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  Kurzgeschichten  -  Die Erde der Zukunft I
Juska
BeitragVerfasst am: 22.01.2010, 11:25  Neue Antwort erstellen
Kurzgeschichten
Die Erde der Zukunft I
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
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Die Erde der Zukunft

Ich erinnere mich an den Ausspruch eines Schullehrers: „Wir, die heutigen Menschen werden in der Zukunft die Erde der Welt sein!“
Und das soll es gewesen sein? Ein Häufchen Erde, mehr nicht?

Nun fiel mir vor nicht all zu langer Zeit auf dem Trödelmarkt ein Buch auf, welches mit dem Titel einer mir bekannten Grafschaft versehen war. Es war ein altes Schätzchen von 1930, welches ich sogleich erworben habe, doch wage ich es kaum darin zu lesen oder mir Stellen zu markieren. Es könnte bis in alle Einzelteile zerfallen.
In etwas frischerer Form fand ich nun einen hiesigen Heimatkalender 1990. Darin kann ich ohne weiteres blättern und markieren und ich erfahre nähere Einzelheiten über meinen literarischen Schatz.
In ihm befindet sich sogar ein Foto der gräflichen Familie und einer von diesen Personen auf dem Geburtstag seiner Mutter muss Graf Paul gewesen sein, um den es in diesem alten Buch geht, der ohne Gegenwehr aus Kirche und Jesuitenorden nahezu entflohen ist.
Was es über den Grafen Paul zu sagen gibt, ist einer der üblichen Werdegänge eines Grafensohnes in früherer Zeit: Zitat:
In erster Linie übernehmen Hausgeistliche und –Lehrer die religiöse und schulische Unterrichtung der Kinder. Die priesterlichen Erzieher auf dem Schloss gehören seit 1850 stets dem Jesuitenorden an.
Im Alter von neun Jahren findet Paul Aufnahme in einem jesuitischen Internat in Österreich.
Die schönste Zeit seines Lebens empfindet er allerdings bei einem Onkel, dem Vetter seiner Mutter (Bischof in Mainz) bei dem sich viele Großen aus Kirche und Politik treffen. Dort reift bei ihm der Entschluss Jesuit zu werden.
Vorher aber sieht er sich auf Anraten seines Onkels noch gründlich in der Welt um, reist durch Algerien und Rom und besucht den Papst.
Die Möglichkeit zur Bildung und der Bewegungsradius eines Adeligen war in den vergangenen Zeiten weitaus größer, als der Aktionsradius eines „Normalbürgers“.
Ich weise da auf ein Buch hin von Barbara Beuys. „Familienleben in Deutschland“.
Auch daraus ein Zitat: „Und gab es nicht Grund genug zur Aufregung über diesen Matthias Claudius, der sich da im Gras wälzte? Student ohne Abschluss, ohne Beruf, ohne feste Anstellung? Wie konnte man mit ein paar Arbeiten als Schriftsteller, Journalist. Übersetzer und Poet eine Familie gründen? Noch dazu, wenn jedes Jahr ein neues Kind in die Wiege gelegt wurde? Den Kritisierten focht das nicht an. Er schrieb seine Beiträge für den „Wandsbeker Boten“ und er mischte sich ohne Hemmungen in die gelehrten religiösen und philosophischen Auseinandersetzungen seiner Zeit ein. Vor allem war er Familienvater und verzichtete deshalb bewusst auf eine geregelte Tätigkeit und wurde „Hausmann“.
Die Unterschiede und die Drei-Klassen-Gesellschaft in der Deutschen Vergangenheit kommen in diesem Buch deutlich zum Ausdruck.
Noch ein Auszug:
In diesen Jahren im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts breitete sich der Zuckerrübenanbau immer mehr aus, vor allem in Sachsen. Weil die einheimischen Arbeiter im Sommer die Ernte nicht mehr schafften, heuerten findige Werber im Osten Saisonarbeiter an, die so genannten „Sachsengänger“. Franz Rehbein, gerade dreizehn, hörte im Hof der Kneipe einen solchen Rattenfänger und sprach mit seiner Mutter darüber. Er wollte fort, etwas erleben. Sie willigte schließlich ein. „Na dann geh, es ist nun mal das Schicksal von uns armen Leuten, dass wir unsere Kinder in die Welt hinaus stoßen müssen, wenn sie nur eben die Finger rühren können.“
@juska
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Ann
BeitragVerfasst am: 22.01.2010, 11:47  Neue Antwort erstellen
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Die Erde der Zukunft I
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 34402
Wohnort: Gronau

Hallo Juska,

ich freue mich schon auf die Fortsetzung.

Liebe Grüße
Ann
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sonic.
BeitragVerfasst am: 22.01.2010, 12:29  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 10.11.2009
Beiträge: 1752

Hallo juska!

Die Zeit ändert sich immer schneller, weil man vielleicht auch
vor manchen Tatsachen flieht ,aus Feigheit oder auch aus Liebe,
weil die Strafen wohl doch grausam waren und bestimmt nicht in Gottes Sinn. Es ging um Macht. Die heutige Zeit ist eine Offenbarung der wir mit Toleranz und verzeihen gegenüber stehen müssen. Was ist die Gnade?
Sovieles kann man doch noch retten es wird, jeder seine Chance zu nutzen wissen.

