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| Gedichte - Kurt Tucholsky 1890-1935 deutscher Schriftsteller |
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Verfasst am:
12.02.2008, 11:43

Gedichte
Kurt Tucholsky 1890-1935 deutscher Schriftsteller
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Drei Minuten Gehör will ich von euch , die ihr arbeitet -!
Von euch ,die ihr den Hammer schwingt ,
von euch ,die ihr auf Krücken hinkt ,
von euch ,die ihr die Feder führt,
von euch ,die ihr den Kessel schürt ,
von euch ,die mit den treuen Händen
dem Manne ihre Liebe spenden -
ihr sollt drei Minuten inne halten .
Wir sind ja nicht unter Kriegsgewinnern .
Wir wollen uns einmal erinnern .
Die erste Minute gehöre dem Mann .
Wer trat vor 'Jahren ' in Feldgrau an ?
Zu Hause die Kinder - zu Hause weint Mutter......
Ihr: 'FELDGRAUES KANONENFUTTER - !
Ihr zogt in den lehmigen Ackergraben .
Da saht ihr keinen Fürstenknaben :
der soff sich einen in der Etappe
und ging mit Damen in die Klappe.
Ihr wurdet geschliffen .Ihr wurdet gerdrillt .
Wart ihr noch Gottes Ebenbild ?
In der Kaserne - im Schilderhaus
wart ihr niedriger als die schmutzigste Laus .
Der Offizier war eine Perle ,
aber ihr wart nur 'Kerle '!
Ein elender Schieß- und Grüßautomat .
<<Sie Schwein ! Hände an die Hosennaht - ! >>
Verwundete mochten sich krümmen und biegen :
kam ein Prinz , dann hattet ihr stramm zu liegen.
Und noch im Massengrab wart ihr die Schweine :
Die Offiziere lagen alleine !
Ihr wart des Todes billige Ware .....
So ging das vier lange blutige Jahre .
Erinnert ihr euch ?
Die zweite Minute gehöre der Frau .
Wem wurden zu Hause die Haare grau ?
Wer schreckte , wenn der Tag vorbei ,
in den Nächten auf mit einem Schrei?
Wer ist es vier Jahre hindurch gewesen ,
der anstatt in langen Polonaisen ,
indessen Prinzessinen und ihre Gatten
alles ,alles ,alles hatten----?
Wem schrieben sie einen kurzen Brief
daß wieder einer in 'Flandern' schlief (oder sonst wo ) ?
dazu ein Formular mit zwei Zetteln ...
wer mußte hier um die Rente betteln ?
Tränen und Krämpfe und wildes Schrein .
Er hatte Ruhe . Ihr wart allein .
Oder sie schickten ihn , hinkend am Knüppel ,
euch in die Arme zurück als Krüppel .
So sah sie aus ,die wunderbare
große Zeit - vier lange Jahre ....
Erinnert ihr euch ?
Die dritte Minute gehört den Jungen !
Euch haben sie nicht in die Jacken gezwungen !
Ihr wart noch frei ! Ihr seid heute noch frei !
Sorgt dafür das es immer so sei !
An euch hängt die Hoffnung . An euch das Vertraun
von Milionen deutschen Männern und Fraun .
Ihr sollt nicht strammstehn . I h r sollt nicht dienen !
Ihr sollt frei sein ! Zeigt es ihnen !
Und wenn sie euch kommen holen und drohn mit Pistolen -:
geht nicht ! Sie sollen euch erst mal holen !
keine Wehrpflicht ! Keine SOL D AT E N !
Keine Monokel - Potentaten !
KEINE ORDEN ! KEINE SPALIERE !
KEINE RESERVE - OFFIZIERE !
IHR SEID DIE ZUKUNFT !
. EUER DAS LAND !
Schüttelt es ab das Knechtschaftsband !
Wenn ihr wollt, seid ihr alle frei !
EUER WILLE GESCHEHE ! SEID NICHT MEHR DABEI !
WENN IHR NUR WOLLT : BEI EUCH STEHT DER SIEG !
-_-_- < NIE WIEDER KRIEG > -_ -_-
- 1923 ,und für alle Zeit !
Zum Gedächtnis an :
1.Weltkrieg : Mein Großvater erlitt einen Bauchschuß und starb später ,
2. Weltkrieg Meine Mutter wurde Kriegerwitwe .
" Mein Bruder Halbwaise,
" Meine Mutter wurde vergewaltig .
" Ich war gar nichts , mich wollte niemand .....
nachdem - : Ich wuchs ohne Vater auf .Ebenso mein Bruder .
" Der Staat wollte keinen Unterhalt für mich zahlen .
Von der kleinen Witwenrente mußte meine Mutter uns ernähren .
So erging es Vielen !
Fragt nur zu Hause nach !
NIE WIEDER KRIEG ! |
Zuletzt bearbeitet von rita am 14.08.2008, 09:22, insgesamt einmal bearbeitet |
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Verfasst am:
12.02.2008, 15:10

