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  Gedichte  -  Gottfried August Bürger 1747-1794 deutscher Dichter
Ann
BeitragVerfasst am: 11.10.2007, 17:02  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Gottfried August Bürger 1747-1794 deutscher Dichter
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Lied.

Du mit dem Frühlingsangesichte,
Du schönstes blondes Himmelskind,
An deiner Anmuth Rosenlichte
Sieht sich mein Auge noch halb blind!

Nach Etwas durst' ich lang' im Stillen;
Nach einem Labekuß von dir.
Den gib mir nur mit gutem Willen,
Sonst nehm' ich rasch ihn selber mir!

Und sollte dich der Raub verdrießen,
So geb' ich gern den Augenblick,
Die Schuld des Frevels abzubüßen,
Ihn hundertfältig dir zurück.
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Ann
BeitragVerfasst am: 11.10.2007, 17:03  Neue Antwort erstellen
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Gottfried August Bürger 1747-1794 deutscher Dichter
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An ein Maienlüftchen.
Auf, Maienlüftchen, aus den Blumenbeeten,
Wo deine Küsse Florens Töchter röthen,
Wo du so liebetraulich allen heuchelst
Und Duft entschmeichelst!

Erhebe dich mit allem süßen Raube
Nach jener dämmernden Holunderlaube!
Dort lauschet Line. Laß sie deines süßen
Geruchs genießen!

Mir hat das Glück noch keinen Kuß bescheret;
Dir aber, Liebchen, wird ja Nichts verwehret.
Nimm drei für einen! Komm zurück! Nur einer
Davon sei meiner!
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Ann
BeitragVerfasst am: 11.10.2007, 17:05  Neue Antwort erstellen
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Sonett

In die Nacht der Tannen oder Eichen,
Die das Kind der Freude schauernd flieht,
Such ich oft, von Kummer abgemüht,
Aus der Welt Gerassel wegzuschleichen.

Könnt ich nur, wie allem meinesgleichen,
Auch sogar der Wildnis, die mich sieht,
Und den Sinn zu neuer Arbeit zieht,
Bis ins Nichts hinein zur Ruh entweichen!

Dennoch ist so heimlich kein Revier,
Ist auch nicht ein Felsenspalt so öde,
Daß mich nicht, wie überall, auch hier

Liebe, die Verfolgerin, befehde;
Daß nicht ich mit ihr von Molly rede,
Oder sie, die Schwätzerin, mit mir.
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Ann
BeitragVerfasst am: 11.10.2007, 17:06  Neue Antwort erstellen
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Molly's Abschied.

Lebe wohl, du Mann der Lust und Schmerzen!
Mann der Liebe, meines Lebens Stab!
Gott mit dir, Geliebter! Tief zu Herzen
Halle dir mein Segensruf hinab!

Zum Gedächtniß biet' ich dir statt Goldes –
Was ist Gold und goldeswerther Tand? –
Biet' ich lieber, was dein Auge Holdes,
Was dein Herz an Molly Liebes fand.

Nimm, du süßer Schmeichler, von den Locken,
Die du oft zerwühltest und verschobst,
Wann du über Flachs an Pallas' Rocken,
Ueber Gold und Seide sie erhobst!

Vom Gesicht, der Malstatt deiner Küsse,
Nimm, so lang' ich ferne von dir bin,
Halb zum mindesten im Schattenrisse
Für die Phantasie die Abschrift hin!

Meiner Augen Denkmal sei dies blaue
Kränzchen flehender Vergißmeinnicht,
Oft beträufelt von der Wehmuth Thaue,
Der hervor durch sie vom Herzen bricht!

Diese Schleife, welche deinem Triebe
Oft des Busens Heiligthum verschloß,
Hegt die Kraft des Hauches meiner Liebe,
Der hinein mit tausend Küssen floß.

Mann der Liebe! Mann der Lust und Schmerzen!
Du, für den ich Alles that und litt,
Nimm von Allem! Nimm von meinem Herzen
Doch, – du nimmst ja selbst das Ganze mit!
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Ann
BeitragVerfasst am: 11.10.2007, 17:07  Neue Antwort erstellen
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Auf die Morgenröte
Sonett

Wann die goldne Frühe, neugeboren,
Am Olymp mein matter Blick erschaut,
Dann erblaß ich, wein und seufze laut:
Dort im Glanze wohnt, die ich verloren!

