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  Gedichte  -  Jakob Loewenberg (* 09.03.1856 , † 09.02.1929)
Ann
BeitragVerfasst am: 13.06.2011, 15:14  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Jakob Loewenberg (* 09.03.1856 , † 09.02.1929)
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An der Straßenecke

An der Straßenecke, in der Häuser Gedränge,
in der Großstadt wogender Menschenmenge,
inmitten von Wagen, Karren, Karossen
ist heimlich ein *ärchenwald entsprossen,
von leisem Glockenklingen durchhallt:
von Weihnachtsbäumen ein Tannenwald.
Da hält ein Wagen, ein Diener steigt aus
und nimmt den größten Baum mit nach Haus.
Ein *ütterchen kommt, und prüft und wegt,
bis endlich den rechten sie heimwärts trägt.
Verloren zur Seite ein Stämmchen stand,
das fasste des Werkmanns ruhige Hand.
So sah ich einen Baum nach den andern
in Schloss und Haus und Hütte wandern,
und schimmernd zog mit jedem Baum
ein duftiger, glänzender *ärchentraum. –
Frohschaukelnd auf der Zweige Spitzen
schneeweißgeflügelte Englein sitzen.
Die einen spielen auf Zinken und Flöten,
die andern blasen die kleinen Trompeten,
die wiegen Puppen, die tragen Konfekt,
die haben Bleisoldaten versteckt,
die schieben Puppentheaterkulissen,
die werfen sich mit goldenen Nüssen,
und ganz zuhöchst, in der Hand einen Kringel,
steht triumphierend ein pausbackiger Schlingel.
Da tönt ein Singen, ein Weihnachtsreigen –
verschwunden sind alle zwischen den Zweigen.
Am Tannenbaum hängt, was in Händen sie trugen.
Ein Jubelschrei schallt; und von unten lugen
mit Äuglein, hell wie Weihnachtslichter,
glückselig lachende Kindergesichter.
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Ann
BeitragVerfasst am: 13.06.2011, 15:14  Neue Antwort erstellen
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Jakob Loewenberg (* 09.03.1856 , † 09.02.1929)
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Das Tannenbäumchen

Im Wald, unter hohen Buchen versteckt,
hat sich ein Tannenbäumchen gereckt.
”Ich steh so ganz im Dunkel hier,
keine Sonne, kein Sternlein kommt zu mir,
hört nur die anderen davon sagen,
ich darf mich nicht vom Platze wagen.
Ach, ist das eine traurige Geschicht′,
und ständ so gern auch mal im Licht!”

Hoch durch den weiten Weltenraum
verloren flog ein goldner Traum,
flog hin und her im Lichtgefieder
und dacht: Wo laß ich heut mich nieder?
Ist wo ein Hüttchen dunkel und arm?
Hat wo ein Seelchen Kummer und Harm,
dem ich auf meinen leuchtenden Schwingen
könnt heute eine Freude bringen? –

Das Bäumchen steht in Licht und Schein.
Wie mag das wohl gekommen sein?
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Ann
BeitragVerfasst am: 13.06.2011, 15:15  Neue Antwort erstellen
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Jakob Loewenberg (* 09.03.1856 , † 09.02.1929)
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Die Roggenmuhme

Das *ägdlein spielt auf dem grünen Rain,
die bunten Blumen locken.
"Nicht sieht mich die Mutter" - Ins Korn hinein
schleicht sacht es auf weichen Socken.

"Die roten und blauen Blumen wie schön!
Die will ich zum Kranz mir winden;
doch weiter hinein ins Feld muß ich gehn,
dort werd′ ich die schönsten finden."

Und weiter eilt es. Gefüllt ist die Hand,
da will es zurück sich wenden.
Es läuft und läuft und steht wie gebannt,
das Korn will nimmer enden.

"Hinaus zum Rain, zum Sonnenlicht!
Wo blieb die Mutter, die süße?"
Die Halme schlagen ihm ins Gesicht,
die Winde umschlingt die Fübe.

Und horch, da rauscht′s unheimlich bang,
die Ähren wallen und wogen.
"Da kommt - ach, daß ich der Mutter entsprang -
die Roggenmuhme gezogen!"

Sie kommt heran auf Windesfahrt,
die roten Augen blitzen,
gelb ist die Wange, langstachlicht ihr Bart,
die Haare sind Ährenspitzen.

"Wie kommst du her in mein Revier
und gehst auf verbotenen Pfaden?
Was raubst du meine Kinder mir,
Kornblumen und Mohn und Raden?

Weh dir!" Sie streckt die Hand nach ihm aus,
es fühlt die stechenden Grannen.
"Nimm hin deine Blumen, und laß mich nach Haus!"
Und bebend stürzt es von dannen.

