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  Kurzgeschichten  -  Die Autopilgerin
Wabun Wind
BeitragVerfasst am: 28.10.2009, 20:52  Neue Antwort erstellen
Kurzgeschichten
Die Autopilgerin
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Gärtner(in)
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Anmeldungsdatum: 16.10.2009
Beiträge: 115

Meinen diesjährigen dreiwöchigen Jahresurlaub verbrachte ich in Deutschland als Autopilgerin. Mein Ausgangsstandort, an den ich auch jeden Abend zurückkehrte, war Mering: ein Nachbarort von Königsbrunn, nahe Augsburg, 25 Minuten von München entfernt.

Vielleicht stellt sich die Frage, was denn ein/e Autopilger/in ist? Womöglich ist es einfach ein Wort, daß ich selbst entworfen habe, um eine Reihe praktisch durchgeführter Aktionen zu beschreiben. Der Begriff Pilger stammt aus dem religiösen und kirchlichen Bereich. Ein Pilger ist ein gottgläubiger Mensch, der zu Fuß alleine oder mit anderen jeden Tag 25 bis 30 km läuft auf einer vorgegebenen "heiligen" Strecke, wie z.B. den Jakobsweg oder den Benediktweg. Übernachtung findet dann meist in Jugendherbergen, Klöstern, Kirchen oder Abteien statt, bis das Endziel erreicht ist: Meist eine sehr heilige Stätte, wie z.B. Santiago di Compostella, Lourdes. Dies sind die zwei berühmtesten Pilgerziele.
Nun war ich mit dem Auto unterwegs. Ich bin quasi nicht zu Fuß von einem heiligen Ort zum anderen gegangen, aber mit dem Auto steuerte ich jeweils heilige Orte an.
Manchmal bis zu 5 Kirchen/Klöster an einem Tag.

Zu allererst einmal interessiert mich wie ich schon einmal irgendwo erwähnte, die Architektur der Kirchen. In diesem Gebiet, in dem ich per Auto pilgerte, herrschte meist der barocke Baustil aus dem 18. Jahrhundert vor. Es war Bayrisch Schwaben wozu eben Augsburg gehörte und Ulm usw. bis runter in das Pfaffenwinkelgebiet zur Wieskirche bei Steingaden. Stellenweise pilgerte ich bis zu 200 km täglich mit dem Auto. Wenn ich in einem Kloster ankam, machte ich mich kundig, wo die Pforte war. Dort fragte ich dann nach einer persönlichen Führung und ließ mir von Schwester (Nonne) oder Bruder (Mönch) die Anlage zeigen und erklären. Letztendlich tauschten wir uns auf dem Rundgang auch über religiöse Themen und Glauben aus. Es ist erstaunlich, wie sehr die katholische Kirche in letzter Zeit eine positive Veränderung erfahren hatte. Die Geistlichen waren keineswegs verbohrt in ihren eigenen Grundsätzen, sonder ließen andere Glauben gelten, lauschten angeregt, was ich so denke und glaube, und ich hörte ihnen zu. Geschichten, die jedes Kloster Anfang des 19. Jahrhunderts durchmachte im Zuge der Sekularisierung.

Klöster in diesem Gebiet sind der drittgrößte Arbeitgeber in Bayern. Sie stellen eigene Schulen, Universitäten, Betriebe, Behindertenheime u. -werke, Agrarwirtschaft, Gärtnerei, manche führen noch Missionarsmuseen, haben eigene Bahnhöfe (wie St. Ottilien) oder riesengroße traumhafte Bibliotheken wie Wiblingen bei Ulm. Leider waren die Werke von Dom Augustin Calmet vergittert, aber hat mich umgeworfen, sie dort zu finden und ein brennendes Verlangen sie einmal in den Händen zu halten und zu lesen.

