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  Gedichte  -  Adelbert von Chamisso 1781-1838 Naturforscher Dichter
Ann
BeitragVerfasst am: 20.09.2004, 16:32  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Adelbert von Chamisso 1781-1838 Naturforscher Dichter
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
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Das Riesenspielzeug
Burg Niedeck ist im Elsass der Sage wohlbekannt.
Die Höhe, wo vorzeiten die Burg der Riesen stand.
Sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer.
Du fragest nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.
Einst kam das Riesenfräulein aus jener Burg hervor,
Erging sich sonder Wartung und spielend vor dem Tor
Und stieg hinab den Abhang bis in das Tal hinein,
Neugierig zu erkunden, wie´s unten *öchte sein.

Mit wen´gen raschen Schritten durchkreuzte sie den Wald
Erreichte gegen Haslach das Land der Menschen bald
Und Städte dort und Dörfer und das bestellte Feld
Erschienen ihren Augen gar eine fremde Welt.

Wie jetzt zu ihren Füßen sie spähend nieder schaut,
Bemerkt sie einen Bauern, der seinen Acker baut.
Es kriecht das kleine Wesen einher so sonderbar.
Es glitzert in der Sonne der Pflug so blank und klar.

„Ei artig Spielding!“ ruft sie, „Das nehm ich mit nach Haus!“
Sie knieet nieder, spreitet behend ihr Tüchlein aus
Und feget mit den Händen, was da sich alles regt,
Zu Haufen in ein Tüchlein, das sie zusammenschlägt;

Und eilt mit freud´gen Sprüngen –man weiß, wie Kinder sind-
Zur Burg hinan und suchet den Vater auf geschwind:
„Ei Vater, lieber Vater, ein Spielding wunderschön!
So allerliebstes sah ich noch nie auf unsern Höhn.“

Der Alte saß am Tische und trank den kühlen Wein.
Er schaut sie an behaglich, er fragt das Töchterlein:
„Was Zappeliges bringst du in deinem Tuch herbei?
Du hüpfest ja vor Freuden; laß sehen, was es sei!“

Sie spreitet aus das Tüchlein und fängt behutsam an,
Den Bauern aufzustellen, den Pflug und das Gespann:
Wie alles auf dem Tische sie zierlich aufgebaut,
So klatscht sie in die Hände und springt und jubelt laut.

Der Alte wird gar ernsthaft und wiegt sein Haupt und spricht:
„Was hast du angerichtet? Das ist kein Spielzeug nicht!
Wo du es hergenommen, da trag es wieder hin!
Der Bauer ist kein Spielzeug! Was kommt dir in den Sinn!

Sollst gleich und ohne Murren erfüllen mein Gebot,
Denn wäre nicht der Bauer, so hättest du kein Brot.
Es sprießt der Stamm der Riesen aus Bauernmark hervor;
Der Bauer ist kein Spielzeug! Da sei uns Gott davor!“

Burg Niedeck ist im Elsaß der Sage wohlbekannt.
Die Höhe, wo vorzeiten die Burg der Riesen stand.
Sie selbst ist nun zerfallen, die Stätte wüst und leer,
Und fragst du nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.

(eingesandt von Heidi Starke: StarkeHST@aol.com)
Zitat:


Zuletzt bearbeitet von Ann am 27.03.2008, 18:15, insgesamt 2-mal bearbeitet
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Ann
BeitragVerfasst am: 20.09.2004, 16:33  Neue Antwort erstellen
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Die alte Waschfrau
Du siehst geschäftig bei dem Linnen
die Alte dort in weißem Haar,
die rüstigste der Wäscherinnen
im sechsundsiebenzigsten Jahr.
So hat sie stets mit sauerm Schweiß
ihr Brot in Ehr und Zucht gegessen
und ausgefüllt mit treuem Fleiß
den Kreis, den Gott ihr zugemessen.
Sie hat in ihren jungen Tagen
geliebt, gehofft und sich vermählt;
sie hat des Weibes Los getragen,
die Sorgen haben nicht gefehlt;
sie hat den kranken Mann gepflegt,
sie hat drei Kinder ihm geboren;
sie hat ihn in das Grab gelegt
und Glaub' und Hoffnung nicht verloren.

Da galt's, die Kinder zu ernähren;
sie griff es an mit heiterm Mut,
sie zog sie auf in Zucht und Ehren,
der Fleiß, die Ordnung sind ihr Gut.
Zu suchen ihren Unterhalt
entließ sie segnend ihre Lieben,
so stand sie nun allein und alt,
ihr war ihr heitrer Mut geblieben.

