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  Gedichte  -  Anastasius Grün 1808-1876
Ann
BeitragVerfasst am: 16.11.2007, 20:02  Neue Antwort erstellen
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Anastasius Grün 1808-1876
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Blätter und Lieder.

Frühling ist's in allen Räumen!
Blüt' und Blume taucht empor,
Und aus Stauden und aus Bäumen
Sprießen Blätter grün hervor.

Jugend blüht auf meiner Wange,
Jugend glüht in meiner Brust;
Blättern gleich im Frühlingsdrange
Blühn mir Lieder aus der Brust.

Blätter saugen aus der Erde
Lebens Farbe, Glanz und Saft,
Flattern wieder zu der Erde,
Wenn sie knickt des Sturmes Kraft.

Aus der Lieb' erblühen Lieder,
Blühn und sprossen auf zum Licht,
Flüchten zu der Liebe wieder,
Wenn der Zeiten Arm sie bricht.

Wenn ein neuer Lenztag blinket,
Blühn die Blätter wieder auf,
Und wenn neue Liebe winket,
Leben neu die Lieder auf.


Zuletzt bearbeitet von Ann am 17.03.2008, 18:37, insgesamt einmal bearbeitet
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.11.2007, 21:21  Neue Antwort erstellen
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Bestimmung.

Als der Herr die Ros' erschaffen,
Sprach er: Du sollst blühn und duften!
Als er hieß die Sonne werden,
Sprach er: Du sollst glühn und wärmen!

Als der Herr die Lerch' erschaffen,
Sprach er: Flieg empor und singe!
Als geformt des Mondes Scheibe,
Sprach er: Rolle hin und leuchte!

Als der Herr das Weib erschaffen,
Sprach er: Sei geliebt und liebe!
Aber als er dich erschaffen,
Hat er wohl dies Wort vergessen.

Denn wie könntest du sonst sehen
Mond und Sonne glühn und leuchten,
Rosen blühen, Lerchen steigen,
Und geliebt sein und – nicht lieben?
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.11.2007, 21:22  Neue Antwort erstellen
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Dir allein!

*öchte jedem gern die Stelle zeigen,
Wo mein Herz so schwer verwundet worden;
Aber dir *öcht' ich mein Leid verschweigen,
Doch nur dir! denn du allein
Hast den Dolch, der mich vermag zu morden.

*öchte keinem meine Leiden klagen,
Aber dir enthüllen alle Wunden,
Die gar tief mein Herz sich hat geschlagen;
Doch nur dir! denn du allein
Hast den Balsam, der mich macht gesunden
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.11.2007, 21:23  Neue Antwort erstellen
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Der Besuch.

Oft des Tags und oft des Abends
Wall' ich an das Ziel der Sehnsucht
Aus der Stadt durchtobten Straßen
In der Vorstadt stillre Welt.

Über unsres Stromes Brücke
Zieh' ich hin mit raschem Schritte,
Wie ein Geist so still und schweigsam
Durch den lärmend lauten Schwarm.

Und dann rechts? – ach nein, zur Linken!
Seht, kaum weiß ich mehr es selber;
Dann grad fort? – ach nein zur Rechten,
Um die Ecke rasch gewandt!

Seltsam! – ging ich nie doch irre
Auf der schönen heil'gen Wallfahrt;
Dennoch, Freunde, kann ich nimmer
Künden euch den Weg dahin.

Kann kein Häuschen an der Straße
Zeichnen euch mit sichern Händen.
Also kennt man wohl die Sterne,
Aber nicht den Weg dahin!
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.11.2007, 21:24  Neue Antwort erstellen
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Familiengemälde.

Großvater und Großmutter,
Die saßen im Gartenhag,
Es lächelte still ihr Antlitz
Wie sonniger Wintertag.

Die Arme verschlungen, ruhten
Ich und die Geliebte dabei,
Uns blühten und klangen die Herzen
Wie Blumenhaine im Mai.

