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  Kurzgeschichten  -  Tomatensuppe
FeelLetter
BeitragVerfasst am: 25.03.2017, 00:27  Neue Antwort erstellen
Kurzgeschichten
Tomatensuppe
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Oberg
Oberg


Anmeldungsdatum: 12.06.2008
Beiträge: 403

Unter dem Wohnzimmerfenster unseres Hauses stand eine alte Bank auf der Terrasse. Manchmal stieg die Nachbarskatze über die vom Regen morschen Bretter auf den schmalen Fenstervorsprung. Zwei leuchtende Punkte drangen aus der Nacht zu uns herein, dein Blick war auf den flimmernden Kasten in der Ecke gerichtet, du hast die Katze nicht bemerkt. Wie sie durchs Fenster ins Innere starrte und dann plötzlich absprang, in die Dunkelheit verschwand, anstatt ihre Nase gegen die Scheibe zu drücken, dagegen zu kratzen, zu betteln. Sie ging einfach. Und ich sank noch weiter in die Kissen am anderen Ende des Sofas, während der Fernseher immerfort bunte Lichtschatten über uns jagte, Mutter warf dir von der Seite kurze Blicke zu, die du nicht sahst, auf deiner Brille spiegelt sich der immergleiche Liebesfilm, die gerahmten Fotos über dem Flimmerkasten.

Eines Tages war sie weg. Die vom Wind gepeitschte hölzerne Bank, in der ein großes Loch klaffte, dessen Ränder ihre scharfen Krallen ausfuhren und deine Hose zerrissen. Mit der Bank verschwand auch die Katze. Dann die große Birke, von der wir die Rinde puhlten und mit in Wasser gedrehten Löwenzahnstängeln zu einem Sommersalat mischten. Deren Pollen deinen Lesestuhl auf der Terrasse bedeckten. Ein abgesägter Stumpf blieb von ihr übrig, auf den wir uns in der Abendsonne setzten. Und dann verschwanden auch wir.

Durch den halb geöffneten Kofferraum drang der Spätsommer, der kühle Abendwind brachte die Schutzfolie um den schweren Holzschrank zum Flattern, das Geräusch übertönte das Rauschen aus dem Radio, mimte ein pfeifendes und klatschendes Publikum, während das blaue Ende der Schnur, die den Kofferraumdeckel hielt, durch die Straßen tanzte. Die Strecke war mir noch immer fremd, die kleinen Orte an der Straßenseite, die hell erleuchtenden Schilder der Pizzerien, deren Namen alle gleich klangen und dabei etwas Vertrautes in sich trugen. Am ersten Abend aßen Mutter und ich Tomatensuppe aus der Tüte auf ein paar Klappstühlen in dem Wintergarten mit den großen Fenstern, die uns den Blick auf die leeren Straßen der Neubausiedlung gewährten. Mit Einbruch der Dunkelheit sprang die Straßenlaterne an der Häuserecke an und warf ihr orangefarbenes Licht auf uns. Wir hatten alle Türen geöffnet, um die Sommerhitze aus den Zimmern zu treiben. Die schwache Deckenlampe über uns lockte *ücken an unsere nackten Beine, das Zirpen der Grillen drang durch die leeren Räume. Doch wir blieben sitzen und schlürften unsere Suppe. Ich glaube, wir lächelten, rückten die alten *öbel an neue Plätze.

Ich erzählte dir nicht von der Tomatensuppe, nicht von den *ückenstichen. Auch nicht von den ersten Tränen auf meinem alten Kissen in meinem neuen Zimmer. Du würdest es nicht verstehen. Der Sommer war gegangen. Es hallte schrecklich im Flur. Ich spürte, wie sich die Kälte an meinen nackten Zehen festigte und flüchtete auf den Teppich. Es regnete. Draußen. Ob ich es dir sagen sollte? Dich fragen sollte? Der Kaugummi schmeckte langsam fad. Mit meinen Fingern zog ich lange Fäden und nahm ihn schließlich aus dem Mund. Auf dem Weg in die Küche begegnete mir Mutter mit fragendem Blick. Stumm zuckte ich mit den Schultern. Der Knall, als der *ülleimerdeckel zufiel, übertönte deine letzten Worte. Die Spülmaschine fing an zu surren. Ob ich dich fragen sollte? Fast hätte ich dein Schweigen überhört. „Hm“, murmelte ich und wir beide legten auf.

Auf dem Boden in meinem neuen Jugendzimmer, aus dem ich schon beim Einzug hinausgewachsen war, lag die Reisetasche. Durch das geschlossene Fenster drang Baulärm, das Geschrei von Bauarbeitern, die Wand für Wand vor die großen Fenster des Wintergartens zogen. Jedes Mal, wenn ich zurückkam, entdeckte ich eine neue Häuserreihe in der Nachbarschaft. Mit jedem Besuch hatte Mutter neue Teppiche ausgelegt, neue Vorhänge aufgehängt, neue Lampen installiert, neue Blumen gepflanzt. In meinem Zimmer roch es noch immer wie am ersten Tag. Du verstandst nicht, warum ich gehen musste.

