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  Gedichte  -  Gottfried Keller 1819-1890 schweiz. Dichter Politiker
Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:45  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Gottfried Keller 1819-1890 schweiz. Dichter Politiker
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Erster Schnee

Wie nun alles stirbt und endet
Und das letzte Lindenblatt
*üd sich an die Erde wendet
In die warme Ruhestatt,
So auch unser Tun und Lassen,
Was uns zügellos erregt,
Unser Lieben, unser Hassen
Sei zum welken Laub gelegt.

Reiner weisser Schnee, o schneie,
Decke beide Gräber zu,
Dass die Seele uns gedeihe
Still und kühl in Wintersruh!
Bald kommt jene Frühlingswende,
Die allein die Liebe weckt,
Wo der Hass umsonst die Hände
Dräuend aus dem Grabe streckt.
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:46  Neue Antwort erstellen
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Frühling des Armen

Der Lenzwind tanzt auf Berg und Heide,
Jung Ivo taumelt wie im Traum,
Und zierlich schürzt die Birk' den Saum
An ihrem grünen Seidenkleide.
Sein Bündelchen im tollen Reigen
Wirft er empor zum lust'gen Ritt:
"O Birke! wieg auf deinen Zweigen
Mein armes Ränzel freundlich mit!

Was macht der Heide Glanz so traurig
Mein arm unwissend Bubenherz?
Was bettelt es und was begehrt's,
Das mich durchwallt so süss und schaurig?
Tief *öcht' ich in den Himmel greifen,
Und meine Lippen zucken leis -
O könnt' ich singen oder pfeifen,
Was mir im Blute gärt so heiss!

Am Bach sah ich mein *ädchen stehen,
O traute Birk'! im Morgenstrahl,
Dann aber froh aus unserm Tal
Mit Wanderschritten eilend gehen.
Sie ist dies Jahr so schön geworden,
Ich sah's mit jähem Schrecken ein!
Was aber soll im Bettelorden
Der reinen Schönheit Prunk und Schein!

Was schiert mich all dies stolze Blühen?
Beschränke dich, du eitle Brust;
Umsonst! mich will die fremde Lust
Weit in die dunkle Ferne ziehen!
Du liebe Schwester Birke senke
Mein Säcklein wieder frei herab
Und einen deiner Äste schenke
Mir noch zum grünen Bettelstab!

Ich wandre, bis das Land ich finde,
Das bessre, wo der ärmste Mann
Ein Quentlein Hoffnung kaufen kann
Für einen Deut von Birkenrinde.
Dann wird mein Stecken bald zu Golde,
Das schönste Schloss erstürm' ich frisch,
Drin sitzt als Glück mein Kind, das holde,
Und winkt mir lächelnd an den Tisch!"
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:47  Neue Antwort erstellen
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Gasel

Herbstnächtliche Wolken, sie wanken und ziehn
Gleich fieberisch träumenden Kranken dahin;
Auf Bergwald und Seele die Düsternis ruht,
Ob kalt sie auch Wind und Gedanken durchfliehn.
Klar strahlend jedoch tritt hervor nun der Mond,
Und weithin die Nebel entschwanken um ihn;
Geh auf auch im Herzen mir, lieblicher Stern,
Dem immer die Schatten noch sanken dahin!
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:49  Neue Antwort erstellen
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Frühlingsglaube

Es wandert eine schöne Sage
Wie Veilchenduft auf Erden um,
Wie sehnend eine Liebesklage
Geht sie bei Tag und Nacht herum.

Das ist das Lied vom Völkerfrieden
Und von der Menschheit letztem Glück,
Von goldner Zeit, die einst hienieden,
Der Traum als Wahrheit, kehrt zurück.

Wo einig alle Völker beten
Zum einen König, Gott und Hirt:
Von jenem Tag, wo den Propheten
Ihr leuchtend Recht gesprochen wird.

Dann wird's nur eine Schmach noch geben,
Nur eine Sünde in der Welt:
Des EigenNeides Widerstreben,
Der es für Traum und Wahnsinn hält.

Wer jene Hoffnung gab verloren
Und böslich sie verloren gab,
Der wäre besser ungeboren:
Denn lebend wohnt er schon im Grab.
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:50  Neue Antwort erstellen
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Gruss der Sonne

Aus den braunen Schollen
Springt die Saat empor,
Grüne Knospen rollen
Tausendfach hervor.