Ein Bächlein rauschte vorüber
Mit plätscherndem Wanderlied
Stumm zog das Gewölk am Himmel,
Bis unseren Blicken es schied.

Es raschelte von den Bäumen
Das Laub, verwelkt und zerstreut,
Und schweigend an uns vorüber
Zog leisen Schrittes die Zeit.

Stumm blickt aufs junge Pärchen
Das alte stille Paar;
Des Lebens Doppelspiegel
Stand vor uns licht und wahr:

Sie sahen uns an und dachten
Der schönen Vergangenheit;
Wir sahen sie an und träumten
Von ferner, künftiger Zeit.
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.11.2007, 21:25  Neue Antwort erstellen
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Die Wunder.

Willst du es sehn, wie lohe Flammenglut
Beisammen friedlich wohnt mit Wasserflut,
Wie beide ineinander frei bestehn,
So musst du ihr ins klare Auge sehn;
Drin wohnt ein Feuer wie die Glut der Sonne,
Draus siehst du wie aus glühem Flammenbronne
Oft klar den Perlenquell der Tränen taun,
Kannst Glut in Flut und Flut in Gluten schaun.

Willst du auch sehn den Becher wunderbar,
Draus tötend Gift und Honig süß und klar
Mit einem einz'gen Zug man saugen kann:
O blicke ihren Rosenmund nur an!
Der Wunderbecher sind die Purpurlippen,
Draus Süß und Herb mit einem Zug zu nippen,
Ein Honigseim, der's Herz belebt und nährt,
Ein Gift, das wild am Lebensmarke zehrt.

Und kennst das goldne Wundernetz du nicht,
Wo sich kein Faden in den andern sticht,
Das fest zugleich, wenn locker auch und los,
Manch bebend Herz verstrickt in seinen Schoß?
Siehst du der Lockenhaare goldig Prangen?
Das ist das Wundernetz, das mich gefangen,
Das fest zugleich, wenn locker auch und los,
Mein zitternd Herz verstrickt in seinen Schoß.

Willst du es sehn, wie Ätnas Flammenbrand
Mit Thules eis'gen Schollen sich verband,
Der eine Gottes flammender Altar,
Die andern frostig, kalt und ewig starr?
Das sind wir zwei und unsre beiden Herzen,
Ungleich an Lust, ungleicher noch an Schmerzen,
Das meine wie des Ätnas Brand so heiß,
Das ihre kalt und starr wie Nordpols Eis.
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.11.2007, 21:26  Neue Antwort erstellen
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Mein Frühlingslied.

Ich ging hinaus zur blum'gen Au.
Da ruhte Braut Natur im grünen Samtkleid,
Im Haar den frischen Kranz, das Haupt entschleiert.
Den weißen Schleier hatte sie gelegt
Auf ihren Putztisch: jenen alten Gletscher.
Man sieht ihr's an, sie harrt des Bräutigams. –
Doch ziemt's wohl Bräuten, so mit Fremden buhlen?
Es wogt entblößt ihr voller Lilienbusen
Mit seinem üpp'gen Rosenknospenpaar;
Mit ihren großen, lichten Blumenaugen
Liebäugelt sie ringsum und wirft mutwillig
Mir Dutzende von ihren Liebesbriefchen,
Den weißen Blüten, scherzend in den Schoß.
Mir war ganz wohl, klar stand's in meinem Sinn,
Daß man wohl glücklich kann auf Erden sein.

Ich wallte in der blum'gen Au.
Da saß der junge Lenz an einer Quelle,
Ich sah, er rüstet sich zur Braut zu gehn;
Ins sonnenstrahlige Gelocke hat
Ein blitzend Diadem er aufgedrückt,
Er wusch das reine, klare Antlitz sich
Und überspritzte schäkernd dann auch mich
Mit Quellenschaum vom Wirbel bis zur Zehe.
Doch, zur Entschäd'gung gleichsam, brach er drauf
Rasch eine Handvoll Perlen aus der Kron'
Und warf sie mir zu Füßen in das Gras.
Ich war so heiter, fast schien mir's ein Traum,
Daß man auf Erden elend könne sein.

