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  Gedichte  -  Anna Ritter 1865-1921 Dichterin
Ann
BeitragVerfasst am: 25.09.2011, 20:45  Neue Antwort erstellen
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Anna Ritter 1865-1921 Dichterin
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Er rauscht und rauscht ...
Unaufhaltsam strömt er vorbei,
Der schimmernde Strom unsres Lebens,
Wir aber jauchzen ihm zu.
Wir stehen am Ufer
Törichte Kinder,
Wir schauen hinein in die tanzenden Wogen
Und werfen Blumen hinab,
Blumen und Kränze.
Die Welle erfaßt sie mit gierigen Händen,
Sie trägt sie davon in wirbelndem Spiel.
Weit ... weit ...
Dann schrecken wir auf,
Sehn unsre leeren, zitternden Hände,
Rufen den Blumen
Und weinen.
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Ann
BeitragVerfasst am: 25.09.2011, 20:46  Neue Antwort erstellen
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Die Insel der Vergessenheit

Liegt irgendwo im weiten Meer
Ein selig, weltverloren Land,
Still ziehn die Wolken drüber her,
Und leise ebbt die Fluth am Strand.

Uralte Bäume grünen dort
Und wölben sich zum dichten Hain,
In den drang nie ein Menschenwort,
Nie eines Menschen Blick hinein.

Aus purpurrothen Kelchen steigt
Ein seltsam süßer, *üder Hauch,
Versonnen sich der Himmel neigt
Und reglos träumen Busch und Strauch.

Am Ufer schaukelt sich ein Kahn,
Die Wellen plätschern sacht am Kiel –
Wen holt er ab auf weiter Bahn,
Wen trägt er her zum sel'gen Ziel?

Ach, daß der Kahn mich holen *üßt'
Aus dieser bangen, bangen Zeit,
Daß ich den Weg zu finden wüßt'
Zur Insel der Vergessenheit.
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Ann
BeitragVerfasst am: 25.09.2011, 20:46  Neue Antwort erstellen
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Mein Traum

Liegt nun so still die weite Welt,
Die Nacht geht schwebend durch das Feld,
Der Mond lugt durch die Bäume.
Da steigts herauf aus tiefem Grund
Da flüsterts rings mit süßem Mund,
Die Träume sind's, die Träume.

Sie tragen Mohn im gold'nen Haar,
Und singend dreht sich Paar um Paar
In wundersamen Reigen –
Nur einer steht so ernst bei Seit',
In seinen Augen wohnt das Leid,
Auf seiner Stirn das Schweigen.

O Traum, der meine Nächte füllt,
Der meinen Tag mit Thränen hüllt,
Willkommen doch, willkommen!
Du bist's allein, der Treue hält,
Da alles And're mir die Welt
Genommen hat, genommen.
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Ann
BeitragVerfasst am: 25.09.2011, 20:47  Neue Antwort erstellen
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Des alten Mannes Sommertraum

Es huscht die Nacht vorbei auf leisen Sohlen,
Schwül weht ihr Athemzug zu ihm herauf,
Im Garten schließt der zitternden Violen
Lichtscheue Schaar die blassen Kelche auf.

Und in die Winde, die sein Haupt umkosen
Wie eine linde, weiche Frauenhand,
Mischt sich ein Duft von Heliotrop und Rosen,
Der süße Duft, den er so wohl gekannt.

Sie trug ihn einst, die er im Arm gehalten,
Die hingeschmiegt an seiner Brust geruht,
Er stieg empor aus des Gewandes Falten,
Aus ihres Hauptes gold'ner Lockenfluth.

Er war ihr eigen, wie der Nacht die Träume,
Und als sie längst sich seinem Arm entwand,
Zog noch der schwere Duft durch seine Räume
Ein Frühlingsgruß, da lang der Frühling schwand.

