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  Gedichte  -  Gottfried Keller 1819-1890 schweiz. Dichter Politiker
Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:26  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Gottfried Keller 1819-1890 schweiz. Dichter Politiker
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An das Herz

Willst du nicht dich schliessen,
Herz, du offnes Haus!
Worin Freund' und Feinde
Gehen ein und aus?

Schau, wie sie verletzen
Dir das Hausrecht stets!
Fühllos auf und nieder,
Polternd, lärmend geht's.

Keiner putzt die Schuhe,
Keiner sieht sich um,
Staubig brechen alle
Dir ins Heiligtum;

Trinken aus den goldnen
Kelchen des Altars,
Schänden *üh' und Segen
Dir des ganzen Jahrs;

Werfen die Penaten
Wild vom Herde dir,
Pflanzen drauf mit Prahlen
Ihr entfärbt Panier.

Und wenn zu verwüsten
Nichts sie finden mehr,
Lassen sie im Scheiden
Dich, mein Herz, so leer!

Nein! Und wenn nun alles
Still und tot in dir,
O, noch halt dich offen,
Offen für und für!

Lass die Sonne scheinen
Heiss in dich herein,
Stürme dich durchfahren
Und den Wetterschein!

Wenn durch deine Kammern
So die Windsbraut zieht
Lass dein Glöcklein stürmen,
Schallen Lied um Lied!

Denn noch kann's geschehen,
Dass auf irrer Flucht
Eine treue Seele
Bei dir Obdach sucht!
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:28  Neue Antwort erstellen
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Aroleid

Im Wallis liegt ein stiller Ort,
Geheissen Aroleid;
Es seufzt ein Gram im Namen fort
Seit lang entschwundner Zeit.

Ein Berghirt hing in Todsgefahr
Am steilen Firnenrand,
Ihn stiess hinunter dort der Aar,
Wo keiner mehr ihn fand.

Auf grüner Matte sass sein Weib;
Das Kind ins Gras gelegt,
Sass sie und schaut' mit starrem Leib
Hinüber, unbewegt,

Hinüber, wo im Dämmerblau
Der Berg zur Tiefe schwand
Und mit des Gipfels Silberau
So still am Himmel stand.

Voll bittrer Sehnsucht sprang sie auf
Und ging im Mattengrün
Mit schwankem Schritt und irrem Lauf
Und heissem Augenglühn.

Da schreit ein Kind, ein Flügel saust
Wohl über ihrem Haupt -
Mit ihrem Kind zur Höhe braust
Der Aar, der es geraubt!

Noch sieht das Wickelband sie wehn
In der kristallnen Luft,
Dann sieht sie's wie ein Pünktlein stehn
Im ferneblauen Duft,

Dann nichts mehr, nie, solang sie lebt! -
Sie nahm kein Trauerkleid;
Doch von dem Leid, das dort noch webt,
Der Ort heisst Aroleid.
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:28  Neue Antwort erstellen
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Die Aufgeregten

Welche tief bewegten Lebensläufchen,
Welche Leidenschaft, welch wilder Schmerz!
Eine Bachwelle und ein Sandhäufchen
Brachen gegenseitig sich das Herz!

Eine Biene summte hohl und stiess
Ihren Stachel in ein Rosendüftchen,
Und ein holder Schmetterling zerriss
Den azurnen Frack im Sturm der Mailüftchen!

In ein Tröpflein Tau am Butterblümchen
Stürzt' sich eine kleine Käferfrau,
Und die Blume schloss ihr Heiligtümchen
Sterbend über dem verspritzten Tau!


Zuletzt bearbeitet von Ann am 19.10.2007, 16:35, insgesamt einmal bearbeitet
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:29  Neue Antwort erstellen
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Die Begegnung

Schon war die letzte Schwalbe fort
Und wohl seit manchen Tagen auch
Die letzte Rose abgedorrt,
Nach altem Erdenbrauch.

Es flimmerte der Buchenhain
Wie Rauschgold rot im Abendlicht;
Herbstsonne gibt gar sondern Schein,
Der in die Herzen sticht.

Ich traf sie da im Walde an,
Nach der allein mein Herz begehrt,
Mit Tuch und Hut weiss umgetan,
Von güldnem Schein verklärt.

Sie war allein; doch grüsst' ich sie
Verschüchtert kaum im Weitergehn,
Weil ich so feierlich sie nie,
So still und schön, gesehn.

Es blickt' aus ihrem Angesicht
Ein vornehm Etwas neu hervor,
Und ihrer Augen Veilchenlicht
Glomm hinter einem Flor.

Ein fremder Hirt, ein blasser, ging
Im Schatten dieser Huldgestalt;
Im Gurt ein silbern Sichlein hing,
Das klang: ich schneide bald!

