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  Gedichte  -  Adelbert von Chamisso 1781-1838 Naturforscher Dichter
Ann
BeitragVerfasst am: 27.07.2006, 15:45  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Adelbert von Chamisso 1781-1838 Naturforscher Dichter
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
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Die Sonne bringt es an den Tag

Gemächlich in der Werkstatt saß
Zum Frühtrunk Meister Nikolas,
Die junge Hausfrau schenkt' ihm ein,
Es war im heitern Sonnenschein. -
Die Sonne bringt es an den Tag.

Die Sonne blinkt von der Schale Rand,
Malt zitternde Kringeln an die Wand,
Und wie den Schein er ins Auge faßt,
So spricht er für sich, indem er erblaßt :
"Du bringst es doch nicht an den Tag" -

"Wer nicht? was nicht?'. die Frau fragt gleich,
"Was stierst du so an? was wirst du so bleich?"
Und er darauf: "Sei still, nur still !
Ich's doch nicht sagen kann noch will.
Die Sonne bringt's nicht an den Tag."

Die Frau nur dringender forscht und fragt,
Mit Schmeicheln ihn und Hadern plagt,
Mit süßem und mit bitterm Wort;
Sie fragt und plagt ihn Ort und Ort :
"Was bringt die Sonne nicht an den Tag?"

"Nein nimmermehr!" - "Du sagst es mir noch."
"Ich sag es nicht." - "Du sagst es mir doch."
Da ward zuletzt er *üd und schwach
Und gab der Ungestümen nach. -
Die Sonne bringt es an den Tag.

"Auf der Wanderschaft, 's sind zwanzig Jahr,
Da traf es mich einst gar sonderbar.
Ich hatt nicht Geld, nicht Ranzen, noch Schuh,
War hungrig und durstig und zornig dazu. -
Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

Da kam mir just ein Jud in die Quer,
Ringsher war's still und menschenleer,
'Du hilfst mir, Hund, aus meiner Not!
Den Beutel her, sonst schlag ich dich tot!'
Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

Und er: 'Vergieße nicht mein Blut,
Acht Pfennige sind mein ganzes Gut!'
Ich glaubt ihm nicht und fiel ihn an ;
Er war ein alter, schwacher Mann -
Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

So rücklings lag er blutend da;
Sein brechendes Aug in die Sonne sah;
Noch hob er zuckend die Hand empor,
Noch schrie er röchelnd mir ins Ohr.
'Die Sonne bringt es an den Tag!'

Ich macht ihn schnell noch vollends stumm
Und kehrt ihm die Taschen um und um:
Acht Pfenn'ge, das war das ganze Geld.
Ich scharrt ihn ein auf selbigem Feld -
Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

Dann zog ich weit und weiter hinaus,
Kam hier ins Land, bin jetzt zu Haus. -
Du weißt nun meine Heimlichkeit,
So halte den Mund und sei gescheit!
Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

Wann aber sie so flimmernd scheint,
Ich merk es wohl, was sie da meint,
Wie sie sich *üht und sich erbost, -
Du, schau nicht hin und sei getrost :
Sie bringt es doch nicht an den Tag."

So hatte die Sonn eine Zunge nun,
Der Frauen Zungen ja nimmer ruhn. -
"Gevatterin, um Jesus Christ!
Laßt Euch nicht merken, was Ihr nun wißt!" -
Nun bringt's die Sonne an den Tag.

Die Raben ziehen krächzend zumal
Nach dem Hochgericht, zu halten ihr Mahl.
Wen flechten sie aufs Rad zur Stund?
Was hat er getan? wie ward es kund?
Die Sonne bracht es an den Tag.
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Ann
BeitragVerfasst am: 12.10.2007, 17:55  Neue Antwort erstellen
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Heimweh.


O laßt mich schlafen! o ruft mich
In die Gegenwart nicht zurück!
Mißgönnt ihr dem kranken *ädchen
Den Traum, den Schatten von Glück?

Was sprecht ihr mir zu? vergebens!
Mein Herz verstehet euch nicht.
Bin fremd in eurem Lande;
Hier schmerzt mich das Tageslicht.

Hier dehnt sich das flache Gefilde
So unabsehbar und leer,
Darüber legt sich der Himmel
So freud- und farblos und schwer.

Es sieht mein *üdes Auge,
Umflort von bitterm Tau,
Nur blasse Nebelgestalten,
Verschwindende, grau in grau.

Es rauschen fremde Klänge
Vorüber an meinem Ohr,
Es zählet die innere Stimme
Nur Schmerzen und Schmerzen mir vor.

