
Durch die schmalen Finger
Schleicht der Faden schlangenhaft
Und heftet die matte Hand
An das peinliche Gewebe.
Finster wie ein Sklavenvogt
Schaut vom Hofe die Mauer zu.

Drunten im sonneschmachtenden Hofe
Sitzt auf kühlen Steinen ein Kind
Träumerischen Auges
Und spielt mit Hölzchen
Und pflanzt die Hölzchen in spärliche Erde
Und baut ein Gärtchen
Im sonneschmachtenden Hofe.
Heimlich aber schleicht das Siechthum
Und küßt des Kindes Wange.

Wo ist des Kindes Mutter?
Sie krümmt den schmerzenden Rücken
Am dunstigen Waschfaß,
Bis die barmherzige Nacht
Die *üde Hand ergreift.

Der Vater aber steht
Auf staubiger Straße im Sonnenbrand [⇐40]
[41⇒] Und schwingt mit braunen Armen
Den eisenbereiften Stampfer
Zum Stoß auf ächzende Steine,
Um zu ersticken
Der Erde keimende Sehnsucht,
Halm und Blumen. –
Und Mutter Erde lockte so gern
Die Menschenkinder mit Halm und Blumen
Zu Kindesliebe und Kindesglück ...

O dornige Träume,
Schmiegt euch heiß und heißer
Um die Erlösung grübelnde Stirn.
Wilder lodre mein Sehnen,
Lauter rufe mein Flehen:
Erlösender Tag, erwache!

Früher hebt der erlösende Tag
Dann vom Schlaf sein muthiges Haupt;
Himmlisches Licht
Regnet auf die schmachtende Stadt
Die finstern Dächer vergoldend;
Wonnige Luft in Strömen
Bespült die dumpfigen Mauern
Und scheucht aus steinernen Nestern
Dunkle Wolken gespenstischer Vögel.

O selig,
Zu öffnen die Thore der Stadt,
Genesende Geschwister
Zu führen an den Händen
Zur mutterglücklichen Natur,
Die mit heißem Sonnenmunde
Die bleichen Kinder küßt!

Dann schwärmen wir
Hand in Hand,
Gelockt von fliegenden Wolken,
Den weißen Tauben im Blauen,
Über die jugendfröhlichen Wiesen,
Über der Wälder jauchzende Häupter,
Über den wonnespiegelnden See.

Bruno Wille
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BeitragVerfasst am: 14.04.2009, 17:48  Neue Antwort erstellen
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Die Sonne kommt

Willkommen, Ritter Morgen!
Vor deinem güldnen Haupt
Entfliehn die Wölfe Sorgen,
Die mir den Schlaf geraubt.

Der Fels vor meiner Klause
Starrt feierlich mich an.
Die Wipfel mit Gebrause
Wiegt unter mir der Tann.

Steingraue Wolkenwogen
Verhüllen noch das Tal.
Darob der Himmelsbogen
Matt leuchtender Opal.

Und aus dem Dunstmeer ragen
Die Riesenberge steil.
Ihr Stirnenglanz will sagen:
Ganz oben thront das Heil!

Nun blüht von Purpursonne
Das Nebelmeer wie Klee;
Und auch mein Gram ward Wonne,
Weil ich darüber steh.

Als Lerche schwebt mein Schauen
Hoch ob dem Erdennest
Durch selig freie Auen ...
O Himmel, halt mich fest!
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BeitragVerfasst am: 14.04.2009, 17:49  Neue Antwort erstellen
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Die tröstende Nacht

O Nacht, du treue Trösterin!
Wenn ich auf meinem Lager zage,
So schwebst du vor das Fenster hin
Und hörst geduldig meine Klage;
Und wenn ins Kissen ich mit Stöhnen
Mein thränend Angesicht verhülle,
Hör' ich auf einmal eine Fülle
Von Wohllaut mir zu Herzen tönen:

»Getrost, getrost! Ich bin ja hier!
Will dich nach jedem Tage heilen
Und werde kommen einst zu dir,
Um immerdar bei dir zu weilen.
Dann ruhst du, selig von Vergessen
Durchschauert, fern vom Tagesrauschen
Und magst dem sanften Liede lauschen,
Das Winde harfen in Cypressen.«
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BeitragVerfasst am: 14.04.2009, 17:51  Neue Antwort erstellen
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Die Wolkenstadt

»Und ich, Johannes, sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, ... aus dem Himmel herabfahren, zubereitet als eine geschmückte Braut ihre Manne.«

(Offenbarung Johannis.)

