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  Kurzgeschichten  -  Freigang - Teil 1
Juska
BeitragVerfasst am: 02.04.2007, 10:51  Neue Antwort erstellen
Kurzgeschichten
Freigang - Teil 1
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
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Ein Inhaftierter bekommt nach zehn Jahren zum ersten mal Freigang. Ein Wärter steht für ihn bereit ihn zu seiner Familie zu begleiten. Vor zehn Jahren war Olli 29, seine Frau 25 und seine beiden Söhne 2 und 4 Jahre alt.

Besuche seiner Familie fanden sporadisch statt. Oft kam seine Frau ohne die Kinder. Besonders zuletzt ließen sich die Kinder bei ihm nicht mehr sehen. Seine Frau hatte vor fünf Jahren einen Liebhaber und keinen Bock darauf, ihren Mann im Knast zu besuchen. In letzter Zeit ließ sie sich aber in vierwöchigem Abstand regelmäßig sehen, was ihm den Vorteil auf Freigang verschaffte.

Der Wärter – Herr Briel – hat recht gute Laune an diesem Tag, denn er konnte mit seiner Familie heute ausgiebig frühstücken. Es ist 10 Uhr und pünktlich schließt er den Mann aus seiner Zelle.

Der Knastrologe Olli hat ausgesprochen „Gute Laune“. Er läuft wie ein Prollo, schmeißt sich in die Brust und schlägt dem Wärter auf die Schulter als er an ihm vorbei durch die offene Zellentür schreitet. „Hallo Brilli!“ begrüßt er seinen Bewacher freundschaftlich.

„Schön vorsichtig!“ antwortet dieser scherzhaft, „Heute werde ich dein ständiger Begleiter sein. Stell Dich schon mal darauf ein!“
„Dann wird das heute dein Erlebnistag werden, ich habe nämlich einiges nachzuholen. Du kannst ja mitmachen. Meine Frau treibt es eh lieber mit Zweien. Aber keine Sorge, mit Zweien schaff ich es heute auch allein!“
„Nana, mach dir mal nicht ins Hemd, warte ab, ob sie überhaupt da ist!“ Der Wärter kennt schließlich seine Pappenheimer. Es ist nicht der erste Freigang, den er begleitet. Am Anfang spielen sie alle den Großkotz, aber dann...na ja!

Olli lässt sich von ihm jedenfalls nicht die Laune verderben. Er freut sich auf sein Heim und zeigt es auch. Dreimal kurz hintereinander drückt er auf den Klingelknopf der Eingangstüre des Hochhauses. Der Türdrücker wird nicht betätigt. Seine Laune sinkt schon. Er drückt noch mal einen x-beliebigen Klingelknopf und der Türdrücker summt. Nun die Treppe bis zum 5. Stock. Der Beamte stapft hinter ihm die Stufen empor. Er muss öfter mal anhalten, um zu verschnaufen. Olli kann sich die Bemerkung nicht verkneifen: „Na, keine Puste, was?“ Daraufhin der Beamte: „Bin ja nicht so ausgeruht wie du!“

Auf sein Tür klopfen hin, öffnet ihm ein Sohn die Tür. „Was willst du denn hier?“ ist sein ganzer Kommentar, dabei dreht er sich gleich wieder um, um in sein Zimmer zurückzukehren. Nicht, ohne der Tür noch einen Tritt zu versetzen, damit sie wieder auf den Weg ins Schloss fällt. Schnell greift sein Vater mit der einen Hand zur Klinke und mit der anderen fasst er den Burschen am Kragen. „So, nun wiederholen wir das Ganze noch einmal! Ich warte vor der Türe und du kommst! Diesmal bin ich sicher, es wird klappen!“

Olli schließt die Tür von außen und klopft höflich an. Der Junge öffnet und blickt seinem Vater in die Augen. „Hallo“, sagt er und gibt ihm die Hand, „ich bin Jonny!“

„OK. Wir haben uns ja lange nicht gesehen, aber Deinen Namen kenn ich wohl“, meint Olli, „und nun sag mir, wo die Mama ist!“ "Sie freut sich schon auf Dich“, sagt er, „aber sie ist für zwei Tage weggefahren.“

Olli bebt. Da hört sich doch alles auf! An dem Tag, wo er nach Hause kommt und sich nichts sehnlicher wünscht, als mit einer Frau zu schlafen, haut sie einfach ab. Missmutig läuft er durch die Wohnung.

Nebenan aus dem Zimmer des Ältesten hört er ein *ädchen lachen. Dort liegt Roger gemütlich mit seiner Freundin im Bett. Neid steigt in ihm auf. Ungeniert betritt er den Raum, reißt ihnen die Bettdecke weg und schreit die beiden an: „Auf der Stelle sagt Ihr mir jetzt, wo die Mama steckt!“ „Ja, ich weiß nur, sie wollte sich vor Dir in Sicherheit bringen. Sie hat Angst, dass Du sie auseinander nimmst.“
Das war zuviel für Olli. Er bebt am ganzen Leib , reißt die Schranktüren auf und suchte nach etwas Alkoholischem. Im Kühlschrank steht eine halbe Flasche Schnaps. Er spuckt den Verschluss in den Spülstein und setzt sie sich an den Mund. In dem Moment registriert er, dass dort ja noch der Wärter auf ihn wartet. Dieser hat es sich inzwischen auf einem Stuhl gemütlich gemacht und wartet geduldig auf die Fortsetzung der Story. Gerade, als Olli einen Tobsuchtsanfall loslassen will, hört man den Schlüssel im Schloss der Wohnungstür. Zwei Frauen betreten den Flur.

