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  Gedichte  -  Karl Henckell 1864-1929 deutscher Lyriker Schriftsteller
Ann
BeitragVerfasst am: 15.08.2007, 18:43  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Karl Henckell 1864-1929 deutscher Lyriker Schriftsteller
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Kruzifixus

Und habt ihr mich aufs Blut gequält,
Weil ich den Stab auf Gott gestellt,
Der Büttel Stoß hat mich gestählt,
Am Kreuz noch bin ich Herr der Welt.

Den Geißelweg hab ich gewußt
Von Anbeginn in meinem Geist,
Doch wußt ich auch die tiefste Lust,
Die solcher Leidensweg verheißt.

Schwand mir die Kraft, von Wut umzischt,
War's, weil auch mich ein Weib gebar –
Nun, eh das Auge ganz erlischt,
Scheid' ich im Licht und schaue klar.
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Ann
BeitragVerfasst am: 15.08.2007, 18:44  Neue Antwort erstellen
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Neues Leben

Fass' es, Mensch, und wirf zusammen
Alles nun in einen Brand,
Was zur Schwäche mag verdammen,
Was mit Feigheit dich umwand.
Soll dich etwas so bedrohen,
Daß es willenlos dich beugt?
Gib's dem Feuer! Laß es lohen!
Sei der Geist, der selbst sich zeugt!

Deine Flamme sei die Stunde,
Deine Wiege der Moment –
Sei mit jener Macht im Bunde,
Die kein Recht von gestern kennt.
Wisse, Schuld wird ungeheuer,
Die ihr Konto nie zerreißt –
Laß es lohen! Gib's dem Feuer!
Sei der Zeuger, sei der Geist!
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Ann
BeitragVerfasst am: 15.08.2007, 18:45  Neue Antwort erstellen
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Der Kronenträger

Und trag' ich auch kein Purpurkleid
Mit Hermelin und Goldgeschmeid,
Ich glaube doch bis an mein Grab,
Daß Gott mir Reich und Krone gab.

Der Reif, der fein dies Haupt umflicht,
Erhöht mein sterblich Angesicht,
Und Flammen reiner Ehrfurcht lohn
Um meinen unsichtbaren Thron.

Gebannt in solcher Gnaden Kreis
Sing' ich den höchsten *ächten Preis,
Des dritten Reiches Macht und Ruhm
Sei meiner Harfe Heiligtum!

Mein ist das Reich der stillen Tat,
Das heimlich hier auf Erden naht;
Von ewiger Sehnsucht vorgeschaut,
Wird es erkämpft und auferbaut.

Wollt' ich verlassen je sein Licht,
Ein Hüter, der die Treue bricht,
Dem armen Wicht wär ich verwandt,
Der sich erhängt mit eigner Hand.

Doch sinkt der Schwermut leiser Flor
Auf diese Stirn, die Gott erkor,
Wenn sich der Feinde Rotte mehrt
Und das geliebte Land verheert,

In meinem königlichen Schmerz
Aufblitzt ein Licht wie funkelnd Erz:
Kein König, der's verloren gab!
Die Krone trag' ich bis ans Grab.
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Ann
BeitragVerfasst am: 15.08.2007, 18:46  Neue Antwort erstellen
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Sturm

Lang schon lag auf der Lauer,
Leise sausend,
Heimlicher Sturm.
Plötzlich näher und näher brausend,
Überfällt er die Welt.
Frühlingsschauer
Bringt er dem atemschöpfenden Land.

Sturm!

Was in verzehrender
Sehnsucht harrte,
Schier begraben in schweigender Qual,
Was die luftspiegelnde
Hoffnung narrte,
Mit einem Mal
Hebt es die Häupter.

Und aus der lähmenden Stille
Endlich gebrochenem Bann
Schwillt des Lebens erlösender Wille
Wieder höher
Und höher an.
Denn nur Hörige dulden gelassen,
Was des Rechtes Würde verhöhnt,
Freiheitliebende Menschen hassen,
Was mit Unbill
Die Unbill krönt.