Ich wallte heim aus blum'ger Au.
Das Brautpaar war sich an die Brust gesunken. –
Ich zog, das Herz voll Lust, den Mund voll Lieder,
Frohlockend heimwärts in die dumpfe Stadt;
Da schwebt an mir vorbei ein liebend Paar,
Zwei und doch eins! wie sich zwei Nachbarstämme
In Kron' und Wurzeln ineinander ranken.
Wollt ihr das Glück sehn: seht in ihre Augen!
Wollt ihr die Freude schaun: schaut ihre Wangen!
Sucht ihr die Liebe: horchet ihren Lippen! –
Doch seltsam, jetzt erst fühlt' ich's, daß auf Erden
Man elend auch, recht elend könne sein!
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.11.2007, 21:27  Neue Antwort erstellen
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Das Morgenrot.

Jüngst stand ich früh am Fenster.
Vorüber trugen schwarze *änner ernst
Im Morgenzwielicht einen offnen Sarg.

Da flammt' empor das Frührot.
Der Leiche Antlitz glomm nun rosigrot,
Als sei nach kurzer Wandrung rückgekehrt
Das Leben ins vorschnell verlaßne Haus.

Kalt strich des Frührots Odem.
Da hüllten sich, vor Kälte leichenblaß,
Die *änner in die schwarzen *äntel tief,
Als wickle sie der Tod ins Leichentuch.

O wundervolles Frührot!
Dem Tode hauchst du Glut ins welke Antlitz,
Dem Leben hauchst du Eis in glühnde Pulse!

O wundervolle Liebe!
Du hauchest Eis ins wunde Herz des Lebens,
Daß es vor Frost zu Tode *öcht' erstarren!
Dein schönstes Diadem schmückt oft erst Leichen,
Dein wärmster Kuß schwelgt auf des Todes Lippen!
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.11.2007, 21:28  Neue Antwort erstellen
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Der Liebesgarten.

Wenn nachts der freundliche Schlummer
Die silbernen Fäden webt,
Da trägt es mich flugs in ein Gärtchen,
Wo Liebe nur schafft und webt.

Drin grünet manch seliges Plätzchen,
Drin blühet manch lieblicher Strauß;
Da pfleg' ich mein friedliches Gärtchen
Und schmück' es gar sorglich aus:

Mit Freuden und Leiden der Liebe,
Bis der purpurne Morgen kam,
Doch nicht mit all meinen Freuden
Und nicht mit all meinem Gram!

Denn würde zur farbigen Blume
Jedweder selige Traum,
Für all die Blüten und Blumen
Wär' in dem Gärtchen nicht Raum.

Und fiele gar jegliche Träne
Als Tau auf die Fluren schwer,
Bald sähe man statt des Gärtchens
Ein blitzendes Perlenmeer.

Und lächelten Blicke der Liebe
Als Sonnen von Himmelshöhn,
Bald glänzten aufs Gärtchen mehr Sonnen,
Als Halme auf Wiesen stehn.

Und flatterte jegliches Küßchen
Als farbiger Schmetterling,
Bald blühten zu wenig der Blumen
Den Faltern im Gartenring.

Doch trübte jeglicher Zwiespalt
Als Wolke der Sonnen Schein,
Traun, oben am Himmel blieb' es
Wohl ewig heiter und rein.

Und wüchse jegliche Untreu
Des Liebchens als Schierlingskraut,
Ich hätte die Schierlingsstaude
Im Gärtchen noch nie erschaut.

So träum' ich mir nachts mein Gärtchen
Aus der Liebe Freuden und Gram;
Wie anders doch ist es zu schauen,
Wenn wieder der Morgen kam!

Die Falter sind all' entflogen,
Die Sonnen sind alle verglüht,
Die seligen Plätzchen verschwunden,
Die Blumen versengt und verblüht.

