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  Gedichte  -  Ernst Stadler 1883-1914 elsässicher Lyriker
Ann
BeitragVerfasst am: 08.07.2007, 20:47  Neue Antwort erstellen
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Ernst Stadler 1883-1914 elsässicher Lyriker
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
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Die Rosen im Garten blühn zum zweiten Mal.
Täglich schießen sie in dicken Bündeln
In die Sonne. Aber
die schwelgerische Zartheit ist dahin,
Mit der ihr erstes Blühen sich im Hof
des weiß und roten Sternenfeuers wiegte.
Sie springen gieriger,
wie aus aufgerissenen Adern strömend,
Über das heftig
aufgeschwellte Fleisch der Blätter.
Ihr wildes Blühen
ist wie Todesröcheln,
Das der vergehende Sommer
in das ungewisse Licht des Herbstes trägt.


Zuletzt bearbeitet von Ann am 26.03.2008, 20:42, insgesamt einmal bearbeitet
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Ann
BeitragVerfasst am: 08.07.2007, 21:02  Neue Antwort erstellen
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Ernst Stadler 1883-1914 elsässicher Lyriker
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Sommer

Mein Herz steht bis zum Hals in gelbem Erntelicht
wie unter Sommerhimmeln schnittbereites Land.
Bald läutet durch die Ebenen Sichelsang: mein Blut
lauscht tief mit Glück gesättigt in den Mittagsbrand.
Kornkammern meines Lebens, lang verödet,
alle eure Tore sollen nun wie Schleusenflügel offen stehn,
Über euern Grund wird wie Meer die goldne Flut der Garben gehn.
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Ann
BeitragVerfasst am: 08.07.2007, 21:03  Neue Antwort erstellen
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Glaube nur

Wenn im Sommer der rote Mohn
Wieder glüht im gelben Korn,
Wenn des Finken süßer Ton
Wieder lockt im Hagedorn,
Wenn es wieder weit und breit
Feierklar und fruchtstill ist,
Dann erfüllt sich uns die Zeit,
Die mit vollen Maßen mißt,
Dann verebbt, was uns bedroht,
Dann verweht, was uns bedrückt,
Über dem Schlangenkopf der Not
Ist das Sonnenschwert gezückt.
Glaube nur! Es wird geschehn!
Wende nicht den Blick zurück!
Wenn die Sommerwinde wehn,
Werden wir in Rosen gehn,
Und die Sonne lacht uns Glück.
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Ann
BeitragVerfasst am: 15.07.2007, 21:04  Neue Antwort erstellen
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Vorfrühling

Bäume weiß ich, frühlingsstarke Bäume, denen gärend der Jugend Saft durch glühende Adern singt.
Die lechzend verlangen nach dem Rausche der Erfüllung.
Aber noch starren sie kahl und stumm. Harte Schorfe ketten die vorschwellenden Triebe.
Und in wilden Träumen nur langen sie empor zu dem schaffenden Licht, daß es sie bade in Glanz und Glut.
Weiten sich ihre Äste, daß gierig sie einsögen den zauberstarken Most lauen Sommerregens, zu erblühen und zu leben gleich ihren Brüdern.
Denn noch kennen sie nicht den Sommerrausch der Erfüllung. Aber krachend durchwühlt ihren Leib der Lenzstrom der Ahnung.
Wanderer ziehen vorüber, und also spricht einer zum anderen:
»Sehet die Bäume dort, wie kahl sie stehen und stumm! Kalt schleppt sich ihr Blut, und *ürrisch fliehen sie des Lenzes sanft wirkende Kraft.
Lasset sie im Dunkeln, die Finstern! . . .«
So sprechen sie und gehen vorbei. –
Und nicht einer, der sähe die stürmenden Flammen der Sehnsucht, die gierend aus ihren Augen lodern und verzehrend über ihnen zusammengluten . . .
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Ann
BeitragVerfasst am: 15.07.2007, 21:06  Neue Antwort erstellen
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Pans Trauer

Die dunkle Trauer, die um aller Dinge Stirnen todessüchtig wittert,
Hebt sachte deiner Flöte Klingen auf, das mittäglich im braunen Haideröhricht zittert.
Die Schwermut aller Blumen, aller Gräser, Steine, Schilfe, Bäume stummes Klagen
Saugt es in sich und will sie demutsvoll in blaue Sommerhimmel tragen.
Die *üdigkeit der Stunden, wenn der Tag durch gelbe Dämmernebel raucht,
Heimströmend alles Licht im *ütterlichen Schoß der Nacht sich untertaucht,
Verlorne Wehmut kleiner Lieder, die ein *ädchen tanzend sich auf Sommerwiesen singt,
Glockengeläut, das heimwehrauschend über sonnenrote Abendhügel dringt,
Die große Traurigkeit des Meers, das sich an grauer Küsten Damm die Brust zerschlägt
Und auf gebeugtem Rücken endlos die Vergänglichkeit vom Sommer in den jungen Frühling trägt –
Sinkt in dein Spiel, schwermütig helle Blüte, die in dunkle Brunnen glitt . . .
Und alle stummen Dinge sprechen leise glühend ihrer Seelen wehste Litaneien mit.
Du aber lächelst, lächelst . . Deine Augen beugen sich vergessen, weltenweit entrückt
Über die Tiefen, draus dein Rohr die große Wunderblume pflückt.
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Ann
BeitragVerfasst am: 15.07.2007, 21:09  Neue Antwort erstellen
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Ballhaus