Ich breite die knallgelbe Picknickdecke im Park aus, auf der wir uns mit einem synchronen Seufzer auf den Boden sinken lassen. Ich reiche Mutter die Schälchen mit den Melonenstücken, sie wischt sich eine Strähne aus dem Gesicht, lässt ihre Blicke über die anderen Parkbesucher gleiten, über den Teich, die Enten, die Blumen und Sträucher, die Hochhäuser der Stadt im Hintergrund. Es ist das zweite Mal, dass sie mich besuchen kommt, die stundenlange Zugfahrt hatte eine kindliche Vorfreude bei ihr ausgelöst.
Ich öffne die Weinflasche. Unsere Blicke treffen sich.

Es ist jetzt sieben Jahre her. Sie hat es nicht vergessen, jeder ihrer Blicke sagt es und sie sieht es auch mir an. Ich kann mich nicht daran erinnern, ob ihre grauen Augen schon immer diese grünen Flüsse in sich trugen, es erstaunt mich, wie klein ihre Augen sind. Ich erinnere mich an die großen Tränen, die großen, lautlosen Tränen, die ihr über die Wangen rannen. Ich betrachtete sie, löste meinen Blick nicht von ihrem Gesicht, während ich am anderen Ende des Sofas saß, der Fernseher flimmerte über unsere reglosen, verkrampften Körper. Ich saß dort und hörte deine Stimme, doch ich sah nur Mutter, ihr verschmiertes, verzerrtes, zerrissenes Gesicht, ohne zu bemerken, dass sich der Sturm auch über meinem ergoss. Bis zu dem Tag war mir nicht aufgefallen, dass das Hochzeitsfoto nicht mehr auf der Kommode neben dem Fernseher stand. Ich senkte den Blick und beobachtete deine Hände auf dem Couchtisch, die du nervös hobst und wieder ablegtest. Es machte auch mich nervös und ich lenkte meine Blicke an dir vorbei auf das Fenster zum Garten. Der Fenstervorsprung war leer. Ich hielt die Luft an und wartete.

„Läufst du davon?“, fragt Mutter. Ich gieße Wein in die Plastikbecher. Sie sagten, es würde wehtun, zurückzukehren. Doch selbst der Birkenstumpf ist mittlerweile entwurzelt, einem Swimmingpool gewichen. Sie sagten, es würde wehtun, zu verlassen. Sie ist glücklich, sagt sie, sagt sie immer wieder, bis ich beginne, ihr nicht mehr zu glauben. Sie hat verziehen, sagt sie. Sie wirkt tatsächlich vertrauter als das erste Mal. Es gefällt ihr hier, sagt sie, und ein bisschen habe ich das Gefühl, dass sie mich damit meint. Ich nehme einen Schluck von dem billigen Wein und schmecke irgendwo im hintersten Gaumen Tomatensuppe.

Für ein Schreibprojekt beschäftige ich mich wieder mit meinen alten Texten und bin wieder hier bei euch gelandet. Was für ein überwältigendes Gefühl! Ihr seid ja immer noch da! Ich *öchte euch mit diesem Text aus dem Schreibprojekt einen herzlichen Gruß dalassen und mich für die prägende Zeit (vor fast zehn Jahren!) bei euch bedanken. Hier zurückzukehren, auch wenn nur für diesen kleinen Augenblick, ist grade wirklich eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Meine alten Texte hier zu lesen – etwas (sehr) peinlich. Aber es kommt mir alles so vertraut vor. Alles Gute und Liebe an euch!

Eure FeelLetter (Oh Gott, wer hat sich den Namen ausgedacht?!)
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Ann
BeitragVerfasst am: 01.04.2017, 11:35  Neue Antwort erstellen
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Tomatensuppe
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Administrator
Administrator


Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 44818
Wohnort: Gronau

Liebe FeellLetter,

das war vielleicht eine riesige Überraschung, als ich Deinen Namen las.
Ist es wirklich schon 10 Jahre her, als Du hier mitgemacht hast?
Deine Geschichte ist wirklich gut. Sie lässt mich wieder etwas von Dir erfahren.
Bei uns ist es ruhiger geworden, dadurch finde ich etwas mehr Zeit für meine drei Enkelkinder.
Hoffentlich können wir in nächster Zeit noch mehr von Dir lesen.

Dir liebe Grüße und alles Gute

Ann
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Juska
BeitragVerfasst am: 29.07.2017, 10:11  Neue Antwort erstellen
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Tomatensuppe
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Gartenmeister(in)
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
Beiträge: 5979

hallo Feelletter,
es freut mich, dass Du wieder dabei bist

Herzliche Grüße, Juska
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