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Nachricht |
| Kurzgeschichten - Meine Flucht ins Kinderheim |
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Verfasst am:
22.03.2010, 11:30

Kurzgeschichten
Meine Flucht ins Kinderheim
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Meine Flucht ins Kinderheim
„Schwester“ ließ sie sich von uns nennen. Ich kannte nur andere Schwestern. Sie trugen schwarze Hauben und waren stets freundlich zu uns Kindern gewesen. Doch schon lange hatte ich mit einer Nonne nichts mehr zu tun gehabt.
Zu Anfang kannte ich die Schwester, die unseren Kindergarten leitete. Ihr Urteil über mich war weniger zufrieden stellend ausgefallen, wie mir Mutter verriet. Sonderlich geschickt wäre ich nicht, hatte man ihr mitgeteilt. Aber trotzdem wurde ich zur üblichen Zeit eingeschult und erhielt irgendwann meine Schultüte.
Es gab da auch noch eine Schwester (Nonne) vom Kloster in der Nähe unseres Hauses an die ich mich recht gut erinnere. Im Alter von drei Jahren besuchte sie mich täglich, denn ich Pechvogel hatte Verbrennungen zweiten und dritten Grades und mit ihren geschickten Händen wurde sie es nicht müde immer wieder meine Wunden fachgerecht zu versorgen und für mich zu beten.
Ich war mit meinem jüngeren Bruder übermütig um die Badewanne mit fast kochend heißem Wasser herum gelaufen, welches Mutter zuvor auf dem Kohleherd erhitzt hatte und aus Platzmangel kurze Zeit unbeaufsichtigt ließ und schon war es geschehen. Wie peinlich, dass gerade ich als die Ältere das Übergewicht verlor, aber heute mir auch verständlich. Mein Geschrei war natürlich groß und zum Glück habe ich die Schmerzen längst vergessen. Meine Haut an Rücken und Po konnte wieder gut verheilen, doch noch lange steckte die Angst in mir und um Feuer und Hitze mache ich auch jetzt einen großen Bogen.
Diese Schwester im Kinderheim also, die so gar nicht meinen Erwartungen entsprach, hatte grell blondierte Haare und kam mir gar nicht wie eine Schwester vor. Ihre Art zu reden war alles andere als freundlich und gütig. Oft tat mir Walburga leid, die für uns Kinder im Kinder-Erholungsheim das Frühstück zubereiten musste. Nichts konnte sie ihr recht machen. Bis in den Aufenthaltsraum drang die unzufriedene Stimme der Schwester. Schimpfworte waren auch jede Menge dabei. Heute möchte ich sagen, unsere „Schwester“ vom evangelischen Kinderheim war restlos mit ihrer Aufgabe überfordert 30 Kinder von Groß bis Klein unter Kontrolle zu halten und zu beschäftigen.
In gewisser Weise könnte ich meinen Vater als meinen Fluchthelfer bezeichnen, denn er hatte
oft Beschwerden und Negatives von meiner allerneuesten Lehrerin in der Oberklasse gehört und meinte „Wenn du gar nicht mit ihr zurecht kommst, gehst du eben noch einmal zur Erholung in ein Kinderheim!“
Jetzt war sie also da, die Erholung. Vier Wochen keine Hausaufgaben, keine Handarbeiten, (vor allem Handarbeiten war das Fach, bei dem ich Blut und Wasser schwitzte!) und vor allen Dingen keine strenge Lehrerin. Welch ein Glück für mich
Ulla wurde dort schon gleich meine Freundin, weil sie ebenso alt war wie ich und meist sah man uns beide zusammen.
Das Erholungsheim war baulich sicher nie ein Kinderheim gewesen, denn dass die Schlafräume für die Jungen nur durch unseren Waschraum zu erreichen waren, war uns beiden Mädchen recht unangenehm. So bemühten wir uns auch meist so schnell wie möglich mit dem Waschen fertig zu werden, bevor den teilweise schon großen Burschen durch den Gang mitten durch unseren Waschraum die Augen heraus fielen.
So blieb es also nicht aus, dass diese Typen aus Hamburg irgendwann auf die Idee kamen uns in den unteren Schlafräumen des Nachts zu besuchen.
Ulla und ich stellten uns schlafend, wenn eine Grapschhand in der Nacht nach unserem Busen griff. Durch unsere Unbeweglichkeit verloren sie irgendwann das Interesse. Marion im Hochbett allerdings redete mit ihnen und lachte und flüsterte. Das war ein Grund aufzufallen und so kam was kommen musste: Der nächste Tag bescherte uns großen Mädels Ausgangsverbot und Eckenstehen. Das Heim verfügte über viele Ecken. Praktisch standen in der Zukunft an jeder Fensternische irgendwelche Kinder, groß und klein.
Es werden auch Bettnässer dabei gewesen sein. Während unseres Eckenstehens durften die übrigen Kinder mit den „Onkels“ (so sollten wir die oft jungen Betreuer bezeichnen) Wanderungen machen.
Was ich durch diese Ereignisse gelernt habe ist: Keine Antwort ist auch eine Antwort und für den Eigenschutz nicht die Schlechteste!
(übrigens auch auf bockige und trotzige Kinder anwendbar. Immer wieder muss ich feststellen, wie Mütter sich mit ihnen abquälen, weil sie Antwort geben.
juska |
Zuletzt bearbeitet von Juska am 24.03.2010, 23:24, insgesamt 2-mal bearbeitet |
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Verfasst am:
24.03.2010, 19:46

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Meine Flucht ins Kinderheim
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Hallo Juska,
eine schöne und interessante Geschichte.
Herzlichst
Ann |
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Verfasst am:
24.03.2010, 23:00

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hallo Ann, man könnte sie Erzählung nennen.
Vielleicht wäre diese kollektive Bestrafung in der Form von Eckenstehen zu Recht geschehen, hätten wir sie verdient gehabt, So fühlten wir uns wie mit Jesus verwandt, zu Unrecht bestraft.
Es gilt allerdings zu bedenken: Unsere Wanderungen brachten uns dort auch -selten zwar- in die Nähe der Zonengrenze mit Aussicht auf Schießstände mit bewachten Soldaten jenseits des Zauns, denen der Befehl erteilt war im Falle eines Übertritts auf uns zu schießen und in solch einer grausamen Welt wuchsen wir heran. Zum Glück war unsere Heimat noch weit davon entfernt, so dass wir diese Grausamkeiten nicht ständig vor Augen haben mussten, wie die Menschen, welche hier lebten, wie auch unsere „Schwester“. (Ich bin sicher ihre Zeitungen enthielten andere Nachrichten, als die bei uns daheim): – „Gestern fielen wieder Schüsse im Grenzbereich. Ein genauer Hergang konnte nicht ermittelt werden! Hoffentlich wurde keiner von den Flüchtenden getroffen.“ -
Danke Ann und angenehmen Abend
Liebe Grüße Juska |
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