So lang ist's her! Die Jahre sind entschwunden
Er ward ein *üder, freudeloser Mann,
Dem Keiner mehr den Rausch verblühter Stunden
Von der durchfurchten Stirne lesen kann.

Doch wenn die schwülen Sommerwinde wehen,
In's Fenster zieht des Heliotrops Duft,
Dann will ihr Bildniß ihm wie einst erstehen,
Dann steigt die Jugend aus der stillen Gruft.
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Ann
BeitragVerfasst am: 25.09.2011, 20:49  Neue Antwort erstellen
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Ein Röslein unterm Schnee –
So blühst du mir, du letzte Lust,
Versteckt in Scham und Weh.

Ich pflege dein zur Nacht!
Dir hat des Tages froher Blick,
Die Sonne nie gelacht.

Mir aber bist du lieb,
Mich dünkst du schön, du hungrig Reis,
Das meine Armuth trieb!
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Ann
BeitragVerfasst am: 25.09.2011, 20:50  Neue Antwort erstellen
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Auf der Schwelle

Wie regt des Abends
verliebter Hauch
so sanft die Wellen
und Busch und Strauch,
drückt weiche Falten
in mein Gewand
und hebt mir schmeichelnd
das Gürtelband.

Ein Gruß ... ein Seufzer ...
ein heimlich Wehn –
ward nicht gesprochen,
ist nichts geschehn,
und dennoch weiß ich
zu dieser Frist,
daß meine Stunde
gekommen ist ...

Durch meine Seele ein Ahnen geht,
daß auf der Schwelle die Liebe steht.
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Ann
BeitragVerfasst am: 25.09.2011, 20:50  Neue Antwort erstellen
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Frühlingsmärchen

Ein Brünnlein im Felde, sechs Linden im Kreis,
Und die Wälder so still, und die Sonne so heiß,
Und wir beide am Brunnenstein
So mutterseelenallein.
Du botest mir lächelnd den Zauberkelch,
Und ich trank ihn leer bis zur Neige,
Meine Augen sagten dir: "Schweige!
Es ist ein liebliches Wunder in mir,
Wenn die Stunde kommt, verrath' ich es dir."
Da rauschte es leis durch die Zweige:
"Schweige."
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Ann
BeitragVerfasst am: 25.09.2011, 20:51  Neue Antwort erstellen
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Geh vorüber!

Das Sonnenlicht kommt durch's Fenster geflogen,
Küßt mich und lacht:
»Guten Morgen!«
»Ach, liebes Licht,
Rufe doch nicht,
Siehe, die Sorgen
Schlafen ja noch!
Willst du sie wecken,
Daß sie mich schrecken?
Spät erst hat sie die gütige Nacht
Singend und schmeichelnd zur Ruhe gebracht.
Da hab ich geschlafen und träumte so schön:
Von lachenden Kindern, von Sonne und Veilchen ...
Willst du nicht noch ein zögerndes Weilchen
An meiner Kammer vorübergehn?«
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BeitragVerfasst am: 25.09.2011, 20:51  Neue Antwort erstellen
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Junger Tag

Aus Schleiern des Morgens
Hebt sich der Tag.
Noch hängt an der Wimper
die blitzende Thräne,
Noch huschen die Wölkchen,
Gleich ängstlichen Träumen,
Über die strahlende Kinderstirn –
Aber jubelnd über sein Leben
Will sich die ewige Sonne schon heben,
Küßt ihm den Scheitel
In segnender Liebe,
Weckt ihm die Sehnsucht,
Die knospende auf
Und zieht seinen ersten,
Zagenden Schritten,
Ein leuchtender Herold
Der Schönheit, vorauf!
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Ann
BeitragVerfasst am: 25.09.2011, 20:52  Neue Antwort erstellen
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Entschwundene Freude

Die du lächelnd mir entschwindest
Und mit neidisch dichtem Flor
Deine weiße Stirn umwindest –
That sich dir das graue Thor
Der Vergangenheit schon auf?
Darfst du nimmer dich mir neigen,
Nimmer mir die leichte Hand,
Die mein Sorgen hold gebannt,
In geheimnisvollem Segen
Auf die heißen Augen legen,
Süße Freude?