Es scheint mir ein Rival erwacht!
Sprach ich und schaut' ins Abendrot,
Bis es erlosch und bis die Nacht
Die dunkle Hand mir bot.
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:31  Neue Antwort erstellen
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Bergfrühling

Der Lenz ist da, die Lauine fällt,
Sie rollt mit Tosen und Sausen ins Tal;
Ich hab' mein Hüttlein daneben gestellt
Auf grünende Matten am sonnigen Strahl,

Und ob auch die Laue mein Hüttchen trifft
Und nieder es führt im donnernden Lauf -
Sobald wieder trocken die Alpentrift,
Bau' ich mir singend ein neues auf.

Doch wenn in meines Landes Bann
Der Knechtschaft verheerende Löwin fällt,
Dann zünd' ich selber die Heimstatt an
Und ziehe hinaus in die weite Welt!

Hinaus in die Welt, in das finstere Reich,
Zu dienen im Dunkel dem fremden Mann,
Ein armer Gesell, der die Sterne bleich
Der Heimat nimmer vergessen kann!
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:31  Neue Antwort erstellen
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Ein Berittener

Ein Häuptling ritt geehrt im Land,
Gleich einem der Propheten;
Als er im Feld sich einsam fand,
Hub er den Arm zu beten:

"Mich traf das Übel Schlag auf Schlag,
Es war ein wildes Toben;
Als schuldig ich im Staube lag,
Hab' ich mich selbst erhoben!

Es wusste keiner, dass ich lag,
Als du, o Herr, dort oben!
Und für dein Schweigen diesen Tag
Will ich dich Stillen loben!"

Da hallt' es durch den Äther rein:
"Dein Lob, nicht kann's mir taugen;
Wenn du dich schämst ein Mensch zu sein,
So reit mir aus den Augen!"
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:33  Neue Antwort erstellen
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Der alte Bettler

Nun legst du, alte wettermüde Föhre,
Den allerletzten Jahresring dir an,
Da ich im Walde schon rumoren höre
Mit seiner Axt den grauen Zimmermann.

Er wird so wenig deinen Kopf begnaden,
Als jemand über dein Verschwinden klagt;
Dem armen Schelm und einem alten Schaden
Nur wird des Alters Ehrenzoll versagt!

Sei's immerhin! ich liebe drum nicht minder
Dies alte Land, mein gutes Vaterland,
Und segne seine lebensfrohen Kinder
Mit der verworfnen toten Bettlerhand!
Ich segne euch, o Strom, Gebirg und Auen,
Die ihr im Lichte heiter vor mir schwimmt!
Ein Reichtum ist dies selig klare Schauen,
Den meinem Aug' nicht Vogt noch Richter nimmt!

Als meine Brüder einst vor vierzig Jahren
Das schiefe, morsche Vaterhaus verkauft,
Um nach der fernen neuen Welt zu fahren,
Wo man sich mit der alten Erde rauft,
Da bin ich ganz allein zurückgeblieben,
Bald war ich um mein kleines Erb' geprellt;
Weiss nicht, wie weit sie drüben es getrieben:
Ich wurd' ein Hauptmann in der Bettler Welt!

Denn weder Not noch *ühsal konnten scheiden
Mich von den Marken meines Vaterlands;
Wer will mich zwingen, seinen Schoss zu meiden,
Zu missen seiner Ströme blauen Glanz?
Hier will ich wandeln, wo ich bin geboren,
Und sei's auch in zerrissnen Bettlerschuhn!
Ging drob die Bürgerehre mir verloren,
Ich will und muss bei meinen Vätern ruhn!

Dich sollt' ich fliehen, trautes Netz der Wege,
Daran auch ich mit fleiss'gen Füssen spann,
Und dich, Gebirg, wo ich des Abgrunds Stege
Fast mit verbundnem Aug' beschreiten kann?
Wo ich den Fuchs und seinen Vater kenne
Und jeden Stamm im dunklen Forst gezählt
Und jede Trift bei ihrem Namen nenne -
Den Boden, wo mir nie ein Tritt gefehlt?

O gute Scholle meiner Heimaterde,
Wie kriech' ich gern in deinen warmen Schoss!
Mir ahnet schon, wie sanft ich ruhen werde,
Vom Kaun des Brots und allem Irrsal los!
Wie will ich meine *üden Beine strecken,
Wegwerfend meines Elends dürren Stab,
Wie langhin mich von West nach Osten recken,
Als läg' ich stolz in eines Königs Grab!

