Das Orthogravieh

> PLAUDERGARTEN

 

 


Neue Antwort erstellen
Neues Thema eröffnen
Autor Nachricht
  Balladen  -  Die Bettlerballade (C.F. Meyer)
Ann
BeitragVerfasst am: 19.03.2006, 21:38  Neue Antwort erstellen
Balladen
Die Bettlerballade (C.F. Meyer)
Antworten mit Zitat
Administrator
Administrator


Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 44708
Wohnort: Gronau

Bettlerballade

Prinz Bertarit bewirtet Veronas Bettlerschaft
Mit Weizenbrot und Kuchen und edlem Traubensaft.
Gebeten ist ein jeder, der sich mit Lumpen deckt,
Der, heischend auf den Brücken der Etsch, die Rechte reckt.

Auf edlen Marmorsesseln im Saale thronen sie,
Durch Riss und Löcher gucken Ellbogen, Zeh und Knie.
Nicht nach Geburt und Würden, sie sitzen grell gemischt,
Jetzt werden noch die Hasen und Hühner aufgetischt.


Der tastet nach dem Becher. Er durstet und ist blind.
Den Krüppel ohne Arme bedient ein frommes Kind.
Ein reizend stumpfes Näschen guckt unter struppgem Schopf.
Mit wildem Mosesbarte prahlt ein Charakterkopf.


Die Herzen sind gesättigt. Beginne, Musica!
Ein Dudelsack, ein Hackbrett und Geig und Harf ist da.
Der Prinz, noch schier ein Knabe, wie Gottes Engel schön,
Erhebt den vollen Becher und singt durch das Getön:


"Mit frisch gepflückten Rosen bekrön ich mir das Haupt
Des Reiches ehrne Krone hat mir der Ohm geraubt.
Er liess mir Tag und Sonne! Mein übrig Gut ist klein!
So will ich mit den Armen als Armer fröhlich sein!"


Ein Bettler stürzt ins Zimmer. "Grumell, wo kommst du her?"
Der Schreckensbleiche stammelt: "Ich lauscht' von ungefähr,
Gebettet an der Hofburg ... Dein Ohm schickt *örder aus,
Nimm meinen braunen Mantel!" Erzschritt umdröhnt das Haus.


"Drück in die Stirn den Hut dir! Er schattet tief! Geschwind!
Da hast du meinen Stecken! Entspring, geliebtes Kind! "
Die *örder nahen klirrend. Ein Bettler schleicht davon.
"Wer bist du? Zeig das Antlitz!" Gehobne Dolche drohn.


"Lass ihn! Es ist Grumello! Ich kenn das Loch im Hut!
Ich kenn den Riss im Ärmel! Wir opfern edler Blut!"
Sie spähen durch die Hallen und suchen Bertarit,
Der unter dunkelm Mantel dem dunkeln Tod entflieht.


Er fuhr in fremde Länder und ward darob zum Mann.
Er kehrte heim gepanzert. Den Ohm erschlug er dann.
Verona nahm er stürmend in rotem Feuerschein.
Am Abend lud der König Veronas Bettler ein.
Nach oben
Sponsor
Ann
BeitragVerfasst am: 31.05.2012, 17:45  Neue Antwort erstellen
Balladen
Die Bettlerballade (C.F. Meyer)
Antworten mit Zitat
Administrator
Administrator


Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 44708
Wohnort: Gronau

Der gleitende Purpur
Conrad Ferdinand Meyer

"Eia Weihnacht! Eia Weihnacht!"
Schallt im *ünsterchor der Psalm der Knaben.
Kaiser Otto lauscht der Mette
Diener hinter sich mit Spend und Gaben.

Eia Weihnacht! Eia Weihnacht!
Heute, da die Himmel niederschweben
Wird dem Elend und der Blöße
*äntel er und warme Röcke geben.

Hundert Bettler stehn erwartend -
Einer hält des Kaisers Knie umfangen
Mit den wundgeriebnen Armen,
dran zerrissner Fesseln Enden hangen.

"Schalk! Was zerrst du mir den Purpur?
Harr und bete! Kennst du mich als Kargen?"
Doch der Bettler hält den Mantel
Fest und jammert: "Kennst du mich, den Argen?

Du Gesalbter und Erlauchter!
Kennst du mich? ... Du hast mit mir gelegen,
Mit dem Siechen, mit dem Wunden,
Unter eines Mutterherzens Schlägen.

Aus demselben Wollentuche
Schnitt man uns die Kappen und die Kleider!
Aus demselben Psalmenbuche
Sang das frische Jugendantlitz beider!

Heinz, wo bist du? Heinz, wo bleibst du?
Hast zum Spiele du mich oft gerufen
Durch die Säle, durch die Gänge,
Auf und ab der Wendeltreppe Stufen ...

Wehe mir! Da du dich kröntest,
Hat des Neides Natter mich gebissen!
Mit dem Lügengeist im Bunde
Hab ich dieses deutsche Reich zerrissen!

Als den ungetreuen Bruder
Und Verräter hast du mich erfunden!
Du ergrimmtest und du warfest
In die Kerkertiefe mich gebunden ...

In der Tiefe meines Kerkers
Hab ich ohne Mantel heut gefroren ...
Eia Weihnacht! Eia Weihnacht!
Heute wird der Welt das Heil geboren!

"Eia Weihnacht! Eia Weihnacht!"
Hundert Bettler strecken jetzt die Hände:
"Gib uns *äntel! Gib uns Röcke!
Sei barmherzig! Gib uns deine Spende!"

Eine Spange löst der Kaiser
Sacht. Sein Purpur gleitet, gleitet, gleitet
Über seinen sündgen Bruder,
Und der erste Bettler steht bekleidet ...

Eia Weihnacht! Eia Weihnacht!
Jubelt Erd und Himmelreich mit Schallen.
Glorie! Glorie! Friede! Freude!
Und am Menschenkind ein Wohlgefallen!
Nach oben
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde

Seite 1 von 1
gedichte-garten.de Foren-Übersicht  -  Balladen

Neue Antwort erstellen

 

Thema Autor Forum Antworten Verfasst am
C.F. Meyer - MEIN JAHR rita Gedichte Geburtstag 0 20.01.2010, 23:33 Letzten Beitrag anzeigen
Conrad Ferdinand Meyer, schweiz. Dich... Ann Zitate & Sprüche 2 19.06.2009, 18:42 Letzten Beitrag anzeigen
Conrad Ferdinand Meyer 1825-1898 Dich... Ann Zitate & Sprüche 3 14.02.2008, 11:52 Letzten Beitrag anzeigen
Friede auf Erden (Conrad Ferdinand M... Ann Gedichte Weihnachten - Advent 0 02.12.2007, 14:53 Letzten Beitrag anzeigen
Amschel Meyer Rothschild Ann Zitate & Sprüche 0 11.09.2007, 10:55 Letzten Beitrag anzeigen

Annegret Kronenberg © 2004-2006 | Alle Rechte vorbehalten | Inhalt | Lyrik | Liebesgedichte | Gedichte & Poesie | Adventskalender basteln | Internet Forensicherheit