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  Kurzgeschichten  -  Mondsüchtig
Juska
BeitragVerfasst am: 20.09.2007, 19:41  Neue Antwort erstellen
Kurzgeschichten
Mondsüchtig
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
Beiträge: 6017

Mondsüchtig?
Ich ritt gen Westen immer auf die große runde, orangerote Scheibe zu, die mich magisch anzog. Wohin ich wollte? Es war mir egal, Hauptsache fort. Fort von ihr, dieser Frau. Ihr, die mein Leben beherrschte, wie es noch nie ein Mensch bei mir geschafft hatte.
Bisher war ich frei; frei wie ein Vogel und das wollte ich wieder sein. Ich wollte denken, wie ich wollte, laufen, wohin ich wollte. Doch was davon hatte ich in den letzen Jahren getan?
Ich war ihr hinterher gerannt wie ein Hündchen, putzte ihr das Naschen, wenn es lief, schickte ihr täglich Blumen und was tat sie? Sie stellte sie noch nicht einmal in eine Vase, ging aus dem Haus, sagte nicht wohin, bis ich sie jetzt sah: Natürlich in den Armen eines Anderen.
In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Wie lange mag das schon so gewesen sein? Es wurde mir siedend heiß klar: Es ist nie anders gewesen. «Sie hat dich nach Strich und Faden verarscht!» sagte mir der wichtigste Gedanke und die anderen lachten mich aus.
Ich zog die Zügel kurz an und signalisierte dem Pferd, anzuhalten. Dort unten am Wegrand setzte ich mich auf einen Stein und drehte mir eine Zigarette. Als mir die Tränen kommen wollten, schluckte ich einmal kräftig und während ich den Tabak in meine Lungen hinein sog, verließen mich kurz die Gedanken an sie. Ich dehnte und streckte mich; wie wohl das tat!
Erst jetzt nahm ich die Welt um mich herum wieder wahr. Ich tätschelte meine Liese, die mich den ganzen Weg so treu und brav getragen hatte. Sie und nur sie hatte meine Liebe verdient und sie sollte entscheiden, wohin uns der Weg führt. Ich saß jetzt etwas entspannter auf ihrem Rücken und wenn eine Weggabelung kam, ließ ich die Zügel schleifen und sie entscheiden, in welche Richtung es weiter gehen sollte. Sie hielt immer auf die untergehende Sonne zu. Es sollte mir recht sein. Mir war jetzt alles recht.
Ich sah einen erstaunlich bewegenden Sonnenuntergang und dann tauchte der Mond auf. Vollmond heute. Mein Pferd wechselte leicht die Richtung. Während es vorher die Sonne war, auf die wir zuritten, so war es jetzt der Mond, der unsere Richtung bestimmte. Von mir aus! Es war mir gleich. Sollte das Schicksal bestimmen, wie es weiterging. Mir war es vollkommen schnuppe.
Zunächst hing ich noch so meinen Gedanken nach. Der Weg war ok und Liese trabte kräftig drauflos. Nach einer Zeit des Dösens schlief ich dann wohl wirklich ein und wurde plötzlich wach, weil mein Pferd statt zu traben, eine schnellere Gangart an den Tag legte bzw. den Abend.
Ich sah in der Dunkelheit auf meine vom Mond beschienene Armbanduhr und stellte fest, dasswir schon drei Stunden seit der Rast unterwegs sein mussten. Warum war Liese nur so fit?
Sie musste doch langsam auch *üde werden!
Warum nur hatte sie es so eilig? Es war mir ein Rätsel. Doch plötzlich ging mir ein Licht auf.
«Ob sie etwa? Nein, nicht ein Pferd, niemals!» beantwortete ich meinen beginnenden Verdacht. «Pferde sind niemals mondsüchtig!»
Doch Liesa tat alles, um mir das Gegenteil zu beweisen. Sie lief immer schneller und immer auf die Mitte der Scheibe zu, die direkt vor ihr stand.
Ich versuchte mit einem Tritt in die Flanken und dem Ziehen der Zügel, sie zum Anhalten zu bewegen. Sie zeigte keine Reaktion. Liese war wie von Sinnen.
Sie holte mich in die Wirklichkeit zurück, ob ich wollte oder nicht.
«Sollte ich bei der Geschwindigkeit versuchen vom Pferd zu steigen? Nein, nicht nach diesem Schläfchen. Es würde mir nicht gelingen und außerdem würde dieses dusselige Pferd weiterlaufen, da war ich mir ganz sicher jetzt und ich stünde alleine in dieser endlosen Weite.

