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  Kurzgeschichten  -  Gedanken beim Blick aus dem Fenster
Sternenfrau
BeitragVerfasst am: 12.04.2015, 09:27  Neue Antwort erstellen
Kurzgeschichten
Gedanken beim Blick aus dem Fenster
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Stammgast
Stammgast


Anmeldungsdatum: 28.07.2013
Beiträge: 58

Besuch einer alten Nachbarin im Pflegeheim.

Schön und elegant ist es, mit imposantem Treppenaufgang, nur diesen können die wenigsten Bewohnerinnen und Bewohner noch gehen. Dort lebt sie jetzt seit einigen Monaten, nach dem Tod ihres Mannes. Die Tochter wollte es.
Die Tage dümpeln jetzt oft eintönig dahin. Morgens, mittags und abends am Esstisch kaum noch Kommunikation und der Appetit wird immer weniger. Nur alte Menschen, geschoben, manchmal abgeschoben, schlurfende Schritte, am Rollator festhalten und sperrige Rollstühle in kleinen Aufzügen. Blicke die scheinbar in unendliche Ferne schweifen, doch auch immer wieder huscht Lächeln und Lebensfreude bei fröhlicher Begrüßung über die Gesichter.
Ruhe, ausruhen vom gelebten Leben, Frieden finden, befreit sein von der Last die einmal war, keine Sorgen mehr, sich um nichts mehr kümmern *üssen, tut gut, wird immer wieder erzählt.
In Erinnerungen eintauchen die auch erheitern und für Momente die lähmende Traurigkeit durchbrechen. Plastikblumenpracht schmückt das Haus, auf Kalendern mit großen fetten Buchstaben kluge Lebenssprüche, werden mit einem Kopfnicken bestätigt.
Heute scheint die Sonne und wir gehen die kleine Runde um den Teich. Langsam meine Schritte anpassen, zuhören, am gelebten Leben und den belastenden Sorgen teilnehmen. Fragen stellen die wohltuend sind und Freude beim Erzählen bringen, unterbrechen das zermürbende Gedankenkarussell. Auf der Parkbank sitzen wir, schauen den Enten zu, bewundern das farbige Gefieder des Entenmännchens. Bunte Kleider braucht sie keine mehr, eigentlich braucht sie gar nichts mehr, vielleicht alle Tabletten weglassen. Was kommt denn jetzt noch? Auf viele Frage habe ich keine Antwort, aber ich verstehe ihr großes Leid und das hilft für den Moment ein bisschen. Langsam gehen wir über den Hof ins Zimmer zurück, gießen unterwegs noch die Frühlingsblumen die der Enkel in kleine Töpfe gepflanzt hat. Stolz und Liebe klingen mit, wenn sie davon berichtet. Im Zimmer holt sie die Tabletten für die Nacht und ich schaue mich noch einmal um.
Zwei Tulpen habe ich mitgebracht, aus ihrem Vorgarten ausgegraben und eingetopft, als Andenken an ihr Haus, das gestern verkauft wurde und etwa 50 Jahre ihr Zuhause war.
Das Kaffeegeschirr lasse ich auf ihrem Tisch stehen, das Wenige was ihr noch geblieben ist *öchte sie selber tun, wird unwirsch wenn ich es aufräumen *öchte. Freundlich sind ihre beiden Zimmer, die Kinder haben Blumen gebracht, und Bilder von ihren Liebsten hängen an den Wänden. Notizblätter und Terminkalender liegen auf dem Schreibtisch, alles muss sofort notiert werden, weil es im nächsten Moment eventuell schon wieder vergessen sein kann.
Sie schließt die Tür hinter uns, fährt mit dem Aufzug, und ich gehe die große geschwungene Treppe zum Speisesaal hinunter.
Dort sitzen schon einige der Bewohner, die meisten still vor ihrem Teller, manche schauend in der Hoffnung auf ein wenig Abwechslung, andere mit gesenktem Kopf. Danach der Abend, wieder alleine vor dem großen Fernseher, warten und nachdenken.
Bis zum nächsten Mal, sage ich, während wir uns umarmen.
Nachdenklich und bedrückt fahre ich anschließend ins Grüne, muss laufen und durchatmen, schaue den Paraglidern zu wie sie in der untergehenden Abendsonne leicht und beschwingt, in den Himmel fliegen.

Sternenfrau
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Ann
BeitragVerfasst am: 12.04.2015, 10:29  Neue Antwort erstellen
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Administrator
Administrator


Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 44818
Wohnort: Gronau

Liebe Sternenfrau,

eine rührende und ganz wichtige Erfahrungsgeschichte.
Es ist sicher schwer in einem Heim zu leben, aber wenn man alleine nicht mehr klar kommt, ist es doch eine *öglichkeit.
Seit ein paar Jahren betreue ich einen an Parkinson erkranken Herrn (54 J. alt). Er lebt in einem Pflegeheim, weil es für ihn gar keine andere *öglichkeit gab. Die Pflege eines solchen Kranken im eigenen Haus ist unmöglich..
Zehn Jahre lang habe ich mit Hilfe meiner Familie und Hilfe von Außen meine beidseitig beinamputierte Mutter (Diabetes) gepflegt. Ich weiß, wovon ich rede, es war eine harte Aufgabe.

Vielen Dank für Deine gute Geschichte.

Herzliche Frühlingsgrüße
Ann
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Sternenfrau
BeitragVerfasst am: 13.04.2015, 08:54  Neue Antwort erstellen
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Stammgast
Stammgast


Anmeldungsdatum: 28.07.2013
Beiträge: 58

Liebe Ann

ja, es sind immer wieder zutiefst berührende Besuche in einem Pflegeheim, die sehr nachdenklich stimmen, wie wir Menschen oft miteinander umgehen. Immer wieder denke ich, wenn wir ein bisschen mehr Zeit füreinander investieren würden uns mehr gegenseitig helfen, nicht so viel vor dem Fernseher...sitzen, dann wäre Vieles schöner. Ich weiß es gibt schon unendlich viele Helferinnen, meistens sind es Frauen die das tun, aber vielleicht denke ich da zu optimistisch, es könnten auch einige junge Menschen die ein oder andere Stunde an einem Bett sitzen, zuhören, vorlesen...mir geht es nicht darum mit erhobenem Zeigefinger etwas einzufordern, aber unsere Gesellschaft hat zum Teil ein Niveau erreicht, das mir Sorgen macht.

Mit herzlichen Grüßen und eine gute Zeit,
Sternenfrau
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Juska
BeitragVerfasst am: 12.05.2015, 17:56  Neue Antwort erstellen
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Gartenmeister(in)
Gartenmeister(in)


Anmeldungsdatum: 07.10.2006
Beiträge: 5979

Ja, Sternenfrau, diese Ungewissheit, die für uns Zukunft heißt, hatten auch schon unsere Eltern. Wir fühlten uns geknebelt, auf dieses Thema einzugehen, klammerten es aus, wenn es kam. Nun sind wir soweit und *öchten keine jungen Leute binden, doch fest steht: Ins Heim wollen wir auch nicht.
(Neuerdings laufen auch hierüber Fernsehsendungen)
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