Der einzige Tau sind die Tränen;
Der Schierling das einzige Grün,
Und über erstorbenen Keimen
Ziehn düstere Wolken dahin.
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.11.2007, 21:29  Neue Antwort erstellen
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Die Brücke.

Eine Brücke kenn' ich, Liebchen,
Drauf so wonnig sich's ergeht,
Drauf mit süßem Balsamhauche
Ew'ger Frühlingsodem weht.

Aus dem Herzen, zu dem Herzen
Führt der Brücke Wunderbahn,
Doch allein der Liebe offen,
Ihr alleinig untertan.

Liebe hat gebaut die Brücke,
Hat aus Rosen sie gebaut!
Seele wandert drauf zur Seele,
Wie der Bräutigam zur Braut.

Liebe wölbte ihren Bogen,
Schmückt' ihn lieblich wundervoll,
Liebe steht als Zöllner droben,
Küsse sind der Brückenzoll.

Süßes *ädchen, *öchtest gerne
Meine Wunderbrücke schaun?
Nun es sei, doch mußt du treulich
Helfen mir sie aufzubaun.

Fort die Wölkchen von der Stirne!
Freundlich mir ins Aug' geschaut!
Deine Lippen leg an meine:
Und die Brücke ist erbaut.
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.11.2007, 21:30  Neue Antwort erstellen
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Vogelsang im Winter.

Indes wir im Stübchen, Liebste, hocken,
Und vor den windgerüttelten Scheiben
Des Winters weiße, schwere Flocken,
Im Sturme wirbelnd, vorübertreiben:

Wird jenes Wandervöglein, das freie,
Das du im Sommer gepflegt mit Kosen,
Sich sonnen in Südens Himmelsbläue
Und wiegen sich über Südens Rosen.

Auf grünende Myrten wird sich's schwingen,
Und abends vom Zweig im Mondenscheine
Die Lieder von seinen Fahrten singen
Der horchenden fremden Schwestergemeine.

»Weit über dem Meer am Donaustrande,
Dort steht ein Häuschen, ein niedliches, blankes,
Und aus dem Häuschen, am Fensterrande,
Winkt mir ein *ädchen, ein liebliches, schlankes.

Und wenn auf ihren Arm ich dann fliege,
Will fast mich des Nordens Schnee erschrecken,
Als ob auf silbernem Baum ich mich wiege,
Draus fünf der silbernen Zweige sich strecken.

Auf ihren Schultern am Lockenbuge,
Da fehlte nicht viel, daß Stolz mich berückte,
Da meint' ich der Adler zu sein, der im Fluge
Im Sonnenstrahlennetz sich verstrickte!

Und wenn aus der hohlen Hand zum Mahle
Der frische kristallene Born mir quillet,
Da schlürf' ich aus alabasterner Schale,
Wie sie dem Sultan der Sklave füllet.

Und wenn das Körnlein in ihren Lippen,
Mein täglich Brot, mir entgegenblickte,
Da meint' ich Purpurkirschen zu nippen,
Als ich den köstlichen Kern daraus pickte.

Und solches ist wohl in jenen Landen
Die süßeste Speise, das Mahl der Freude;
Denn einer, der oft daneben gestanden,
Der sah mein Picken immer mit Neide.«

So wird dein Preis jetzt im Süden klingen!
Heil mir, dem solche Liebste zu eigen,
Von der die Vögel in Afrika singen
Und in Europa die Nachbarn schweigen!
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.11.2007, 21:30  Neue Antwort erstellen
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Im Bade.

Ach, könnt' ich die Welle sein,
Wie freut' ich mich so!
Doch könnt' ich die Quelle sein,
Wär' doppelt ich froh!

