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  Gedichte  -  Nelly Sachs
Ann
BeitragVerfasst am: 23.09.2004, 14:41  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Nelly Sachs
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
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Einer war


Einer war
Der blies den Schofar -
Warf nach hinten das Haupt,
Wie die Rehe tun, wie die Hirsche
Bevor sie trinken an der Quelle.
Bläst:
Tekia
Ausfährt der Tod im Seufzer -
Schewarim
Das Samenkorn fällt -
Terua
Die Luft erzählt von einem Licht!
Die Erde kreist und die Gestirne kreisen
Im Schofar,
Den Einer bläst -
Und um den Schofar brennt der Tempel -
Und Einer bläst -
Und um den Schofar stürzt der Tempel -
Und Einer bläst -
Und um den Schofar ruht die Asche -
Und Einer bläst -
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Ann
BeitragVerfasst am: 23.09.2004, 14:42  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 45052
Wohnort: Gronau

Chor der Geretteten


Wir Geretteten,
Aus deren hohlem Gebein der Tod schon seine Flöten
schnitt,
An deren Sehnen der Tod schon seinen Bogen strich -
Unsere Leiber klagen noch nach
Mit ihrer verstümmelten Musik.
Wir Geretteten,
Immer noch hängen die Schlingen für unsere Hälse gedreht
Vor uns in der blauen Luft -
Immer noch füllen sich die Stundenuhren mit unserem
tropfenden Blut.
Wir Geretteten,
Immer noch essen an uns die Würmer der Angst.
Unser Gestirn ist vergraben im Staub.
Wir Geretteten
Bitten euch:
Zeigt uns langsam eure Sonne.
Führt uns von Stern zu Stern im Schritt.
Laßt uns das Leben leise wieder lernen.
Es könnte sonst eines Vogels Lied,
Das Füllen des Eimers am Brunnen
Unseren schlecht versiegelten Schmerz aufbrechen lassen
Und uns wegschäumen -
Wir bitten euch:
Zeigt uns noch nicht einen beißenden Hund -
Es könnte sein, es könnte sein
Daß wir zu Staub zerfallen -
Vor euren Augen zerfallen in Staub.
Was hält denn unsere Webe zusammen?
Wir odemlos gewordene,
Deren Seele zu Ihm floh aus der Mitternacht
Lange bevor man unseren Leib rettete
In die Arche des Augenblicks.
Wir Geretteten,
Wir drücken eure Hand,
Wir erkennen euer Auge -
Aber zusammen hält uns nur noch der Abschied,
Der Abschied im Staub
Hält uns mit euch zusammen.
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Ann
BeitragVerfasst am: 23.09.2004, 14:43  Neue Antwort erstellen
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Nelly Sachs
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
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Geschirmt


Geschirmt sind die Liebenden
unter dem zugemauerten Himmel.
Ein geheimes Element schafft ihnen Atem
und sie tragen die Steine in die Segnung
und alles was wächst
hat nur noch eine Heimat bei ihnen.

Geschirmt sind die Liebenden
und nur für sie schlagen noch die Nachtigallen
und sind nicht ausgestorben in der Taubheit
und des Waldes leise Legenden, die Rehe,
leiden in Sanftmut für sie.

Geschirmt sind die Liebenden
sie finden den versteckten Schmerz der Abendsonne
auf einem Weidenzweig blutend -
und üben in den Nächten lächelnd das Sterben,
den leisen Tod
mit allen Quellen, die in Sehnsucht rinnen
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Ann
BeitragVerfasst am: 23.09.2004, 14:44  Neue Antwort erstellen
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Nelly Sachs
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 45052
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Immer

Immer
dort wo Kinder sterben
werden die leisesten Dinge heimatlos.
Der Schmerzensmantel der Abendröte
darin die dunkle Seele der Amsel
die Nacht heranklagt -
kleine Winde über zitternde Gräser hinwehend
die Trümmer des Lichtes verlöschend
und Sterben säend -

Immer
dort wo Kinder sterben
verbrennen die Feuergesichter
der Nacht, einsam in ihrem Geheimnis -
Und wer weiß von den Wegweisern
die der Tod ausschickt:
Geruch des Lebensbaumes,
Hahnenschrei der den Tag verkürzt
Zauberuhr vom Grauen des Herbstes
in die Kinderstuben hinein verwunschen -
Spülen der Wasser an die Ufer des Dunkels
rauschender, ziehender Schlaf der Zeit -

Immer
dort wo Kinder sterben
verhängen sich die Spiegel der Puppenhäuser
mit einem Hauch,
sehen nicht mehr den Tanz der Fingerliliputaner
in Kinderblutatlas gekleidet;
Tanz der stille steht
wie eine im Fernglas
mondentrückte Welt.

Immer
dort wo Kinder sterben
werden Stein und Stern
und so viele Träume heimatlos.
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Ann
BeitragVerfasst am: 23.09.2004, 14:45  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 45052
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Diese Nacht


Diese Nacht
ging ich eine dunkle Nebenstraße
um die Ecke
Da legte sich mein Schatten
in meinen Arm
Dieses ermüdete Kleidungsstück
wollte getragen werden
und die Farbe Nichts sprach mich an:
Du bist jenseits
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Ann
BeitragVerfasst am: 23.09.2004, 14:46  Neue Antwort erstellen
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Nelly Sachs
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
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Hinter der Tür


Hinter der Tür
ziehst du an dem Sehnsuchtsseil
bis Tränen kommen
In dieser Quelle spiegelst du dich -
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Ann
BeitragVerfasst am: 23.09.2004, 14:46  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 45052
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Auf und ab gehe ich


Auf und ab gehe ich
in der Stubenwärme
Die Irren im Korridor kreischen
mit den schwarzen Vögeln draußen
um die Zukunft
Unsere Wunden sprengen die böse Zeit
aber die Uhren gehen langsam -
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Ann
BeitragVerfasst am: 23.09.2004, 14:47  Neue Antwort erstellen
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Nelly Sachs
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 45052
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Kind


Kind
im Orkan des abschieds
stoßend mit der Zehen weißflammendem Gischt
gegen den brennenden Horizontenring
suchend den geheimen Ausweg des Todes.

Schon ohne Stimme - ausatmend Rauch -

Liegend wie das Meer
nur mit Tiefe darunter
reißend an der Vertauung
mit den Springwogen der Sehnsucht -

Kind
Kind
mit der Grablegung deines Hauptes
der Träume Samenkapsel
schwer geworden
in endlicher Ergebung
bereit anderes Land zu besäen.

Mit Augen
umgedreht zum Muttergrund -
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traumkind
BeitragVerfasst am: 14.03.2007, 12:07  Neue Antwort erstellen
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Stammgast
Stammgast


Anmeldungsdatum: 01.03.2007
Beiträge: 61
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Hier ist
Amen zu sagen
diese Krönung der Worte die
ins Verborgene zieht
und
Frieden
du großes Augenlid
das alle Unruhen verschließt
mit deinem himmlischen Wimpernkranz

du leiseste aller Geburten
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Hans SACHS 1494-1576 Dichter rita Gedichte 0 27.01.2008, 12:38 Letzten Beitrag anzeigen

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