Das Orthogravieh

> PLAUDERGARTEN

 

 


Neue Antwort erstellen
Neues Thema eröffnen
Autor Nachricht
  Gedichte  -  Selma Meerbaum-Eisinger 1924-1942 deutschsprachige Dichterin
Ann
BeitragVerfasst am: 25.03.2014, 18:26  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Selma Meerbaum-Eisinger 1924-1942 deutschsprachige Dichterin
Antworten mit Zitat
Administrator
Administrator


Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 44744
Wohnort: Gronau

Stille

Im Zimmer schwebt die Stille und die Wärme,
ganz wie ein Vogel in durchglühter Luft,
und auf dem schwarzen kleinen Tische
liegt still das Deckchen, dünn und zart wie Duft.
Das Glas mit klarem Wasser, wie ein Traum,
wacht, dass das Glöckchen neben ihm nicht lärme,
und wartet scheinbar auf die kleinen Fische.
Die rote Nelke dämmert in den Raum,
als wäre sie dort Königin.

Die ganze Stille scheint für sie zu sein,
und nur die Flasche mit dem süßen Wein
blinkt still und wie befehlend zu ihr hin.
Sie aber schwebt auf ihrem grünen Stengel,
dünn wie im Kindertraum das Kleid der Engel,
und ihr betäubend süßer Duft lullt ein,
als wollt’ er aus dem *ärchenschlaf
Dornröschen rauben.

Die Fenster blicken auf die Straße und sie glauben,
dass dort sei alles nur für sie getan.
Der Spiegel glänzt und in ihm tickt die Uhr,
ganz weit im fernen Dorfe kräht ein Hahn,
und die Gardinen bändigt eine blaue Schnur.
Die Nelke mit den zarten roten Spitzen
harret des Sonnenstrahls, der durch die Ritzen
ihr heut ein Kleid aus Goldstaub angetan.

24.10.1939
Nach oben
Sponsor
Ann
BeitragVerfasst am: 25.03.2014, 18:27  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Selma Meerbaum-Eisinger 1924-1942 deutschsprachige Dichterin
Antworten mit Zitat
Administrator
Administrator


Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 44744
Wohnort: Gronau

Welke Blätter

Plötzlich hallt mein Schritt nicht mehr,
sondern rauschet leise, leise,
wie die tränenvolle Weise,
die ich sing’, von Sehnsucht schwer.
Unter meinen *üden Beinen,
die ich hebe wie im Traum,
liegen tot und voll von Weinen
Blätter von dem großen Baum.

24.9.1939
Nach oben
Ann
BeitragVerfasst am: 25.03.2014, 18:29  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Selma Meerbaum-Eisinger 1924-1942 deutschsprachige Dichterin
Antworten mit Zitat
Administrator
Administrator


Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 44744
Wohnort: Gronau

Spaziergang

... so viele Hühner und ein kleiner weißer Hund
und Himmel, der so farbenfroh und bunt -
der kahle Baum wirkt so gespensterhaft
und graue Häuser wie ganz ohne Kraft...
Ganz kleine Regenperlen hängen an den Zweigen
und ferne Berge sind getaucht in großes Schweigen.

Die Felder sind nur dunkelbraune Schollen
und hie und da ein bißchen gelbes Grün
und kleine Spatzen, dumm und frech und kühn,
laufen darüber hin wie Kinder, welche tollen...
Ganz fern die Stadt mit ihren vielen Türmen,
mit Häusern, welche licht und froh hinstürmen,

ist wie ein altes Bild aus einem *ärchen.
Die Luft ist leis und voll von Sehnen,
so dass man wartet auf die blauen Lerchen
und fahren *öchte in ganz schlanken Kähnen.

Hier stehen weiße Astern, weiß und rein,
und da ein Krautkopf, jung und klein.
Sie sind wie ein vergessner Sonnenschirm
mitten auf tief verschneiten Straßen.
Ein Hase, der vorbeiläuft, kann sich gar nicht fassen:
es scheint, es würde Sommer wieder sein.

29.11.1939
Nach oben
Ann
BeitragVerfasst am: 27.03.2014, 17:52  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Selma Meerbaum-Eisinger 1924-1942 deutschsprachige Dichterin
Antworten mit Zitat
Administrator
Administrator


Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 44744
Wohnort: Gronau

Der Kelch

So steht er da: so blitzend und so schlank
wie eine nackte Jungfrau, die dem Meer entstiegen
und seine Lichter tanzen, drehen, wiegen
so hell wie tausend Schlittenglöckklingklang.
Das Glas ist kühl und glatt wie Frauenhände,
die, über Tasten schwebend, spielen die Legende
vom Prinzen, welcher mit dem Drachen rang.

