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  Kurzgeschichten  -  Erzählung
Juska
BeitragVerfasst am: 09.10.2007, 22:05  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
Beiträge: 6017

Burpokmansseike

Burpokmansseike
Es gibt eine Zeit in meinem Leben, da glaubte ich mich im Paradies zu befinden, obwohl der Anlass
für meine Unterbringung auf diesem Bauernhof alles andere, als paradiesisch war., denn Mutter
musste während der Zeit das Bett in einer Klinik hüten, weil der Ischiasnerv ihr sehr zusetzte. Mein
Vater brachte mich in den Ferien zu Freunden, die bereits erwachsene, teilweise jugendliche Kinder
und einen Bauernhof hatten. In der Nähe dieses Hofes lebten meine Verwandten, Vettern und
Cousine. Ich konnte mich von dort aus also nach Herzenslust mit ihnen treffen. Ich war zehn Jahre alt und ich erinnere mich an einen Besuch bei meiner Mutter in der Klinik.
Sie lag in ihrem Krankenbett und schrie jedes mal jämmerlich auf, sobald mein Bruder oder ich ihr
Bett auch nur leicht berührten. Man hatte sie mit dem Bein an eine Kette gehängt. Nach diesem ersten Besuch mit meinem Vater also ein Grund mehr für mich, die Ferienzeit auf dem Bauernhof zu genießen.
Morgens, wenn ich aufstand waren die Töchter des Bauern bereits bei der Arbeit.
Ich hatte es nicht bemerkt, wie sie am frühen Morgen das Zimmer verließen um sich mit Kühe-
melken zu beschäftigen.
In der Küche traf ich den Sohn des Bauern. Dieser alberte etwas mit mir herum und Maria, die
bereits den Führerschein besaß, nahm mich mit ins Dorf zum Einkauf. Sie flüsterte mir unterwegs
ins Ohr:
„Wir werden dort Naschzeug mitbringen und es unter unsere Kopfkissen verstecken!". So kam es,
dass am Abend unser Geheimnis gelüftet wurde und Angela total überrascht Lakritzstangen und
andere Leckereien fand, denn wir schliefen zu dritt im Doppelbett.
Der Bauer hatte jedes mal die gleichen Worte für mich, sobald er mich sah. Mit seiner dröhnenden tiefen
Stimme rief er mir entgegen: „Na, Postmeisters Töchterlein!".
Ich verriet es einmal am Abend zu Angela, als sie noch nicht schlief und sie wusste sofort Rat: Sag
ihm einfach Burpokmansseike und dann ist er still. Ich wollte von ihr noch wissen, was das heißt, aber das bekam ich nicht mehr aus ihr heraus, denn sie war schon eingeschlafen. Es war Plattdeutsch,
soviel wusste ich schon. Am nächsten Morgen nachdem der Bauer mir, sobald er über den Hof lief
sein „Postmeisterstöchterlein!", herüber geschmettert hatte, rief ich ihm mein „Burpokmansseike!",
entgegen. Er lachte schallend, obwohl, ich verstand die Bedeutung des Wortes immer noch nicht.
Im Garten vor dem Haus gab es frische Erbsen und ich bediente mich reichlich. Ich aß sie direkt
aus der Schote und keiner sagte mir etwas, wenn ich die leeren Hülsen einfach im Garten herum
warf.
Manchmal ging ich mit Angela oder Maria durch die Gebäude, um Eier zu suchen. Überall hatten
die Hühner und Enten ihre Eier versteckt. Sogar über dem Geräteschuppen mussten wir in
sämtlichen Ecken nachsehen.
Wenn ich mich mit meinen Vettern und der Cousine traf streunten wir in der Gegend herum. Wir
besuchten Anita nur um sie zu ärgern und eigentlich machte ärgern Riesenspaß. Mit allen Kindern
in der Nähe stritten wir herum. Nur wir hielten alte drei wie Pech und Schwefel zusammen. Mein
jüngster Vetter sah uns oft traurig hinterher. Er war noch zu klein und musste bei Mama und Oma
bleiben. Wenn wir nach dem Spielen in die Küche zu meiner Tante kamen, saßen dort die
Erwachsenen gemütlich beisammen und unterhielten sich in plattdeutsch. Opa rauchte seine Pfeife
und schnell waren wir wieder draußen und spielten. Manchmal liefen wir über die Bahnschienen,
nahmen uns aber in Acht, wenn ein Zug angebraust kam und oft besuchten wir den
Schrankenwärter, der sich in seinem Bahnhäuschen langweilte. Er unterhielt sich gerne mit uns,
musste aber manchmal unsere Unterhaltung unterbrechen, indem er auf einen Anruf hin die
Schranke schließen sollte.
Dann lief er schnell, um sie herunter zu drehen.
Einmal hatte ich mit den beiden älteren *ädchen einen Fahrradausflug gemacht und das vergesse ich nie:
Beim Herunterbeugen über ein Brückengeländer verlor ich den Fahrradschlüssel aus meiner Bluse.
Er fiel hinunter in den Fluss. Nicht eine von Beiden machte mir deswegen Vorwürfe. Wie selbstverständlich hoben sie den Hinterreifen meines Fahrrads an und im Trio zogen wir singend zurück.

( Die Übersetzung des seltsamen Wortes lernte ich erst später kennen, als ich wieder daheim war: Bur=Bauer/pok=Schwein/mans/=muss/urinieren/)
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Ann
BeitragVerfasst am: 10.10.2007, 19:01  Neue Antwort erstellen
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Administrator
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 45131
Wohnort: Gronau

Hallo Juska,
wieder eine sehr schöne Schmunzelgeschichte. Danke!

Einen schönen Abend wünscht Dir
Ann
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Juska
BeitragVerfasst am: 10.10.2007, 20:33  Neue Antwort erstellen
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Gartenmeister(in)
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
Beiträge: 6017

Hallo Ann
Lachen und schlaf schön heute nacht!

liebe Grüße Juska
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Leddes
BeitragVerfasst am: 10.10.2007, 21:30  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 16.09.2006
Beiträge: 1739
Wohnort: Baden-Baden

Hallo Juska

Deine Geschichte habe ich wieder gern gelesen. Und immer die Frage was das für ein Wort ist Winken

Gruß Leddes
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Juska
BeitragVerfasst am: 13.10.2007, 09:42  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
Beiträge: 6017

Hallo Leddes,
wohntest du hier, würdest du es evtl kennen. Aber es sind mehrere Wörter
(Ich werde unser plattdeutsch vermissen, wenn ich mich ab Do. in Sardinien aufhalte) Dafür darf ich mich dann mit Englisch und italienisch herumärgern.

Winken liebe Grüße Juska
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