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  Kurzgeschichten  -  Gastarbeiter Teil 2
Juska
BeitragVerfasst am: 08.06.2007, 18:39  Neue Antwort erstellen
Kurzgeschichten
Gastarbeiter Teil 2
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Gartenmeister(in)
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
Beiträge: 6017

Es war ein wunderschöner Ring, der golden glänzte und mit einem roten Stein versehen war. So ein vermutlich teures Geschenk konnte sie unmöglich von dem Herrn annehmen.
Sie verschloss alles sorgfältig und wollte es ihm bei nächster Gelegenheit zurückgeben. Es verbot ihr ihr Stolz, sich so einen teuren Ring schenken zu lassen.

Sie erwischte ihn noch gerade, als er sich an der Garderobe seinen Mantel überzog und hielt ihm das kleine Päckchen hin, doch er wollte es unter gar keinen Umständen wieder annehmen. Das wäre schon o.k. so, meinte er, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und verließ das Lokal in Windeseile.

Unschlüssig und verwirrt stand Ilonka im Lokal und sah dem teuren Wagen hinterher, wie sie den Parkplatz in Richtung Stadt verließen. Für sie war der Abend noch lange nicht zu Ende, für sie fing der schönste Teil des Tages jetzt erst an. Ilonka zog ihre Kellnerschürze ab, steckte sich den Ring am Finger und rechnete mit dem Wirt die Tageseinnahmen ab.

Am nächsten Tag wurde Graf Peter von einer freundlichen Ilonka bedient, die einen kostbaren Ring am Finger ihrer linken Hand trug. Während er zum Glas griff, schnappte er sich Ilonka in den Arm und zog sie auf seinen Schoß. Plötzlich und unerwartet steckte seine Zunge in ihrem Mund und sie wagte es nicht, ihn darauf zu beißen, denn sie fühlte sich in seiner Schuld.

Bevor sie etwas sagen konnte, hielt er ihr zwei Kinokarten hin und bat sie, mit ihm in die Vorstellung zu gehen.

***

Sie überlegte lange, was sie anziehen sollte, doch Graf Peter erschien schon am Nachmittag recht früh, um sie abzuholen. Er wusste, dass es ihr freier Nachmittag war. Sie sah recht bescheiden aus mit ihrem dicken protzigen Ring am Finger, der so gar nicht zu ihrer Kleidung passte.

In der Stadt ließ Peter das *ädchen nach seinem Geschmack einkleiden, und da sie schon immer eine Schönheit war, sah sie aus wie eine Schauspielerin. Ein Paar lange cremefarbene weiche Nappalederstiefel mit hohen Absätzen zierten ihre Füße und ein sündhaft teures enganliegendes Kostü* schmiegte sich ihrem makellosen Körper an.

Das alles imponierte Ilonka sehr und als sie in der Abendvorstellung saß, sahen viele Leute bewundernd zu ihr her. Graf Peter schien weniger an den Film interessiert zu sein, als daran, sie ständig von der Seite zu betrachten.

***

Jacek nahm die Handbürste und rubbelte zwischen seine Fingernägel, unter denen sich der Dreck der Erde eingefressen hatte. Am Ende des Jahres ging die Arbeit mit den Eriken los, danach konnten sie den Winterurlaub beginnen. Der letzte Arbeitstag in diesem Jahr war jetzt zu Ende, und ein wenig freuten sich die drei Freunde darauf, wieder in ihre Heimat zu kommen.

Mutter würde eine Ente schlachten, das wusste Jacek, denn sie freute sich auf seinen Besuch, und er freute sich ganz besonders darauf, seinen Bruder wiederzusehen.

Doch etwas betrübte ihn sehr. Es war die Mitteilung Ilonkas, dass sie nicht mitkommen würde. Jacek hatte ihr ein Handy geschenkt, hatte sich noch einmal Miros Wagen ausgeliehen und war an ihrem freien Tag zu ihr gefahren. Doch er traf sie gar nicht an. Der Wirt blinzelte etwas verlegen und meinte zu ihm: „Da machen sie sich mal keine Sorgen, der geht es gut!“. Aber wo sie sich aufhielt, wollte er ihm nicht sagen. Sie blieb doch sonst meist an ihrem freien Tag dort!

Er überreichte dem Wirt das Handy mit einem schönen Gruß von ihm und verabschiedete sich wieder. Ungeduldig wartete er auf ihren Anruf, doch es kam keiner. Nun hielt er es aber nicht mehr aus und er wählte ihre Nummer, auch wenn es schon fast Mitternacht war. Nein, sie meldete sich nicht.

Sollte der Wirt denn das Handy noch nicht abgegeben haben? Jacek hatte keine Erklärung dafür, und als sie am nächsten Tag in Miros Wagen saßen um loszufahren, es war gerade 5 Uhr in der Früh, forderte Jacek Miro auf, doch noch kurz dort vorbeizufahren.

Nein, Miroslav sorgte sich nicht mehr um seine Schwester, das hatte sich erledigt. Er schlug den Weg ein, der sie in Richtung polnische Grenze bringen sollte.

Jacek war während der ganzen Fahrt recht schweigsam. Er hielt sein Handy in der Hand und versuchte immer wieder Ilonkas Nummer zu wählen. Er sorgte sich um die kleine Ilonka. Doch es ging niemand an den Apparat.

Irgendwann hielt er es nicht mehr aus und er beschwerte sich bei seinen Freund, nur weil er mit dem Wagen viel zu schnell über eine steinige Strecke fuhr, so dass dieser sogleich zurückkonterte, er solle seine schlechte Laune an jemand anderem auslassen. Dragoslaw konnte ihn verstehen, doch helfen konnte er ihm nicht. Ihm war klar, dass für Jacek die Chance vorbei war, er hatte sie verpasst.