1.2.1940
Nach oben
Ann
BeitragVerfasst am: 28.03.2014, 19:05  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Selma Meerbaum-Eisinger 1924-1942 deutschsprachige Dichterin
Antworten mit Zitat
Administrator
Administrator


Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 44744
Wohnort: Gronau

Frühling

Sonne. Und noch ein bisschen aufgetauter Schnee
und Wasser, das von allen Dächern tropft,
und dann ein bloßer Absatz, welcher klopft,
und Straßen, die in nasser Glattheit glänzen,
und Gräser, welche hinter hohen Fenzen
dastehen, wie ein halbverscheuchtes Reh...

Himmel. Und milder, warmer Regen, welcher fällt,
und dann ein Hund, der sinn- und grundlos bellt,
ein Mantel, welcher offen weht,
ein dünnes Kleid, das wie ein Lachen steht,
in einer Kinderhand ein bisschen nasser Schnee
und in den Augen Warten auf den ersten Klee...

Frühling. Die Bäume sind erst jetzt ganz kahl
und jeder Strauch ist wie ein weicher Schall
als erste Nachricht von dem neuen Glück.
Und morgen kehren Schwalben auch zurück.

7.3.1940
Nach oben
Ann
BeitragVerfasst am: 06.04.2014, 12:55  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Selma Meerbaum-Eisinger 1924-1942 deutschsprachige Dichterin
Antworten mit Zitat
Administrator
Administrator


Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 44744
Wohnort: Gronau

Nachmittag

Dünne Zweige wie weltferne Schleier
ranken sich aus schlanken Birkenstämmen,
und die Stille, wie bei einer Feier,
ist als wollte sie den blauen Himmel dämmen,
dass er nicht zu weit ins Vogelsingen sich ergieße.
Braune nasse Wege. Und ein erblühter Baum
ist so, als ob die Erd’ er neu erschließe.

Grüne Gräser sprießen kaum.
Alle Tannen sind ganz neu ergrünt
und ein dünner, gelber Falter sich erkühnt,
sich auf eine sonnentrunk’ne Bank niederzu-
lassen.

Einer grünen Fliege will das gar nicht passen:
Ist die Sonne nicht für sie allein?
Nur die Schlehdornspitzen wispern leise: Nein!

16.4.1940
Nach oben
Ann
BeitragVerfasst am: 06.04.2014, 12:56  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Selma Meerbaum-Eisinger 1924-1942 deutschsprachige Dichterin
Antworten mit Zitat
Administrator
Administrator


Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 44744
Wohnort: Gronau

Regen

Du gehst. Und der Asphalt ist plötzlich nass
und plötzlich ist das Grün der Bäume neu
und ein Geruch wie von ganz frischem Heu
schlägt dir in dein Gesicht, das heiß und blass
auf diesen Regen wohl gewartet hat.

Die Gräser, welche staubig, *üd und matt
sich bis zur Erde haben hingebeugt,
sehen beglückt die Schwalbe, welche nahe fleugt,
und scheinen plötzlich stolz zu sein.

Du aber gehst. Gehst einsam und allein
und weißt nicht, sollst du lachen oder weinen.
Und hier und da sind Sonnenstrahlen, welche scheinen,
als ginge sie der Regen gar nichts an.

Meerbaum-Eisinger, 1940
Nach oben
Ann
BeitragVerfasst am: 07.04.2014, 18:11  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Selma Meerbaum-Eisinger 1924-1942 deutschsprachige Dichterin
Antworten mit Zitat
Administrator
Administrator


Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 44744
Wohnort: Gronau

Trauer

Lichter spiegeln sich in schmutzig-nassen Pfützen,
gelb und fettig, schmutzig auch und schwer.
Helle Häuserfenster können gar nichts nützen.
Tore hallen hehr und leer.

Liegt der Nebel *üde auf den Straßen
und der Regen rinnt und rinnt.
Menschen sind zu traurig, um sich noch zu hassen,
und es hüstelt irgendwo ein Kind.

In den Gärten liegen halbverfaulte Blätter,
stehen Bänke, traurig, nass und grau,
kommt die Sonne immer seltener und später,
nimmt’s der Mond mit Scheinen nicht genau.