Und es ruft die Sonne:
Fort den blassen Schein!
Wieder will ich Wonne,
Glut und Leben sein!

Wieder wohlig zittern
Auf dem blauen Meer,
Oder zu Gewittern
Führen das Wolkenheer!

In den Frühlingsregen
Sieben Farben streun
Und auf Weg und Stegen
Meinen goldnen Schein!

Ruhn am Felsenhange,
Wo der Adler minnt,
Auf der Menschenwange,
Wo die Träne rinnt!

Dringen in der Herzen
Kalte Finsternis,
Blenden alle Schmerzen
Aus dem tiefsten Riss!

Bringt - ich bin die Sonnen -
An das Kerkertor,
Was ihr habt gesponnen
Winterlang, hervor!

Alle finstern Hütten
Sollen Mann und Maus
Auf die Aue schütten,
An mein Licht heraus!

Mit all euren Schätzen
Lagert euch herum,
Wendet eure Fetzen
Vor mir um und um!

Dass durch jeden Schaden
Leuchten ich und dann
Mit dem goldnen Faden
Ihn verweben kann!
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:51  Neue Antwort erstellen
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Die Hehler

Ihr nennt uns Träumer, Schächer, blinde Toren,
Wenn redlich wir die *öglichkeit erstreben!
Ja, eure Namen habt ihr uns gegeben;
So merket auf mit hochgehobnen Ohren!

Wir haben uns bescheidentlich erkoren,
Zu lichten dieses dornenvolle Leben;
Ihr lasst verschmachtend uns gen Himmel schweben,
Wo ihr schon lang das Bürgerrecht verloren!

Und wenn die Sterne uns geheim erzählen
Von neuem Leben und Unsterblichkeit,
Was geht das euch denn an zu dieser Zeit?

Braucht ihr darum gestohlnes Öl zu hehlen,
Das unsrer Tage Dämmerung erhellt,
Indes den Fuss ihr setzt auf diese Welt?
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:52  Neue Antwort erstellen
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Herbstnacht

Als ich, ein Kind, am Strome ging,
Wie ich da fest am Glauben hing,
Wenn ich den Wellen Blumen gab,
So zögen sie zum Meer hinab.

Nun hält die schwarz verhüllte Nacht
Erschauernd auf den Wäldern Wacht,
Weil bald der Winter, kalt und still,
Doch tödlich mit ihr ringen will.

Schon rauscht und wogt das weite Land
Geschüttelt von des Sturmes Hand,
Es braust von Wald zu Wald hinauf
Entlang des Flusses wildem Lauf.

Da schwimmt es auf den Wassern her,
Wie ein ertrunknes Völkerheer
Schwimmt Leich' an Leiche, Blatt an Blatt,
Was schon der Streit verschlungen hat.

Das ist das tote Sommergrün,
Das zieht zum fernen Weltmeer hin
Ade, ade, du zarte Schar,
Die meines Herzens Freude war!

Sing's in die Niedrung, dunkle Flut:
Hier oben glimmt ein heisses Blut,
Wie Heidefeuer einsam glüht,
An dem die Welt vorüber zieht
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:53  Neue Antwort erstellen
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Herwegh

Schäum' brausend auf! Wir haben lang gedürstet,
Du Goldpokal, nach einem jungen Wein,
Da traf in dir ein guter Jahrgang ein,
Wir haben was getrunken, was gebürstet!

Noch immer ragt Zwing-Uri hoch gefirstet,
Noch ist die Zeit ein stummer Totenschrein,
Der Schläfer harrt auf seinen Osterschein -
Zum Wecker bist vor vielen du gefürstet!

Doch wenn nach Sturm der Friedensbogen lacht,
Wenn der Dämonen finstre Schar bezwungen,
Zurückgescheucht in ihres Ursprungs Nacht:

Dann soll dein Lied, das uns nur Sturm gesungen,
Erst voll erblühn in reicher Frühlingspracht:
Nur durch den Winter wird der Lenz errungen!
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:54  Neue Antwort erstellen
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Geübtes Herz

Weise nicht von dir mein schlichtes Herz,
Weil es schon so viel geliebet!
Einer Geige gleicht es, die geübet
Lang ein Meister unter Lust und Schmerz.