O welch grauenhaftes Schweigen –
Keine Antwort tönt hernieder!
Sorgen, wohl – so nehmt mich wieder
Und zermartert Geist und Glieder
Eurer Beute!
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Ann
BeitragVerfasst am: 25.09.2011, 20:52  Neue Antwort erstellen
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Einsamer Abend

Im Nachtwind blähn sich leise die Gardinen,
Ein Falter wagt den Todesflug ins Licht
Und büßt den Fürwitz. Mit gelassnen Mienen

Schau ich ihm zu – es ist der Erste nicht,
Den dumpfe Sehnsucht in die Gluth getragen,
Und der im Sturz den kecken Nacken bricht!

Vom Rathhausthurm hör' ich die Uhren schlagen.
Die Töne dringen wuchtig zu mir her,
Als wollte jeder einzelne mir sagen:

"Thu deine Pflicht – du hast nichts Andres mehr.
Ich neige meine Stirn der harten Kunde –
Heut' wird die Last der Einsamkeit mir schwer!

Mein Herz begehrt in dieser dunklen Stunde
Nach einem Herzen, das ihm Heimath wär',
Nach einem Wort aus liebem Menschenmunde!
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Ann
BeitragVerfasst am: 25.09.2011, 20:53  Neue Antwort erstellen
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Sieghafte Lust

In deinem Arm, an deinem Herzen –
O sag', was hat die Erde noch?
Und brächte sie mir tausend Schmerzen
Nach diesem Tag, ich jauchzte doch!

Und gilt es, durch die Dunkelheiten
Der letzten, großen Nacht zu gehn:
Der Schimmer dieser Seligkeiten
Wird leuchtend überm Wege stehn!
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Ann
BeitragVerfasst am: 25.09.2011, 20:53  Neue Antwort erstellen
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Ich reiße dich aus meinem Herzen,
Aus meinem Leben reiß ich dich,
Denn wie ein heimlich schleichend Fieber
Zehrst du an mir und tötest mich.

In jedem Tag, in jede Stunde
Schleicht dein geliebtes Bild sich ein,
Und ob ich zitternd dir entfliehe
In Lust und Lärm – du holst mich ein.

Mein eigen Blut hat sich verschworen,
Mit dir im Bunde gegen mich –
Es braust und tobt mir in den Adern:
– Ich liebe dich… ich liebe dich. –
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Ann
BeitragVerfasst am: 25.09.2011, 20:54  Neue Antwort erstellen
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Kämpfe

Arme Seele, die sich selbst verzehrt!
Sehnsucht, die ins Leben *öchte greifen
Und dem blühenden doch angstvoll wehrt –

Arme Hand, die an dem goldnen Reifen
Heimlich dreht, weil sie das Glück begehrt,
Und doch nicht vermag, ihn abzustreifen –

Augen, die dem Lichte abgekehrt,
Ruhelos durch Nacht und Dunkel schweifen –
Jene Weisheit, die »Entsagung« lehrt,
Werdet ihr die bittre je begreifen?
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BeitragVerfasst am: 25.09.2011, 20:54  Neue Antwort erstellen
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Die *öwe

In hoher Luft die *öwe zieht
Auf einsam stolzen Wegen,
Sie wirft mit todesmuth’ger Brust
Dem Sturme sich entgegen.

Er rüttelt sie, er zerrt an ihr
In grausam wildem Spiele –
Sie weicht ihm nicht, sie ringt sich durch,
Gradaus, gradaus zum Ziele.

O laß mich wie die *öwe sein,
Wie auch der Sturm mich quäle,
Nach hohem Ziel, durch Kampf und Not:
Gradaus, gradaus, o Seele!
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