Dringt das halbe Tageslicht noch durch den Nebel,
trüb und grau und klebrig schwer.
Klirrt die Wache schläfrig mit dem Säbel
und ein nasser Vogel zittert sehr.

Stehen dürre, hungrige Pferde
dampfend da, mit *üden Augen.
Ganz durchweicht, verstreut auf nasser Erde,
kann der Hafer nicht mehr taugen.

An der moderigen Mauer
eine nasse Ratze schleicht.
Mit hervorgekehrtem Pelz ein Bauer
schaut, ob ihm das Geld noch reicht.

6.12.1940
Nach oben
Ann
BeitragVerfasst am: 07.04.2014, 18:12  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Selma Meerbaum-Eisinger 1924-1942 deutschsprachige Dichterin
Antworten mit Zitat
Administrator
Administrator


Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 44744
Wohnort: Gronau

Schlaflied für mich

Ich wiege und wiege und wiege mich ein
mit Träumen bei Tag und bei Nacht
und trinke den selben betäubenden Wein
wie der, der schläft, wenn er wacht.

Ich singe und singe und sing’ mir ein Lied,
ein Lied von Hoffnung und Glück,
ich sing’ es wie der, der geht und nicht sieht,
dass er nimmermehr gehn kann zurück.

Ich sage und sage und sag’ mir die *är,
die *är vom Liebesgeflecht,
ich sage sie mir und glaub’ doch nicht mehr
und weiß doch: das Ende ist schlecht.

Ich spiele und spiele mir die Melodei
der Tage, die nicht mehr sind,
und mache mich von der Wahrheit frei
und tue, als wäre ich blind.

Ich lache und lache und lache mich aus
ob dieses meines Spiels.
Und spinne doch Träume, so wirr und so kraus,
so bar eines jeden Ziels.

Meerbaum-Eisinger, 1941
Nach oben
Ann
BeitragVerfasst am: 08.04.2014, 16:08  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Selma Meerbaum-Eisinger 1924-1942 deutschsprachige Dichterin
Antworten mit Zitat
Administrator
Administrator


Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 44744
Wohnort: Gronau

Abend I

Der Himmel ist vom hellsten Blau
und weiße Wolken lächeln mit ihm.
Und schlanke Bäume, dunkel oder grün,
sehen dich an und sagen lautlos: schau!

Alles ist eingehüllt in weiche Luft,
die still ist, so als ob sie einem *ärchen lausche.
Und alle Vögel horchen wie im Rausche -
man hört nur Duft.

Die weißen Wolken blinken wie der Schnee,
der auf Vergissmeinnicht gefallen ist.
Und ganz so blau liegt auch das weiche Weh,
das sich über die Bäume gießt.

Und - sind die Bäume dunkel oder grün?
Sie wissen es wohl selber nicht genau.
In einem Fenster zittert aus dem Blau
ein Tropfen Rot. Sie blühn.

Meerbaum-Eisinger, 1941
Nach oben
Ann
BeitragVerfasst am: 08.04.2014, 16:12  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Selma Meerbaum-Eisinger 1924-1942 deutschsprachige Dichterin
Antworten mit Zitat
Administrator
Administrator


Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 44744
Wohnort: Gronau

Abend II

Wie eine Linie dunkelblauen Schweigens
liegt fern der Horizont, von weichem Rot umsäumt.
Die Wipfel schaukeln wie im Banne eines Reigens,
das Licht ist wie im *ärchen, sanft und blau verträumt.
Der Himmel ist noch hell, noch sieht man kaum die Sterne,
die Luft ist kühl und weich wie eine Frauenhand
und süße Melodie dringt aus der fernsten Ferne:
Musik einer Schalmei, zauberhaft, unbekannt.

12.12.1941

Meerbaum-Eisinger, 1941
Nach oben
Ann
BeitragVerfasst am: 09.04.2014, 18:17  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Selma Meerbaum-Eisinger 1924-1942 deutschsprachige Dichterin
Antworten mit Zitat
Administrator
Administrator


Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 44744
Wohnort: Gronau

*ärchen

So. Und das ist wahrscheinlich der Schluss.
Der Regen weint und es weint die Nacht
und es weint mein Mund um einen Kuss
und weint und weint - und lacht.