Grauer Tithon! du empfängst Auroren
Froh aufs neu, sobald der Abend taut;
Aber ich umarm erst meine Braut
An des Schattenlandes schwarzen Toren.

Tithon! Deines Alters Dämmerung
Mildert mit dem Strahl der Rosenstirne
Deine Gattin, ewig schön und jung:

Aber mir erloschen die Gestirne,
Sank der Tag in öde Finsternis,
Als sich Molly dieser Welt entriß.
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Ann
BeitragVerfasst am: 11.10.2007, 17:08  Neue Antwort erstellen
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Muttertändelei


Seht mir doch mein schönes Kind,
Mit den gold'nen Zottellöckchen,
Blauen Augen, roten Bäckchen!
Leutchen, habt ihr auch so eins?
Leutchen, nein, ihr habt keins!

Seht mir doch mein süßes Kind,
Fetter als ein fettes Schneckchen,
Süßer als ein Zuckerweckchen!
Leutchen, habt ihr auch so eins?
Leutchen, nein, ihr habt keins!

Seht mir doch mein holdes Kind,
Nicht zu *ürrisch, nicht zu wählig!
Immer freundlich, immer fröhlich!
Leutchen, habt ihr auch so eins?
Leutchen, nein, ihr habt keins!

Seht mir doch mein frommes Kind!
Keine bitterböse Sieben
Würd' ihr *ütterchen so lieben.
Leutchen, *öchtet ihr so eins?
O, ihr kriegt gewiß nicht meins!

Komm' einmal ein Kaufmann her!
Hunderttausend blanke Taler,
Alles Gold der Erde zahl' er!
O, er kriegt gewiß nicht meins! -
Kauf' er sich woanders eins!
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Ann
BeitragVerfasst am: 11.10.2007, 17:09  Neue Antwort erstellen
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Naturrecht
Sonett

Von Blum' und Frucht, so die Natur erschafft,
Darf ich zur Lust, wie zum Bedürfnis, pflücken.
Ich darf getrost nach allem Schönen blicken,
Und atmen darf ich jeder Würze Kraft.

Ich darf die Traub', ich darf der Biene Saft,
Des Schafes Milch in meine Schale drücken.
Mir front der Stier; mir beut das Roß den Rücken;
Der Seidenwurm spinnt Atlas mir und Taft.

Es darf das Lied der holden Nachtigallen
Mich, hingestreckt auf Flaumen oder Moos,
Wohl in den Schlaf, wohl aus dem Schlafe hallen.

Was wehrt es denn mir Menschensatzung, bloß
Aus blödem Wahn, in Mollys Wonneschoß,
Von Lieb und Lust bezwungen, hinzufallen?
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rita
BeitragVerfasst am: 05.02.2008, 20:19  Neue Antwort erstellen
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Gartenmeister(in)
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Das Lied vom braven Mann

Hoch klingt das Lied vom braven Mann,
wie Orgelton und Glockenklang.
Wer hohen Muts sich rümen kann ,
den lohnt nicht Gold, den lohnt Gesang .
Gottlob ! Daß ich singen und preisen kann :
ZU singen und preisen den braven Mann.

Der Tauwind kam vom Mittagsmeer ,
und schnob durch Welschland , trüb und feucht .
Die Wolken flogen vor ihm her ,
wie wann der Wolf die Herde scheucht .
Er fegte die Felder ; zerbrach den Forst !
Auf Seen und Strömen das Grundeis borst .

>> Hallo ! Hallo ! Frisch auf gewagt ! <<
Hoch hielt der Graf den Preis empor .
Ein jeder hört's doch jeder zagt ,
aus Tausenden tritt keiner vor .
Vergebens durchheulte , mit Weib und Kind ,
der Zöllner nach Rettung den Strom und Wind .-

Sieh , schlecht und recht , ein Bauersmann
am Wanderstabe schritt daher ,
mit grobem Kittel angetan ,
an Wuchs und Antlitz hoch nund hehr .
Er hörte den Grafen , vernahm sein Wort ,
und schaute das nahe Verderben dort .
Und kühn in Gottes Namen sprang

Am Hochgebirge schmolz der Schnee ;
der Sturz von tausend Wassern scholl ;
das Wiesental begrub ein See ;
des Landes Heerstrom wuchs und schwoll;
hoch rollten die Wogen entlang ihr Gleis ,
und rollten gewaltige Felsen Eis .