Doch spinnt sich weiter meiner Seele Leben,
So *öge sie im leichten Nebelkleid,
So leicht wie Luft, dies laute Volk umschweben,
Noch immer treu in Freude, Zorn und Leid!
*öcht' meine Seligkeit darin bestehen,
Einst seines letzten Bettlers Geist zu sein,
Zufrieden, still und *üssig umzugehen
In seines Glückes hellem Sonnenschein!
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:36  Neue Antwort erstellen
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Am Brunnen

Wie strahlet ihr im Morgenschein,
Du rosig Kind, der Blütenbaum
Und dieser Brunnen, frisch und rein -
Ein schönres Kleeblatt gibt es kaum.

Wie dreifach lieblich hat Natur
In euch sich lächelnd offenbart!
Aus deinem Aug' grüsst ihre Spur
Des Wandrers stille Morgenfahrt.

Es ist, als kä*' aus deinem Mund
Das Lied, das dort die Quelle singt,
Es ist, als tät' der Brunnen kund,
Was tief in deiner Seele klingt!

Und wie der weisse Apfelbaum
Mit seinen Zweigen euch umweht,
Dies Bild, zart wie ein Morgentraum,
Ist ein geschautes Frühgebet!

Reich' einen Trunk, du klare Maid,
Vom Quell, der deine Kindheit sah!
Sein Rauschen sei dir allezeit,
Die Klarheit deinem Herzen nah!

Ich wünsche Segen deiner Hand
Zur Arbeit, wie zum Liebesbund,
Dem bravsten Burschen hie zu Land
Das keusche Ja von deinem Mund!
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:37  Neue Antwort erstellen
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Dankbares Leben

Wie schön, wie schön ist dieses kurze Leben,
Wenn es eröffnet alle seine Quellen!
Die Tage gleichen klaren Silberwellen,
Die sich mit Macht zu überholen streben.

Was gestern freudig mocht' das Herz erheben,
Wir *üssen's lächelnd heute rückwärts stellen;
Wenn die Erfahrungen des Geistes schwellen,
Erlebnisse gleich Blumen sie durchweben.

So mag man breiter stets den Strom erschauen,
Auch tiefer *ählich sehn den Grund wir winken
Und lernen täglich mehr der Flut vertrauen.

Nun zierliche Geschirre, sie zu trinken,
Leiht, Götter! uns, und Marmor, um zu bauen
Den festen Damm zur Rechten und zur Linken!
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:37  Neue Antwort erstellen
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David

Der Ölbaum wuchs in dichten Hainen,
An klaren Bächen wucherte die Rose,
Allwo die Wiege stand des Kleinen,
Gleich einem Taubennest im grünen Moose.
Er spielte noch im bunten Knabenkleide
Und füllte dienend seiner Brüder Krug,
Als er zu seines Stammes Freude
Schon meisterlich die Harfe schlug.

Mit Wein und Brot kam er gegangen,
Sein Auge strahlt' in kindlichem Vergnügen;
Er fand sein Volk mit Spiess und Stangen,
Doch zag und ratlos vor dem Feinde liegen.
Der grosse Hans Narr warf dort Bein und Arme
Mit tollem Prahlen in die Luft empor,
Dass rasch dem Heldenkind das warme
Zornrosenblut im Herzen gor.

Des Königs Waffenlast verschmähend,
Trat er hervor, mit Gott allein im Bunde,
Und einen weissen Stein erspähend
Aus eines Bächleins hellem Silbergrunde,
Tat er den Wurf, des Riesen Stirne klaffte,
Es war aus blauer Luft des Blitzes Schlag!
Wie lacht' er schön, als der Erschlaffte
Hauptlos zu seinen Füssen lag!

Der Dank, den David hat empfangen,
Steht in den alten Schwarten aufgeschrieben:
Nach seinem Tod ein schwarz Verlangen,
In Not und Irrsal wurd' er umgetrieben.
Das Angesicht zum Herren aufgewendet,
Sang er des Grames Lied ohn' Unterlass;
Doch hat das Spiel noch gut geendet,
Als auf dem Thron der Feldhirt sass.
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:39  Neue Antwort erstellen
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Die Zeit geht nicht

Die Zeit geht nicht, sie stehet still,
Wir ziehen durch sie hin;
Sie ist ein Karavanserai,
Wir sind die Pilger drin.

Ein Etwas, form- und farbenlos,
Das nur Gestalt gewinnt,
Wo ihr drin auf und nieder taucht,
Bis wieder ihr zerrinnt.

Es blitzt ein Tropfen Morgentau
Im Strahl des Sonnenlichts;
Ein Tag kann eine Perle sein
Und ein Jahrhundert nichts.

