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  Kurzgeschichten  -  Nebenjob/Teil 4
Juska
BeitragVerfasst am: 26.04.2007, 21:25  Neue Antwort erstellen
Kurzgeschichten
Nebenjob/Teil 4
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
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Ricarda konnte sich die Frage nicht verkneifen: „Aber mit deinem Mann lebst du schon noch zusammen?„ Darauf erwiderte sie: „Er hat mich gekauft, er kann es sich leisten. Ich bin sein Eigentum, sein Vorzeigeobjekt. Er lässt mir die Freiheit, die ich brauche. Es gibt Schlimmeres. In meiner Heimat ist jedes zweite *ädchen eine Prostituierte. Das ist mir immerhin erspart geblieben.“

Darüber musste Ricarda zuerst mal nachdenken. Nun begann der Kinobetrieb und sie begaben sich wieder an die Arbeit.

Nach Feierabend kam Rolf und verließ mit Mercedes das Kino. Sie stieg in seinen flotten Porsche ein, warf ihre langen dunklen Haare in den Nacken und sie fuhren in Richtung Bootshafen davon. Ein schönes Paar! Am Anlegeplatz ankerte eine protzige Yacht.

Die Lampions brannten und eine Bootsparty fand statt, die sich sehen lassen konnte. Promis, darunter auch jede Menge Ärzte und die reichen, jüngeren Leute der Stadt stiegen den Bootssteg herunter, um sich an dem Abend mit Small Talk zu amüsieren. Es wurden lauter Kostlichkeiten angeboten.

Mercedes schritt wählerisch am Büfett entlang und hing ihren Gedanken nach. Warum hatte Frau Knopf nie mit ihr über ihre Probleme gesprochen? Sicher, sie stand unter Zeitdruck. Zu Hause die kranke Tochter, finanzielle Engpässe vielleicht. Da drang ein Wort an ihr Ohr, welches sie hellhörig machte: Organspende, ausgesprochen von zwei Herren, die sich ebenfalls am Büfett bedienten.

Das Thema drehte sich aber weniger um Organe, als um Reichtum. Sie rückte ein wenig näher zu ihnen hin, um den Gesprächsstoff besser verstehen zu können. Die beiden Herren waren gut gekleidet. Sie trugen Anzüge, die sich im Stoff allerdings von der geschätzten Preisklasse her wesentlich von vielen Anzügen bzw. Sakkos hier im Raum unterschieden. Es war also der Reichtum des Besitzers dieser Yacht, um den die beiden Herren sich Gedanken machten. Dabei fiel mehrmals das Wort: Manila.

Mercedes wurde nach dem Gespräch, welches sie nur bruchstückhaft verstehen konnte sehr nachdenklich. Sie stand noch immer am Büfett, obwohl sich die Herren schon längst an einen Stehtisch begeben hatten. Ihr Gespräch drehte sich inzwischen schon um andere Themen.

Mercedes stocherte mit der Gabel ganz in Gedanken auf ihren Teller herum. So richtig schmeckte ihr jetzt nicht mehr, was sie sich da aufgeladen hatte. Es war zwar nur wenig, aber auch das rief ihr eher ein Würgen hervor.

Der Gedanke quälte sie, sich vorzustellen, dass Rolf sie nur für seine Zwecke benutzt hatte. Es stimmt, bevor er mit ihr nach Manila flog, besaß er noch keinen Porsche, keine Yacht und auch seine Kleidung war nur gewöhnlicher Art. Sicher hatte er einen Wagen, aber der war eher bescheiden. Sie wurde in ihrem Gedankengang unterbrochen. Jemand redete mit ihr, sie hatte gar nichts bemerkt.

Es war Rolf, er wiederholte seine Frage: „Schmeckt es Dir nicht? Du stocherst so auf deinem Teller herum. Langweilst du dich?“. „Nein!“ Mercedes schüttelte ihr Haar. „Ich langweile mich nicht, aber mein Appetit ist nicht groß genug für diese Portion“, wich sie aus.

„Komm, stell sie einfach irgendwo ab“, schlug er vor. „Wir gehen etwas an die frische Luft“. Er legte seinen Arm um ihre Schulter. Eigentlich war er aber doch recht liebevoll zu ihr. Sie wollte ihn noch nicht fragen, aber etwas kritischer beobachten in den nächsten Tagen würde sie ihn schon. Was wusste sie eigentlich über ihn? Stimmt, er sah gut aus, aber das wollte er auch wissen. Vielleicht schmückte er sich nur mit ihr. Er hatte sie angebaggert, als er sich im Kino vor der Vorstellung einige Knabbersachen kaufte.