Auf Pfeiler und Bogen schwer ,
aus Quaderstein von unten auf ,
lag eine Brücke drüber her ,
und mitten stand ein Häuschen drauf .
Hier wohnt der Zöllner , mit Weib und Kind .-
>> O Zöllner ! O Zöllner ! Entfleuch geschwind ! <<

Es dröhnt' und dröhnte dumpf heran ,
laut heulten Sturm und Wog ' ums Haus .
Der Zöllner sprang zum Dach hinan
und blickt' in den Tumult hinaus ._
>>Barmherziger Himmel ! Erbarme dich !
Verloren ! Verloren ! Wer rettet mich ?<< -

Die Schollen rollten , Schuß auf Schuß ,
von beiden Ufern , hier und dort ,
von beiden Ufern riß der Fluß
die Pfeiler samt den Bogen fort .
Der bebende Zöllner , mit Weib und Kind ,
er heulte noch lauter als Strom und Wind .

Die Schollen rollten , Stoß auf Stoß ,
an beiden Enden , hier und dort ,
zerborsten und zertrümmert , schoß
ein Pfeiler nach dem andern fort .
Bald nahte der Mitte der Umsturz sich .-
>>Barmherziger Himmel ! Erbarme dich << -

Hoch auf dem fernen Ufer stand
ein Schwarm von Gaffern , groß und klein ;
und jeder schrie und und rang die Hand ,
doch mochte niemand Retter sein .
Der bebende Zöllner , mit Weib und Kind ,
Durchheulte nach Rettung den Strom und Wind .-

Wann klingst du , Lied vom braven Mann ,
wie Orgelton und Glockenklang ?
Wohlan ! So nenn ' ihn , nenn' ihn dann !
Wann nennst du ihn , mein schönster Sang ?
Bald nahet der Mitte der Umsturz sich .
O braver Mann ! Braver Mann ! Zeige Dich !

Rasch galoppiert ein Graf hervor ,
auf hohem Roß ein edler Graf .
Was hielt des Grafen Hand empor ?
Ein Beutel war es , voll und staff .-
>> Zweihundert Pistolen sind zugesagt
dem ,welcher die Rettung der Armen wagt .<<

Wer ist der Brave ? Ist's der Graf ?
Sag an , mein braver Sang , sag an !
Der Graf , beim höchsten Gott ! War brav !
Doch weiß ich bravern Mann .-
O braver Mann ! Braver Mann ! Zeige dich !
schon naht das Verderben sich fürchterlich .-

Und immer höher schwoll die Flut ;
und immer lauter schnob der Wind ;
und immer tiefer sank der Mut .-
O Retter ! Retter ! Komm geschwind ! -
Stets Pfeiler bei Pfeiler zerborst und brach .
Laut krachten und stürzten die Bogen nach .
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rita
BeitragVerfasst am: 05.02.2008, 20:34  Neue Antwort erstellen
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<< Hallo ! Hallo ! Frisch auf gewagt ! <<
Hoch hielt der Graf den Preis empor .
Ein jeder hört's ,doch jeder zagt ,
aus Tausenden tritt keiner vor .
Vergebens durcheulte , mit Weib und Kind ,
der Zöllner nach Rettung den Strom und Wind .-

Sieh , schlecht und recht , ein Bauersmann
am Wanderstabe schritt daher ,
mit grobem Kittel angetan ,
an Wuchs und Antlitz hoch und hehr .
Er hörte den Grafen , vernahm sein Wort ,
und schaute das nahe Verderben dort .

Und kühn in Gottes Namen sprang
er in den nächsten Fischerkahn ;
trotz Wirbel , Sturm und Wogendrang
kam der Erretter glücklich an:
Doch wehe ! Der Nachen war allzuklein ,
Der Retter von allen zugleich zu sein .

Und dreimal zwang er seinen Kahn ,
trotz Wirbel , Sturm und Wogendrang ;
und dreimal kam er glücklich an ,
bis ihm die Rettung ganz gelang .
Kaum kamen die letzten in sichern Port ,
so rollte das das letzte Getrümmer fort .-

Wer ist , wer ist der brave Mann ?
sag an , sag an , mein braver Sang !
Der Bauer wagt' ein Leben dran :
Doch tat er's wohl um Gottesklang ?
Denn spendete nimmer der Graf sein Gut ,
so wagte der Bauer vielleicht kein Blut .-

>> Hier <<, rief der Graf , >> mein wackrer Freund !
Hier ist dein Preis ! Komm her ! Nimm hin ! << -
Sag an , war das nicht brav gemeint ?
Bei Gott ! Der Graf trug hohen Sinn .-
Doch höher und himmlischer , wahrlich ! Schlug
das Herz , das der Bauer im Kittel trug .