Sei lieb gegrüßt


Zuletzt bearbeitet von sonic. am 25.02.2010, 22:48, insgesamt 2-mal bearbeitet
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Juska
BeitragVerfasst am: 25.02.2010, 22:12  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
Beiträge: 3257

Fortsetzung – Teil 2

Nun zurück zu Graf Paul
Der als Jesuit plötzlich und unerwartet seine Meinung änderte und dieses seiner Mutter sowie den Oberen seines Ordens durch einen Rechtsanwalt schriftlich mitteilen ließ. Zitat: „Hart getroffen wird die tiefgläubige Frau von dem unerwarteten Abfall ihres Kindes, das noch wenige Tage vorher bei ihr zu Besuch weilte, nachdem es auf einer Versammlung in Goch in kräftigen Tönen u. a. gegen die ungläubigen protestantischen Theologieprofessoren an den Universitäten gedonnert hatte“.
Ihre Antwort an Paul zeugt vom tiefen Leid einer Mutter, jedoch auch von menschlicher Größe: Zitat: „Mein geliebter Sohn! Am vorigen Sonntag ließ uns die Kirche das Evangelium verlesen, wie die heiligen Eltern ihr göttliches Kind verloren und ohne etwas zu ahnen musste ich mir so lebhaft den Schmerz unserer lieben Mutter Maria vergegenwärtigen. Seitdem habe ich erfahren, dass ich jetzt in der gleichen Lage mit ihr bin und wie sie möchte ich dich fragen: Sohn, warum hast du uns das angetan? Weshalb musstest du weggehen und dich vor uns verbergen? Und weshalb eiltest du nicht in meine Arme, die dir ja in allen Lagen des Lebens immer geöffnet sind…“
Seit 1893 beginnt er zu schreiben, zunächst als Journalist und dann als Schriftsteller. Viele seiner Artikel und Bücher erreichen eine sehr hohe Auflage. Mit allem was er zu Papier bringt soll zunächst wohl nur seine weltanschauliche Umorientierung gerechtfertigt werden.
Der evangelische Christ Marschall von Bieberstein sieht das jedoch so (Zitat): „Aber dieses verlange ich von einem anständigen Mann: dass er die Gewissenspein im stillen Kämmerlein hält, dass er nicht hausieren geht mit seinen Seelenkämpfen und dass er nicht durch Schimpfen auf seine frühere Kirche sich um die Gunst der Protestanten zu bewerben sucht.“
Die Druckerzeugnisse des Grafen steigern sich stets in der Anzahl, doch steigert sich auch sein Stil, der immer schärfer, immer fanatischer wird. Wenn Paul noch kurz nach dem Austritt aus der Gesellschaft Jesu niemals verkennen will dass deren Ziele die edelsten, erhabensten, würdig der Begeisterung des Lobes sind, so hört sich sein Urteil später jedoch schon anders an : (Zitat) „Ein erbärmlicher Tropf wäre ich, wenn ich den Jesuitenorden nicht hasste.“
Nach und nach bricht es wie ein Vulkan aus ihm heraus. Er rafft - so sehen es die Betroffenen – allen Schmutz zusammen, um ihn auf Kirche Papst und Jesuiten abzuladen. Für die Gegner des Katholizismus ist es dagegen ein Ereignis ersten Ranges. Verständlich, dass die Protestanten jener Zeit einen solchen Mann für sich vereinnahmen und ihn mit Aufträgen überhäufen.
Im August 1895 heiratet Graf Paul eine Protestantin, die Tochter eines Senatspräsidenten. Ihre beiden Kinder sterben schon in jungen Jahren. Das Erscheinen seines letzten Werkes, der Jesuiten-Enzyklopädie im Jahre 1926 erlebt Paul nicht mehr. Aber schon bald werden die Nazi-Ideologen damit beginnen seine vielschichtigen kirchenfeindlichen Studien auszuschlachten. Dabei können jene für ihren Kampf gegen die christliche Religion Munition in Hülle und Fülle finden.
Und nun wieder zurück zum Anfang: Heimische Erde, sonst nichts! Was ist mit den Zweifeln, mit der Wut und warum?!
@juska
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Juska
BeitragVerfasst am: 08.03.2010, 13:41  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
Beiträge: 3257

hallo sonic,

Diese späte Antwort zu deinem Kommentar hat mich zunächst mal die Entwicklung in der letzten Zeit verfolgen lassen. Es werden schwere Anschuldigungen erhoben wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern in der Vergangenheit und dabei kommen besonders die Katholiken nicht sehr gut weg.
Auch bei diesem Beitrag könnte es sich um dieses Thema gehandelt haben. Aber wir wissen es nicht.
Damals war es nicht üblich (schon gar nicht bei den Katholiken) offen darüber zu reden. Die Jesuiten mit denen Graf Paul in diesem Falle zu tun hatte, handelten auf seine Anschuldigungen strickt nach den Worten Jesu:

Setzt dem Bösen keine Gewalt entgegen, vergeltet Gewalt nicht mit Gewalt, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt: Halte ihm auch die linke hin!”

(Diese dicken Bücher des Eugen Drewermann und anderer Ketzer schweigen nicht.) Versuchen sie mit Gewalt ihre protestantischen Ideen durchzubringen…
@juska
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Ann
BeitragVerfasst am: 08.03.2010, 17:59  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 34402
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Hallo Juska,

Deine Fortsetzung habe ich wohl übersehen, Entschuldigung.
Deine Geschichte hat mich sehr begeistert. Du hast es gut verstanden, die Situation zu beschreiben.
Die Missbräuche von Kindern, die in den letzten Tagen bekannt wurden, beschäftigen mich auch sehr. In den letzten Jahren begegneten mir etliche Frauen, die von Familienangehörigen missbraucht wurden. Es hat mich tief erschüttert, wie diese Leben für immer zerstört worden sind. Es hat mich aber auch froh gemacht, dass sie endlich darüber reden konnten.
Es ist gut, dass die vielen Missbräuche nun einmal geklärt werden, hoffentlich auch von der Kirche.
Vielen Dank für Deinen schönen Beitrag.

Liebe Grüße
Ann
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