Sie hat gespart und hat gesonnen
und Flachs gekauft und nachts gewacht,
den Flachs zu feinem Garn gesponnen,
das Garn dem Weber hingebracht;
der hat's gewebt zu Leinewand.
Die Schere brauchte sie, die Nadel,
und nähte sich mit eigner Hand
ihr Sterbehemde sonder Tadel.

Ihr Hemd, ihr Sterbehernd, sie schätzt es,
verwahrt's im Schrein am Ehrenplatz;
es ist ihr Erstes und ihr Letztes,
ihr Kleinod, ihr ersparter Schatz.
Sie legt es an, des Herren Wort
am Sonntag früh sich einzuprägen;
dann legt sie's wohlgefällig fort,
bis sie darin zur Ruh sie legen.

Und ich, an meinem Abend, wollte,
ich hätte, diesem Weibe gleich,
erfüllt, was ich erfüllen sollte
in meinen Grenzen und Bereich;
ich wollt', ich hätte so gewußt
am Kelch des Lebens mich zu laben,
und könnt' am Ende gleiche Lust
an meinem Sterbehemde haben.



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Ann
BeitragVerfasst am: 05.02.2005, 17:35  Neue Antwort erstellen
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Das Schloß Bonkourt

Ich träum' als Kind mich zurücke
Und schüttle mein greises Haupt;
Wie sucht ihr mich heim, ihr Bilder,
Die lang' ich vergessen geglaubt?

Hoch ragt aus schatt'gen Gehegen
Ein schimmerndes Schloß hervor,
Ich kenne die Türme, die Zinnen,
Die steinerne Brücke, das Thor.

Es schauen vom Wappenschilde
Die Löwen so traulich mich an,
Ich grüße die alten Bekannten
Und eile den Burghof hinan.

Dort liegt die Sphinx am Brunnen
Dort grünt der Feigenbaum,
Dort, hinter diesen Fenstern,
Verträumt' ich den ersten Traum.

Ich tret' in die Burgkapelle
Und suche des Ahnherrn Grab
Dort ist's, dort hängt vom Pfeiler
Das alte Gewaffen herab.

Noch lesen umflort die Augen
Die Züge der Inschrift nicht,
Wie hell durch die bunten Scheiben
Das Licht darüber auch bricht.

So stehst du, o Schloß meiner Väter,
Mir treu und fest in dem Sinn
Und bist von der Erde verschwunden,
Der Pflug geht über dich hin.

Sei fruchtbar, o teurer Boden,
Ich segne dich mild und gerührt
Und segn' ihn zwiefach, wer immer
Den Pflug nun über dich führt.

Ich aber will auf mich raffen,
Mein Saitenspiel in der Hand,
Die Weiten der Erde durchschweifen
Und singen von Land zu Land.
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Ann
BeitragVerfasst am: 05.02.2005, 17:43  Neue Antwort erstellen
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Der Bettler und sein Hund

»Drei Taler erlegen für meinen Hund!
So schlage das Wetter mich gleich in den Grund!
Was denken die Herrn von der Polizei?
Was soll nun wieder die Schinderei?

Ich bin ein alter, ein kranker Mann,
Der keinen Groschen verdienen kann;
Ich habe nicht Geld, ich habe nicht Brot,
Ich lebe ja nur von Hunger und Not.

Und wann ich erkrankt, und wann ich verarmt,
Wer hat sich da noch meiner erbarmt?
Wer hat, wann ich auf Gottes Welt
Allein mich fand, zu mir sich gesellt?

Wer hat mich geliebt, wann ich mich gehärmt?
Wer, wann ich fror, hat mich gewärmt?
Wer hat mit mir, wann ich hungrig gemurrt,
Getrost gehungert und nicht geknurrt?

Es geht zur Neige mit uns zwein;
Es muß, mein Tier, geschieden sein!
Du bist, wie ich, nun alt und krank;
Ich soll dich ersäufen, das ist der Dank!

Das ist der Dank, das ist der Lohn!
Dir geht's wie manchem Erdensohn.
Zum Teufel! ich war bei mancher Schlacht;
Den Henker hab ich noch nicht gemacht.

