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  Kurzgeschichten  -  Gott mit uns
Juska
BeitragVerfasst am: 30.04.2007, 21:35  Neue Antwort erstellen
Kurzgeschichten
Gott mit uns
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
Beiträge: 6017

Eine Vorkriegs-Geschichte

„Hab ich dich endlich, Bursche!“
Fest klammern seine Finger mein Ohr.

„Au, aua, das tut weh!“, schreie ich auf und mir geht so Einiges durch den Kopf:

…..<<Muss er ausgerechnet mich erwischen? Warum nicht Karl, dessen Eltern einen Riesenbauernhof besitzen? Ich werde es vorziehen, zu stottern. Vielleicht hat er dann Mitleid mit mir und lässt mich gehen! …..>>

Ich winde mich unter seinem festen Griff und führe meinen Plan aus: „I-i-i-i-ch w-w-wollte d-d-das ni-ni-ni-nicht.“

Er lacht ein überlegenes Lachen.: „Ja, ja, Burschi. Eben noch hast du nicht gestottert! Wie heißt du? Wo kommst du her? Nenne mir jetzt deinen Namen!“
„Heinz!, wage ich verschüchtert zu wispern. Er kommt mir mit seinem Kopf entgegen, um sein Ohr näher an meinen Mund zu halten. <<Wie er das nur schafft, ohne dabei diesen starken Klammergriff auch nur um eine Winzigkeit zu lösen? >>
Er sieht mir in die Augen: „Du glaubst nicht im Ernst, dass ich mit dieser Antwort zufrieden bin!?“
Ich jammere wieder: “Aua, au, Sie tun mir weh!“.
„Warum nur?“, lacht er mir wieder ins Gesicht. „Du führst mich jetzt direkt zu dir nach hause!“, befiehlt er streng.
„Aber nur, wenn Sie mein Ohr loslassen!“.
Er löst den Griff und ich reibe meine Ohrmuschel, die sich wie taub anfühlt und sicherlich krebsrot leuchtet. Ich versuche meine dunklen Haare darüber zu ziehen, doch der Versuch scheitert. Ich habe diesen kahl rasierten Haaransatz, der bis über die Ohren reicht. Mein Onkel Martin rasiert ihn regelmäßig und er macht es nicht nur bei mir so. Alle Jungs in unserer Familie bekommen samstags von Onkel Martin den Kopf rasiert.

Ich zögere den Weg etwas hinaus, während der Fremde mich unterdessen mit Fragen quält.
„Warum wirft du mit Steinen gegen meine Fenster?“.
„Da war doch diese schwarze Katze!“, wage ich zu sagen. Diesmal klingt meine Stimme fest und ehrlich, denn ich befinde mich nicht mehr in der unterlegenen Position. „Und außerdem…“
„Papperlapapp!“, unterbricht mich der Mann und wir stehen vor unserer Haustür. Er schaut auf, besieht sich den Hinterhof, über den wir zur Haustüre gelangen und schnell teile ich dem Fremden mit: „Aber es ist keiner zu Hause. Sie werden meine Mutter nicht antreffen. Sie arbeitet noch beim Bauer.“. Ungläubig starrt er mich an. Mir kommt es so vor, als wenn erst jetzt meine Worte bis zu ihm vordringen.
„Und dein Vater?“, sein Ton hat sich geändert; er klingt schon etwas freundlicher.
„Er lebt nicht mehr!“, erwähne ich tonlos wobei ich auf den Kohlenhändler starre, der gerade den Hof überquert, der auch zu seinem Haus führt. Er winkt mir zu. Wir wohnen hier zur Untermiete. Ich bin heilfroh darüber, dass dieser Fremde wenigstens mein Ohr jetzt in Ruhe lässt. Das wäre mir peinlich gewesen vor Herrn Kreuz. Ich winke Herrn Kreuz zurück und krame den Hausschlüssel heraus, der an einem Bindfaden um meinen Hals hängt.

Herr Kreuz betrachtet uns von seiner Haustüre aus und ruft mir zu: „Alles in Ordnung, Heinz?“. Ich nicke nur und in dem Moment verlässt mich der Fremde wortlos.
Erleichtert atme ich auf: <<Puh, das ist noch mal gut gegangen! >>

Am späten Nachmittag; es ist schon dunkel geworden, höre ich wieder dieses wunderbare Geräusch von rollenden Rädern des Leiterwagens, in dem mein jüngster Bruder sitzt. Gezogen wir dieser von Freier, unserem Hund, den meine große Schwester eines Tages mitbrachte. Sie hat eine Stelle in der Landeshauptstadt und besucht uns ab und zu an Feiertagen, auch, um uns „unter die Arme zu greifen“, wie Mutter das nennt, indem sie gute Sachen mitbringt und Mutter Geld gibt, an dem es uns besonders mangelt.