Gedichte
Kurt Tucholsky 1890-1935 deutscher Schriftsteller
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Mutterns Hände
Hast uns Stulln jeschnitten
un Kaffe jekocht
un de Töppe rübajeschohm -
un jewischt un jenäht
un jemacht un jedreht...
alles mit deine Hände.
Hast de Milch zujedeckt,
uns bobongs zujesteckt
un Zeitungen ausjetragen -
hast die Hemden jezählt
und Kartoffeln jeschält...
alles mit deine Hände.
Hast uns manches Mal
bei jroßem Schkandal
auch'n Katzenkopp jejeben.
Hast uns hochjebracht.
Wir wahn Sticker acht,
sechse sind noch am Leben...
Alles mit deine Hände.
Heiß warn se un kalt.
Nu sind se alt.
Nu bist du bald am Ende.
Da stehn wir nu hier,
und denn komm wir bei dir
und streicheln deine Hände.
eingegeben von rita am 12.02.08 |
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Verfasst am:
12.02.2008, 15:51

Gedichte
Kurt Tucholsky 1890-1935 deutscher Schriftsteller
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Augen in der Großstadt
Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
dann zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Vielleicht dein Lebensglück...
vorbei, verweht, nie wieder.
Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast's gefunden,
nur für Sekunden...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück...
vorbei, verweht, nie wieder.
Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Es sieht hinüber
und zieht vorüber...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder. |
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Verfasst am:
12.02.2008, 15:53

Gedichte
Kurt Tucholsky 1890-1935 deutscher Schriftsteller
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Dir gefallen die Beine nicht
Dir gefallen die Beine nicht,
dir gefällt die Kleine nicht,
dir gefällt die Große nicht,
und du magst die Sauce nicht.
Dir gefällt der Opel nicht,
und du wärst kein Popel nicht,
und dir schmeckt der Steinwein nicht,
und dir schmeckt der Rheinwein nicht...
Lieber Freund, besinn dich drauf:
Worauf herauf - ?
Bist du denn so reich und schön?
Bist du lieblich anzusehn?
Bist du elegant und schick?
Untenrum nicht reichlich dick?
Bist du mit dem Mordskrawall
wohl aus einem ersten Stall?
Immer schreist du nach Niveau...
lebst du denn zu Hause so?
Du - mit deinem Lebenslauf:
Worauf herauf -?
Stell dich mit dem Doppelkinn
mal vor einen Spiegel hin:
Wenn die Frauen auch mal sieben:
welches Mädchen soll dich lieben?
Sage selbst!
Wenn die Kellner Augen haben:
wofür halten sie dich Knaben?
Sage selbt!
In dem reichen Kaufmannshaus:
Wie siehst du im Smoking aus?
Sage selbst!
Mach nicht immer solche Faxen.
Mensch, es ist ja halb Berlin
aufgewachsen, aufgewachsen
bei den grünen Jalousien - ! |
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Verfasst am:
12.02.2008, 15:53