Das ist der Strick, das ist der Stein,
Das ist das Wasser, – es muß ja sein.
Komm her, du Köter, und sieh mich nicht an,
Noch nur ein Fußstoß, so ist es getan!«

Wie er in die Schlinge den Hals ihm gesteckt,
Hat wedelnd der Hund die Hand ihm geleckt;
Da zog er die Schlinge sogleich zurück
Und warf sie schnell um sein eigen Genick.

Und tat einen Fluch, gar schauderhaft,
Und raffte zusammen die letzte Kraft
Und stürzt' in die Flut sich, die tönend stieg,
Im Kreise sich zog und über ihm schwieg.

Wohl sprang der Hund zur Rettung hinzu,
Wohl heult' er die Schiffer aus ihrer Ruh,
Wohl zog er sie winselnd und zerrend her;
Wie sie ihn fanden, da war er nicht mehr.

Er ward verscharret in stiller Stund,
Es folgt' ihm winselnd nur der Hund;
Der hat, wo den Leib die Erde deckt,
Sich hingestreckt und ist da verreckt.
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Ann
BeitragVerfasst am: 30.10.2005, 20:06  Neue Antwort erstellen
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Das Gebet der Witwe.
Nach Martin Luther.

Die Alte wacht und betet allein
In später Nacht bei der Lampe Schein:
Laß unsern gnädigen Herrn, o Herr!
Recht lange leben, ich bitte dich sehr.
Die Not lehrt beten.

Der gnädige Herr, der sie belauscht,
Vermeint nicht anders, sie sei berauscht;
Er tritt höchst selbst in das ärmliche Haus,
Und fragt gemütlich das *ütterchen aus:
Wie lehrt Not beten?

Acht Kühe, Herr, die waren mein Gut,
Ihr Herr Großvater sog unser Blut,
Der nahm die beste der Kühe für sich
Und kümmerte sich nicht weiter um mich.
Die Not lehrt beten.

Ich flucht' ihm, Herr, so war ich bethört,
Bis Gott, mich zu strafen, mich doch erhört;
Er starb, zum Regimente kam
Ihr Vater, der zwei der Kühe mir nahm.
Die Not lehrt beten.

Dem flucht' ich arg auch ebenfalls,
Und wie mein Fluch war, brach er den Hals;
Da kamen höchst Sie selbst an das Reich
Und nahmen vier der Kühe mir gleich.
Die Not lehrt beten.

Kommt Dero Sohn noch erst dazu,
Nimmt der gewiß mir die letzte Kuh –
Laß unsern gnädigen Herrn, o Herr!
Recht lange leben, ich bitte dich sehr.
Die Not lehrt beten.
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BeitragVerfasst am: 07.04.2006, 17:50  Neue Antwort erstellen
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Die Großmutter.

(Nach Victor Hugo.)

Großmutter, schläfst du? deine Lippen pflegen
Wie betend sich im Schlafe zu bewegen,
Wie bist du heute regungslos und bleich?
Die Hände starr auf deiner Brust vereinet,
Die nicht dein Atem zu erheben scheinet,
Dem Marmorbild der Schmerzensmutter gleich.

Blick' auf, erwache, rede! wie betrübest
Du, Mutter, deine Kinder, die du liebest?
Was thaten wir? wir waren beide fromm.
Du zürnest uns? du hörst nicht unsre Stimmen?
Sieh' her. die Lampe flackert im Verglimmen,
Und schon das Feuer auf dem Herd verglomm.

Und willst du Licht und Feuer nicht erhalten,
So *üssen wir erstarren in dem kalten
Und finst'ren Haus; zu spät erwachst du dann,
Auch wir beharren stumm in deinen Armen
Und können nicht an deiner Brust erwarmen,
Du rufst die Heiligen vergebens an.

Großmutter, o wie kalt sind deine Hände!
Wir wollen sie in unsern wärmen, wende
Nur deinen Blick uns freundlich wieder zu;
Da hast du dein Gesangbuch, nimm es wieder,
Du hast es fallen lassen, sing' uns Lieder –
Du nimmst es nicht, und nichts erwiderst du?

Zeig' uns, wir waren fromm, uns zu belohnen,
Das Bild der Bibel, wo die Heil'gen wohnen
Beim lieben Gott, umstrahlt von seinem Licht;
Erklär' uns dann die göttlichen Gebote,
Und sprich vom bessern Leben nach dem Tode, –
Was ist der Tod? – du brichst das Schweigen nicht.