Seht, ein Sturm
Ist langsam gekommen,
Jetzo bläst er gewaltig ins Horn,
Wer hinhorchte,
Hat längst ihn vernommen –
Städte erschüttert,
Länder reinigt sein herrlicher Zorn.
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BeitragVerfasst am: 15.08.2007, 18:47  Neue Antwort erstellen
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Lux in tenebris

Ob Elend kauert
Gespenstisch in Ecken,
Dunkel lauert,
Schmach zu verdecken;

Wie dumpfer Gewalten
Schattenhaft Grausen,
Hexen schalten,
Teufel hausen.

Heimlich hinrieselt ein Bronnen,
Wo die Schande dem Schrecken gefrohnt,
Und vom säubernden Lichte der Sonnen
Bleibt kein schuldiger Winkel verschont.
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Ann
BeitragVerfasst am: 15.08.2007, 18:49  Neue Antwort erstellen
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Weihnacht

Es klingt ein Lied aus alter Zeit,
Wie Sternentraum so rein,
Von eines Kindleins Herrlichkeit
Und schlichter Hütte hellem Schein.

In eine Nacht von Wahn gebar,
Als sich die Zeit erfüllt,
Das Weib den Menschensohn, der klar
Den Widersinn der Welt enthüllt.

Sein Auge war so himmelstief,
Durchstrahlte Trug und List;
Der Lichtheld wuchs, sein Schicksal rief:
Am Kreuze hing der erste Christ.

Noch immer hängt der Mensch am Kreuz,
Noch immer jammern Fraun,
Dem Glockenklang des Weihgeläuts
Mischt sich des Wahnsinns Weh und Graun.

Der Geist, der stark mit Feuer tauft,
Wird immer noch geschmäht,
Noch wird verraten und verkauft,
Wer Saat der kühnen Liebe sät.

Noch sind so viele Augen blind,
Herrscht ungerecht Gericht –
Doch wieder ward die Wahrheit Kind,
Und langsam, langsam wächst ihr Licht.
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BeitragVerfasst am: 15.08.2007, 18:50  Neue Antwort erstellen
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Hymnus an das Leben

Du, brausend aus ewig schwangerer Nacht
Und ewig zeugendem Lichte,
Aus feuchtem Brodem und Glut entfacht,
Verwegenstes der Gedichte:
Geträumt von Gott, dem ursprünglichen Geist,
Dem Grund des Abgrunds entquollen,
Du, das da schäumt und zittert und kreist –

Wie rollen

Geheimnisvoll die Rhythmen des Alls
Durch deine dämonischen Fluten,
Im Wirbel der Wollust, im Schrei des Metalls,
In gewitterflammenden Ruten!
Im adlerschwebenden Gletschersang
Der unbesieglichen Seelen,
Im schattendämmernden Untergang –

In Höhlen

Der schwelenden Wut und des heimlichen Leids,
Im Feuer der stolzen Empörung,
In blühender Rosen berückendem Reiz,
In seliger Sehnsucht Erhörung.
In lachender Laune weltheiterem Laut,
In Genien, der Urkraft ergeben,
Was da atmet und schwingt, was da leuchtet und taut:

Du Leben!
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Ann
BeitragVerfasst am: 15.08.2007, 18:52  Neue Antwort erstellen
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Suum cuique!

Es läuft ein großes Schweinepack
Auf dieser Welt herum,
Ob Sportdreß, Samtflaus, Joppe, Frack,
Obs Schnaps säuft oder Mumm.

Steckt überall den Rüssel rein,
Wo's was zu schnüffeln gibt,
Bekleckert selbst den klaren Wein,
Den man zu trinken liebt.

Und hat es Einem brav verhunzt
Des Lebens Kunst und Preis,
So wälzt es sich und quiekt und grunzt
Und jodelt mit dem Steiß.

Und macht dazu ein süß Gesicht,
Infam bis dorthinaus,
Und schiebt man's weg, es rührt sich nicht
Und drückt sich fest ans Haus.