Und je länger er darauf gespielt,
Stieg ihr Wert zum höchsten Preise;
Denn sie tönt mit sichrer Kraft die Weise,
Die ein Kundiger ihren Saiten stiehlt.

Also spielte manche Meisterin
In mein Herz die rechte Seele,
Nun ist's wert, dass man es dir empfehle,
Lasse nicht den köstlichen Gewinn!
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:56  Neue Antwort erstellen
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Ich fürcht' nit Gespenster


Ich fürcht nit Gespenster,
Keine Hexen und Feen,
Und lieb's, in ihre tiefen
Glühaugen zu sehn.

Am Wald in dem grünen
Unheimlichen See,
Da wohnet ein Nachtweib,
Das ist weiß wie der Schnee.

Es haßt meiner Schönheit
Unschuldige Zier;
Wenn ich spät noch vorbeigeh,
So zankt es mit mir.

Jüngst, als ich im Mondschein
Am Waldwasser stand,
Fuhr sie auf ohne Schleier,
Ohne alles Gewand.

Es schwammen ihre Glieder
In der taghellen Nacht;
Der Himmel war trunken
Von der höllischen Pracht.

Aber ich hab entblößet
Meine lebendige Brust;
Da hat sie mit Schande
Versinken gemußt!
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.10.2007, 16:56  Neue Antwort erstellen
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Im Meer

Der Himmel hängt wie Blei so schwer
Dicht auf dem wildempörten Meer;
Ein englisch Segel, fast die Quer,
Schiesst wie ein Pfeil darüber her.

Ein Messer, so das Meer sich schliff,
Da starrt ein scharfes Felsenriff
Und schlitzt das Engelländerschiff;
Das Meer tut einen guten Griff.

Viel tausend Bibeln sind die Fracht,
Die sinken in die Wassernacht;
Schon hat in blanker Schuppentracht
Das Seevolk sich herbeigemacht.

Da wimmelt es von Lurch und Fisch,
Sie sitzen am Korallentisch,
Her schiesst der Leviathan risch:
Was ist das für ein Flederwisch ?

Die Seeschlang' als die Königin
Kommt auch und blättert her und hin,
Sie putzt die Brill' und liest darin
Verkehrt und findet keinen Sinn.

Sie ziehn den Steuermann empor
Und halten ihm die Bibel vor;
Doch der zu schweigen sich verschwor,
Das Meer durchbraust sein taubes Ohr.
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rita
BeitragVerfasst am: 12.01.2008, 12:15  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 14.10.2007
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Gottfried - Keller ,
geb . 19. 07 . 1819 ,
zu Glattfelden, bei Zürich ,
wollte ursprüngl.Landschaftsmaler werden ,
ging nach *ünchen und widmete sich der Poesie ,
studierte in Heidelberg und Berlin ,
seit 1861 erster Staatsschreiber in Zürich ,
1876 trat er in den Ruhestand ,
starb am 16. 07 . 1890
in Hottingen , bei Zürich


Zuletzt bearbeitet von rita am 23.02.2009, 20:32, insgesamt einmal bearbeitet
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rita
BeitragVerfasst am: 12.01.2008, 12:56  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 14.10.2007
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Stille der Nacht

Willkommen , klare Sommernacht ,
die auf tautrunknen Fluren liegt !
Gegrüßt mir , goldne Sternenpracht,
die spielend sich im Weltraum wiegt!

Das Urgebirge um mich her
ist schweigend , wie mein Nachrgebet ;
weit hinter ihm hör ich das Meer ,
im Geist , und wie die Brandung geht

Ich höre einen Flötenton ,
den mir die Luft von Westen bringt ,
indes herauf im Osten schon
des Tages leise Ahnung dringt .

Ich sinne ,wo in weiter Welt
jetzt sterben mag ein Menschenkind -
und ob vielleichtden den Einzug hält
das viel ersehnte Heldenkind .

Doch wie im dunklen Erdental
ein unergründlich Schweigen ruht ,
ich fühle mich so leicht zumal
und wie die Welt so still und gut .

Der letzte leise Schmerz und Spott
verschwindet aus des Herzens Grund ;
es ist , als tät dr alte Gott
mir endlich seinen Namen kund .


