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Nachricht |
| Kurzgeschichten - Die beneidenswerte Agathe |
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Verfasst am:
16.02.2010, 08:24

Kurzgeschichten
Die beneidenswerte Agathe
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Als ich den Raum betrete sind alle Plätze schon belegt. Ich gehe auf die Toilette, um meine verschmutzten Hände zu waschen. Auf dem Weg war die Kette meines Fahrrads ausgehängt. Als wäre der defekte Föhn heute Morgen und die nicht gelieferte Zeitung, welche ich unbedingt für meine Pendlerreise brauche, denn ohne Bildung kann ich diese zweistündige Zugfahrt nicht überstehen, nicht schon genug gewesen. Zumal gerade heute der Artikel meines Neffen über die Islamisierung der Schweiz abgedruckt wird, welchen ich schon sehnsüchtig erwartet habe. Wochenlang hat er sich mit diesem Thema auseinandergesetzt und hartnäckig am Text gearbeitet, was auch selbstverständlich ist, da es schließlich sein Debüt in der NZZ ist. Es freut mich sehr, dass er diese Chance gepackt hat und sich endlich von diesen Gratiskäseblättern distanziert hat, welche dem Niveau seiner Schreibkünste nicht annähernd entsprechen. Eigentlich ist es schon seltsam, dass er mit 31 Jahren doch noch den Weg zum Journalismus gefunden hat. Ich habe immer an ihn geglaubt und ihm seit seiner Jugendzeit klarzumachen versucht, dass er fürs Schreiben geboren ist. Wirklich glauben wollte er mir nie. Darum begann er auch zuerst das Medizinstudium. Als er eingesehen hatte, dass die Anatomie des Menschen nicht für ihn gedacht ist, fand er endlich zu seiner Berufung.
Auch nach dreimaligem gründlichem Waschen mit Cremeseife und warmem Wasser sind noch immer schwarze Flecken auf meinen Händen erkennbar. Wenigstens nimmt man den Geruch des Fettes fast nicht mehr wahr. Mittlerweile ist ein Platz frei geworden. Ich setze mich neben eine junge blonde Frau mit frecher bunter Bluse und sehr gepflegtem Aussehen, deren Parfüm ich sofort wahrnehme. Dieser starke, für meinen Geschmack viel zu süße Duft nach Rosenholz weckt sofort Erinnerungen in mir. Oft reicht der kleinste mir vertraute Hauch eines Geruchs in meiner kläglichen Alltagsumgebung und sofort versinke ich in Gedanken an vergangene Erlebnisse. Diese schönen Erinnerungen, welche ich sehr schätze, sind für mich eine kurze Flucht aus der Gegenwart. So erinnert mich dieser aufdringliche Duft an meine Großmutter, welche mir sehr nahe stand. Sie duftete stets so rein und strahlte jederzeit eine so positive Energie aus, welche mich laufend beflügelte. Jeden Mittwochabend und Sonntagmorgen verbrachte ich bei ihr. Sie spielte, lachte und rätselte mit mir. Sie gab mir ein Gefühl von vollkommener Geborgenheit. Bei ihr vergaß ich Zeit und Raum, Sorgen und Probleme. In ihrer Nähe hatte ich ein Gefühl, welches ich sonst nirgendwo hatte. Manchmal war ich fest davon überzeugt, sie sei ein Engel, welcher mir geschickt worden ist… Kurz nach meinem dreizehnten Geburtstag starb sie. Die Ärzte haben den Krebs zu spät entdeckt. Zu jener Zeit war ein regelmäßiger Besuch beim Gynäkologen noch nicht üblich. Nie mehr in meinem ganzen Leben habe ich eine so herrliche Atmosphäre erlebt, wie ich sie bei ihr genossen habe. Oft schmerzt mich ihre Abwesenheit, und ich wünsche mir sie jeden Tag zurück.
Nach 20 Minuten Warten in diesem viel zu engen Raum für fünfzehn Stühle, kann ich diese modernen Werke eines schwedischen Künstlers, welcher anhand seiner Arbeiten die Dualität des Menschen aufzuzeigen versucht, nicht mehr ertragen. Ich werde unruhig und würde am liebsten diesen Raum verlassen.
Nach weiteren 20 Minuten Wartezeit ruft mich die Ärztin auf, deren Gesicht ich auswendig kenne. Ihre markante, ziemlich bleiche Maske, wo dieser rote starke Lippenstift hervorsticht, weckt in mir jedes Mal eine immense Abneigung. Sie teilt mir die Resultate der Untersuchungen mit: Bösartiger Gebärmutterhalskrebs. Was erst jetzt wirklich Fakt ist, habe ich schon lange geahnt und mich eigentlich auch schon damit abgefunden.
Als ich die Klinik verlasse, weht ein leiser Wind, welcher das Laub zum Tanzen bringt. Aus dem dichten Wolkenmeer sticht ein dünner Sonnenstrahl. Wir werden uns bald wiedersehen Großmutter.
© McMurphy |
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Verfasst am:
16.02.2010, 11:08

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Die beneidenswerte Agathe
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Hallo McMurphy,
eine ausdrucksstarke Geschichte, die mich sehr bewegt hat.
Hoffentlich ist es keine Realität.
Liebe Grüße
Ann |
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Verfasst am:
16.02.2010, 15:30

Kurzgeschichten
Die beneidenswerte Agathe
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Hallo McMurphy!
Wenn man so liebe Erinnerungen hat
an einen Menschen, gibt es nichts mehr
was einen Angst macht. Ob es nun so ist oder nicht,
aber es könnte so sein. Wunderschön und würdevoll
ist diese Geschichte. So sich das Leben auf Erden zu gestalten,
was ist daran so schwer.
Das würde dem Herrn oder Gott sicher gefallen.
Sei ganz lieb gegrüßt |
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Verfasst am:
24.02.2010, 00:11

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Die beneidenswerte Agathe
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| echt eine wunderschön traurige geschichte! |
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