Ich zünde in der Zwischenzeit den Ofen an und in der Wohnung ist es mollig warm.
Nun wird Mutter mit dem dreijährigen Willi in die warme Stube kommen und mich loben, weil die Wohnung so angenehm warm ist.
Doch ich habe mich geirrt: Mutter bleibt noch aus und schnell laufe ich zum Fenster, um hinaus zu sehen. Dort unten vor der Türe unterhält sich der Kohlenhändler mit ihr. Ich ahne Böses und *öchte am Liebsten davon laufen. Doch ich unternehme nichts dergleichen, sondern eile ihr auf der Treppe schon entgegen und nehme ihr die Milchkanne ab.
Jeden Abend bekommen wir eine Milchsuppe und ich balanciere die Kanne hinter Mutter her in die Küche.

Gleich nachdem sie Willi in den Laufstall gesetzt hat, will sie von mir wissen, was der Herr Zimper von mir wollte.
„Ich kenne keinen Herrn Zimper!“, antworte ich wahrheitsgetreu, doch Mutter verpasst mir so schnell eine Ohrfeige, dass mir gleich wieder das geschundene Ohr einfällt und ich berichtige meinen Satz, indem ich rufe: „Ach deeen meinst du!“
„Ja, den meine ich!“, sagt Mutter und hebt mein Kinn in die Höhe, „und jetzt sage mir, was du angestellt hast!“
Bei Mutter hat Lügen keinen Sinn, denn sie schaut mir unentwegt in die Augen und ich gestehe: „Ich war es nicht allein. Karl, Hugo und Hans, sie waren auch dabei, nur sie konnten schneller laufen und mich hat er erwischt, weil meine Schuhe kaputt sind.“
„Das hilft dir nicht“, sagt sie. „Noch einmal, was habt ihr angestellt?“
„Wir wollten nur die Katze treffen. Sie lief immer oben an diesen Fabrikfenstern entlang und ich war es nicht, der die Scheibe zerdeppert hat! Ich glaube, es war Karl.“, sage ich noch leise hinterher, nach dem sie mein Kinn los lässt und ich ihr nicht mehr in die Augen sehen muss.

Sie sagt nichts mehr außer: „Du gehst heute ohne Abendessen ins Bett und zwar sofort und morgen nach der Schule wirst du die Fabrikfenster und die Katzen meiden und gehst sofort zu Onkel Martin!“ Ich mache einen Flunsch und ziehe mir noch schnell am warmen Ofen den Schlafanzug an, während Mutter einen Brei für Willi kocht. Dann denke ich anschließend im kalten Schlafzimmer über meine Verurteilung nach. Ich höre noch, wie Mutter Willi ins Kinderbett legt und die Treppe hinunter läuft. Schnell schließe ich die Augen, damit dieser unangenehme Tag endlich zu Ende geht.

Wie gewöhnlich, so geht auch der nächste Tag dahin: Frühstück mit Mutter (Willi schläft noch), Weg zur Schule, von der aus ich auf die zerdepperten Fabrikfenster sehen kann (auch auf die schwarze Katze), die Pausen, die wir zusammen mit der *ädchenschule verbringen, (diesmal macht es mir keinen Spaß, den *ädchen an den Zöpfen zu ziehen).
Und Karl, Hans und Hugo fragen mich: „Hat er dich erwischt?“. Ich murmele nur „Nein!“ und überlege, ob ich ihnen von der Strafe erzählen soll, die bei Onkel Martin noch auf mich wartet.
Vom Unterricht bekomme ich heute nichts mit. In der Klasse brennt der Bunkerofen und ich kuschele mich an ihn, denn Wärme ist das, was ich jetzt brauche.
Gerne hätte ich meinen älteren Bruder gefragt, was mich bei Onkel Martin erwarten könnte, doch der wohnt nicht mehr bei uns. Seit Vaters Tod war Hannes einige Kilometer weit weg von zu Hause bei einem Bauern als Landarbeiter.

Es ist nicht sehr weit bis zu Onkel Martin. Von seinem Haus aus kann man die Kirchenglocken sehr gut hören und sogar noch die Linden auf dem Marktplatz sehen. Aber diesmal laufe ich langsam, gesenkten Hauptes dort hin.

„Aha, da bist du ja!“, empfängt Onkel Martin mich sogleich und er fackelt nicht lange. „Lass es uns gleich hinter uns bringen“, sagt er, während er den Gürtel von seiner Hose zieht. Jetzt lese ich die Buchstaben, die in Gold den Gürtel zieren: GOTT MIT UNS. Und Onkel Martin peitscht mit ausholenden Bewegungen diesen echten Ledergürtel auf mein Gesäß nieder. Ich zähle die Schläge: Es sind drei und ich schreie laut, sehr laut. Onkel Martin bietet mir hinterher noch einen Platz an, doch ich will nur noch fort.

Am nächsten Tag melde ich mich in der Schule freiwillig zum Tafeldienst. Alle wundern sich, warum ich mich zwischendurch nicht hinsetze.


Ob Onkel Martin meiner Mutter noch öfter diesen Dienst erweisen musste, wollt ihr wissen?
Ja, doch war ich später schlauer. Da hatte ich wie meine Vettern auch, einen Pappdeckel in der Hose.
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Juska
BeitragVerfasst am: 02.06.2007, 23:21  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
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Erklärung: (seit dem 18. Jahrhundert standen die Worte dieser Parole auf dem Koppelschloss deutscher Soldaten)
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