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  Kurzgeschichten  -  Soldotenlüse von Annegret Kronenberg
Ann
BeitragVerfasst am: 02.07.2020, 16:34  Neue Antwort erstellen
Kurzgeschichten
Soldotenlüse von Annegret Kronenberg
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
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Eine Erinnerung aus der Kindheit

Soldotenlüse

Die junge, zierliche Margret war knapp zwei Jahre verheiratet, als ganz unerwartet zu Beginn des 2. Weltkriegs ihre geliebte Mutter verstarb. Ihr Vater blieb mit vier unversorgten Kindern allein auf seinem Bauernhof zurück.
Für Margret gab es überhaupt kein Überlegen. Kurzentschlossen löste sie ihre mit viel Liebe eingerichtete kleine Wohnung auf und zog mit ihrem Ehemann Georg ins Elternhaus zurück. Für Georg war das kein Problem. Er liebte Margrets Familie und fühlte sich bei ihr wohl.
Ein Jahr später wurde Anke, das erste Kind der jungen Eheleute, geboren. Klein-Anke war Mittelpunkt und Sonnenschein der Großfamilie. Als Georg wohl oder übel zum Militärdienst einberufen wurde, war Margret ganz froh darüber, mit ihrem Töchterchen im Schoße der Familie leben zu können.
In der kleinen Stadt im *ünsterland, in der sie wohnte, wurde fast nur Plattdeutsch gesprochen. Mit den Kindern redete man ausschließlich Hochdeutsch. Als Anke heranwuchs, konnte sie das Plattdeutsche gut verstehen, machte aber selbst keinen Gebrauch davon.
Zum Ende des Krieges quartierte sich eine Gruppe versprengter deutscher Soldaten in Großvaters Scheune ein. Völlig ausgehungert und erschöpft, gönnten sie sich zuerst einmal eine gute *ütze voll Schlaf. Dann wurden sie von Margret und einigen hilfsbereiten Nachbarinnen mit allem Essbaren versorgt, das ihnen zur Verfügung stand. Es wurde gekocht, gebacken und gebraten. Für Anke und ihre Freundinnen war das ein wunderbares Erlebnis. Sooft es *öglich war, verbrachten die Kinder ihre Zeit bei den Kriegern. Mein Gott, was die alles zu erzählen wussten! Für die Soldaten waren die Besuche der Kinder sicher auch eine willkommene Abwechslung vom grauen Kriegsalltag.
Nach ein paar Tagen mussten die Landser weitermarschieren, es war ja noch Krieg. Am Abend stürzte die Nachbarin Liesbeth ganz aufgebracht ins Haus und lamentierte: „Margret, denk bloß, usse Kinner häbbt Soldotenlüse.“ (Soldatenläuse) Margret verzog entsetzt das Gesicht und rief Anke zu sich. Erregt fuhr sie dem Kind mit den Fingern durch die Haare und stellte ganz fassungslos fest: „Usse Anke auk.“ Anke spürte die Aufregung der Frauen und fragte: „Sind Soldotenlüse eine schlimme Krankheit?“ Margret beruhigte das Kind und erklärte ihm, dass sie nicht krank sei, sondern einfach Läuse habe. Durch die ungünstigen hygienischen Verhältnisse im Feld bekämen die Soldaten häufig Läuse und hätten auch sehr darunter zu leiden. Diese Plagegeister hätten sie nun ungewollt auf die Kinder übertragen. In Mangel an Entlausungsmitteln bekamen die Kinder die Haare und die Kopfhaut mit Petroleum eingerieben, das nach einer gewissen Einwirkungszeit mit Schmierseife ausgewaschen wurde. Für die *ütter waren die „Soldotenlüse“ damit vergessen. Für Anke sollten sie noch ein Nachspiel haben.
Ein Jahr später, der Krieg war inzwischen zu Ende, wurde Anke eingeschult. Vor ihr in der Schulklasse saß ein *ädchen mit langen blonden Zöpfen, um die sie von Anke, die kurze Haare trug, oft beneidet wurde.
Eines Tages, während des Unterrichts, schaute Anke gebannt auf die kräftigen Zöpfe ihrer Mitschülerin. Da bewegte sich doch etwas. Anke stützte sich auf ihre Ellenbogen und stemmte ihre Fäuste gegen die Wangen. Ihre Augen leuchteten und wurden immer größer. Ganz fasziniert schaute sie zu, wie lauter winzig kleine Tierchen sich auf der Haarpracht hin und her bewegten. Nein, war das spannend! Anke vergaß alles um sich herum.
Als der Lehrer energisch fragte: „Anke, was gibt es denn da Interessantes zu sehen?“, holte Anke tief Luft und es platzte aus ihr heraus: „Soldotenlüse, Herr Lehrer!“
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