Gedichte
Kurt Tucholsky 1890-1935 deutscher Schriftsteller
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Der Graben
Mutter, wozu hast Du Deinen aufgezogen,
Hast Dich zwanzig Jahr' um ihn gequält?
Wozu ist er Dir in Deinen Arm geflogen,
Und Du hast ihm leise was erzählt?
Bis sie ihn Dir weggenommen haben
Für den Graben, Mutter, für den Graben!
Junge, kannst Du noch an Vater denken?
Vater nahm Dich oft auf seinen Arm,
Und er wollt' Dir einen Groschen schenken,
Und er spielte mit Dir Räuber und Gendarm
Bis sie ihn Dir weggenommen haben
Für den Graben, Junge, für den Graben!
Werft die Fahnen fort!
Die Militärkapellen spielen auf
Zu Eurem Todestanz!
Seid Ihr hin?
Seid Ihr hin?
Ein Kranz von Immortellen,
Das ist dann der Dank des Vaterlands!
Hört auf Todesröcheln und Gestöhne!
Drüben stehen Väter, Mütter, Söhne,
Schuften schwer, wie ihr, um's bißchen Leben.
Wollt Ihr denen nicht die Hände geben?
Reicht die Bruderhand als schönste aller Gaben
Über'n Graben, Leute, über'n Graben! |
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Verfasst am:
12.02.2008, 15:58

Gedichte
Kurt Tucholsky 1890-1935 deutscher Schriftsteller
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Der Kompromiss
Manche tanzen manchmal wohl ein Tänzchen
immer um den heißen Brei herum,
kleine Schweine mit dem Ringelschwänzchen,
Bullen mit erschrecklichem Gebrumm.
Freundlich schaun die Schwarzen und die Roten,
die sich früher feindlich oft bedrohten.
Jeder wartet, wer zuerst es wagt,
bis der eine zu dem andern sagt:
"Schließen wir nen kleinen Kompromiss!
Davon hat man keine Kümmernis.
Einerseits - und andrerseits -,
so ein Ding hat manchen Reiz...
Sein Erfolg in Deutschland ist gewiss:
Schließen wir nen kleinen Kompromiss!
Sein Erfolg in Deutschland ist gewiss:
Schließen wir nen kleinen Kompromiss!
Seit November klingt nun dies Gavottchen.
Früher tanzte man die Carmagnole.
Doch Germania, das Erzkokottchen,
wünscht, daß diesen Tanz der Teufel hol.
Rechts wird ganz wie früher lang gefackelt,
links kommt Papa Ebert angewackelt.
Wasch den Pelz, doch mache mich nicht naß!
Und man sagt: "Du, Ebert, weißt du was:
"Schließen wir nen kleinen Kompromiss!
Davon hat man keine Kümmernis.
Einerseits - und andrerseits -,
so ein Ding hat manchen Reiz...
Sein Erfolg in Deutschland ist gewiss:
Schließen wir nen kleinen Kompromiss!
Sein Erfolg in Deutschland ist gewiss:
Schließen wir nen kleinen Kompromiss!
Seit November tanzt man Menuettchen,
wo man schlagen, brennen, stürzen sollt.
Heiter liegt der Bürger in dem Bettchen,
die Regierung säuselt gar so hold.
Sind die alten Herrn auch rot bebändert,
deshalb hat sich nichts bei uns geändert.
Kommts, daß Ebert hin nach Holland geht,
spricht er dort zu seiner Majestät:
"Schließen wir nen kleinen Kompromiss!
Davon hat man keine Kümmernis.
Einerseits - und andrerseits -,
so ein Ding hat manchen Reiz...
Und durch Deutschland geht ein tiefer Riss.
Dafür gibt es keinen Kompromiss!
Und durch Deutschland geht ein tiefer Riss.
Dafür gibt es keinen Kompromiss! |
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Verfasst am:
12.02.2008, 15:58