>> Mein Leben ist für Gold nicht feil .
Arm bin ich zwar , doch ess' ich satt .
Dem Zöllner werd' Eu'r Gold zuteil ,
der Hab und Gut verloren hat ! <<
So rief er , mit herzlichem Biederton ,
und wandte den Rücken und ging davon .-

Hoch klingst du , Lied vom braven Mann ,
wie Orgelton und Glockenklang !
Wer solchen Muts sich rühmen kann ,
den lohnt kein Gold , den lohnt Gesang .
Gottlob ! Daß ich singen und preisen kann ,
unsterblich zu preisen den braven Mann .
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rita
BeitragVerfasst am: 22.11.2009, 13:36  Neue Antwort erstellen
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Lepnore

Leonore fuhr ums Morgenrot
empor aus schweren Träumen :
,, Bist untreu , Wilhelm , oder tot ?
Wie lange willst du säumen ?" --
Er war mit König Friedrichs Macht
gezogen in die Prager Schlacht ,
und hatte nicht geschrieben ,
ob er gesund geblieben .

Der König und die Kaiserin ,
des langen Haders *üde ,
erweichten ihren harten Sinn
und machten endlich Friede ;
und jedes Heer , mit Sing und Sang ,
mit Paukenschlag und Kling und Klang ,
geschmückt mit grünen Reisern ,
zog heim zu seinen Häusern .

Und überall , allüberall ,
auf Wegen und auf Stegen ,
zog alt und jung dem Jubelschall
der Kommenden entgegen .
,, Gottlob !" Rief Kind und Gattin laut ,
;; Willkommen !" Manche frohe Braut .
Ach ! Aber für Lenoren
war Gruss und Kuss verloren .

Sie frug den Zug wohl auf und ab
und frug nach allen Namen ;
doch keiner war , der Kundschaft gab ,
von allen , so da kamen .
Als nun das Heer vorüber war ,
zerraufte sie ihr Rabenhaar
und warf sich hin zur Erde
mit wütiger Gebärde .

Die Mutter lief wohl hin zu ihr : -
,, Ach , dass sich Gott erbarme !
Du trautes Kind , was ist mit dir ?"
Und schloss sie in die Arme .
,, O Mutter , Mutter ! Hin ist Hin !
Nun fahre Welt und alles hin !
Bei Gott ist kein Erbarmen .
O weh , o weh mir Armen !"

,, Hilf Gott , hilf ! Sieh uns gnädig an !
Kind bete ein Vaterunser !
Was Gott tut das ist wohlgetan .
Gott , Gott erbarm sich unser !"-
,, O Mutter , Mutter ! Eitler Wahn !
Gott hat mir nicht wohlgetan !
Was half , was half mein Beten ?
Nun ist's nicht mehr *vonnöten ."- *nicht mehr nötig / wichtig

,, Hilf Gott , hilf ! Wer den Vater kennt ,
der weiss er hilft den Kindern.
Das hochgelobte Sakrament
wird deinen Jammer lindern ."-
,, O Mutter , Mutter ! Was mich brennt ,
das lindert mir kein Sakrament !
Kein Sakrament mag Leben
den Toten wiedergeben .

,, Hör , Kind ! Wie , wenn der falsche Mann
im fernen Ungarlande
sich seines Glaubens abgetan
zum neuen Ehebande ?
Lass fahren , Kind , sein Herz dahin!
Er hat es nimmermehr Gewinn !
Wann Seel und Leib sich trennen ,
wird ihn sein Meineid brennen ." -

,, O Mutter , Mutter ! Hin ist hin !
Verloren ist verloren !
Der Tod , der Tod ist mein Gewinn !
O wär ich nie geboren !
Lisch aus , mein Licht auf ewig aus !
Stirb hin , stirb hin in Nacht und Graus !
Bei Gott ist kein Erbarmen .
O weh , o weh mir Armen !" -

,, Hilf Gott , hilf ! Geh nicht ins Gericht
mit deinem armen Kinde !
Sie weiss nicht was die Zunge spricht .
Behalt ihr nicht die Sünde !
Ach , Kind vergiss dein irdisch Leid
und denk an Gott und Seligkeit !
So wird doch deiner Seelen
der Bräutigam nicht fehlen :"-

,, O Mutter ! Was ist Seligkeit ?
O Mutter ! Was ist Hölle ?
Bei ihm , bei ihm ist Seligkeit
und ohne Wilhelm Hölle !-
Lisch aus , mein Licht , auf ewig aus !
Stirb hin , stirb hin in Nacht und Graus !
Ohn ihn mag ich auf Erden ,
mag dort nicht selig werden ."-

' So wütete Verzweifelung
ihr in Gehirn und Adern .
Sie fuhr mit Gottes Vorsehung
vermessen fort zu hadern ,
zerschlug den Busen und zerrang
die Hand bis Sonnenuntergang ,
bis auf am Himmelsbogen
die goldnen Sterne zogen .