„Hallo“, sagt die eine von beiden, „ich habe Verstärkung mitgebracht!“. „Das *öchte ich dir aber auch geraten haben!“ droht Olli. Es ist seine Frau, in ihrer Begleitung befindet sich Melanie, aus der Kneipe von nebenan. Olli reagiert sofort. Er drückt seinem Jüngsten einen 20 Euro-Schein in die Hand fürs Kino, dem Wärter hält er die Pulle hin und er verschwindet mit den beiden Frauen ins Schlafzimmer. Es geht sofort zur Sache, denn die Zeit ist knapp. Außerdem wird Melanie es wohl auch nicht umsonst tun.

Sofort nach dem Akt, der heftig und schnell über die Bühne geht, muss Melanie das Feld räumen, denn da wartet noch ein Kunde.

Nachdem Olli seine Frau zwar nicht verschont, aber doch am Leben gelassen hat, tritt er neben seinen Wärter, um sich mit ihm die halbe Schnapsflasche zu teilen. Der teilt ihm mit, dass er im Dienst nicht trinken dürfe und er die Flasche nur behalten solle, Olli hockt sich an den Esstisch und wartet auf ein anständiges Essen mit viel Fleisch. Seine Frau kommt mit strähnigen Haaren an den Tisch und macht einen etwas dümmlichen Gesichtsausdruck.
„Ach, Essen willst du auch noch?“
„Ja, und ein paar Pullen Bier, wenn ich bitten dürfte!“
„Schick den Jungen, wenn er vom Kino kommt!“ sagt sie. „Ich habe eh kein Geld, hier wurde mal wieder der Strom abgestellt!“
„Aha, also mal wieder Abendkerzenromantik“, entfährt es Olli.

Inzwischen lässt sich das junge Pärchen auch mal blicken. Beide werden von Olli beordert, Bier zu holen. Das Geld zahlt Olli ihnen aus. Es ist eine Extra-Auszahlung für den Freigang.

Ollis Frau Biene hält ebenfalls die Hand auf. Widerwillig erhält sie einen 50 Euro-Schein. „Für Kerzen“, grinst Olli.
Biene gibt den beiden jungen Leuten gleich 30 Euro, um dafür Pommes mitzubringen. „Aber genug für alle“, sagt sie, „und für Papa Fleisch!“
„Wir hatten auch schon lange kein Fleisch mehr!“ ist die Aussage von Roger.
„Ne, dann lass mal, dann lade ich Euch alle zum Essen ein. Zieh Dich an, Biene!“ so die Aufforderung von Olli.
Oh, Biene schmilzt nur so dahin. Sie lernt ihren Mann von einer ganz neuen großzügigen Seite kennen. Herr Briel muss natürlich mit. „Ich zahle mein Essen selber, dafür ist gesorgt“, sagt er, und die Gruppe macht sich auf, um in der Pommesbude essen zu gehen. Dort lässt Olli sich nicht lumpen. Sein ganzes Taschengeld für den Freigang und das, was er sich im Knast dazuverdient hat, geht dafür drauf. In der Pommes-Bude spielt er den King. Seine Frau ist *ächtig stolz auf ihn.

Als Jonny aus dem Kino nach Hause kommt, liest er den Zettel „sind in der Pommesbude bei Pitter“. Er begibt sich direkt dort hin. Er verachtet seinen Vater nicht mehr. Die Sache mit der Türe hat ihm Respekt eingeflößt.

„Zeigst du mir denn mal bald deine Zelle?“, fragt er den Vater, bevor dieser mit dem Wärter wieder zurück muss. „Mal sehen, was sich machen lässt!“ verspricht Olli. „Aber du musst mir zuwinken, denn eine Zelle sieht aus wie die andere, wenn du mich schon nicht abholen darfst.“ Das versteht Olli natürlich nicht. Er verspricht trotzdem es zu versuchen. Ich werde dir zuwinken, damit du weißt, wo ich stecke.

***

Heute beeilt Jonny sich sehr zu seinem Vater zu kommen. In seiner Klasse weiß keiner, dass sein Vater im Knast sitzt. Mama sagt: - Wenn gefragt wird, sage einfach: „Mein Vater ist bei der Fremdenlegion!“ - Das macht er auch. Meistens stellt dann keiner weitere Fragen. Genau weiß er auch nicht, was die Fremdenlegion ist, aber das hat etwas mit Soldat zu tun. Während er sich früher für seinen Vater schämte, beginnt er heute damit, stolz auf ihn zu sein. Er will ihn fragen, warum er im Gefängnis ist, denn Mama will nicht darüber reden.
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