Über rußbestaubten Dächerwogen,
Straßendunst und dumpfem Werkgetose,
Über all dem bang beladnen Volke
Schwebt die Wolke
Blendend weiß, wie eine Riesenwasserrose
Über schwarzem Kolke.

Und hernieder blickt die Reine
In den düstern Hof, wo zwischen Mauern,
Ungeliebt vom Sonnenscheine,
Ein gebeugtes Weib die Jugend muß vertrauern
Bei der Nadel fieberhaftem Rasseln. –
Blasses Weib, erhebe dein Gesicht
Zu der Wolke hehrem Licht!

Und ihr Werkelmänner arbeitsheiß,
Laßt das Hämmern, laßt des Schwungrads Treiben,
Tretet an die trüben Werkstattscheiben
Trocknet von der Stirn den Schweiß,
Andachtsvoll den Blick erhoben
Zu der weißen Wolke droben!

Alle, die durch graue Gassen
Grübelnd hasten und einander hassen
Um ein karges, hartes Brod,
Die um armen Leibes Not
In das Morgen schaun mit Bangen,
Die gebrochen und verlassen
Hüsteln mit gehöhlten Wangen,
Die den Tod verzweifelnd suchen,
Oder hinter Eisenstangen
Schmachtend fluchen, –
All die Fensteraugen jener langen
Häuserreihen sollen aufwärts schauen
Zur verklärten Wolke.

In dem matten, wasserblauen
Abendhimmel schwimmt das selige Eiland
Ruhevoll und glänzend weiß,
Wie auf Hochgebirgen keusches Eis.
Sanfte Thäler thun sich droben auf; ich schaue
Seidenzarte, schneeige Hyazinthenfelder,
Auf den Hügeln duftige Apfelblütenwälder
Und dazwischen, blitzend gleich dem Thaue,
Alabasterne Paläste.
Um Geblü* und Blütenäste
Hauchen Lüfte, frisch wie auf der Alpenaue,
Und da singt es wie von Kinderstimmen.
Doch wo weilen sie, die auf den Himmelsthronen
Rein und selig wohnen?

Dort an weißer Hügel Rändern
Stehen sie in schimmernden Gewändern,
Eng geschaart. Und sieh, die Einen
Hüllen ihr Gesicht und weinen,
Andre schauen starr und trauernd,
Oft zusammenschauernd,
Wie entsetzt, hernieder
Auf der Weltstadt wüste Riesenglieder,
Die in Staub und Sünde angstvoll keucht.
Und in liebendem Erbarmen
*öchten sie die Stadt umarmen:
»Arme trübe Schwester, hebe
Deinen Blick zu uns und schwebe
Sehnsuchtsvoll empor, –
Wie ein frisch erblühter Silberfalter
Sonnetrunken aufwärts fliegt,
Während grau und leer sein alter
Puppenschrein im Staube liegt.«

Bruno Wille
Aus der Sammlung Der Genosse
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Dämmerstündchen

Dämmerstündchen im frostigen Winter,
Dämmerstündchen im traulichen Stübchen ...
Wenn da draußen über den harten
Knarrenden Schnee ein kragenvermummter
Mann mit dampfendem Atem eilt,
Ohren und Nase rotgezwickt ...
Wolkig umhüllt, mit Schnauben und Stampfen
Ziehn zwei Pferde den wuchtigen Wagen ...
Und der Schusterjunge im Schurzfell
Trabt und haucht in die klamme Hand ...
Rötlich strahlt die Straßenlaterne;
Über dem schneebelasteten Hausdach
Blinzelt der Abendstern.