Fort, fort zur Mutter! Das Korn nimmt kein End′,
vergebens will es entwischen,
die Roggenmuhme dicht hinter ihm rennt,
die Ähren höhnen und zischen.
Schon fühlt es, wie ihr Arm es umschlingt.
"Erbarme dich mein, erbarme!"
Dort ist der Rain. "O Mutter!" - Da sinkt
das Kind ihr tot in die Arme.
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Ann
BeitragVerfasst am: 13.06.2011, 15:16  Neue Antwort erstellen
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Laterne! Laterne!

Noch einmal glänzt wie Goldgeschmeide
die Flut des Stromes leuchtend auf,
da steigt in leichtem Nebelkleide
der Sommerabend still herauf.
Und wie er durch die Gassen schreitet,
aufatmend jede Brust sich weitet.
Es ist, als klan′ ein Friedeswort,
und Lärm und Unrast fliehen fort.

Da kommt′s aus Tür und Tor gesprungen
und ordnet sich in langer Reih,
ein Zug von *ädchen und von Jungen,
ein Käsehoch ist auch dabei.
Wie sie die Köpfchen drehn und wenden,
die Stocklaterne hoch in Händen!
Dann zieht′s mit feierlichem Sang
die Straße langsam stolz entlang:

"Laterne Laterne
Sonne, Mond und Sterne!
Meine Laterne brennt so schön!
Morgen wollen wir wieder gehn."

Die Sonne, tief schon in den Fluten,
Hort lächelnd noch der Kinder Reih′n;
"Sie kommen schon, ich muß mich sputen",
und zieht die letzten Strahlen ein.
Der Mond springt hinter Wolkenhaufen:
"Ich will doch heimlich mit euch laufen."
Ein Stern nur blinzel ohne Ruh,
dann hält er sich die Augen zu.

"Laterne! Laterne!
Sonne, Mond und Sterne!
Meine Laterne brennt so schön!
Morgen wollen wir wieder gehn."

Ich schau vom Straßentor alleine
dem Zuge nach mit trübem Sinn,
mir ist′s, als zög in hellem Scheine
dort meine eigne Kindheit hin.
Und mit ihr Traum und Frieden gehen.
Des Lebens goldne Fäden wehen
leuchtend weiter in schnellem Flug;
mein Kind, mein Kind singt mit im Zug:

"Laterne! Laterne!
Sonne, Mond und Sterne!
Meine Laterne brennt so schön!
Morgen wollen wir wieder gehn."
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Ann
BeitragVerfasst am: 13.06.2011, 15:17  Neue Antwort erstellen
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Jakob Loewenberg (* 09.03.1856 , † 09.02.1929)
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Mein Vaterland

Mein Vaterland! Wie’s mich durchschauert
Bei deines Namens heil’gem Klang!
Mein war, um was ich tief getrauert
In finstrer Zeiten Sturm und Drang.
Nicht bist du frei mir zugefallen
Als Menschenrecht, als göttlich Gut:
Ich habe heiß um dich gerungen
In schwerem Kampf mit Schweiß und Blut.

Und schallt es nun aus Red’ und Schriften:
”Du Fremdling, fort, was suchst du hier?”
Das Leben könnt ihr mir vergiften,
Rein bleibt und treu die Seele mir.
”Ihr könnt mir das Gefühl nicht rauben,
Das freudigstolz die Brust mir schwellt;
Trotz euer: Deutschland über alles,
Ja, über alles in der Welt.”
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Ann
BeitragVerfasst am: 13.06.2011, 15:18  Neue Antwort erstellen
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Jakob Loewenberg (* 09.03.1856 , † 09.02.1929)
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Weihnachten bei den Großeltern

Heut abend, als wir zu euch gingen,
da war in der Luft ein leises Klingen,
da war ein Rauschen, man wußt’ nicht woher,
als ob man in einem Tannenwald wär,
da huschte vorüber und ging nicht aus
ein heimliches Leuchten von Haus zu Haus.
Der Mond kam über die Dächer gesprungen:
”Wohin noch so spät, ihr kleinen Jungen?
Ihr *üßt ja zu Bett, was fällt euch ein?”
und lachte uns an mit vollem Schein.
Da lachten wir wieder: ”Du alter Klöner,
heut abend ist alles anders und schöner.
Und glaubst du’s nicht, kannst mit uns gehen,
da wirst du ein blaues Wunder sehn.”
Da sprang er leuchtend uns voran,
bei diesem Hause hielt er an.
Wir gingen hinein mit froher Begier,
und Klingen und Rauschen und Leuchten ist hier.
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