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  Gedichte  -  Rainer Maria Rilke 1875-1926
Ann
BeitragVerfasst am: 21.12.2007, 21:55  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Rainer Maria Rilke 1875-1926
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
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Wohnort: Gronau

Herbst

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Eingegeben von Steffen am 21.12.07
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Ann
BeitragVerfasst am: 29.02.2008, 11:27  Neue Antwort erstellen
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Rainer Maria Rilke 1875-1926
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 45053
Wohnort: Gronau

Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,

greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigens.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.
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rita
BeitragVerfasst am: 21.03.2008, 12:00  Neue Antwort erstellen
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Rainer Maria Rilke 1875-1926
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Gartenmeister(in)
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Anmeldungsdatum: 14.10.2007
Beiträge: 3155

Spanische Tänzerin
Wie in der Hand ein Schwefelzündholz , weiß ,
eh es zur Flamme kommt , nach allen Seiten
zuckende Zungen streckt - : beginnt im Kreis
naher Beschauer hastig , hell und heiß
ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten .

Und plötzlich ist er Flamme , ganz und gar .

Mit einem Blick entzündet sie ihr Haar
und dreht auf einmal mit gewagter Kunst
ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst ,
aus welcher sich , wie Schlangen die erschrecken ,
die nackten Arme wach und klappernd strecken .

Und dann : als würde ihr das Feuer knapp,
nimmt sie es ganz zusammen und wirft es ab
sehr herrisch , mit hochmütiger Gebärde
und schaut :da liegt es rasend auf der Erde
und flammt noch immer und ergiebt sich nicht - .
Doch sieghaft , sicher und mit einem süßen
grüßenden Lächeln hebt sie ihr Gesicht
und stampft es aus mit kleinen festen Füßen .
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rita
BeitragVerfasst am: 21.03.2008, 12:08  Neue Antwort erstellen
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Rainer Maria Rilke 1875-1926
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Gartenmeister(in)
Gartenmeister(in)


Anmeldungsdatum: 14.10.2007
Beiträge: 3155

Und ihre Hände sind die von Frauen ,
und irgendeiner Mutterschaft gemäß ;
so heiter wie die Vögel wenn sie bauen ,-
im Fassen warm und ruhig im Vertrauen ,
und anzufühlen wie ein Trinkgefäß .
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rita
BeitragVerfasst am: 21.03.2008, 12:19  Neue Antwort erstellen
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Rainer Maria Rilke 1875-1926
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Gartenmeister(in)
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Anmeldungsdatum: 14.10.2007
Beiträge: 3155

Erinnerung
Und du wartest , erwartest das Eine ,
das dein Leben unendlich vermehrt ;
das *ächtige , Ungemeine ,
das Erwachen der Steine ,
Tiefen , dir zugekehrt .

Es dämmern im Bücherständer
die Bände in Gold und Braun ;
und du denkst an durchfahrende Länder ,
an Bilder , an die Gewänder
wiederverlorener Fraun .

Und da weißt du auf einmal : das war es .
Du erhebst dich , und vor dir steht
eines vergangenen Jahres
Angst und Gestalt und Gebet .
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rita
BeitragVerfasst am: 13.04.2008, 11:45  Neue Antwort erstellen
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Rainer Maria Rilke 1875-1926
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Gartenmeister(in)
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Anmeldungsdatum: 14.10.2007
Beiträge: 3155

Rainer ,Maria , Rilke ,geb.4.12. 1875 in Prag ,
lebte in Oberneuland bei Bremen .
Werk :
,,Das Buch der Bilder " 6.Auflage 1917,

Auswahl der Gedichte1921

Der Lesende
Ich las schon lang .Seit dieser Nachmittag ,
mit Regen rauschend , an den Fenstern lag .
Vom Winde draußen hörte ich nichts mehr :
Mein Buch war schwer .
Ich sah ihm in die Blätter wie in Mienen ,
die dunkel werden von Nachdenklichkeit ,
und um mein Lesen staute sich die Zeit .-
Auf einmal sind die Seiten überschienen ,
und statt der bangen Wortverworrenheit
steht :Abend , Abend ....Überall auf ihnen ;
ich schau noch nicht hinaus , und doch zerreißen
die langen Zeilen , und die Worte rollen
von ihren Fäden fort, wohin sie wollen........
Da weiß ich es : über den übervollen
glänzenden Gärten sind die Himmel weit ;
die Sonne hat noch einmal kommen sollen .-
Und jetzt wird Sommernacht , soweit man sieht :
Zu wenig Gruppen stellt sich das Verstreute ,
dunkel auf langen Wegen gehn die Leute ,
und seltsam weit , als ob es mehr bedeute ,
hört man das Wenige , das noch geschieht .

Und wenn ich jetzt vom Buch die Augen hebe ,
wird nichts befremdlich sein und alles groß .
Dort draußen ist , was ich hier drinnen lebe ,
und hier und dort ist alles grenzenlos ;
nur daß ich mich noch mehr damit verwebe ,
wenn meine Blicke an die Dinge passen
und an die ernste Einfachheit der Massen ,-
da wächst die Erde über sich hinaus .
Den ganzen Himmel scheint sie zu umfassen :
Der erste Stern ist wie das letzte Haus.
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rita
BeitragVerfasst am: 12.08.2008, 19:06  Neue Antwort erstellen
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Rainer Maria Rilke 1875-1926
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Gartenmeister(in)
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Anmeldungsdatum: 14.10.2007
Beiträge: 3155

Da neigt sich die Stunde und rührt mich an

Da neigt sich die Stunde und rührt mich an
mit klarem , metallenem Schlag :
mir zittern die Sinne .Ich fühle ich kann -
und ich fasse den plastischen Tag .