Der Film lief schon und die Leute saßen längst auf ihren Plätzen. Doch er schien es nicht sehr eilig zu haben. Wozu war er überhaupt im Kino? „Was ist los?“ fragte er sie. „Du bist so schweigsam, was beschäftigt dich?“.

„Sag mal Rolf, was hast du eigentlich gemacht bevor du mich kennen lerntest? Wir haben uns noch nie darüber unterhalten.“ „Aber das weißt du doch, dass ich da studiert habe. So ein Arztstudium dauert lange.“

Na, er konnte ihr jetzt viel erzählen. Damals glaubte sie noch alles. Ihre Familie in Manila fiel unter die Bezeichnung: arm, schmutzig und brav. Hier war es umgekehrt musste sie feststellen: reich sauber und schlecht (was aber noch nicht bewiesen war).

Mercedes wollte nicht so schnell das Vertrauen zu ihm verlieren. Entgegen ihrer Skepsis erzählte sie ihm draußen im Park bei einem Getränk von ihrer nierenkranken Kollegin.
Rolf hörte ihr aufmerksam zu.

„Vielleicht kann ich ihr ja weiterhelfen!“ meinte er leichthin. Sie sah ihn erstaunt an. „Wie meinst du das?“. „Du könntest noch einmal mit mir in deine Heimat fliegen, willst du?“. Natürlich wollte sie! „Dann muss es aber bald geschehen!“ ,war seine Meinung. „Ich will sehen, dass ich für meine Arbeitsstelle Ersatz bekomme“, sagte Mercedes, „dann steht dem nichts mehr im Wege!“

Am nächsten Tag besuchte auch Mercedes Frau Knopf zu Hause in deren Wohnung. Frau Knopf schien sich darüber zu freuen. Mercedes kam mit einer Bitte, die sie ihr gerne erfüllen wollte. Sie bat um ihre Hilfe, eine zeitlang ihren Job zu übernehmen.

„Das lässt sich wohl einrichten“, meinte Frau Knopf. Sie unterhielten sich noch über ihre Nierenkrankheit und darüber, dass Mercedes von alldem nichts gewusst hatte. Frau Knopf machte das mit ihrem Zeitdruck aus, unter dem sie jahrelang gestanden hatte. Mercedes sagte ihr noch nicht, dass diese Reise ihretwegen stattfinden sollte. Sie bedankte sich bei ihr und wünschte ihr alles, alles Gute.

Rolf bemühte sich inzwischen in der Klinik die Werte von Frau Knopf heraus zu finden Er sah auch auf der Liste nach, aber dort stand sie an unterster Stelle eingetragen bei den Personen, die für eine Nierenspende in Frage kommen. Das würde hier an dieser Klinik sicher noch sechs bis 7 Jahre dauern, bis sie an der Reihe war.

Ricarda wurde in die Sache eingeweiht. Sie stellte ziemlich viele Fragen, aber Mercedes wusste auch nicht richtig Bescheid. Sie sagte: „Wir *üssen abwarten, was dabei herauskommt!“.


Die Maschine machte sich zur Landung bereit. In Manila schien die Sonne. Rolf wurde wie jedes Mal, vom Krankenhaus abgeholt, während Mercedes sich mit einem Taxi zu ihren Eltern und Geschwistern bringen ließ. Es wimmelte zu Hause von Kindern, die ihres ältesten Bruders wohnten auch mit in ihrer bescheidenen Hütte.
Mercedes hatte zahlreiche Reiseandenken mitgebracht und wurde herzlich begrüßt. Besonders die Kinder freuten sich über jede Kleinigkeit, die sie ihnen in Deutschland gekauft hatte.

Während sie sich dort ein paar Tage aufhielt, kümmerte Rolf sich im Krankenhaus um die Angelegenheiten und schlief in einem Nobelhotel.

Es war alles organisiert. Die Operation sollte in Manila stattfinden, eine Nierenspende war keine Frage, ebenso wenig die Werte. Der Termin sollte telefonisch festgelegt werden. Das OP-Team wurde von Rolf ausgesucht, die Bestechungsgelder im Voraus gezahlt.

Schon drei Tage später bekam Mercedes die Mitteilung auf ihrem Handy, dass sie sich ein Taxi bestellen sollte, es ginge zurück nach Deutschland.
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