Zuletzt bearbeitet von rita am 12.01.2008, 13:55, insgesamt 2-mal bearbeitet
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rita
BeitragVerfasst am: 12.01.2008, 13:17  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 14.10.2007
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Waldlied

Arm in Arm und Kron an Kron steht der Eichenwald verschlungen ,
heut hat er bei guter Laune mir sein altes Lied gesungen .

Fern am Rand fing eine junge Eiche an sich sacht zu wiegen ,
und dann ging es immer weiter an ein Sausen , an ein Biegen ;

Kam es her in *ächt'gem Zuge , schwoll es an zu breiten Wogen ,
hoch sich durch die Wipfel wälzend , kam die Sturmesflut gezogen .

und nun sang und pfiff es graulich in den Kronen , in den Lüften ,
und dazwischen knarrt' und dröhnt' es unten in den Wurzelgrüften .

Manchmal schwang die höchste Eiche gellend ihren Schafft alleine :
Donnernder erscholl nur immer drauf der Chor vom ganzen Haine .

Einer wilden Meeresbrandung hat das schöne Spiel geglichen ,
alles Laub war , weißlich schimmernd , starr nach Süden hingestrichen .

Also steicht die alte Geige Pan der Alte , laut und leise ,
unterrichtend seine Wälder in der alten Weltenweise .

In den sieben Tönen schweift er , unerschöpflch , auf und nieder ,
in den sieben alten Tönen, die umfassen alle Lieder .

Und es lauschen still die jungen Dichter und die jungen Finken ,
kauernd in den dunklen Büschen sie die Melodien trinken .
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rita
BeitragVerfasst am: 12.01.2008, 15:25  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 14.10.2007
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Der Taugenichts

Die ersten Veilchen waren schon
erwacht im stillen Tal ;
ein Bettelpack stellt' seinen Thron
ins Feld zum erstenmal .
Der Alteauf dem Rücken lag ,
das Weib , das wusch am See ;
bestaubt und unrein schmolz im Hag
das letzte Häuflein Schnee .

Der Vollmond warf den Silberschein
dem Bettler in die Hand ,
bestreut ' der Frau mit Edelstein
die Lumpen , die sie wand ;
ein linder West blies in die Glut
von einem Dorngeflecht ,
drauf kocht ' in Bettelmannes Hut
ein sündengrauer Hecht .

Da kam der kleine Betteljung ,
vor Hunger schwach und matt ,
doch glühend in Begeisterung
vom streifen duech die Stadt ,
hielt eine Hyazinthe dar
in dunkelblauer Luft ;
dicht drängte sich der Kelchlein Schar ,
und selig war der Duft .

Der Vater rief : Wohl hast du mir
viel Pfennige gebracht ?
Der Knabe rief sehet hier
der Blume Zauberpracht !
Ich schlich zum goldnen Gittertor ,
so oft ich ging , zurück ,
bedacht nur , aus dem Wunderflor
zu stehlen mir dies Glück !

O sehet nur , ich werde toll ,
die Glöcklein alle an !
Ihr Duft , so fremd und wundervoll ,
hat mir es angetan !
O schlaget nicht mich armen Wicht ,
laßt euren Stecken ruhn !
Ich will ja nichts ,mich hungert nicht ,
ich will's nicht wieder tun !

O wehe mir geschlagnem Tropf !
Brach nun der Alte aus ,
mein Kind kommt mit verrücktem Kopf ,
anstatt mit Brot nach Haus !
Du Taugenichts , du Tagedieb
und deiner Eltern Schmach !
Und rüstig langt er Hieb auf Hieb
dem armen Jungen nach .

Im Zorn fraß er den Hecht noch eh
der gar gesotten war ,
Schmiß weit die Gräte in den See
und stülpt' den Filz aufs Haar .
Die Mutter schmält mit sanftem Wort
den mißgeratnen Sohn ,
der warf die Blume zitternd fort
und hinkte still davon .

Es perlte seiner Träne Fluß ,
er legte sich ins Gras
und zog aus seinem wunden Fuß
ein Stücklein scharfes Glas .
Der Gott der Taugenichtse rief
der guten Nachtigall,
daß sie dem Kinde ein Liedchen pfiff
zum Schlaf mit süßem Schall .


Rosen , Rosen bringe !
Rosenduft soll wehn .
Wenn ich trink und singe ,
will ich Rosen sehn.


Zuletzt bearbeitet von rita am 23.02.2009, 20:35, insgesamt einmal bearbeitet
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