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  Kurzgeschichten  -  Eine Bank im Park
Pan
BeitragVerfasst am: 11.02.2015, 11:55  Neue Antwort erstellen
Kurzgeschichten
Eine Bank im Park
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Gr
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Anmeldungsdatum: 21.10.2014
Beiträge: 5
Wohnort: 46519 Alpen

Frühlingstage verleiten zur Unvorsichtigkeit. Die Sonne schenkt der Haut schon einige Wärmegrade mehr. Und der Wind, der kühle Wind aus Nordwesten hat da für kurze Zeit nicht viel zu melden.
Die Wege im Park sind noch feucht vom Tauwetter der letzten Tage. Der rote Aschenbelag schimmert perlmuttfarben in den Strahlen der Sonne.
Unter der Birke mit den tief herabhängenden kahlen Zweigen eine kleine weisse Bank, sie lädt mich ein:
»Komm, setz dich ein wenig zu mir, ich war so lang allein!«
Ich stehe vor dieser Bank, überlege ein Weilchen, nehme dann von der Zeitung in meiner Tasche ein Blatt und lege es auf diese einsame Bank. Meine Gedanken schalten auf die Einladung, ich setze mich, anscheinend gehorsam, auf diese Parkbank, die lange keinen Besuch mehr hatte.

Die Sonnenstrahlen erwärmen meine Haut. Ich fühle mich so richtig wohl.
Niemand stört meine Gedankenreisen. Als Rentner hat man gewissermassen die Annehmlichkeit, den an den Wochenenden stets gut besuchten Park ganz für sich allein zu haben.
Herrliche Stunde, irgendwo zwitschert eine Meise etwas voreilig ihre Melodie. Aus der Ferne ruft der Ton einer Glocke zwölfmal die Mittagszeit aus. Ich fühle mich richtig gut.
Zwischen den weit ausladenden Rhododendren am Wegesrand steht plötzlich ein kleiner Junge.
Ich schätze ihn auf etwa sechs Jahre alt. Jeans, ein rot-weisser Pullover und eine gleichfarbige Pudelmütze lassen ihn ein wenig zwergenhaft erscheinen.
Er kommt näher, steht dann neben meiner Bank.
»Wo kommst Du denn her?«
Ich muss wohl sehr überrascht geklungen haben. Er schaut mich an, vorwurfsvoll, wie mir scheint. Dann sagt er leise, in dem er näherkommt:
»Ich suche noch!«
»Was hast du denn verloren? Soll ich dir suchen helfen?«
Ganz langsam schüttelt er seinen Kopf, in dem er mich gleichzeitig anschaut.
»Das geht nicht. Ich suche meinen Traum von heute Nacht.«
Überrascht und auch ein wenig amüsiert frage ich zurück:
»Deinen Traum? Wie das?«
Er steht vor mir, die Arme hängen etwas hilflos am Körper herab, seine Augen blicken glanzlos in die Sonne. An Spuren in seinem Gesicht erkenne ich, dass er geweint hat.
Plötzlich, wie aus heiterem Himmel, sehe ich ihn mit anderen Augen. Ich erkenne, dass hier ein Kind vor mir steht, das in der gleichen Lage ist, in der ich vor siebzig Jahren war. Ich staune über die Parallelität eines einzigen Augenblicks ...

******************************************
Ich sitze auf einer Bank im Schlosspark einer kleinen ostpommerschen Stadt. Neben mir ein Soldat in feldgrauer Uniform, eine ganze Reihe von Orden und Ehrenzeichen an seiner Uniformjacke.
Sein linker Ärmel hängt leer an der Seite herunter. Eine quer über sein Gesicht verlaufende blutrote Narbe gibt ihm ein etwas clownhaftes Aussehen. Das linke Auge ist mit einer schwarzen Augenklappe bedeckt. Seine rechte Hand hält eine Ellbogenkrücke, mit der er Figuren in den Sand zeichnet, die er gleich danach wieder verwischt.

Ich höre mich sprechen.
»Darf ich Sie fragen, wo Sie verwundet wurden?«
Er sieht mich erstaunt an. Schaut dann hinauf zu dem hohen Schlossturm, der von einigen schwarzen Vögeln umkreist wird. Dann sagt er:
»Warum fragst Du mich das? Mich hat noch niemand danach gefragt, das interessiert doch gar keinen. Alle haben heute nur mit sich selbst zu tun. Es geht doch nur noch um das Heute, nicht mehr um das Gestern!«
»Doch«, sage ich, »mein Vater ist vor zwei Jahren an seinen schweren Verwundungen gestorben.
Er hatte auch so eine grosse Narbe im Gesicht. Die hat er sich vor Smolensk geholt, das hat er mir erzählt.«

Der Soldat sieht mich an.
»Das ist gut«, sagt er dann.
Ich sehe ihn erstaunt und böse an.
»Was reden Sie da, das ist nicht gut! Ich hab jetzt keinen Vater mehr. Ist das etwa gut?«
»Natürlich nicht«, sagt der Soldat, »das meinte ich bestimmt nicht, das ist sehr traurig,« er legt seine Hand auf meine Hand, streichelt sie kurz.