Meist war bei den Klöstern auch ein Restaurant für Besucher dabei, ein Friedhof, die riesige Klosterkirche, ein Wohnheim, ein Garten mit Park. Einfach der Wahnsinn: eine friedliche Stille, manchmal konnte man sich stundenlang oder einen ganzen Tag in einem Kloster aufhalten.

Einmal nahm mich eine Schwester nach der Führung einfach mit in einen nicht-öffentlich zugänglichen Teil, den Klostergarten. Wir tauschten uns über die pflanzlichen Heilmöglichkeiten aus. Dies war sehr auschlußreich.

Das Interessanteste ist mir in Augsburg selbst begegnet. Augsburg hat so viele Glaubensrichtungen, es ist kaum vorstellbar, und eine so tolerante Stadt, daß sie alle duldet. Verschiedene kirchliche Gebäude, die auch frei zugänglich waren, manche unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen aufgrund von terroristichen Attentaten, aber wundervoll. In Augsburg ist eine der drei weltgrößten und schönsten jüdischen Synagogen. Es war wundervoll anzusehen und sprachlos staunend sah ich mir den heiligen Raum an, mit den Kandelabern. Dann gab es eine Moschee, eine griechisch-orthodoxe Kirche, eine syrische, dann sehr viele in evangelischer und katholischer Glaubensrichtung.

Es gab den Mariendom mit den Reliquien von vier Heiligen. Mir kommt gerade noch die Heilige Barbara in den Sinn, deren Sklette innerhalb des Domes an den Seitenaltären in Glassärgen aufbewahrt wurden. Es gab den Perlachturm, der an die St. Peter Kirche angeschlossen war am Rathaus. Das Wahrzeichen von Augsburg übrigens. Die Barfüßer-Kirche, die einfach nur durch ihre einfache barocke Schönheit bestach. Dann die Anna-Kirche, in der es die Lutherstiege zu begutachten gab, wo Luther seine Schriften drucken ließ.
Und letztendlich das Meisterwerk in meinen Augen: St. Ulrich und Afra. Ein Gelände - zwei Kirchen - ein Name. Eine Kirche davon evangelisch, die andere katholisch, friedlich nebeneinander. Nirgendwo sah und erlebte ich dieses auf der Welt.

Es passierte eine ganz witzige Anekdote dort, die ich nicht vorenthalten möchte. Ich erzählte sie auch (meinem) unseren Pfarrer hinterher, der einfach nur meinte, ich hätte gut getan....obwohl mich hat es ein ganz klein wenig amüsiert.
Der evangelische Teil von St. Ulrich und Afra wurde gerade renoviert und war mit Gerüsten außen und innen bestückt. Es fand gerade ein Gottesdienst in diesem Augenblick statt. Was ungewöhnlich war: Ich ging durch das Portal und schon innerhalb der Kirche, in dem vorderen Seitenschiff, saß eine Dame an einem (wohl Kassen-) Tisch. Es gab dort Postkarten von der Kirche zu kaufen und der Eintritt war wohl 2 Euro zwecks Unterstützung der Renovierungsarbeiten. Die Dame sagte mir, daß ich jetzt nicht stören und mir die Kirche ansehen könne, weil gerade ein Gottesdienst stattfindet. Ich fragte, ob ich vielleicht daran teilnehmen könnte, wenn ich ganz hinten stehe und mich ruhig verhalte. Sie gab mir zu verstehen, daß das 2 Euro kostet. Die zahlte ich und kaufte ihr auch noch 3 Postkarten ab, da ich ein paar schöne Andenkenbilder haben wollte, und ich eine Photoniete bin (Daumenbilder sind meine Spezialität). Dann fragte ich, wo ich denn etwas spenden könnte. Sie sagte, daß ich da nach dem Gottesdienst wohl zum Pfarrbüro gehen müßte. Dies gefiel mir absolut nicht, weil ich Augsburg per pedes an einem Tag plante (fuhr mit dem Zug rein). Dann überraschte ich sie wohl mit der Frage, ob ich ihr denn nicht auch die Spende geben könnte. Dann meinte sie, daß es wohl ginge. Ich solle die Münzen in den Opferstock werfen. Ich hatte meinen Spaß mit der armen Frau, als ich ihr sagte, daß ich aber keine Münzen spenden wollte, sondern ganz gemächlich einen 20er rauszog. Die Dame hat sich irgendwie bald überschlagen vor Freundlichkeit. Sie würde es dem Pfarrer übergeben, nur Bescheinigung könnte ich jetzt keine haben. War irgendwie eine lustige Reaktion. Ich sagte ihr nur, daß wir in einem Boot sitzen und ich selbst im evangelischen Kirchenvorstand bin, und wir uns doch gegenseitig unterstützen sollten.