Dämmerstündchen im frostigen Winter,
Dämmerstündchen im traulichen Stübchen ...
Wärme strahlt der gewaltige Ofen,
Muntre Flammen durchäugeln den Spalt;
Und ich dehne behaglich die Glieder,
Lausche dem lieblich summenden Singsang
Des melodisch sinnigen Kessels;
Hitzig brät indessen der Apfel,
Den lieb *ütterchen mir verehrte.
Fernher klingelt ein Schlitten – fernhin;
Und die ruhige Seele träumt.

Bruno Wille
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BeitragVerfasst am: 14.04.2009, 17:53  Neue Antwort erstellen
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Einst

Wie liegt die Welt in Regenfloren
So leichenhaft verloren!
Der Himmel grau und greise,
Die Erde runzlig greise;
Und beide weinen leise.
Vergilbter Rasen, Moderlaub,
Der Bäume schwärzliches Geäst –
So trüb verschwommen,
Gleich gramgetränkten Grübelein.
Mein Haupt ist öde wie im Herbst ein Nest,
Und auf dem Herzen preßt
Mir kalt und schwer ein Leichenstein. – –

Einst lieg ich steif und hager
Auf dem Totenlager:
All meine Weisheit ist alsdann
Ein Büschel Silberhaar,
Und all mein Lied
Ein reglos bleiches Lippenpaar;
All meine Liebe
Ein kaltes, starres Herz,
Und all mein Werk
Zwei schwere Hände auf dem starren Herzen
Fern stirbt der Straßenlärm, stumm schaun die düstern Wände
Auf meinen greisen Schatz,
Der leise schluchzt – in seine welken Hände.
Dann – kommt der Leichenmann,
Packt alles in den Sarg:
Haare, Lippen, Herz und Hände,
Und preßt den Deckel fest mit knirschenden Schrauben.
Nun mag ich träumen
Im Finstern, Stillen, Kühlen ...

Und ich träume:
Ich bin ein zarter Keim
Und grabe heimlich feine Wurzeln,
Stemme mich rüstig wider die Krume
Und recke neugiervoll mein Köpfchen...

Da blendet und umspült mich
Entzückend goldnes Licht,
So lau, so weich!
Horch, wie jauchzend zwitschern
Die behenden Vöglein!
Mit ihren süßen Kehlen
Hüpft mein Kinderherz.
Und sieh, auf Zweigen sitzen
Viel kleine runde Knospen.
Ich nicke ihnen lächelnd zu;
Sie nicken wieder
Und wollen mit mir spielen.
Und wie wir spielen in warmer Sonne,
Da wachsen den lieben Kleinen
Lauter Flügelchen weiß und rosa,
Und zwischen Zweigen und Blättchen schweben sie,
Duftige Engelchenschwärme.

Bruno Wille
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BeitragVerfasst am: 14.04.2009, 17:53  Neue Antwort erstellen
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Frühlingsregen

Die grauen Wolken flogen,
Umwölbend das Gefild,
Und nieder kam gezogen
Ein Regen warm und mild.
Nun träufelt der Erquickung Thau,
Es dampft die zartbegrünte Au;
Die Erde hat gesogen
Und ihren Durst gestillt.

Ein Duft von jungem Leben
Den kühlen Hain durchdringt;
Die Knospen wonnig beben,
Und sachtes Tröpfeln klingt.
Durch Erlenbüsche streift der Wind,
Mit feuchtem Haar – ein heitres Kind;
Ein Säuseln läßt er schweben
Aus dem Gezweig und singt:

»Sonne, erschließe
Das himmlische Blau,
Goldglanz gieße
Auf grüne Au!
Ihr gebadeten Blumen,
Laßt die feuchten
Äuglein leuchten!
Ich schüttle von schwanken Erlen
Zum Spiel euch glitzernde Perlen. –
Solch bunte Perlen woben
Die schwebende Brücke droben
Am blauen Himmelssee.«

Bruno Wille
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BeitragVerfasst am: 14.04.2009, 17:54  Neue Antwort erstellen
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Gedenke mein!