Gedichte
Kurt Tucholsky 1890-1935 deutscher Schriftsteller
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Die Lösung
Wenn was nicht klappt,
dann wird vor allem mal nicht berappt.
Wir setzen frisch und munter
die Löhne, die Löhne herunter -
immer runter!
Wir haben bis über die Ohren
bei unsern Geschäften verloren...
Unser Geld ist in allen Welten:
Kapital und Zinsen und Zubehör.
So lassen wir denn unser großes Malheur
nur einen, nur einen entgelten:
Den, der sich nicht mehr wehren kann.
Den Angestellten, den Arbeitsmann;
den Hund, den Moskau verhetzte,
dem nehmen wir nun das Letzte.
Arbeiterblut muß man keltern.
Wir sparen an den Gehältern -
immer runter!
Unsre Inserate sind nur noch ein Hohn.
Was braucht denn auch die deutsche Nation
sich Hemden und Stiefel zu kaufen?
Soll sie doch barfuß laufen!
Wir haben im Schädel nur ein Wort:
Export! Export!
Was braucht ihr eigenen Hausstand?
Unsre Kunden wohnen im Ausland!
Für euch gibts keine Waren.
Für euch heißts: sparen! sparen!
Nicht wahr, ein richtiger Kapitalist
hat verdient, als es gut gegangen ist.
Er hat einen guten Magen.
Wir mußten das Risiko tragen...
Wir geben das Risiko traurig und schlapp
inzwischen in der Garderobe ab.
Was macht man mit Arbeitermasen?
Entlassen! Entlassen! Entlassen!
Wir haben die Lösung gefunden:
Krieg den eigenen Kunden!
Dieweil der deutsche Kapitalist
Gemüt hat und Exportkaufmann ist.
Wußten Sie das nicht schon früher -?
Gott segne die Wirtschaftsführer! |
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Verfasst am:
12.02.2008, 15:59

Gedichte
Kurt Tucholsky 1890-1935 deutscher Schriftsteller
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Die freie Marktwirtschaft
Ihr sollt die verfluchten Tarife abbauen.
Ihr sollt auf euern Direktor vertrauen.
Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen.
Ihr sollt alles Weitere dem Chef überlassen.
Kein Betriebsrat quatsche uns mehr herein,
wir wollen freie Wirtschaftler sein!
Fort, die Gruppen - sei unser Panier!
Na, ihr nicht. Aber wir.
Ihr braucht keine Heime für eure Lungen,
keine Renten und keine Versicherungen,
Ihr solltet euch allesamt was schämen,
von dem armen Staat noch Geld zu nehmen!
Ihr sollt nicht mehr zusammenstehn
- wollt ihr wohl auseinandergehn!
Keine Kartelle in unserm Revier!
Ihr nicht. Aber wir.
Wir bilden bis in die weiteste Ferne
Trusts, Kartelle, Verbände, Konzerne.
Wir stehen neben den Hochofenflammen
in Interessengemeinschaften fest zusammen.
Wir diktieren die Preise und die Verträge
- kein Schutzgesetz sei uns im Wege.
Gut organisiert sitzen wir hier...
Ihr nicht. Aber wir. |
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Verfasst am:
12.02.2008, 16:00

Gedichte
Kurt Tucholsky 1890-1935 deutscher Schriftsteller
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Paasche
Wieder einer, das ist nun im Reich
Gewohnheit schon. Es gilt ihnen gleich.
So geht das alle, alle Tage.
Hierzulande löst die soziale Frage
ein Leutnant, zehn Mann, Pazifist ist der Hund?
Schießt ihm nicht erst die Knochen wund!
Die Kugel ins Herz! Und die Dienststellen logen:
Er hat sich seiner Verhaftung entzogen.
Leitartikel, Dementi. Geschrei.
Und in vierzehn Tagen ist alles vorbei.
Wieder einer. Ein müder Mann,
der müde über die Deutschen sann.
Den preußischen Geist – er kannte ihn
aus dem Heer und aus den Kolonien,
aus der großen Zeit – er mochte nicht mehr.
Er haßte dieses höllische Heer.
Er liebte die Menschen. Er haßte Sergeanten
(das taten alle, die beide kannten).
Saß still auf dem Lande und angelte Fische,
Las ein paar harmlose Zeitungswische…
Spitzelmeldung. Da rücken heran
zwei Offiziere und sechzig Mann.
(Tapfer sind sie immer gewesen,
das kann man schon bei Herrn Schäfer lesen.)
Das Opfer im Badeanzug… Schuß. In den Dreck.
Wieder son Bolschewiste weg –!
Verbeugung, Kommandos, hart und knapp.
Dann rückt die Heldengarde ab.
Ein toter Mann. Ein Stiller, ein Reiner.
Wieder einer. Wieder einer. |
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Verfasst am:
12.02.2008, 16:01