Es ist ein weißes Pergament
Die Zeit und jeder schreibt
Mit seinem roten Blut darauf,
Bis ihn der Strom vertreibt.

An dich, du wunderbare Welt,
Du Schönheit ohne End,
Auch ich schreib meinen Liebesbrief
Auf dieses Pergament.

Froh bin ich, dass ich aufgeblüht
In deinem runden Kranz;
Zum Dank trüb ich die Quelle nicht
Und lobe deinen Glanz.
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:40  Neue Antwort erstellen
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In Duft und Reif

Im Herbst verblichen liegt das Land,
Und durch die grauen Nebel bricht
Ein blasser Strahl vom Waldesrand,
Den Mond doch selber sieht man nicht.

Doch schau! Der Reif wird Blütenstaub,
Ein Lorbeerhain der Tannenwald,
Das falbe, halb erstorbne Laub
Wie bunte Blumenwegen wallt!

Ist es ein Traumbild, das mir lacht?
Ist's Frühlingstraum vom neuen Jahr?
Die Freiheit wandelt durch die Nacht
Mit wallend aufgelöstem Haar!

Und wandelnd späht sie rings und lauscht,
Die bleiche, hohe Königin,
Und ihre Purpurschleppe rauscht
Leis über dunkle Gräber hin.

Sie hat gar eine reiche Saat
Verborgen in der Erde Schoss;
Sie forscht, ob die und jene Tat
Nicht schon in grüne Halme spross.

Sie drückt ein Schwert an ihre Brust,
Das blinkt im weissen Dämmerlicht;
Sie bricht in wehmutvoller Lust
Manch blutiges Vergissmeinnicht.

Es ist auf Erden keine Stadt,
Es ist kein Dorf, des stille Hut
Nicht einen alten Kirchhof hat,
Darin ein FreiheitsMärt'rer ruht.
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:42  Neue Antwort erstellen
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Ehescheidung (Amerikanisch)

Zum Pfäffel kam ein Pärchen und schrie:
"Geschwind und lasst uns frein!
Wir können keinen einzigen Tag
Mehr ohne einander sein!"

Und aber ein Jährlein kaum verstrich,
Sie liefen herbei und schrien:
"Herr Pfarrer, trennt und scheidet uns,
lasst keine Stunde fliehn!"

Das Pfäfflein runzelte sich und sprach:
"Macht euch die Scham nicht rot?
Wir haben es alle drei gelobt,
Euch trenne nur der Tod!"

"Rot macht die Scham, doch Reue blass!
Herr Pfarrer, gebt uns frei!"
Der Mann bot einen Dollar dar,
Die Frau der Dollars zwei.

Da tat das Pfäffel zwischen sie
Ein Kätzlein, heil und ganz;
Der Mann der hielt es bei dem Kopf,
Die Frau hielt es am Schwanz.

Mit seinem Küchenmesser schnitt
Der Pfarr' die Katz' entzwei:
"Es trennt, es trennt, es trennt der Tod!"
Da waren sie wieder frei.
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:43  Neue Antwort erstellen
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Die Entschwundene

Es war ein heitres goldnes Jahr,
Nun rauscht das Laub im Sande,
Und als es noch im Knospen war,
Da ging sie noch im Lande.

Besehen hat sie Berg und Tal
Und unsrer Ströme Wallen;
Es hat im jungen Sonnenstrahl
Ihr alles wohlgefallen.

Ich weiss in meinem Vaterland
Noch manchen Berg, o Liebe,
Noch manches Tal, das Hand in Hand
Uns zu durchwandern bliebe.

Noch manches schöne Tal kenn' ich
Voll dunkelgrüner Eichen;
O fernes Herz, besinne dich
Und gib ein leises Zeichen!

Da eilte sie voll Freundlichkeit,
Die Heimat zu erlangen -
Doch irrend ist sie allzu weit
Und aus der Welt gegangen.
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:44  Neue Antwort erstellen
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Erkenntnis

Willst du, o Herz! ein gutes Ziel erreichen,
Musst du in eigner Angel schwebend ruhn;
Ein Tor versucht zu gehn in fremden Schuhn,
Nur mit sich selbst kann sich der Mann vergleichen!

Ein Tor, der aus des Nachbars Kinderstreichen
Sich Trost nimmt für das eigne schwache Tun,
Der immer um sich späht und lauscht und nun
Sich seinen Wert bestimmt nach falschen Zeichen!

Tu frei und offen, was du nicht willst lassen,
Doch wandle streng auf selbstbeschränkten Wegen
Und lerne früh nur deine Fehler hassen!

Und ruhig geh den anderen entgegen;
Kannst du dein Ich nun fest zusammenfassen,
Wird deine Kraft die fremde Kraft erregen.
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