Farbe prallt in Farbe wie die Strahlen von Fontänen, die ihr Feuer ineinanderschießen,
Im Geflitter hochgeraffter Röcke und dem Bausch der bunten Sommerblusen. Rings von allen Wänden, hundertfältig
Ausgeteilt, strömt Licht. Die Flammen, die sich zuckend in den Wirbel gießen,
Stehen, höher, eingesammelt, in den goldgefaßten Spiegeln, fremd und hinterhältig,
Wie erstarrt und Regung doch in grenzenlose Tiefen weiterleitend, Leben, abgelöst und fern und wieder eins und einig mit den Paaren,
Die im Bann der immer gleichen Melodien, engverschmiegt, mit losgelassnen Gliedern schreitend,
Durcheinanderquirlen: Frauen, die geschminkten Wangen rot behaucht, mit halb gelösten Haaren,
Taumelnd, nur die Augen ganz im Grund ein wenig matt, die in das Dunkel leerer Stunden laden,
Während ihre Körper sich im Takt unkeuscher Gesten ineinanderneigen,
Ernsthaft und voll Andacht: und sie tanzen, gläubig blickend, die Balladen
*üd gebrannter Herzen, lüstern und verspielt, und vom Geplärr der Geigen
Wie von einer zähen lauen Flut umschwemmt. Zuweilen kreischt ein Schrei. Ein Lachen gellt. Die Schwebe,
In der die Paare, unsichtbar gehalten, schaukeln, schwankt. Doch immer, wie in traumhaft irrem Schwung
Schnurrt der Rhythmus weiter durch den überhitzten Saal . . . Daß nur kein Windzug jetzt die roten Samtportieren hebe,
Hinter denen schon der Morgen wartet, grau, hager, fahl . . . bereit, in kaltem Sprung,
Die Brüstung übergreifend, ins Parkett zu gleiten, daß die heißgetanzten Reihen jählings stocken, Traum und Tanz zerbricht,
Und während noch die Walzerweise sinnlos leiernd weitertönt,
Tag einströmt und die dicke Luft von Schweiß, Parfum und umgegossnem Wein zerreißt, und durch das harte Licht,
Fernher rollend, ehern, stark und klar, das Arbeitslied der großen Stadt durch plötzlich aufgerissene Fenster dröhnt.
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Ann
BeitragVerfasst am: 15.07.2007, 21:12  Neue Antwort erstellen
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Leoncita

Du warst nackte Eva im Paradies, blank, windumspielt und ohne Scham.
Du wuchsest mit den Früchten und Tieren. Der Morgen nahm
Dich aus dem Arm der Nacht, und Abend bettete dich weich
Zur *ütterlichen Erde. Du warst wild und schön. Du warst den Tieren gleich.
Warst Rauschen grüner Wipfel. Warst Krume des Bodens, der dich trug.
Dein Schicksal klopfte mit dem Blut, das leicht und stark durch deine Adern schlug.

Aber dann kamen sie mit Netzen und Zangen
Und haben dich eingefangen.
Und wollten von ihren schlechten Säften
In dich verspritzen, dein Raubtierblut zu entkräften.
Du hast sie abgeschüttelt. Aber eine große Traurigkeit
Kam über dich und schwamm in deinen Blicken, die die Herrlichkeit
Noch hielten jener schweigend jungen Schöpfungslust. Du trugst
Die Ketten, die sie dir geschmiedet. Schlugst
Sie nicht zu Boden, da sie dich in ihre Zellen schlossen. Spiest ihnen nicht,
Da sie den Schacherpreis belasteten, ins schmatzende Gesicht.
Du kauertest vor deinem Weh und horchtest auf der Sterne Lauf . . .
Aber immer noch stürzt dein Blut, wie heftige Strömung, ab und auf,
Und deine Augen, wie zwei ruhelose Tiere schweifen
In die Welt hinaus und greifen
Ins Gewühl, als wollten sie das Schicksal packen,
Und dein schwarzes Haar schlägt herrisch dir im Nacken,
Eine windentrollte Fahne, die zum Sturme weht –
Auf! Reiße dich empor! Die Barrikade steht!
Der Himmel ist von tausend Freiheitsfackeln aufgehellt – Brich aus, Raubtier,
Stürme an ihren erstarrten Reihen,
Aufgerissnen *äulern, schreckerstickten Schreien
Vorbei
In deine Welt!
Brich aus, Raubtier!
Brich aus!
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