'Und aussen horch ! ging's trapp , trapp . trapp
als wie von Rosseshufen ;
und klirrend stieg ein Reiter ab
an des Geländers Stufen ;
und horch ! Und horch ! Den Pfortenring
ganz lose , leise Klinglingling !
Dann kamen durch die Pforte
vornehmlich diese Worte :

',, Holla , Holla ! Tu auf mein Kind !
Schläfst , Liebchen oder wachst du ?
Wie bist noch gegen mich gesinnt ?
Und weinest du oder lachst du ?
,, Ach , Wilhelm , du ? ..So spät bei Nacht ?
Geweinet hab ich und gewacht ;
ach , grosses Leid erlitten !
Wo kommst du hergeritten ?" -

',, Wir satteln nur um Mitternacht .
Weit ritt ich her von Böhmen .
Ich habe spät mich aufgemacht
und will dich mit mir nehmen ."
,, Ach, Wilhelm, erst herein geschwind !
Den Hagedorn durchsaust der Wind ,
herein in meinen Armen ,
Herzliebster , zu erwarmen !"-

',, Lass sausen durch den Hagedorn ,
lass sausen , Kind lass sausen !
Der Rappe scharrt ; es klirrt der Sporn .
Ich darf all hier nicht hausen .
Komm , schürze , spring und schwinge dich
auf meinen Rappen hinter mich !
Muss heut noch hundert Meilen
mit dir ins Brautbett eilen ." -

',, Ach ! Wollest hundert Meilen noch
mich heut ins Brautbett tragen ?
Und horch ! Es brummt die Glocke noch ,
die elf schon angeschlagen ."-
,, Sieh hin , sieh her ! Der Mond scheint hell .
Wir und die Toten reiten schnell ,
ich bringe dich zur Wette ,
noch heut ins Hochzeitsbette ."-

',,Sag an wo ist dein Kämmerlein ?
Wo ? Wie dein Hochzeitsbettchen ?"-
,, Weit , weit von hier .. Still , kühl und klein ! ...
Sechs Bretter und zwei Brettchen !" -
,, Hat's Raum für mich ? - ,, Für dich und mich !
Komm , schürze , spring und schwinge dich !
Die Hochzeitsgäste hoffen ;
die Kammer steht uns offen ."-

'Schön Liebchen schürzte . sprang und schwang
sich auf das Ross behende !
Wohl um den trauten Ritter schlang
sie ihre Lilienhände ;
Und hurre , hurre , hopp , hopp , hopp !
Ging's fort in sausendem Galopp ,
dass Ross und Reiter schnoben
und Kies und Funken stoben .

'Zur rechten und zur linken Hand ,
vorbei vor ihren Blicken ,
wie flogen Anger , Heid und Land !
Wie donnerten die Brücken ! -
,, Graut Liebchen auch ? .. Der Mond scheint hell !
Hurra ! Die Toten reiten schnell !
Graut Liebchen auch vor Toten ?"-
,, Ach nein ! ...Doch lass die Toten !" -

'Was klang dort für Gesang und Klang ?
Was flatterten die Raben ?
Horch Glockenklang ! Horch Totensang !
,, Lass uns den Leib begraben !"
Und näher zog ein Leichenzug ,
der Sarg und Totenbahre trug .
Das Lied war zu vergleichen
dem Unkenruf in Teichen .

',, Nach Mitternacht begrabt den Leib
mit Klang und Sang und Klage !
Jetzt führ ich heim mein junges Weib .
Mit , mit zum Brautgelage !
Komm , Küster , hier ! Komm mit dem Chor
und gurgle mir das Brautlied vor !
Komm , Pfaff , und sprich den Segen ,
eh wir zu Bett uns legen !"