Der Schlaf nur bringt allnächtlich
Vor Tagesgedanken mir Ruh',
Es trägt mich der Traum mitleidig
Der lieben Heimat zu.

Und meine Berge erheben
Die schneeigen Häupter zumal
Und tauchen in dunkele Bläue
Und glühen im Morgenstrahl,

Und lauschen über den Hochwald,
Der schirmend die Gletscher umspannt,
In unser Thal herüber,
Und schauen mich an so bekannt.

Der Gießbach schäumet und brauset,
Und stürzt in die Schlucht sich hinab;
Von drüben erschallt das Alphorn, –
Das ist der Hirtenknab!

Aus unserm Hause tret' ich,
Dem zierlich gefügten, herfür;
Die Eltern haben's gebauet,
Die Namen stehn über der Thür;

Und unter den Namen stehet
Der Spruch, Gott segne das Haus
Und segne, die frommen Gemütes
Darin gehn ein und aus.

Ich bin hinaus gegangen – –
Weh' mir, daß ich es that!
Ich bin nun eine Waise,
Die keine Heimat hat.

O laßt mich schlafen, o ruft mich
In die Gegenwart nicht zurück!
Mißgönnt nicht dem kranken *ädchen
Den Traum, den Schatten von Glück!
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Ann
BeitragVerfasst am: 12.10.2007, 17:57  Neue Antwort erstellen
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Der rechte Barbier

Und soll ich nach Philisterart
Mir Kinn und Wange putzen,
So will ich meinen langen Bart
Den letzten Tag noch nutzen.
Ja, ärgerlich, wie ich nun bin,
Vor meinem Groll, vor meinem Kinn
Soll mancher noch erzittern!

»Holla! Herr Wirt, mein Pferd! macht fort!
Ihm wird der Hafer frommen.
Habt Ihr Barbierer hier im Ort?
Laßt gleich den rechten kommen.
Waldaus, waldein, verfluchtes Land!
Ich ritt die Kreuz und Quer und fand
Doch nirgends noch den rechten.

Tritt her, Bartputzer, aufgeschaut!
Du sollst den Bart mir kratzen;
Doch kitzlig sehr ist meine Haut,
Ich biete hundert Batzen;
Nur, machst du nicht die Sache gut,
Und fließt ein einzges Tröpflein Blut, –
Fährt dir mein Dolch ins Herze.«

Das spitze, kalte Eisen sah
Man auf dem Tische blitzen,
Und dem verwünschten Ding gar nah
Auf seinem Schemel sitzen
Den grimmgen, schwarzbehaarten Mann
Im schwarzen, kurzen Wams, woran
Noch schwärzre Troddeln hingen.

Dem Meister wird's zu grausig fast;
Er will die Messer wetzen;
Er sieht den Dolch; er sieht den Gast;
Es packt ihn das Entsetzen;
Er zittert wie das Espenlaub,
Er macht sich plötzlich aus dem Staub
Und sendet den Gesellen.

»Einhundert Batzen mein Gebot,
Falls du die Kunst besitzest;
Doch, merk es dir, dich stech ich tot,
So du die Haut mir ritzest.«
Und der Gesell: »Den Teufel auch!
Das ist des Landes nicht der Brauch.«
Er läuft und schickt den Jungen.

»Bist du der Rechte, kleiner Molch?
Frisch auf! fang an zu schaben;
Hier ist das Geld, hier ist der Dolch,
Das beides ist zu haben!
Und schneidest, ritzest du mich bloß,
So geb ich dir den Gnadenstoß;
Du wärest nicht der erste.«

Der Junge denkt der Batzen, druckst
Nicht lang und ruft verwegen:
»Nur still gesessen! nicht gemuckst!
Gott geb Euch seinen Segen!«
Er seift ihn ein ganz unverdutzt,
Er wetzt, er stutzt, er kratzt, er putzt:
»Gottlob! nun seid Ihr fertig.«

»Nimm, kleiner Knirps, dein Geld nur hin;
Du bist ein wahrer Teufel!
Kein andrer mochte den Gewinn,
Du hegtest keinen Zweifel;
Es kam das Zittern dich nicht an,
Und wenn ein Tröpflein Blutes rann,
So stach ich dich doch nieder.«

»Ei! guter Herr, so stand es nicht,
Ich hielt Euch an der Kehle;
Verzucktet Ihr nur das Gesicht
Und ging der Schnitt mir fehle,
So ließ ich Euch dazu nicht Zeit;
Entschlossen war ich und bereit,
Die Kehl Euch abzuschneiden.« –