Es läuft ein großes Schweinepack
Auf dieser Welt herum,
In Löcherkähnen oder Lack –
Genus canalljicum.
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Ann
BeitragVerfasst am: 15.08.2007, 18:54  Neue Antwort erstellen
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Stille halten

Was will das Herz mir spalten?
Der Mißmut bohrt und sägt.
Es ist ein wüstes Schalten,
Das nicht nach Lust und Liebe frägt.
Du mußt fein stille halten,
Wie roh es auf dich schlägt,
Das Deine recht gestalten
Und tragen, was das liebe Herz erträgt.
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Ann
BeitragVerfasst am: 15.08.2007, 18:54  Neue Antwort erstellen
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Weg zur Kunst

Ein langer Weg und ein *ühselig Wesen,
Bis du die Kunst erwirbst, die dich erlesen,
Der Menge scheint sie leicht wie Kinderspiel.
Und wenn du fragst: womit wird sie gewonnen?
Geduld und Liebe winken aus dem Bronnen;
Wenn die zwei fehlen, nützt Talent nicht viel.
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Ann
BeitragVerfasst am: 15.08.2007, 18:55  Neue Antwort erstellen
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Mein Neujahrswunsch
Auf eine Zeitschriftanfrage

Was ich erwarte vom neuen Jahre?
Daß ich die Wurzel der Kraft mir wahre,
Festzustehen im Grund der Erden,
Nicht zu lockern und morsch zu werden,
Mit den frisch ergrünenden Blättern
Wieder zu trotzen Wind und Wettern,
Mag es ächzen und mag es krachen,
Dunkel zu rauschen, hell zu lachen
Und im flutenden Sonnenschein
Freunden ein Baum des Lebens zu sein.
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Ann
BeitragVerfasst am: 15.08.2007, 18:57  Neue Antwort erstellen
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Verlorene Poeten

Wie Blumen, den Winden geboten zum Spiel,
Besonders geartet, auf zarterem Stiel
Mit schwereren, volleren Kelchen gekrönt,
Verschütten den Duft sie, von Rhythmen durchtönt.

Ein Pilger nur horcht auf den seltsamen Sang
Der zitternden Häupter am einsamen Hang.
Sie neigen sich lieblich, nun steigen sie kühn
Erhoben zum Äther. Sie leuchten, sie glühn.

Doch sie leiden am Leben, das ihnen so kalt
Entgegenschauert mit fremder Gewalt.
Verletzbar durch Bosheit, von Roheit erschreckt,
Früh werden sie *üde zu Boden gestreckt.

Ihr letzter Laut – ein verschollenes Ach!
Jäh packt sie der Wirbel, der wütende Bach.
Der dunkleren Lose schwermütiges Lied
Geht schluchzend verloren in Röhricht und Ried.
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Ann
BeitragVerfasst am: 15.08.2007, 18:58  Neue Antwort erstellen
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Unterirdischer Weg

Aus den Schächten meines Lebens
Leiden hab' ich tief geschürft,
Unterirdischen Erbebens
Schauer schreckensheiß geschlürft.

Dämpfe stiegen, schlugen Gase,
Drin das Grubenlicht erstickt –
Durch der Hölle bös Geblase
Hab' ich Himmelsglanz erblickt.
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Ann
BeitragVerfasst am: 15.08.2007, 18:59  Neue Antwort erstellen
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Wildbach
Herrlich vom Sturz der Gewalten umstoben,
Donnerndem Toben, –
Sonne verlischt –
Jauchze, mein Leben, drunten und droben
Schäumend umzischt!

Wollten die sickernden Sümpfe dich lähmen,
Larven dich zähmen,
Hürdengemischt –
Lerne der schwächlichen Sünden dich schämen,
Urwelterfrischt!

Schlürfe die Wucht der geschleuderten Wasser;
Tosende Hasser,
Haben sie Blöcke zur Seite gewischt –
Riesigen Ingrimms zermalmende Prasser,
Schwelgend in Gischt . . .
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Ann
BeitragVerfasst am: 15.08.2007, 19:42  Neue Antwort erstellen
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Lebensschale

So magst du unerschüttert schweben
Und reichgefüllt im Gleichmaß ruhn,
Du Schale, die mir Gott gegeben,
All Lust und Last hineinzutun.

Wild schwanktest du im Ungewissen,
Hast dich zum Abgrund jäh geneigt –
Nun sei in Licht und Finsternissen
Die nimmer stürzt noch schwindelnd steigt
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