So hallte lange noch der Waisen Klage,
Die Nacht brach ein, sie wich dem jungen Tage,
Die Turmuhr maß die Zeit mit gleichem Schlag:
Zur off'nen Thüre lauschend sah die Kleinen
Am Sterbebette knieen, beten, weinen
Ein Wand'rer späte noch am andern Tag.
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Ann
BeitragVerfasst am: 26.04.2006, 20:51  Neue Antwort erstellen
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Rosen in dem Maien
Und der Liebe Fest!
Schwalben und die Lieben
Bauen sich ihr Nest.

Maienrosen, Lieder,
Schwalben, Liebe gar!
Und ich werde wieder
Jung im grauen Haar
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.07.2006, 19:09  Neue Antwort erstellen
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Abend.

Laß, Kind, laß meinen Weg mich ziehen,
Es wird schon spät, es wird schon kalt;
Es neiget sich der Tag zu Ende,
Und erst dort unten mach' ich Halt.

Wozu mir deine Lieder singen?
Sie treffen mich mit fremdem Klang. –
Wie war das Wort? war's Liebe? Liebe!
Vergessen hatt' ich es schon lang'.

Und doch, gedenk' ich ferner Zeiten,
Mich dünkt, es war ein süßes Wort.
Jetzt aber zieh' ich meiner Straße,
Ein jeder kommt an seinen Ort.

Hier windet sich mein Pfad nach unten,
Die *üden Schritte schwanken sehr;
Mein frühes Feuer ist erloschen,
Das fühl' ich alle Stunden mehr.
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.07.2006, 19:10  Neue Antwort erstellen
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An meinem Herzen, an meiner Brust
Adelbert von Chamisso
An meinem Herzen, an meiner Brust,
Du meine Wonne, du meine Lust!
Das Glück ist die Liebe, die Lieb ist das Glück,
Ich hab's gesagt und nehm's nicht zurück.
Hab überschwenglich mich geschätzt
Bin überglücklich aber jetzt.
Nur die da säugt, nur die da liebt
Das Kind, dem sie die Nahrung giebt;
Nur eine Mutter weiß allein
Was lieben heißt und glücklich sein.
O, wie bedaur' ich doch den Mann,
Der Mutterglück nicht fühlen kann!
Du lieber, lieber Engel, du
Du schauest mich an und lächelst dazu!
An meinem Herzen, an meiner Brust,
Du meine Wonne, du meine Lust!
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.07.2006, 19:19  Neue Antwort erstellen
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Frühling und Herbst.

Fürwahr, der Frühling ist erwacht;
Den holden Liebling zu empfah'n,
Hat sich mit frischer Blumenpracht
ie junge Erde angethan.

Die muntern Vögel, lieberwärmt,
begehn in grünem Hain ihr Fest.
Ein jeder singt, ein jeder schwärmt,
Und bauet emsig sich sein Nest.

Und Alles lebt und liebt und singt
Und preist den Frühling wunderbar,
Den Frühling, der die Freude bringt;
Ich aber bleibe stumm und starr.

Dir, Erde, gönn' ich deine Zier,
Euch, Sänger, gönn ich eure Lust,
So gönnet meine Trauer mir,
Den tiefen Schmerz in meiner Brust.

Für mich ist Herbst; der Nebelwind
Durchwühlet kalt mein falbes Laub;
Die Äste mir zerschlagen sind,
Und meine Krone liegt im Staub.
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.07.2006, 19:28  Neue Antwort erstellen
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Die Blinde.

Es hat die Zeit gegeben,
Wo hinaus mein Auge mich trug,
Zu folgen im tiefen Lichtmeer
Der flüchtigen Wolken Zug;

Zu streifen über die Ebne
Nach jenem verschwindenden Saum,
Mich unbegrenzt zu verlieren
Im lichten unendlichen Raum.

Die Zeit ist abgeflossen,
Leb wohl! du heiterer Schein!
Es schließet die Nacht der Blindheit
In engere Schranken mich ein.

O trauert nicht, ihr Schwestern,
Daß ich dem Licht erstarb;
Ihr wißt nur, was ich verloren,
Ihr wißt nicht, was ich erwarb.

Ich bin aus irren Fernen
In mich zurücke gekehrt,
Die Welt in des Busens Tiefe
Ist wohl die verlorene wert.

Was außen tönet, das steiget
Herein in mein Heiligtum:
Und was die Brust mir beweget,
Das ist mein Eigentum.



Wie hat mir Einer Stimme Klang geklungen
Im tiefsten Innern,
Und zaubermächtig alsobald verschlungen
All mein Erinnern!