»So, so! ein ganz verwünschter Spaß!«
Dem Herrn ward's unbehäglich;
Er wurd auf einmal leichenblaß
Und zitterte nachträglich:
»So, so! das hatt ich nicht bedacht,
Doch hat es Gott noch gut gemacht;
Ich will's mir aber merken.«
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Ann
BeitragVerfasst am: 12.10.2007, 17:58  Neue Antwort erstellen
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Der Bettler

Ich will in dieser Rinne sterben, bin alt und siech genug dazu;
Sie *ögen mich "betrunken" schelten, mir recht! sie lassen mich in Ruh.
Die werfen mir noch ein'ge Groschen, die wenden ab ihr Angesicht;
Ja, eilt nur, eilt zu euren Festen, zum Sterben brauch' ich euch doch nicht.

Vor Alter muss ich also sterben, man stirbt vor Hunger nicht zumal;
ich hofft in meinen alten Tagen zuletzt noch auf ein Hospital;
soviel des Elends gibt's im Volke, man kommt auch nirgends mehr hinein;
die Straße war ja meine Wiege, sie mag mein Sterbebett auch sein.

Lehrt mich ein Handwerk, gebt mir Arbeit, mein Brot verdienen will ich ja; -
Geh betteln! hieß es, Arbeit? Arbeit? Die ist für alle Welt nicht da.
Arbeite! schrieen mich an, die schmausten, und warfen mir die Knochen zu;
ich will den Reichen doch nicht fluchen, ich fand in ihren Scheunen Ruh.

Ich hätte freilich stehlen können, mir schien zu betteln minder hart;
ich habe höchstens mir am Wege ein paar Kartoffeln ausgescharrt;
und immer allerorten steckte die Polizei mich dennoch ein,
mir raubend meine einzige Habe - Du Gottes Sonne bist ja mein!

Was kümmern mich Gesetz und Ordnung, Gewerb und bürgerliches Band?
Was euer König, eure Kammern? Sagt, hab ich denn ein Vaterland?
Und dennoch, als in euren Mauern der Fremde Herr zu sein gemeint,
der Fremde, der mich reichlich speiste, ich Narr, wie hab' ich da geweint!

Ihr hättet mich erdrücken sollen, wie ich das Licht der Welt erblickt;
Ihr hättet mich erziehen sollen, wie sich's für einen Menschen schickt.
Ich wäre nicht der Wurm geworden, den ihr euch abzuwenden sucht;
Ich hätt' euch brüderlich geholfen und euch im Tode nicht geflucht.
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Ann
BeitragVerfasst am: 12.10.2007, 17:59  Neue Antwort erstellen
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Das Schloß Boncourt

Ich träum' als Kind mich zurücke
Und schüttle mein greises Haupt;
Wie sucht ihr mich heim, ihr Bilder,
Die lang' ich vergessen geglaubt?

Hoch ragt aus schatt'gen Gehegen
Ein schimmerndes Schloß hervor,
Ich kenne die Türme, die Zinnen,
Die steinerne Brücke, das Thor.

Es schauen vom Wappenschilde
Die Löwen so traulich mich an,
Ich grüße die alten Bekannten
Und eile den Burghof hinan.

Dort liegt die Sphinx am Brunnen
Dort grünt der Feigenbaum,
Dort, hinter diesen Fenstern,
Verträumt' ich den ersten Traum.

Ich tret' in die Burgkapelle
Und suche des Ahnherrn Grab
Dort ist's, dort hängt vom Pfeiler
Das alte Gewaffen herab.

Noch lesen umflort die Augen
Die Züge der Inschrift nicht,
Wie hell durch die bunten Scheiben
Das Licht darüber auch bricht.

So stehst du, o Schloß meiner Väter,
Mir treu und fest in dem Sinn
Und bist von der Erde verschwunden,
Der Pflug geht über dich hin.

Sei fruchtbar, o teurer Boden,
Ich segne dich mild und gerührt
Und segn' ihn zwiefach, wer immer
Den Pflug nun über dich führt.

Ich aber will auf mich raffen,
Mein Saitenspiel in der Hand,
Die Weiten der Erde durchschweifen
Und singen von Land zu Land.
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Ann
BeitragVerfasst am: 12.10.2007, 18:03  Neue Antwort erstellen
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Thränen.
1


Was ist's, o Vater, was ich verbrach?
Du brichst mir das Herz, und fragst nicht darnach.