So geht wohl jedes *ärchen aus,
denn sonst - ist es nicht wahr:
Einer allein in den Wind hinaus
und die Nacht ist sein Altar.

Und die Sehnsucht ist seine Priesterin.
In einem großen, blauen Kleid
kniet sie zu seinen Füßen hin
und sie ist so weit... so weit...

So weit wie meine Augen -
verloren in einem Wald,
spielen sie blind und tot mit dem Wind,
und ich bin *üd und kalt.

Die Wege sind so endlos lang.
Und meine Tage sind es auch
und allen Bäumen wird so bang.
Verregnet jeder Strauch.

Ich gehe mit der Nacht vereint
und bin so einsam wie sie.
Der Regen weint und der Wind weint
um mich - oder um sie?

7.3.1941

Meerbaum-Eisinger, 1941
Nach oben
Ann
BeitragVerfasst am: 13.04.2014, 17:48  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Selma Meerbaum-Eisinger 1924-1942 deutschsprachige Dichterin
Antworten mit Zitat
Administrator
Administrator


Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 44744
Wohnort: Gronau

August


Es ist so kalt -
Geistergestalt
Sitz’ ich da.
Der Regen weint
Mit mir vereint,
Fern und nah.

Die Sehnsucht blaut
Mir nah vertraut
Und bekannt.
Sie ist in mir
Und blickt zu dir
Wie gebannt.

Von Tränen schwer
Gespenstisch leer
Ist mein Blick.
Er sieht dich an
Voll Leid und kann
Nicht zurück.

30.6.1941

Meerbaum-Eisinger, 1941
Nach oben
Ann
BeitragVerfasst am: 13.04.2014, 17:49  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Selma Meerbaum-Eisinger 1924-1942 deutschsprachige Dichterin
Antworten mit Zitat
Administrator
Administrator


Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 44744
Wohnort: Gronau

Herbst

Der Regen spinnt
Sein graues Lied
Von Sehnsucht und
Von schwerem Weh.

Von Träumen blind
Alleinseins *üd
Bin ich ein Hund
Und - geh’.

Verlosch’nes Gold
Und toter Traum
Von Liebe sieht
Mich an und schweigt.

Und um mich rollt
Schillernder Schaum -
Die Sehnsucht zieht
Und - geigt.

Der Herbst ist da
Und weint mich an
Mit Augen, die
Erloschen sind.

Ich weiß, er sah:
Das Glück verrann,
Zwang mich ins Knie
Und - ging.

30.6.1941

Meerbaum-Eisinger, 1941
Nach oben
Ann
BeitragVerfasst am: 14.04.2014, 16:41  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Selma Meerbaum-Eisinger 1924-1942 deutschsprachige Dichterin
Antworten mit Zitat
Administrator
Administrator


Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 44744
Wohnort: Gronau

Herbstregen

Ich starr’ hinaus
Und seh’ - versteh’! -
Dabei der Trauer ins Gesicht.
Und so wie ich den Regen seh’ -
Oh, so siehst du ihn nicht.

Er ist für mich dem Weinen gleich,
Das mich wiegt - Nacht um Nacht.
Und auch der Rauch
Ist ganz so bleich
Wie mich dein Bild gemacht.

30.6.1941
Nach oben
Sponsor
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde

Seite 3 von 3
Gehe zu Seite Zurück  1, 2, 3
gedichte-garten.de Foren-Übersicht  -  Gedichte

Neue Antwort erstellen

 

Thema Autor Forum Antworten Verfasst am
Selma Lagerlöf 1858-1940 Ann Zitate & Sprüche 9 08.01.2012, 01:13 Letzten Beitrag anzeigen
Therese Dahn 1845 - 1929 deutsche Dic... Ann Gedichte 16 24.09.2011, 19:43 Letzten Beitrag anzeigen
Emily Dickinson 1830-1886 US-amerik. ... Ann Gedichte 1 19.09.2011, 17:26 Letzten Beitrag anzeigen
Karoline von Günderode 1780-1806 deut... Ann Gedichte 19 18.09.2011, 12:39 Letzten Beitrag anzeigen
Elizabeth Barrett Browning 1806-1861 ... Ann Gedichte 3 17.09.2011, 15:35 Letzten Beitrag anzeigen

Annegret Kronenberg © 2004-2006 | Alle Rechte vorbehalten | Inhalt | Lyrik | Liebesgedichte | Gedichte & Poesie | Adventskalender basteln | Internet Forensicherheit