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| Autor |
Nachricht |
| Kurzgeschichten - Gewissensbisse |
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Verfasst am:
09.07.2011, 23:58

Kurzgeschichten
Gewissensbisse
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Nach dem dritten Glas Rotwein wird mir allmählich warm und ein dumpfes Wohlbehagen keimt in meinem Körper auf. Die Klänge des Pianisten wirken plötzlich beruhigend und nicht mehr nervös, wie vor einer halben Stunde. Die Hotelbar ist fast leer: Ein älteres Ehepaar, das sich seit etwa 15 Minuten anschweigt, sitzt am Fenster. Direkt hinter mir starrt ein chinesischer Geschäftsmann in seinen Laptopbildschirm und an der Bar sitzt ein britisches Ehepaar, welches offensichtlich kurz vor der Abreise steht, da sie ihre Koffer dabei haben. Noch fünf Minuten bis zur Verabredung.
Ich warte auf Livia Kaufmann. Die Neue aus dem zweiten Stock. Ich habe sie vorgestern in der Cafeteria kennengelernt. Sie ist jung, hübsch, dynamisch, charismatisch. Eigentlich all das, was man sich von einer Frau wünscht. Einzig enttäuschend ist, dass sie mir gestern schon eindeutige Zeichen gemacht hat. Dies passt mir normalerweise nicht, da ich geheimnisvolle und zurückhaltende Frauen mag, welche man erobern muss. Heute aber schaue ich über meine Prinzipien hinweg. Wir sind uns beiden dessen bewusst, was nachher passieren wird. Es war ihr Vorschlag. Eigentlich freue ich mich.
Als ich sie von weitem sehe, kippt meine Stimmung. Auf meiner Stirn bilden sich Schweissperlen, doch meine Hände sind eiskalt. Ich probiere mir nichts anmerken zu lassen. Sie küsst mich flüchtig auf die rechte Wange. Kein langes Gerede, wie erwartet. Sie greift meine Hand und steuert auf den Lift zu. Dort fängt sie an meinen Nacken zu liebkosen. Mein Herz beginnt zu pochen. Bilder meiner Frau und meiner Tochter rasen mir durch den Kopf. Als wir im dritten Stock aussteigen wird mir übel. Sie kichert kindisch, als wir vor dem Zimmer 309 stehen. Sie öffnet mithilfe einer Karte die Türe und lässt mir den Vortritt. Ich begebe mich sofort ins Bad, mit der Ausrede, mich kurz frisch machen zu wollen. Sie legt sich derweil aufs Bett. Ich schaue in den Spiegel. Mein Gesicht ist ganz blass. Ich kann das nicht. Als ich zurückkomme hat sie ihre Kleider schon ausgezogen. Lediglich ihre schneeweisse Reizunterwäsche trägt sie noch. Sie umarmt mich und probiert mich zu küssen. Ich stosse sie weg. Fassungslos schaut sie mich an. Ich kehre ihr meinen Rücken zu und verlasse kommentarlos das Zimmer. Ich entschuldige mich nicht, weil sie es sowieso nicht verstehen würde.
Als ich das Hotel verlasse, hat es draussen schon gedämmert. Es ist eine warme Julinacht. Nur ein schwacher, erfrischender Wind streicht durch die Gassen. Ich verspüre den grossen Drang bei ihnen zu sein. Ich laufe Richtung Stadtrand. Je mehr ich mich dem Ort nähere, desto schneller laufe ich. Als ich vor dem Tor bin, bleibe ich kurz stehen, um die Tränen aus meinen Augen zu wischen. Ich betrete den Hof. Ich laufe ganz nach hinten, wo die Familiengräber sind. Als ich vor dem Grab stehe, fällt mir als erstes die brennende Kerze auf. Mein Bruder ist hier gewesen. Er war der Patenonkel meiner Tochter. Ich beginne erneut zu weinen. Erinnerungen werden in mir wach: Die funkelnden Augen meiner Tochter; ihr engelblondes Haar. Die Geborgenheit meiner Frau; die Kraft welche sie mir gab. Wir hatten uns gerade ein Haus gekauft und keinerlei nennenswerte Sorgen. Unglaublich, dass es schon drei Jahre her ist. Die Schuldgefühle plagen mich noch heute. Es geschah in einer kalten Januarnacht. Die Strasse war glatt. An einer steilen Rechtskurve verlor ich die Kontrolle über den Wagen. Sie waren beide sofort tot. Ich blieb unverletzt, doch meine Liebe zum Leben starb. Am besagten Abend hatte ich getrunken. Es waren mehr als drei Gläser. |
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