Ich hab' ihm entsagt, nach deinem Befehl,
Doch nicht ihn vergessen, ich hab' es nicht Hehl.

Noch lebt er in mir, ich selbst bin tot,
Und über mich schaltet dein strenges Gebot.

Wann Herz und Wille gebrochen sind,
Bittet um eins noch dein armes Kind.

Wann bald mein *üdes Auge sich schließt,
Und Thränen vielleicht das deine vergießt;

An der Kirchwand dort, beim Hollunderstrauch,
Wo die Mutter liegt, da lege mich auch.
2


Ich habe, bevor der Morgen
Im Osten noch gegraut,
Am Fenster zitternd geharret
Und dort hinaus geschaut.

Und in der Mittagsstunde,
Da hab' ich bitter geweint,
Und habe doch im Herzen:
Er kommt wohl noch, gemeint.

Die Nacht, die Nacht ist kommen,
Vor der ich mich gescheut;
Nun ist der Tag verloren,
Auf den ich mich gefreut.
3


Nicht der Tau und nicht der Regen
Dringen, Mutter, in dein Grab,
Thränen sind es,
Thränen deines armen Kindes
Rinnen heiß zu dir hinab.

Und ich grabe, grabe, grabe;
Von den Nägeln springt das Blut,
Ach! mit Schmerzen,
Mit zeriss'nem blut'gem Herzen
Bring' ich dir hinab mein Gut.

Meinen Ring, sollst mir ihn wahren,
Gute Mutter, liebevoll:
Ach! sie sagen,
Daß ich einen andern tragen,
Weg den meinen werfen soll.

Ring, mein Ring, du teures Kleinod!
Muß es denn geschieden sein?
Ach! ich werde
Bald dich suchen in der Erde,
Und du wirst dann wieder mein.
4


Denke, denke, mein Geliebter,
Meiner alten Lieb' und Treue,
Denke, wie aus freud'gem Herzen,
Sonder Harm und sonder Reue
Frei das Wort ich dir gegeben,
Dich zu lieben, dir zu leben –
Suche dir ein and'res Lieb!

Ach! er kam, besah die Felder
Und das Haus, der Mutter Erbe,
Sprach und feilschte mit dem Vater,
Der befahl gestreng und herbe. –
Eitel war das Wort gesprochen,
Herz und Treue sind gebrochen –
Suche dir ein and'res Lieb!

Und der Priester mit dem Munde
Sprach den Segen unverdrossen,
Unerhöret, einem Bunde,
Der im Himmel nicht geschlossen. –
Zieh' von hinnen! zieh' von hinnen!
And'res Glück dir zu gewinnen,
Suche dir ein and'res Lieb!
5


Die, deren Schoß geboren,
In Wonn' und Lust verloren,
Ihr Kind in Armen hält,
Sie giebt dir Preis und Ehren
Und weint des Dankes Zähren
Dir, Vater aller Welt.

Und, welcher du verneinet
Des Leibes Segen, weinet
Und grämt und härmet sich,
Sie hebt zu dir die Arme
Und betet: ach! erbarme,
Erbarme meiner dich!

Ich Ärmste nur von allen,
In Schuld und Schmach gefallen,
Bin elend grenzenlos;
Ich bete: – weh' mir! – mache,
Aus Mitleid oder Rache,
Uufruchtbar meinen Schoß.
6


Ich hab' ihn im Schlafe zu sehen gemeint,
Noch sträubt vor Entsetzen mein Haar sich empor,
O, hätt' ich doch schlaflos die Nacht durchweint,
Wie manche der Nächte zuvor.

Ich sah' ihn verstört, zerrissen und bleich,
Wie er in den Sand zu schreiben schien,
Er schrieb uns're Namen, ich kannt' es gleich,
Da hab' ich wohl laut geschrie'n.

Er fuhr zusammen vom Schrei erschreckt,
Und blickte mich an, verstummt wie das Grab,
Ich hielt ihm die Arme entgegen gestreckt,
Und er – er wandte sich ab.
7


Wie so bleich ich geworden bin?
Was willst du fragen?
Freue, freue dich immerhin,
Ich will nicht klagen.

Hast das Haus und die Felder auch,
Und hast den Garten,
Laß mich unterm Hollunderstrauch
Den Platz erwarten.

Tief das Plätzchen und lang und breit
Nur wen'ge Schuhe,
Leg' ich dort mich zu guter Zeit
Und halte Ruhe.
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Ann
BeitragVerfasst am: 12.10.2007, 18:06  Neue Antwort erstellen
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Der Klapperstorch.
1.