Nichts war noch vollendet , eh ich es erschaut ,
ein jedes Werden stand still .
Meine Blicke sind reif , und wie eine Braut
kommt jedem das Ding das er will .

Nichts ist mir zu klein und ich lieb es trotzdem
und mal es auf Goldgrund und groß ,
und halte es hoch , und ich weiß nicht wem
löst es die Seele los ..............
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rita
BeitragVerfasst am: 12.08.2008, 19:46  Neue Antwort erstellen
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Rainer Maria Rilke 1875-1926
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Gartenmeister(in)
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Anmeldungsdatum: 14.10.2007
Beiträge: 3155

Wilder Rosenbusch

Wie steht er da vor den Verdunkelungen
des Regenabends, jung und rein ;
in seinen Ranken schenkend ausgeschwungen
und doch versunken in sein Rose -sein ;

die flachen Blüten da und dort schon offen,
jegliche ungewollt und ungepflegt :
so , von sich selbst unendlich übertroffen
und unbeschreiblich aus sich selbst erregt ,

ruft er dem Wandrer , der in abendlicher
Nachdenklichkeit den Weg vorüberkommt:
oh sieh mich steh'n ,sieh her , was bin ich sicher
und unbeschützt und habe was mir frommt.
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filipa
BeitragVerfasst am: 09.12.2008, 17:03  Neue Antwort erstellen
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Rainer Maria Rilke 1875-1926
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Stammgast
Stammgast


Anmeldungsdatum: 25.05.2008
Beiträge: 24

Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
von Ebenen die fern sind und entlegen,
geht sie zum Himmel, der sie immer hat.
Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

Regnet hernieder in den Zwitterstunden,
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen
und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,
enttäuscht und traurig von einander lassen;
und wenn die Menschen, die einander hassen,
in [i]einem[/i] Bett zusammen schlafen *üssen:

dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen...
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rita
BeitragVerfasst am: 16.03.2009, 20:46  Neue Antwort erstellen
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Rainer Maria Rilke 1875-1926
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Gartenmeister(in)
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Anmeldungsdatum: 14.10.2007
Beiträge: 3155

Dun darfst nicht warten
bis Gott zu dir geht
und sagt : Ich bin .

Ein Gott ,
der seine Stärke eingesteht,
hat keinen Sinn .

Da musst du wissen ,
dass dich Gott durchweht
seit Anbeginn .

Und wenn dein Herz
dir glüht und nichts verrät ,
dann schafft er drin .
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rita
BeitragVerfasst am: 18.05.2009, 23:38  Neue Antwort erstellen
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Rainer Maria Rilke 1875-1926
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Gartenmeister(in)
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Anmeldungsdatum: 14.10.2007
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Die Turmstube

Die Turmstube ist dunkel .
Aber sie leuchten sich ins Gesicht mit ihrem Lächeln .
Sie tasten vor sich her wie Blinde
und finden den andern wie eine Tür .
Fast wie Kinder , die sich in der Nacht ängstigen ,
drängen sie sich ineinander ein .
Und doch fürchten sie sich nicht .
Da ist nichts , was gegen sie wäre :
Kein Gestern , kein Morgen :
denn die Zeit ist eingestürzt .
Und sie blühen aus ihren Trümmern .
Er fragt nicht : ,, Dein Gemahl ?''
Sie fragt nicht : ,, Dein Name ?''
Sie haben sich ja gefunden ,
um einander ein neues Geschlecht zu sein .
Sie werden sich hundert neue Namen geben
und einander alle wieder abnehmen ,
leise , wie man einen Ohrring abnimmt .
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rita
BeitragVerfasst am: 26.05.2009, 11:19  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 14.10.2007
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Weisst Du

Weisst Du ,
ich will mich schleichen
leis aus diesem lautem Kreis ,
wenn ich erst die bleichen Sterne
über den Eichen
blühen weiss .

Wege will ich erkiesen ,
die selten wer betritt
in blassen Abendwiesen -
und kein Traum ,
als diesen :
D u g e h s t * i t .
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rita
BeitragVerfasst am: 26.05.2009, 11:30  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 14.10.2007
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Jemandem zum Einschlaf zu sagen :

Ich *öchte jemanden einsingen ,
bei jemandem sitzen und sein .
Ich *öchte Dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein .
Ich *öchte der Einzige sein im Haus ,
der wüsste : die Nacht war kalt .
Und *öchte horchen herein und hinaus
in Dich , die Welt , in den Wald .
Die Uhren rufen sich schlagend an ,
und man sieht der Zeit auf den Grund .
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund .
Dahinter wird Stille .
Ich habe gross die Augen auf Dich gelegt ;
und sie halten Dich sanft und lassen Dich los ,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt .
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rita
BeitragVerfasst am: 26.05.2009, 11:39  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 14.10.2007
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Die kleinen Dinge

Die meisten Menschen
wisssen gar nicht , wie schön die Welt ist
und wieviel Pracht in den kleinsten Dingen ,
in irgendeiner Blume , einem Stein ,
einer Baumrinde oder
einem Birkenblatt sich offenbart .
Die erwachsenen Menschen ,
die Geschäfte und Sorgen haben
und sich mit lauter Kleinigkeiten quälen ,
verlieren allmählich ganz den Blick
für diese Reichtümer ,
welche die Kinder ,
wenn sie aufmerksam und gut sind ,
bald bemerken und mit
dem ganzen Herzen lieben.
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