Nein, nicht das auch noch, auch noch sie verlieren!»
Ich versuchte, das Tier zu beruhigen, denn es fiel mir auf, dass es laut durch die Nüstern blies. Ich tätschelte seinen Hals, kraulte zwischen seinen Ohren die lange *ähne, doch das alles ohne Erfolg. Es lief, wie von der Tarantel gestochen.
«Du hast es so gewollt!» strafte ich mich, «Du wolltest das Tier bestimmen lassen, wo es hingeht, also finde dich damit ab!»
Liese jagte mit mir durch die Dunkelheit und machte keinerlei Anstalten einen Stopp einlegen zu wollen. Inzwischen wurde ich das Gefühl nicht los, als wenn es zwischen Liese und dem Mond eine Absprache gab. Eine Art Sog. Ja genau, Liese wurde vom Mond angesogen.
«Und wo bleibe dabei ich? MUSS ich mir das gefallen lassen? Was sollte ich tun, um es zu verhindern? Ich konnte nichts unternehmen.»
*üde war ich von der vielen Überlegerei und der Rücken schmerzte und ich schloss die Augen.
«Ich muss warten, bis sie erschöpft aufgibt, oder bis der Tag anbricht und der Mond uns verlässt!» ging es mir nur noch durch den Kopf und dann schlief ich trotz der Geschwindigkeit erneut ein.
Als ich aufwachte, wusste ich nicht, wo wir uns befanden. Liese lag inmitten von Kamelen in einer Oase. Rund um uns herum lauter Tuaregs.
Ich suchte sogleich den Mond. Doch, doch; es gab ihn noch. Er stand jetzt seitlich zu uns und ich kletterte behände vom Rücken des liegenden Pferdes, welches schon mit Wasser versorgt worden war.
Sie redeten und nickten mir freundlich zu, zeigten auf das Pferd und ich sah, dass es tief und fest schlief. Es hatte wohl kaum Sinn mit ihnen ein Gespräch zu führen, denn sie würden mich nicht verstehen, also ging ich auf sie zu und zeigte mit dem Finger auf den Mond. Sie nickten
und lachten und wiesen auf das Pferd. Sollten sie so etwas kennen?
Sollten die Kamele auch des Öfteren mondsüchtig sein?
Wie auch immer; ich nahm ihre Pfeife dankbar an, die sie mir reichten. Sie benebelte wunderschön meine Sinne und ich genoss ihre Gastfreundschaft. Ich streckte mich zum zweiten Mal seit meiner Flucht sehr entspannt aus und verbrachte den Rest der Nacht in Gesellschaft dieser angenehmen Leute. Diese Ruhe, die sie ausstrahlten! Sie waren so ganz anders, so als hätten sie keine Bedürfnisse, außer genügsam zu genießen. Ich bekam wieder die Pfeife und sog kräftiger als beim ersten Zug. Diesmal benebelte das Opium oder was auch immer der Inhalt dieser Pfeife sein wollte meine Sinne so, dass ich glaubte in den Armen von Fatima zu liegen, die mir der älteste Tuareg zum Geschenk machte. Fatima sang mir etwas vor und ich lullte in ihrem Schoß ein. Sie roch gut. Ich hatte derlei Gerüche noch nie vernommen.
Ich erwachte neben meiner Liese, ganz allein. Der Mond war verschwunden und die Sonne übernahm stattdessen wieder die Führung. Meine Liese fiel voll darauf rein, sie wandte sich gen Osten.
Die erste Ortschaft, durch die wir kamen, ließ uns dort verweilen. Ich dachte an den bevorstehenden Abend und Lieses Mondsucht und verbrachte den ganzen Tag in dieser herrlichen Gegend. Ich sah mir die *ädels an, die auf dem Marktplatz noch in Krügen Wasser aus dem Brunnen holten und ließ mir Zeit, alles genauestens zu betrachten. Liese stapfte an ihren Zügeln teilnahmslos hinter mir her. Ich lief ein wenig mit ihr im Schlepptau herum um mir die Gegend anzusehen und entspannte mich in einem Liegestuhl an einer Bar mit einem erfrischenden Getränk, anschließend kaufte ich mir dieses und jenes, um nicht zu verhungern und ließ den Tag gemütlich zu Ende gehen. Ein Nachtlager hatte ich schon ausfindig gemacht. Da es nicht kalt war, fand ich ein gemütliches Plätzchen am Ortsrand unter ein paar Sträuchern.
Doch ich hatte mich geirrt. Kaum stand der Vollmond am Firmament steuerte meine Liese wieder auf die Scheibe zu, als hätte es für sie nie etwas anderes gegeben und mir blieb nichts anderes übrig, als mich entgegen meinem Willen wieder auf ihren Rücken zu begeben. Wie am Abend zuvor verfiel sie in eine immer schnellere Gangart. Diesmal war scheinbar der Sog des Mondes noch stärker, als am Tag zuvor, sodass sie nicht mehr trabte, sondern mir schien es, dass sie flog. Sie flog schneller und schneller. An ein Absteigen war nicht mehr zu denken und bevor sie diese runde helle Scheibe des Mondes in sich aufsog, ließ ich mich schnell noch vom Sattel fallen. Ein Glück für mich! Doch wie komme ich jetzt von dieser Wolke herunter?
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Leddes
BeitragVerfasst am: 23.09.2007, 09:56  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 16.09.2006
Beiträge: 1739
Wohnort: Baden-Baden

Hallo Juska

Was ein Mond alles ausmacht? Lachen So kommt man auf eine Wolke.

Schöne Geschichte

Gruß Leddes
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Juska
BeitragVerfasst am: 23.09.2007, 17:47  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
Beiträge: 6017

Hallo Leddes,
da *öchte ich mit einem Zitat antworten:


von Jean Anouilh

Die wahren Lebenskünstler sind bereits glücklich, wenn sie nicht unglücklich sind.

Behalte auch du deine gute Laune!

Liebe Grüße Juska
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