Was klappert im Hause so laut? horch, horch!
Ich glaube ich glaube, das ist der Storch.

Das war der Storch. Seid, Kinder, nur still,
Und hört, was gern ich erzählen euch will.

Er hat euch gebracht ein Brüderlein
Und hat gebissen Mutter ins Bein.

Sie liegt nun krank, doch freudig dabei,
Sie meint, der Schmerz zu ertragen sei.

Das Brüderlein hat euer gedacht,
Und Zuckerwerk die Menge gebracht;

Doch nur von den süßen Sachen erhält
Wer artig ist und still sich verhält.
2.

Und als das Kind geboren war,
Sie mußten der Mutter es zeigen;
Da ward ihr Auge voll Thränen so klar,
Es strahlte so wonnig, so eigen.

Gern litt ich und werde, mein süßes Licht
Viel Schmerzen um dich noch erleben.
Ach! lebt von Schmerzen die Liebe nicht,
Und nicht von Liebe das Leben!
3.


Der Vater kam, der Vater frug nach seinem Jungen,
Und weil der Knabe so geweint,
So hat ihm auch der Alte gleich ein Lied gesungen,
Wie er's im Herzen treu gemeint.

Als so ich schrie, wie du nun schreist, die Zeiten waren
Nicht so, wie sie geworden sind,
Geduld, Geduld! Und kommst du erst zu meinen Jahren,
So wird es wieder anders, Kind!

Da legten sie mit gläub'gem Sinn, zu mir, dem Knaben,
Des Vaters Wappenschild und Schwert;
Mein Erbe war's, und hatte noch, und sollte haben
Auf alle Zeiten guten Wert.

Ich bin ergraut, die alte Zeit ist abgelaufen,
Mein Erb' ist worden eitel Rauch.
Ich mußte, was ich hab' und bin, mir selbst erkaufen,
Und du, mein Sohn, das wirst du auch.
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Ann
BeitragVerfasst am: 12.10.2007, 18:07  Neue Antwort erstellen
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Die Braut.


Wie wohlgefällig hat auf mir
Des teuern Vaters Auge geruht!
Wie sprach der stumme Blick doch schier:
Bist meine Lust, ich bin dir gut.

Wie hat die Mutter früh und spat
Für mich sich bemühet so liebereich!
Und was sie geschäftig auch alles that,
Wie war ihr Segen auf mir zugleich.

Wie sehen die lieben Schwestern mich
So trauernd scheiden aus ihrer Zahl,
Die, feuchten Auges, heute für dich
Mich noch geschmückt zum letzten Mal!

Wie glücklich war ich im Mutterhaus!
Wie haben alle mich doch geliebt!
Und dir, Geliebter, folg' ich hinaus,
Dich hab' ich mehr als alle geliebt.

Ich werde, Geliebter, dir unterthan,
Und werde dir dienen in treuer Pflicht.
Was ich verlassen, was ich gethan
Für dich, du Guter, vergiß es nicht.
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Ann
BeitragVerfasst am: 12.10.2007, 18:08  Neue Antwort erstellen
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Die kleine Lise am Brunnen.

(Frei nach dem Dänischen von Andersen)


In den Grund des Brunnens schaut
Lischen gar gedankenvoll;
Was hier dieser Brunnen soll,
Hat die Mutter ihr vertraut.

»Meine Schwester sagte zwar,
Daß der Storch die Kinder bringt;
Wie verständig es auch klingt,
Ist es aber doch nicht wahr.

Nein, das macht sie mir nicht weiß
Mutter, wie ich sie gefragt,
Hat es anders mir gesagt,
Mutter, die es besser weiß.

Aus dem Brunnen holt bei Nacht
Sie die weise Frau allein,
Die hat jüngst das Brüderlein
Aus dem Brunnen uns gebracht.

Vor fünf Jahren schlief ich auch
Hier im Brunnen, wundersam,
Bis sie mich zu holen kam
Nach dem hergebrachten Brauch.

Könnt' ich nur die Kleinen seh'n!
Ach, ich säh' sie gar zu gern!
Doch sie schlafen tief und fern,
Keines läßt sich heut' erspäh'n.

Wüßt' ich, wie die Frau es macht,
Holt' ich eines mir geschwind.
So ein himmlisch kleines Kind,
Ei, das wär' auch eine Pracht!

