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  Gedichte  -  Hedwig Lachmann 1865-1918 Schriftstellerin Dichterin
Ann
BeitragVerfasst am: 16.09.2011, 15:58  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Hedwig Lachmann 1865-1918 Schriftstellerin Dichterin
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Treu bis in den Tod

Sie diente ihm getreu beflissen
Als Weib und Magd an fünfzig Jahr.
Sie schob ihm zu die besten Bissen,
Nahm seine kleinsten Wünsche wahr.

Sie hat zehn Kinder ihm geboren
Und hielt sie seinem Unmut fern.
Sie hat sich ganz in ihn verloren
Und ihm gehorcht als ihrem Herrn.

Nun starb er ihr. Noch lebenskräftig
Bleibt sie zurück verwaist und fremd.
Zum letztenmal für ihn geschäftig,
Bereitet sie sein Totenhemd.

Mit ihren Fingern welk und hager
Wäscht sie den kalten starren Leib
Und dient ihm an dem stillen Lager
Zum letztenmal als Magd und Weib.
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.09.2011, 16:00  Neue Antwort erstellen
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Um der Liebe Willen

Ein Paar Verlorner, die in ihrem Wahne
Verpfänden Gut und Blut für ihre Fahne.

Verirrte *ärtyrer, die sich verpflichtet,
Am Pfahl zu sterben, den sie sich errichtet.

Ihr hört sie nicht an Kreuz und Altarstufen
Wie Sünder hingestreckt um Gnade rufen.

Im Land der Knechte tragen sie mit Würde
Und aufrecht ihre unsichtbare Bürde.

Und büßen ohne Schuld und ohne Reue
Mit ihrem Leben schweigend ihre Treue
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.09.2011, 16:01  Neue Antwort erstellen
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Wegelagerer

Sie sind so *üde. Täglich, bis zum Grabe,
Auf rauem Weg ein Gang am Wanderstabe.

Sie sind so arm. In Not und Nacht geboren
Treibt jeder Morgen sie aus andern Toren.

Mit ihren Bündeln, ihren Bettelwaren,
Am Waldesrande hocken sie in Scharen.

Mit ihren Krücken an den Meilensteinen
Im Strasßnstaube sitzen sie und weinen.

Verwaist, verzagt, an jedem Stein ein *üder,
Auf jeder Stirn ein Mal: sie alle Brüder –

Sie alle auf den Knien im Sande suchend
Ein Körnchen Goldes, betend oder fluchend.
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.09.2011, 16:02  Neue Antwort erstellen
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Zuruf

Es tobt der Sturm um Mittag in den Forsten,
Dass Zweige splitternd knicken in den Speichen.
Und Stamm um Stamm sinkt übern Weg, geborsten
Von seinen fürchterlichen Todesstreichen.

An alle Ufer süd- und nordwärts schlagen
Die Ströme hochgereckt und wild gebärdet:
Wie kannst du, Pilger, deine Wandrung wagen
Auf einer Bahn, so tausendfach gefährdet?
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.09.2011, 16:05  Neue Antwort erstellen
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Vision

Ich hatte einen Traum von Einsamkeit.
Die Menschen hatten alle mich verstoßen
Und zitternd floh ich durch die Dunkelheit.
Kein Obdach, keine Hütte weit und breit,
Kein Leben außer meinem in dem großen
Irrgang der Flucht und der Verlassenheit.

Die Nacht war tief und wetterstrahlbedroht.
Am Firmament wie angeschmiedet lagen
Die Wolken schwarzumsäumt. Der Mond glomm rot.
Ein Jammern kam mich an in meiner Not,
Wie auf den Meeren die Verlornen klagen,
Wenn ohne Halt und Wehr versinkt ihr Boot.