Wie Einer, den der Sonne Schild geblendet,
Umschwebt von Farben,
Ihr Bild nur sieht, wohin das Aug' er wendet,
Und Flammengarben;

So hört' ich diese Stimme übertönen
Die lieben alle,
Und nun vernehm' ich heimlich nur ihr Dröhnen
Im Widerhalle.

Mein Herz ist taub geworden! wehe, wehe!
Mein Hort versunken!
Ich habe mich verloren und ich gehe
Wie schlafestrunken.
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.07.2006, 19:44  Neue Antwort erstellen
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Im Herbst
Niedrig schleicht blaß hin die entnervte Sonne,
Herbstlich goldgelb färbt sich das Laub, es trauert
Rings das Feld schon nackt und die Nebel ziehen
Über die Stoppeln.

Sieh, der Herbst schleicht her und der arge Winter
Schleicht dem Herbst bald nach, es erstarrt das Leben;
Ja, das Jahr wird alt, wie ich alt mich fühle
Selber geworden!

Gute, schreckhaft siehst du mich an, erschrick nicht;
Sieh, das Haupthaar weiß, und des Auges Sehkraft
Abgestumpft; warm schlägt in der Brust das Herz zwar,
Aber es friert mich!

Naht der Unhold, laß mich ins Auge ihm scharf sehn:
Wahrlich, Furcht nicht flößt er mir ein, er komme,
Nicht bewußtlos rafft er mich hin, ich will ihn
Sehen und kennen.

Laß den Wermutstrank mich, den letzten, schlürfen,
Nicht ein Leichnam längst, ein vergeßner, schleichen,
Wo ich markvoll einst in den Boden Spuren
Habe getreten.

Ach! ein Blutstrahl quillt aus dem lieben Herzen:
Fasse Mut, bleib stark; es vernarbt die Wunde,
Rein und liebwert hegst du mein Bild im Herzen
Nimmer vergänglich.
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BeitragVerfasst am: 19.07.2006, 19:47  Neue Antwort erstellen
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Küssen will ich, ich will küssen.
Freund, noch einen Kuß mir gieb,
Einen Kuß von deinem Munde,
Ach! ich habe dich so lieb!
Freund, noch einen Kuß mir gieb.
Werden *öcht' ich sonst zum Dieb,
Wärst du karg in dieser Stunde;
Freund, noch einen Kuß mir gieb,
Einen Kuß von deinem Munde.

Küssen ist ein süßes Spiel,
Meinst du nicht, mein süßes Leben?
Nimmer ward es noch zu viel,
Küssen ist ein süßes Spiel.
Küsse, sonder Zahl und Ziel,
Geben, nehmen, wiedergeben,
Küssen ist ein süßes Spiel,
Meinst du nicht, mein süßes Leben?

Giebst du einen Kuß mir nur,
Tausend geb' ich dir für einen.
Ach, wie schnelle läuft die Uhr,
Giebst du einen Kuß mir nur.
Ich verlange keinen Schwur,
Wenn es treu die Lippen meinen,
Giebst du einen Kuß mir nur,
Tausend geb' ich dir für einen.

Flüchtig, eilig wie der Wind,
Ist die Zeit, wann wir uns küssen.
Stunden, wo wir selig sind,
Flüchtig, eilig wie der Wind!
Scheiden schon, ach, so geschwind!
O, wie werd' ich weinen *üssen!
Flüchtig, eilig wie der Wind,
Ist die Zeit, wann wir uns küssen.

Muß es denn geschieden sein,
Nur noch einen Kuß zum Scheiden!
Scheiden, meiden, welche Pein!
Muß es denn geschieden sein?
Lebe wohl und denke mein,
Mein in Freuden und in Leiden;
Muß es denn geschieden sein,
Nur noch einen Kuß zum Scheiden.
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.07.2006, 19:51  Neue Antwort erstellen
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Nach dem Dänischen von Andersen.
1.
*ärzveilchen.
Der Himmel wölbt sich rein und blau;
Der Reif stellt Blumen aus zur Schau.

Am Fenster prangt ein flimmernder Flor,
Ein Jüngling steht ihn betrachtend davor.

Und hinter den Blumen blühet noch gar
Ein blaues, ein lächelndes Augenpaar.

*ärzveilchen, wie jener noch keine geseh'n
Der Reif wird angehaucht zergeh'n.

Eisblumen fangen zu schmelzen an –
Und Gott sei gnädig dem jungen Mann.