»Nein«, sagt er dann, »ich meine, es ist gut, dass er solch einen Jungen hat, der später davon erzählen kann, welches Unheil der Krieg anrichtet. Wie viel Leid und Elend und Schmerzen und Trauer solch ein Heldentum erzeugt, wie es heute angepriesen wird!«

Seine Stimme wird ganz heiser. Ich spüre die Tränen in dieser zitternden Sprache. Es ist dieses Timbre, das dann vorhanden ist, wenn das Gefühl übermächtig wird.
»Ich habe keine Kinder.« Er spricht traurig weiter, »Meine Frau starb kurz nach unserer Ferntrauung bei einem Bombenangriff, mit meinen Eltern zusammen. Ihr ganzes Haus wurde vernichtet«.

Ich kann nicht anders, ich lege meinen Kopf an seine Schulter. Wir bleiben minutenlang so sitzen. Dann erhebt er sich.
»Ich danke Dir. Es war schön, Dich zu treffen. Alles Gute wünsche ich Dir für die Zukunft. In ein paar Wochen werden die Russen hier sein, hoffentlich bist Du dann weg.«
»Und Sie?« Er zuckt mit der Schulter.
»Ich weiss es nicht. Ist auch einerlei. Ein Bein. Eine Arm. Ein Auge.«
Für halbe Menschen hat auch die Nachkriegszeit keinen Platz, glaube ich.«

Er reicht mir seine Hand, nimmt den Stock und macht sich mit *ühsamen Schritten auf den Weg. Er lässt einen Elfjährigen auf einer Parkbank im Schlosspark zu Stolp zurück, der dieses Treffen niemals vergessen wird.

********************************************
»Sagst Du mir, welchen Traum Du suchen *öchtest?«
Der Kleine sieht mich mit traurigen Blicken an:
»Ich weiss es nicht mehr. Ich hab das vergessen. Aber das war ein schöner Traum. Das war unser Zuckerfest. Da waren Mama, Papa und meine kleine Schwester und die Oma und die Tante und noch viele andere. Und die haben zusammen gesungen und getanzt und gelacht und dann haben wir viele gute Sachen gegessen.«

Ich sehe ihn ein bisschen verständnislos an.
»Aber, das muss doch kein Traum sein. Das wird doch jedes Jahr bei Euch gefeiert. Ist das denn nicht immer schön? Man hat mir gesagt, der Ramadan wäre das höchste Fest im Islam. So wie bei den Christen Ostern oder Weihnachten.«

Der Junge hebt die Hände in die Höhe, bricht dann in lautes Weinen aus. »Ja, ja! Das ist es ja auch.«
Er lässt sich neben mich auf die Bank fallen, schlägt die Hände vor sein Gesicht. Dann erzählt er mir seine kurze Lebensgeschichte.

Eine Geschichte, die sicher tausendfach so erzählt werden könnte, gerade in der heutigen Zeit.
Seine Familie war im kurdischen Teil des Iraks zu Hause. Im Verlauf der letzten Jahre wurden alle, bis auf seine 15jährige Schwester, getötet. Ihnen gelang vor zwei Jahren nach vielen Strapazen und *ühen durch die Türkei hindurch die Flucht. Dies war nur mit Hilfe von Täuschungen und Lügen *öglich.

Ich habe nicht weiter gefragt.
Hab ihn nur in den Arm genommen.
Sie leben jetzt unter falschen Namen in Deutschland.
Und da, da *öchten sie, da sollen sie auch bleiben.
Für immer!

*************************
©by Pan
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Ann
BeitragVerfasst am: 18.02.2015, 17:56  Neue Antwort erstellen
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Eine Bank im Park
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Administrator
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 44687
Wohnort: Gronau

Hallo Pan,

Deine Geschichte hat mich sehr angerührt.

Herzlichst
Ann
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Juska
BeitragVerfasst am: 22.02.2015, 20:12  Neue Antwort erstellen
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Gartenmeister(in)
Gartenmeister(in)


Anmeldungsdatum: 07.10.2006
Beiträge: 5974

Elf Jahre,
ich kam heute an einer Straße vorbei, wo man Lichter und Knuffeltiere aufgestellt hatte, weil ein elfjähriger Schüler überfahren wurde an einer Bushaltestelle.
Der Gegenverkehr hatte ihn erwischt, als er zu seinem Fahrrad laufen wollte.
Muss man heute froh sein, wenn man überhaupt so alt wird?

Hat ein Mensch heute überhaupt keinen Wert mehr? (Ein Tier hat ihn schon lange nicht mehr, scheint mir)
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