Gedichte
Kurt Tucholsky 1890-1935 deutscher Schriftsteller
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Rosen auf den Weg gestreut
Musik: Hanns Eisler
Ihr müßt sie lieb und nett behandeln,
erschreckt sie nicht - sie sind so zart!
Ihr müßt sie Palmen sie umwandeln,
getreulich ihrer Eigenart!
Pfeift eierm Hunde, wenn er sie ankläfft:
küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!
Wenn sie in ihren Sälen hetzen,
sagt, "Ja und Amen - aber gern!
Hier habt ihr mich - schlagt mich in Fetzen!"
Und prügeln sie, so lobt den Herrn.
Denn Prügeln ist doch ihr Geschäft!
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!
Und schießen sie: du lieber Himmel,
schätzt ihr das Leben so hoch ein?
Das ist ein Pazifisten-Fimmel!
Wer möchte nicht gern Opfer sein?
Und spürt ihr auch in euerm Bauch
den Hitlerdolch, tief, bis zum Heft:
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft! |
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Verfasst am:
13.02.2008, 10:58

Gedichte
Kurt Tucholsky 1890-1935 deutscher Schriftsteller
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Stationen
Erst gehst du umher und suchst an der Frau
das , was man anfassen kann .
Wollknäul , Spielzeug und Kätzchen - Miau -
du bist noch kein richtiger Mann .
Du willst eine lustig bewegte Ruh :
sie soll anders sein , aber sonst wie du ...
Dein Herz sagt Max und Moritz !
Das verwächst du . Dann langts nicht mit dem Verstand .
Die Karriere ! Es ist Zeit ......!
Eine kluge Frau nimmt dich an die Hand
in' tyrannischer' Mütterlichkeit .
Sie paßt auf dich auf .Sie wartet zu Haus .
Du weinst dich an ihren Brüsten aus ....
Dein Herz sagt :
Muttter .
Das verwächst du . Nun bist du ein reifer Mann .
Dir wird etwas sanft im Gemüt .
Du möchtest , das im Bett nebenan
eine fremde Jugend glüht .
Dumm kann sie sein . Du willst : ein junges Tier , ( Sinnbild )
ein Reh , eine Wilde , ein Elixier .
Dein Herz sagt :
Erde.
Und dann bist du alt .
Und es ist soweit ,
daß ihr an der Verdauung leidet - :
dann sitzt ihr auf einen Bänkchen zu zweit ,
als Philemon und Bacis verkleidet ,
sie sagt nichts , denn ihr wißt ,
wie es im menschlichen Leben ist .....
Dein Herz , das so viele Frauen besang ,
dein Herz sagt : << Na, Alte ....?>>
Dein Herz sagt : DANK .1930 |
Zuletzt bearbeitet von rita am 01.05.2008, 11:18, insgesamt einmal bearbeitet |
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Verfasst am:
13.02.2008, 11:12

Gedichte
Kurt Tucholsky 1890-1935 deutscher Schriftsteller
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Sie schläft
Morgens , vom letzten Schlaf ein Stück ,
nimm mich ein bißchen mit -
auf deinem Traumboot zu gleiten ist Glück -
Die Zeituhr geht ihren harten Schritt .......
pick - pack ......
<< Sie schläft mit ihm >> ist ein gutes Wort .
Im Schlaf fließt das Dunkle zusammen .
Zwei sind keins . Es knistern die kleinen Flammen ,
aber dein Atem lächelt sie fort .
Ich bin aus der Welt .Ich will nie wieder in sie zurück -
jetzt , wo du nicht bist , bist du ganz mein .
Morgens , im letzten Schlummer ein Stück ,
kann ich dein Gefährte sein . 1928 |
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Verfasst am:
13.02.2008, 11:46