2.
Muttertraum.
Die Mutter betet herzig und schaut
Entzückt auf den schlummernden Kleinen;
Er ruht in der Wiege so sanft, so traut,
Ein Engel muß er ihr scheinen.

Sie küßt ihn und herzt ihn; sie hält sich kaum,
Vergessen der irdischen Schmerzen;
Es schweift in der Zukunft ihr Hoffnungstraum;
So träumen *ütter im Herzen.

Der Rab' indeß mit der Sippschaft sein
Kreischt draußen am Fenster die Weise:
Dein Engel, dein Engel wird unser sein!
Der Räuber dient uns zur Speise!


3.
Der Soldat.
Es geht bei gedämpfter Trommel Klang;
Wie weit noch die Stätte! der Weg wie lang!
O wär' er zur Ruh' und alles vorbei!
Ich glaub', es bricht mir das Herz entzwei!

Ich hab' in der Welt nur ihn geliebt,
Nur ihn, dem jetzt man den Tod doch giebt.
Bei klingendem Spiele wird paradiert,
Dazu bin auch ich kommandiert.

Nun schaut er auf zum letztenmal
In Gottes Sonne freudigen Strahl, –
Nun binden sie ihm die Augen zu, –
Dir schenke Gott die ewige Ruh'.

Es haben die Neun wohl angelegt,
Acht Kugeln haben vorbeigefegt.
Sie zitterten alle vor Jammer und Schmerz –
Ich aber, ich traf ihn mitten ins Herz.


4.
Der Spielmann.
Im Städtchen giebt es des Jubels viel,
Da halten sie Hochzeit mit Tanz und mit Spiel,
Den Fröhlichen blinket der Wein so rot,
Die Braut nur gleicht dem getünchten Tod.

Ja tot für den, den nicht sie vergißt,
Der doch beim Fest nicht Bräutigam ist;
Da steht er inmitten der Gäste im Krug,
Und streichet die Geige, lustig genug!

Er streichet die Geige, sein Haar ergraut,
Es springen die Saiten gellend und laut.
Er drückt sie ans Herz und achtet es nicht,
Ob auch sie in tausend Stücken zerbricht.

Es ist gar grausig, wenn Einer so stirbt,
Wann jung sein Herz um Freude noch wirbt;
Ich mag und will nicht länger es seh'n,
Das *öchte den Kopf mir schwindelnd verdreh'n –

Wer heißt euch mit Fingern zeigen auf mich?
O Gott! bewahr' uns gnädiglich,
Daß Keinen der Wahnsinn übermannt;
Bin selber ein armer Musikant.
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Ann
BeitragVerfasst am: 19.07.2006, 19:54  Neue Antwort erstellen
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Zweites Lied von der alten Waschfrau

Es hat euch anzuhören wohl behagt,
Was ich von meiner Waschfrau euch gesagt;
Ihr habt's für eine Fabel wohl gehalten?
Fürwahr, mir selbst erscheint sie fabelhaft;
Der Tod hat längst sie alle hingerafft,
Die jung zugleich gewesen mit den Alten.

Dies werdende Geschlecht, es kennt sie nicht
Und geht an ihr vorüber ohne Pflicht
Und ohne Lust, sich ihrer zu erbarmen.
Sie steht allein. Der Arbeit zu gewohnt,
Hat sie, solang' es ging, sich nicht geschont;
Jetzt aber, wehe der vergess'nen Armen!

Jetzt drückt darnieder sie der Jahre Last;
Noch emsig thätig, doch entkräftet fast
Gesteht sie ein: "So kann's nicht lange währen.
Mag's werden, wie's der liebe Gott bestimmt;
Wenn er nicht gnädig bald mich zu sich nimmt, -
Nicht schafft's die Hand mehr - muss er mich ernähren."

Solang' sie rüstig noch beim Waschtrog stand,
War für den Dürst'gen offen ihre Hand;
Da mochte sie nicht rechnen und nicht sparen.
Sie dachte bloß: "Ich weiß, wie Hunger thut." -
Vor eure Füsse leg' ich meinen Hut,
Sie selber ist im Betteln unerfahren.

Ihr Fraun und Herrn, Gott lohn' es euch zumal,
Er geb' euch dieses Weibes Jahre Zahl
Und spät dereinst ein gleiches Sterbekissen!
Denn wohl vor allem, was man Güter heißt,
Sind's diese beiden, die man billig preist:
Ein hohes Alter und ein rein Gewissen.
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