O was gäb' ich nicht darum!
Seit es durch den Sinn mir fährt,
Bist mir gar nichts, gar nichts wert,
Garst'ge Puppe, stumm und dumm!«
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Ann
BeitragVerfasst am: 12.10.2007, 18:10  Neue Antwort erstellen
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Der erste Schnee.


Der leise schleichend euch umsponnen
Mit argem Trug, eh' ihr's gedacht,
Seht, seht den Unhold! über Nacht
Hat er sich andern Rat ersonnen.
Seht, seht den Schneenmantel wallen!
Das ist des Winters Herrscherkleid;
Die Larve läßt der Grimme fallen; –
Nun wißt ihr doch, woran ihr seid.

Er hat der Furcht euch überhoben,
Lebt auf zur Hoffnung und seid stark;
Schon zehrt der Lenz an seinem Mark.
Geduld! und mag der Wütrich toben
Geduld! schon ruft der Lenz die Sonne,
Bald weben sie ein Blumenkleid,
Die Erde träumet neue Wonne, –
Dann aber träum' ich neues Leid!
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Ann
BeitragVerfasst am: 12.10.2007, 18:12  Neue Antwort erstellen
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Geh' du nur hin!


Ich war auch jung und bin jetzt alt,
Der Tag ist heiß, der Abend kalt,
Geh' du nur hin, geh' du nur hin,
Und schlag dir solches aus dem Sinn.

Du steigst hinauf, ich steig' hinab,
Wer geht im Schritt, wer geht im Trab?
Sind dir die Blumen eben recht,
Sind doch sechs Bretter auch nicht schlecht.
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Ann
BeitragVerfasst am: 12.10.2007, 18:13  Neue Antwort erstellen
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ert von Chamisso
Morgentau


Wir wollten mit Kosen und Lieben
Genießen der köstlichen Nacht.
Wo sind doch die Stunden geblieben?
Es ist ja der Hahn schon erwacht.

Die Sonne, die bringt viel Leiden,
Es weinet die scheidende Nacht;
Ich also muß weinen und scheiden,
Es ist ja die Welt schon erwacht.

Ich wollt', es gäb' keine Sonne,
Als eben dein Auge so klar,
Wir weilten in Tag und in Wonne,
Und schliefe die Welt immerdar.
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Ann
BeitragVerfasst am: 12.10.2007, 18:14  Neue Antwort erstellen
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Zur Unzeit.


Ich wollte, wie gerne, dich herzen,
Dich wiegen in meinem Arm,
Dich drücken an meinem Herzen,
Dich hegen so traut und so warm.

Man verscheuchet mit Rauch die Fliegen,
Mit Verdrießlichkeit wohl den Mann,
Und wollt' ich an dich mich schmiegen,
Ich thäte nicht weise daran.

Wohl zieht vom strengen Norden
Ein trübes Gewölk herauf,
Ich bin ganz stille geworden,
Ich schlage die Augen nicht auf.
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Ann
BeitragVerfasst am: 12.10.2007, 18:15  Neue Antwort erstellen
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Gern und gerner.


Der Gang war schwer, der Tag war rauh,
Kalt weht' es und stürmisch aus Norden;
Es trieft mein Haar vom Abendtau,
Fast wär' ich *üde geworden.

Laß blinken den roten, den süßen Wein:
Es mag der alte Zecher
Sich gerne sonnen im roten Schein,
Sich gerne wärmen am Becher;

Und gerner sich sonnen in trüber Stund'
Am Klarblick deiner Augen,
Und gerner vom roten, vom süßen Mund
Durchwärmende Flammen saugen.

Reichst mir den Mund, mir den Pokal,
Mir Jugendlust des Lebens;
Laß tosen und toben die Stürme zumal,
Sie *ühen um mich sich vergebens.
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Ann
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Zur Antwort.


Dir ist sonst der Mund verschlossen,
Du antwortest mir ja kaum,
Nur zu Liedern süßen Klanges
Öffnest du ihn, wie im Traum.
Könnt' ich auch so dichten, würden
Hübsch auch meine Lieder sein,
Sänge nur, wie ich dich liebe,
Sänge nur: ganz bin ich dein.

Ich kann dir ins Antlitz schauen,
Heiter, wie das Kind ins Licht;
Ich kann lieben, kosen, küssen,
Aber dichten kann ich nicht.
Könnt' ich auch so dichten, würden
Hübsch auch meine Lieder sein,
Sänge nur, wie ich dich liebe,
Sänge nur: ganz bin ich dein.
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