Könnt' ich die Welle sein,
Hüpft' ich mit frohem Sinn,
Wo sie im Bade weilt,
Rasch zur Geliebten hin;
Hätte sie schnell ereilt,
Wogte mit stillem Gruß
Rasch um den lieben Fuß,
Blähte mich stolzer dann,
Schwölle und stieg' hinan
Bis an des Busens Rund,
Bis an den Purpurmund,
Grüßte und küßte sie,
Koste und neckte sie,
Und sie erlitt es gern,
Glaubt' ja, ich seh' es nicht,
Glaubt' mich ja fern!

Könnt' ich die Quelle sein,
Ganz nach Verlangen
Wäre sie mein;
Liebend umfangen
Wollt' ich die Holde,
Aber so bald nicht
Ließ ich sie los.
Dann zu dem Herzchen
Rauscht' ich empor,
Pochte und schlüge
Rege daran,
Pochte und trüge
Liebend mich an.
Dann zu den Händen
Wogt' ich dahin;
Aber das Ringlein,
Das sie als fremder
Seligkeit Pfand
Trägt an der kleinen
Blendenden Hand,
Wollt' ich ihr raubend
Tief in der Wogen
Nächtliche Brandung
Heimlich verbergen;
Rauschte zur Hand dann
Wieder hinan
Und nur mein Ringlein
Ließ ich daran.
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.11.2007, 21:31  Neue Antwort erstellen
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Das Blatt im Buche.

Ich hab' eine alte Muhme,
Die ein altes Büchlein hat,
Es liegt in dem alten Buche
Ein altes, dürres Blatt.

So dürr sind wohl auch die Hände,
Die einst im Lenz ihr's gepflückt.
Was mag doch die Alte haben?
Sie weint, so oft sie's erblickt.
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.11.2007, 21:32  Neue Antwort erstellen
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Mannesträne.

*ädchen, sahst du jüngst mich weinen? –
Sieh, des Weibes Träne fließt
Wie der klare Tau vom Himmel,
Den er auf die Blumen gießt.

Ob die trübe Nacht ihn weinet,
Lächelnd ihn der Morgen bringt,
Stets nur labt der Tau die Blume
Und sie hebt ihr Haupt verjüngt.

Doch es gleicht des Mannes Träne
Edlem Harz auf Ostens Flur,
Tief ins Herz des Baums verschlossen,
Quillt's freiwillig selten nur.

Schneiden mußt du in die Rinde
Bis zum Kern des Marks hinein,
Und das edle Naß entträufelt
Dann so golden, hell und rein.

Bald zwar mag der Born versiegen,
Und der Baum grünt fort und treibt,
Und er grüßt noch manchen Frühling,
Doch der Schnitt, die Wunde – bleibt.

Denke, *ädchen, jenes Baumes
Auf des Ostens fernen Höhn;
Denke, *ädchen, auch des Mannes,
Den du weinen einst gesehn.
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.11.2007, 21:33  Neue Antwort erstellen
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Neue Liebe.

»Wie soll ich liebend dich umfassen
Und glauben, was dein Mund verspricht,
Da treulos du selbst die verlassen,
Die einst dein Leben, Lied und Licht?«

Wohl hieß mein Lied sie Licht und Leben,
Wie damals lüg' ich jetzt auch nicht:
Drum ruf' ich kühn: Du bist mir werter
Als all mein Leben, Lied und Licht!

»Dem Tag hast du ihr Aug' verglichen
Ihr Haar den Sonnenstrahlen mild:
Ei, ist's schon deinem Sinn entwichen,
Daß Sonn' und Tag der Treue Bild!«

Der Nacht vergleich' ich deine Locken,
Dein Aug' dem Mond in nächt'ger Luft;
Ei, sollt ich's dir wohl erst noch sagen,
Daß Nacht und Mond zur Liebe ruft?

»Und schwurst du nicht, eh' zu erbleichen,
Als dich zu wenden je von ihr?
Drum gingst du mir längst zu den Leichen,
Drum, toter Mann, hinweg von mir!«

Wohl schien ich selbst mir ein Begrabner,
Der längst schon unterm Rasen schlief,
Du wecktest mich, ein milder Engel,
Der mich ins schönre Leben rief.
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