Ich habe einfach meine diesjährigen Urlaubserfahrungen hier niedergeschrieben. Vom Sommer anzumerken, da ich im April bereits einen Ungarnaufenthalt erlebt hatte....auch mit vielen Kirchen (damit kann ich meine Mitmenschen, die mich begleiten zur Weißglut bringen) und schöne Friedhöfe (rein auch wieder die architektonische Schönheit der Grabstätten meinend), ebenso wie historische Bauwerke, Schlösser, Burgen etc.
Die Erzählung hat wohl nun das Ausmaß einer Kurzgeschichte (rein längenmäßig).
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Ann
BeitragVerfasst am: 28.10.2009, 21:39  Neue Antwort erstellen
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Administrator
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 34402
Wohnort: Gronau

Hallo Wabun,

voller Spannung habe ich Deine Autopilgergeschichte gelesen. So etwas würde mich auch reizen, aber aus gesundheitlichen Gründen werde ich so etwas nie mehr machen können. Umso mehr reizt es, über solche Erfahrungen zu lesen. Deine Geschichte war sehr lehrreich.

Liebe Abendgrüße

Ann
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Juska
BeitragVerfasst am: 29.10.2009, 10:56  Neue Antwort erstellen
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Gartenmeister(in)
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
Beiträge: 3257

Hallo Wabun Wind,
gerne habe ich über deinen Auto-Pilgerweg gelesen und deinen Mut bewundert, in die Klöster einzukehren. Klöster sind ja eigentlich Orte der Ruhe. Sie sind kaum auf Besucher eingestellt
und sicher warst du dort eine der Ersten. Es liegt auch wohl daran, welchem Orden sie angehören. In manchen Orden herrscht Silentium. Doch viele Klöster sind in den letzen Jahren auch zum Altenheim oder Behindertenheim umfunktioniert worden.
Jedenfalls habe ich es sehr gerne gelesen und ich freue mich schon auf deine nächste Geschichte.

Liebe Grüße Juska
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Wabun Wind
BeitragVerfasst am: 01.11.2009, 19:50  Neue Antwort erstellen
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Gärtner(in)
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Anmeldungsdatum: 16.10.2009
Beiträge: 115

Vielen Dank, Ann und Juska. Ich liebe es, Erfahrungen des Lebens zu sammeln.

Es gibt Dinge, die "viel" oder mutig erscheinen, aber manchmal ist es nur ein ganz kleiner Schritt, sie auch auszuführen. Wie es so schön heißt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Danke ihr beiden, Grüße
Wabun
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rita
BeitragVerfasst am: 05.11.2009, 17:31  Neue Antwort erstellen
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Gartenmeister(in)
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Anmeldungsdatum: 14.10.2007
Beiträge: 3158

Also ich finde die Geschichte schön u. amüsant bezüglich
der Spende .
Danke für die ausführliche Beschreibung , da ich mir auch gerne Kirchen ansehe, wegen der reichhaltigen handwerklichen Kunstschätze und
und Ausstrahlung, auch der oft kostbaren schön klingenden Orgeln .
Da kann ich noch den Friedhof von Berchtesgaden nennen , der mit lauter schmiedeeisernen Kreuzen bestückt ist .Die schon sehr alt sind , aber auch neue sehen wunderschön aus .Rita
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