'Still Klang und Sang ... Die Bahre schwand ...
Gehorsam seinem Rufen ,
kam's , hurre , hurre ! Nachgerannt ,
hart hinters Rappen Hufen .
Und immer weiter , hopp , hopp , hopp !
Ging's fort in sausendem Galopp ,
dass Ross und Reiter schnoben
und Kies und Funken stoben .

Wie flogen rechts , wie flogen links
Gebirge , Bäum und Hecken !
Wie flogen links und rechts und links
die Dörfer , Städt und Flecken ! -
,, Graut Liebchen auch ? ...Der Mond scheint hell !
Hurra ! Die Toten reiten schnell !
Graut Liebchen auch vor Toten ?" -
,, Ach ! Lass sie ruhn , die Toten ." -

Sieh da ! Sieh da ! Am Hochgericht
tanzt um des Rades Spindel ,
halb sichtbarlich bei Mondenlicht
ein lustiges *Gesindel .- (*früher = Gruppe)
,, Sasa ! Gesindel hier ! Komm hier !
Gesindel , komm und folge mir !
Tanz uns den Hochzeitsreigen ,
wenn wir zu Bette steigen !"

Und das Gesindel , husch , husch, husch !
Kam hinten nachgerasselt ,
wie Wirbelwind am Haselbusch
durch dürre Blätter rasselt .
Und weiter , weiter , hopp , hopp , hopp !
Ging's fort in sausendem Galopp ,
dass Ross und Reiter schnoben
und Kies und Funken stoben .

Wie flog , was rund der Mond beschien ,
wie flog es in die Ferne !
Wie flogen oben überhin
der Himmel und die Sterne !-
,, Graut Liebchen auch ?.. Der Mond scheint hell !
Hurra ! Die Toten reiten schnell !
Graut Liebchen auch vor Toten !"
,,O weh ! Lass ruhn die Toten !" -

,, Rapp ! Rapp ! Mich dünkt , der Hahn schon ruft ..
Bald wird der Sand verrinnen ..
Rapp ! Rapp ! Ich wittre Morgenluft ..
Rapp ! Tummle dich von hinnen ! -
Vollbracht , vollbracht ist unser Lauf !
Das Hochzeitsbette zu sich auf .
Die Toten reiten schnelle !
Wir sind , wir sind zur Stelle ." -

Rasch auf ein eisern Gittertor
ging's mit verhängtem Zügel.
Mit schwanker Gert ein Schlag davor
zersprengte Schloss und Riegel .
Die Flügel flogen klirrend auf ,
und über Gröäber ging der Lauf .
Es blinkten Leichensteine
rundum im Mondenscheine .

Ha sieh ! Ha sieh! Im Augenblick ,
Huhu , ein grässlich Wunder !
Des Reiters Koller . Stück für Stück ,
fiel ab wie *ürber Zunder .
Zum Schädel ohne Zopf und Schopf
zum nackten Schädel ward sein Kopf ;
sein Körper zum Gerippe
mit Stundenglas und Hippe .

Hoch bäumt sich , wild schnob der Rapp
und sprühte Feuerfunken ,
und hui , war's unter ihr hinab
verschwunden und versunken .
Geheul ! Geheul aus hoher Luft ,
Gesindel kam aus tiefer Gruft .
Lenores Herz mit Beben
rang zwischen Tod und Leben .

Nun tanzten wohl bei Mondenglanz
rundum herum im Kreise
die Geister einen Kettentanz
und heulten diese Weise :
,, Geduld ! Geduld ! Wenn's Herz auch bricht !
Mit Gott im Himmel hadre nicht !
Des Leibes bist du ledig ;
Gott sei der Seele gnädig !"


Zuletzt bearbeitet von rita am 22.11.2009, 15:13, insgesamt 5-mal bearbeitet
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rita
BeitragVerfasst am: 22.11.2009, 14:43  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 14.10.2007
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An das Herz

Lange schon in manchem Sturm und Drange
wandeln meine Füsse durch die Welt .
Bald , den Lebensmüden beigesellt ,
ruh ich aus von meinem Pilgergange .

Leise sinkend faltet sich die Wange ;
jede meiner Blüten welkt und fällt .
Herz , ich muss dich fragen : Was erhällt
dich in Kraft und Fülle noch so lange ?

Trotz der Zeit Despotenallgewalt
fährst du fort , wie in des Lenzes Tagen ,
liebend wie die Nachtigall zu schlagen .

Aber ach , Aurora hört es kalt ,
was ihr Tithons Lippen Holdes sagen -
Herz , ich wollte , du auch würdest alt !
. . . .
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