Gedichte
Kurt Tucholsky 1890-1935 deutscher Schriftsteller
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Die Leibesfrucht spricht :
Für mich sorgen sie alle: Kirche , Staat und Richter .
Ich soll wachsen und gedeihen;ich soll neun Monate
schlummern ;ich soll es mir gut sein lassen -
sie wünschen mir alles Gute .
Sie behüten mich .Sie wachen über mich .Gnade Gott,
wenn meine Eltern mir etwas antun ;dann sind alle da .
Wer mich anrührt , wird bestraft ;meine Mutter fliegt ins
Gefängnis , mein Vater hinten-nach;
der Arzt , der es getan hat , muß aufhören , Arzt zu sein ;
die Hebamme , die geholfen hat , wird eingesperrt -
ich bin eine kostbare Sache .
Für mich sorgen sie alle :
Kirche , Staat , Ärzte und Richter .
NEUN MONATE LANG .
Wenn aber diese neun Monate vorbei sind , dann muß ich
sehn , wie ich weiter komme .
Die Tuberkolose ? Kein Arzt hilft mir . Nichts zu essen ?
Keine Milch ? - Kein Staat hilft mir .
Qual und Seelennot ? Die Kirche tröstet mich , aber davon
werde ich nicht satt . Und habe ich nichts zu brechen
und zu beißen , und stehle ich : gleich ist ein Richter da
und setzt mich fest .
FÜNFZIG LEBENSJAHRE wird sich niemand um mich kümmern ,
NIEMAND .Da muß ich mir selbst helfen .
NEUN MONATE BRINGEN SIE SICH UM ,
WENN MICH EINER UMBRINGEN WILL .
SAGT SELBST :
IST DAS NICHT EINE MERKWÜRDIGE FÜRSORGE ? (?? ) 1927
Ohne Hilfe - ohne Krankenschein,
wenig Hilfe von Kirchen , ohne 'Papiere' gar nicht .
Tuberkolose war eine Krankheit der Armen im 19. Jahrhundert ,
weil unzureichende Ernärung - Kellerwohnungen (billiger ) usw.
Sie ist wieder da die Krankheit der Armen . |
Zuletzt bearbeitet von rita am 14.08.2008, 09:28, insgesamt 2-mal bearbeitet |
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Verfasst am:
13.02.2008, 12:07

Gedichte
Kurt Tucholsky 1890-1935 deutscher Schriftsteller
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Auf ein Kind
Du lebst noch nicht .
Ich seh dich so lebendig :
ein kleiner gelber Schopf , die Augen blau ;
ich seh dich an und such beständig
die Züge einer lieben Frau .
Du kreischt und jauchzst schon laut in deinen Kissen ;
du bist so frisch und klar und erdenhaft .
Du brauchst es nicht zu wissen ,
was Zwiespalt ist , der Leiden schafft.
Der ist dahin . Schrei du aus voller Lunge
und schüttel deine runde , kleine Faust !
Sei froh ! Sieh auf die Mutter , Junge -
sie ist so hell , auch wenn ein Sturmwind braust .
Hör ihre Stimme nur : gleich wehts gelinder
.
Setz du sie fort . Was bin ich denn allein ?
Wir Menschen sind doch stets die alten Kinder :
ich war es nicht - mein Sohn , der soll es sein .
Du sollst es sein !
Und kommst du einst zum Leben :
Du sollst es sein :Ich hab es nicht gekonnt .
Gib du , was deiner Mutter Arme geben :
Leucht uns voran !
Du bist so * blond . 1920
(*blond kann auch heißen: unschuldig , ahnungslos ) |
Zuletzt bearbeitet von rita am 01.05.2008, 11:53, insgesamt einmal bearbeitet |
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Verfasst am:
13.02.2008, 12:26

Gedichte
Kurt Tucholsky 1890-1935 deutscher Schriftsteller
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Ehekrach ................. und überhaupt ! -
.....................................................
Ihr meint kein Wort von dem , was ihr sagt :
ihr wißt nicht , was euch beide plagt .
Was ist der Nagel jeder Ehe ?
Zu langes Zusammensein und zu große Nähe .
Menschen sind einsam . Suchen zu große Nähe .
Bleiben schließlich ..........Diese Resignation :
Das ist die Ehe . Wird sie euch monoton ?
Zankt euch nicht und versöhnt euch nicht :
zeigt euch ein Kameradschaftsgesicht
und macht das Gesicht für den bösen Streit
lieber , wenn ihr alleine seid .
Gebt Ruhe , ihr Guten ! Haltet still .
Jahre binden , auch wenn man nicht will .
Das ist schwer : ein Leben zu zwein .
Nur eins ist schwerer : e i n s a m s e i n .
1928 |
Zuletzt bearbeitet von rita am 01.05.2008, 11:57, insgesamt 2-mal bearbeitet |
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