In meine lauten Klagen durch die Nacht
Erbrauste der Posaunenschall der Rufer
Im Heer der ewigen Gewittermacht.
Und eine Flamme sah ich angefacht
Über den dunklen Fernen ohne Ufer –
Und bin in Graun und Gottesfurcht erwacht.
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.09.2011, 16:06  Neue Antwort erstellen
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Umsonst Gelebt

Das Zimmer hat nur spärliches Gerät.
Im Herde glimmert ein verkohltes Scheit.
Gleichgiltige Lippen murmeln ein Gebet.
Es stirbt ein Mann. Vom Turme schlägt die Zeit.

Er hat nicht Weib, nicht Kind. Kein Schluchzen tönt.
Er hat geschafft, gelitten und gestrebt.
Für wen? Die Stunde löscht es aus. Er stöhnt.
Ein Schatten weht. Umsonst, umsonst gelebt!
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.09.2011, 16:07  Neue Antwort erstellen
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Unterwegs

Ich wandre in der großen Stadt. Ein trüber
Herbstnebelschleier flattert um die Zinnen,
Das Tagwerk schwirrt und braust vor meinen Sinnen,
Und tausend Menschen gehn an mir vorüber.

Ich kenn sie nicht. Wer sind die Vielen? Tragen
Sie in der Brust ein Los wie meins? Und blutet
Ihr Herz vielleicht, von mir so unvermutet,
Als ihnen fremd ist meines Herzens Schlagen?

Der Nebel tropft. Wir alle wandern, wandern.
Von dir zu mir erhellt kein Blitz die Tiefen.
Und wenn wir uns das Wort entgegenriefen –
Es stirbt im Wind und keiner weiß vom andern.
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.09.2011, 16:08  Neue Antwort erstellen
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Klage

Ich gleite wie ein Schatten an den Rändern,
Die schroff gebuchtet in das Drüben ragen,
Und seh die Hängebrücken aufgeschlagen,
Endlos und schmal, mit schwankenden Geländern.

Es flieht der Tag, das Sonnenlicht wird blässer,
In Dämmerung und Nebel sinkt die Küste.
Die Flut stürzt sich hinunter vom Gerüste
Und wälzt sich fort in endlose Gewässer.

Und eine Flucht am Strand und auf den Brücken,
Hinan, zurück, und wieder hin zur Ferne.
Und drüber liegt der Himmel ohne Sterne,
Und Sturm erhebt sich säulenstarr im Rücken.

Mit dumpfen Schlägen *ühen sich die Ruder –
Mich treibt die Angst, ich selber will mich bergen
Und klammre mich in Not an einen Fergen:
Im Sturm dein Boot, gib mir die Hand, o Bruder!

So gleit ich wie ein Schatten an den Rändern,
Die schroff gebuchtet in das Drüben ragen,
Und seh die Hängebrücken aufgeschlagen,
Endlos und schmal, mit schwankenden Geländern.
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BeitragVerfasst am: 16.09.2011, 16:09  Neue Antwort erstellen
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Heimweh

O wüßt ich meiner Sehnsucht einen Fergen,
Dass er ihr eine sanfte Fährte weise!
So kehrt sie mir zurück aus hohen Bergen,
Todmatt vom Flug und fast erstarrt im Eise.

Ich wollte, dass ein leichter Kahn mich führe
Den Strom entlang in ebene Gelände,
Und dass ich dort durch eine niedre Türe
In einem stillen Hause Eingang fände.

Und drinnen nur von abendlichen Kerzen
Ein mildes Dämmerlicht am eignen Herde.
Ein warmer Raum, ein Kind an meinem Herzen,
Und eine Seele mein auf dieser Erde.
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.09.2011, 16:10  Neue Antwort erstellen
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Im Schnee

Schneegeriesel. Flocken über Flocken.
In der weichen Luft zerfliesst der Schaum,
Und kein Windhauch weht die Erde trocken.

Aber, wenn im Frost erstarrt der Flaum,
Reift er schnell zu glitzernden Kristallen
Und blinkt dann am Boden und am Baum.