Gedenke mein, wenn Morgenrot die Tore
Zum Throngemach der Sonne leis erschließt;
Gedenke mein, wenn dir im Sternenflore
Die feierstille Nacht vorüberfließt;
Wenn bei der Freude Ruf die Pulse rascher fliegen,
Wenn Abendschatten dich in sanfte Träume wiegen.
O geh hinaus, zu lauschen,
Was Wälder heimlich rauschen:
Gedenke mein!

Gedenke mein, wenn das Gebot der Sterne
Aus diesem Arm dich unerbittlich wand;
Wenn mich das Heimweh in der kalten Ferne
Nach dir verzehrt, du einzig Heimatland.
Denk an mein Lebewohl, an unsre Zährenfluten;
Nicht Meere zwischen uns ersticken treue Gluten,
Und meines Herzens Schlagen
Soll zuckend noch dir sagen:
Gedenke mein!

Gedenke mein, wenn in der Erdenkühle
Ich träumend ruh, und eine Blume sprießt
Einsam und zärtlich aus dem Rasenpfühle;
Du ahnest, was die Knospe keusch umschließt.
Dein Auge sieht mich nicht, doch soll geheimes Leben,
Ein treuer Schwestergeist, dem Blumenkelch entschweben
Und horch, in Nacht und Schweigen
Zu dir sich seufzend neigen:
Gedenke mein!

Bruno Wille
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BeitragVerfasst am: 14.04.2009, 17:55  Neue Antwort erstellen
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Herbstabend

Der Nebelabend kühlt und feuchtet;
Die Ferne stirbt in Dämmerduft;
Mit mattem Blinzeln nur durchleuchtet
Ein Stern die wolkigtrübe Luft.

Gedämpfte Glockenlaute beben
Weich summend über Stoppelfeld;
Aus Wiesenniederungen heben
Sich dunkle Massen in die Welt.

Ein alter Pflüger mit dem Pferde
Zieht *üde heim; die Pfeife glimmt;
Vom Schäferhund umtummelt, schwimmt
Mit Blöken dorfwärts eine Herde.

Mit qualmigmatter Rotglut säumt
Der Himmel sich; großleuchtend taucht
Der Mond empor ... Die Landschaft träumt
Vom Tage – schlummerüberhaucht.

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BeitragVerfasst am: 14.04.2009, 17:56  Neue Antwort erstellen
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Herbststurm

Ich wandle gern durch ödes Feld
Bei abendkaltem Brausen.
Aus Wolkenballen Dunkel fällt,
Die Stoppeläcker sausen,
Der Dornbusch duckt sich, zornumtost,
Verdorrte Blätter erschauern...
O düstrer Trost,
Wenn Wolke, Busch und Haide mit mir trauern!

Bruno Wille
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BeitragVerfasst am: 14.04.2009, 17:57  Neue Antwort erstellen
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Heue

Durch silberne Halme
Eisiger Scheiben
Dämmert zu mir
Ins Dunkel der Mond. –

Ich bin ein See,
Erstarrt zu Eise,
Darin sich spiegelt
Der traurige Mond;

Dürres Schilf
Zittert und flüstert...
Ich höre dich weinen
Und schluchzen – wie einst. – – –

Einst füllt' ich achtlos
Dir Tage mit Leide,
Bis daß du weintest
Aus schluchzender Brust.

Wohl hab' ich flehend
Geküßt die Thränen,
Doch war's geschehen,
Daß du geweint. –

Jetzt ist dein Auge
Längst getrocknet.
Doch ewig weinst du
In meiner Seele;

Und ich muß weinen
All deine Thränen,
Geliebtes Antlitz, –
Und noch viel mehr.

Bruno Wille
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