Er versuchte ihn zu überreden, mit ihm zu kommen, denn Drago sprach noch nicht so gut deutsch und gerade er freute sich besonders auf Polen und die polnischen *ädchen. Er wollte daheim tanzen gehen und sich eine Freundin suchen. Aber Jacek war dazu nicht zu überreden.

Drago versuchte ihm klar zu machen, dass Ilonka von seiner Liebe sicher nichts wüsste, und er hätte es ihr einmal sagen sollen, doch das hielt Jacek für ausgeschlossen. „Natürlich weiß sie es! Ich bin doch mit ihr überall hingefahren, habe sie verwöhnt und sie war glücklich in meiner Nähe.“

„Und? Wie nah wart ihr euch?“, wollte Drago noch wissen. Verlegen spielte Jacek mit seinem Handy herum. Er hatte ja recht. Als langjähriger Freund ihres Bruders war er ihr ebenfalls wie ein Bruder und er hatte es sich einfacher vorgestellt. Schon oft war er dem Versuch nahe, es ihr zu sagen, doch immer wich sie ihm aus, kam etwas dazwischen.

„Siehst du!“, sagte Drago nur nach einigen langen Minuten des Schweigens. „Komm mit mir, schlag sie dir aus dem Kopf, sie interessiert sich nicht für dich! Such dir eine neue Freundin!“

Jacek wollte es nicht glauben, gut, dass sie ihn nicht liebte, sie war ja noch jung, aber sie kam doch mit all ihren Problemen zu ihm, eher noch als zu ihrem Bruder. Sie wusste, er war verschwiegen, erzählte seinem Freund nur, was er auch hören durfte.

Lange noch dachte er über die Worte Dragos nach. Und wenn er recht hatte? Sie sah in ihm nur einen Freund? Er musste mit ihr reden, allein. Dabei fiel sein Blick wieder auf das Handy und wieder wählte er ihre Nummer.

***

Nach dem Kinobesuch lud Peter sie zum Essen ein. Es war ein vornehmes Lokal, so etwas hatte Ilonka noch nie von innen gesehen und man schien ihn dort zu kennen. Es schmeckte ihr dort ausgezeichnet, und als sie am späten Abend das Lokal verließen, um in seinen Sportwagen zu steigen, fuhren sie noch auf ein Getränk in das benachbarte Motel an.

Ilonka kam das alles wie ein Traum vor. Sie trank das, was Peter ihr anbot und ging mit ihm wohin er wollte. Am nächsten Morgen wachte sie in seinen Armen auf und sie kuschelte sich begeistert an ihn. Sie hatte mal einen Film im deutschen Fernsehen gesehen. Sie dachte darüber nach, es war ein *ärchen von einer gewöhnlichen Ente, die zu einem jungen hübschen Schwan wurde. Ja, so fühlte sie sich: Wie ein Schwan.

Als Peter sie um Mitternacht vor dem Lokal aus seinem Sportwagen ließ, war sie mit einem neuen Handy ausgestattet und sie trug einige Tüten in ihre bescheidene Kammer.

Als der Wirt ihr später Jaceks Handy überreichte, sah sie es nur verächtlich an. Sie fühlte sich sehr wohl und dachte nicht mehr an Jacek.

So kam es, daß Ilonka jetzt täglich mit Peter und seinen Freunden die Abende verbrachte. Oft endeten sie im Hotelbett. Ihre Kammer wurde kaum benutzt. Sie lernte ein völlig neues Leben kennen. Es war ein Leben in Saus und Braus. Den Gutshof allerdings, auf dem Peter zu Hause war, bekam sie nie zu Gesicht, und deshalb fiel sie auch aus allen Wolken, als ihr einer von Peters Freunden die Verlobungsanzeige zusteckte.

„Graf und Gräfin von Fürstenfeld geben hiermit die Verlobung ihres Sohnes Peter von Fürstenfeld mit der Tochter Isolde des Grafen Falkenstein und seiner Gemahlin bekannt.“

Er wich ihr aus, als sie ihn daraufhin ansprach, doch ab dieser Zeit sah man ihn nur noch selten in seinem ehemaligen Stammlokal. Seine Freunde kamen immer noch, doch Peter blieb unerreichbar für sie. Seine Freunde waren sehr nett zu ihr und trösteten sie. Wenn sie ihn anrief, ging er nicht an den Apparat.
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Ann
BeitragVerfasst am: 08.06.2007, 19:39  Neue Antwort erstellen
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Gastarbeiter Teil 2
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Administrator
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 45131
Wohnort: Gronau

Hallo Juska,
eine sehr unterhaltsame Geschichte, macht Freude sie zu lesen.
Gibt es noch eine Fortsetzung, es macht mich so neugierig?

Liebe Wochenendgrüße
Ann
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Juska
BeitragVerfasst am: 08.06.2007, 23:50  Neue Antwort erstellen
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Gastarbeiter Teil 2
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Gartenmeister(in)
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
Beiträge: 6017

Hallo Ann,
ich denke, dass nach dem nächsten Teil Schluss sein wird mit dieser Folge. Danach wird es dann schwieriger werden. Ich habe zwar einen ganzen Ordner voller Geschichten, doch ich fürchte sie sind nicht alle tauglich (Seit meiner OP habe ich auch keine neuen Geschichten mehr geschrieben.
Ich soll mich mehr bewegen.
Doch sicher finde ich noch hier und da eine. (Dummer weise bin ich mit den
besten Geschichten angefangen, was man eigentlich nicht sollte) Smilie

liebe Grüße Juska
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