– Nasser Schnee ist auf mein Haar gefallen –
In den Bergen türmt er sich zu Eis
Und zu donnernden Lawinenballen.

Von den Dächern tropft es leise, leis,
Und dazwischen gleiten und verschwimmen
Fern und ferner, kaum dass ich es weiss,

Dämmernde Gedanken, leise Stimmen
Wie Erinnern, wie ein Atem bloss,
Einer Sehnsucht aufgescheuchtes Glimmen.

Alles fliesst der Erde in den Schoss.
Dieses Lebens gleitende Gesichte,
Ungezählte Tropfen, Los um Los,

Einen Augenblick beglänzt vom Lichte –
Oder in der rauhen Luft gereift,
Und nun auf der harten Erde dichte

Sternkristalle, bis ein Wind sie streift.
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.09.2011, 16:11  Neue Antwort erstellen
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Motto

Lieber kein Glück. Nur lauter sein.
Nur keinen Schritt abseits vom Recht.
Nur keine Schuld, lieber kein Glück.
O Gott, ich stürbe, würd' ich schlecht!
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BeitragVerfasst am: 16.09.2011, 16:12  Neue Antwort erstellen
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Begegnung

Die Nacht war mondhell, doch die Wolken flohn.
Du kamst im Traum und bist im Traum entschwunden.
Als *üsstest du erdulden Schmach und Hohn,
Trugst du die Spur von Herzensnot und Wunden.

Dein Mund war schmerzlich, deine Blicke fern
Und so verzagt, als wollt' kein Gott dir gnaden –
Ich hätt' um dich, um deinen Frieden gern
Ein Joch der Niedrigkeit auf mich geladen.

Ein eilendes Gewölk trieb schwarz und wild
An uns vorbei wie Todesschattenwehen,
Ich klammerte mich an dein stummes Bild
Und sank mit dir in Nebel und Vergehen.
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.09.2011, 16:13  Neue Antwort erstellen
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Spaziergang

Die Sonne steht schon tief. Wir scheiden bald.
Leis sprüht der Regen. Horch! Die Meise klagt.
Wie dunkel und verschwiegen ist der Wald!
Du hast das tiefste Wort mir nicht gesagt. –

Zwei helle Birken an der Waldeswand.
Ein Spinngewebe zwischen beiden, sieh!
Wie ist es zart von Stamm zu Stamm gespannt!
Was uns zu tiefst bewegt, wir sagen's nie. –

Fühlst du den Hauch? Ein Zittern auf dem Grund
Des Sees. Die glatte Oberfläche bebt.
Wie Schatten weht es auch um unsern Mund –
Wir haben wahrhaft nur im Traum gelebt. –
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.09.2011, 16:13  Neue Antwort erstellen
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Vorfrühling

*ärzstaub fliegt auf. Es fröstelt leicht.
Der Tag in langer Dämmrung bleicht.

Vom Wind das Pflaster blank gefegt.
Es klingt verloren, was sich regt.

Der Kinder Spiel ist eben aus.
Die *ütter winken sie ins Haus.

Es schreit in mir: Verratnes Herz!
Doch geh ich schweigend frühlingwärts.
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BeitragVerfasst am: 16.09.2011, 16:14  Neue Antwort erstellen
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An meinen Vater

Nun weih ich dir im Tode,
Was sich mir im Gemüt
Allmählich wie Kleinode
Gehärtet und geglüht.

Ich sah dich oftmals sinnen,
Wenn mich dein Blick durchdrang,
Erratensbang, was innen
Noch dämmernd in mir rang.

Das fühlende Umarmen
Der Welt in ihrem Sein,
Am Irdischen Erwarmen –
Wir hatten es gemein.

O Geist, dahingegeben
Der dunkelsten Gewalt –
Wie sehnst du dich ins Leben,
Zurück in die Gestalt!
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