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  Kurzgeschichten  -  Spinalonga Teil 4
Juska
BeitragVerfasst am: 23.03.2007, 23:16  Neue Antwort erstellen
Kurzgeschichten
Spinalonga Teil 4
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
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Doch jetzt zeigte Walter mit seinem Finger auf seine Schwester und sagte Moses ihren Namen: „Ines!", Oh, Ines!“ Dieser Name schien Hristos zu gefallen. Gleich erhellte sich sein Gesicht.

Sie winkten sich gegenseitig zu und Hristos hätte gerne gewusst, ob Ines griechisch spricht. Sie verbrachten noch eine Weile dort oben zusammen, aber dann musste Moses an die Arbeit und der Freund kletterte wieder hinunter. Nach dem Mittagessen trafen sich die beiden wieder. Diesmal an Deck des Frachters. Walter kramte in seiner Tasche. Es dauerte einige Zeit, bis er das Tuch aus seiner Hosentasche gekramt hatte. Er bestellte Moses schöne Grüße von Ines und überreichte es ihm. In dem Tuch befanden sich 10 Oliven.

Hristos schaute Walter fragend an. „Was soll ich damit?“ wollte er wissen. Walter zeigte ihm, was Ines ihm vorgemacht hatte. Er nahm eine Olive, pulte den Kern heraus und stülpte sie sich über den Finger. So begannen die beiden aus allen Oliven die Kerne zu pulen und Walter steckte seinem Freund die Früchte über die Fingerkuppen. So konnte Moses zwar nicht den ganzen Tag herumlaufen, aber er zog seine Handschuhe darüber und versuchte so lange, wie es ihm *öglich war, die Oliven auf den Fingerkuppen zu lassen. Schließlich hatte Ines sie beim Mittagessen extra für ihn verwahrt. Außerdem hatte sie ein Herz auf das Tuch gemalt, in dem die Oliven eingewickelt waren.

Wie sie darauf kam, dass diese Prozedur seinen Fingern helfen könnte, vermochte Walter auch nicht zu sagen, doch ihr zuliebe wollte Hristos es auf sich nehmen und er musste sich eingestehen, dass es sogar angenehm war, diese kühlenden Oliven zu spüren.

***

Auf Spinalonga hatte sich inzwischen Schwester Lucca eingerichtet. Sie bewohnte einen Raum, der mit der Rückseite gleichzeitig die Festungsmauer bildete und dessen einziges winzigkleines Fenster den Blick freigab auf die Welt hinter der Mauer. Sie sah hinunter auf das Meer und in der Ferne die Küste von der aus die Fähre ab und zu ablegte.

Gerade fiel ihr Blick auf zwei Jugendliche, die es geschafft hatten hinter die Festung zu kommen. Sie hangelten sich an einem Bettuch die Außenmauer entlang. Nun galt es für sie, das Meer zu durchschwimmen. Schwester Lucca nahm ihren Rosenkranz heraus und betete für die beiden jungen Leute.

Auch sie hatten Lepra. Auch sie wollten ein Leben in Freiheit. - Es wird schwer sein, da draußen mit der Krankheit zu überleben! Ich wünsche ihnen alles Glück dieser Welt - hoffte Schwester Lucca für sie.

Sie machte ihre Runde um die kleine Festung. Das Feuer brannte schon, mit dem das alte Verbandszeug auf ewige Zeiten verschwinden musste.

Ein alter Mann hatte diese Aufgabe übernommen. Ihm fehlte die Nase fast vollständig. An dieser Stelle war alles gefühllos und auch der Geruchsinn fehlte ihm vollkommen. Es machte ihm nichts aus, auch wenn andere sich davor schüttelten und einen großen Bogen um das kleine Stückchen Strand zogen.

Etwas weiter, auf einer kleinen Anhöhe lag der Friedhof. Ein kleines Glöckchen bimmelte, als gerade eine kleine Gruppe mit einer Kiste den Friedhof betrat. Es war Ignaz, den sie heute beerdigten. Er wurde in eines von den drei offen geschaufelten Gräbern gelegt. Auch die anderen beiden Gräber würden sicher noch heute belegt werden.

Schwester Lucca schloss sich der kleinen Gruppe an. Sie stellte sich vor das Grab und betete. Dabei machte sie ein Kreuzzeichen. Die wenigen Leute sahen sie verwundert an: „Wir haben das Beten verlernt!“ sagten sie zu ihr, drehten sich auf dem Absatz um und verschwanden wieder, woher sie gekommen waren, jeder in eine andere Richtung.

Der letzte Mann von der Truppe war der Friedhofsgärtner. Er hatte schon den Spaten in der Hand, um das Loch wieder zuzuschaufeln. Lucca sprach ihn an: „Warum sind die Menschen so?“ „Sie haben die Hoffnung auf Heilung verloren! Dieser Ignaz hat kein Gebet verdient. Er war der Teufel persönlich.“ Ignaz war 32 Jahre alt geworden. Er hatte noch nicht einem Menschen auf der Insel geholfen. Im Gegenteil! Er war ein Schläger und rücksichtslos berührte er mit seinen kranken Händen jeden, der noch nicht so schlimm von der Krankheit betroffen war. Irgendwann bekam derjenige Ignaz Faust zu spüren, die deshalb zuschlug, weil sie gefühllos war.

***

Nun war Hristos Angst nicht mehr so groß, Ines zu begegnen. Jetzt, wo sie sowieso alles wusste! Er verkroch sich auch nicht mehr absichtlich in dem Ausguckkorb und hielt sich öfter als gewöhnlich an Deck auf.

Kein Wunder also, dass sie ihm jetzt häufiger über den Weg lief. Sie sprach griechisch und wollte jedes Mal seine Finger sehen, wenn sie ihn traf. Er entfernte seine Handschuhe und sie sahen sie sich gemeinsam an. Sie meinte, die Oliven würden seiner Haut gut tun und er solle mitfahren bis Hamburg und sich dort behandeln lassen.

In Europa würden die Leprakranken nicht abgeschoben. Hristos erzählte ihr, dass die ganze Schiffsladung aus Oliven bestehen würde und sie sich nur bedienen *üssten. Ines solle ihre Oliven vom Mittagessen nur behalten. Sie versuchten gemeinsam in den Laderaum zu kommen und sich dort 10 Oliven zu holen. Hristos gestand ihr, dass er eigentlich ein schwarzer Passagier wäre und sich hier nur wegen seiner Krankheit eingeschmuggelt hätte.

In dem dunklen Laderaum nahm sie sein Gesicht zwischen ihren Händen und küsste ihn lange und ausdauernd. Hristos hielt dabei seine Hände hinter seinen Rücken und vermied es sie zu berühren, doch er wollte es ihr nicht sagen, wie unendlich gut ihm das tat. Er ging wie auf Wolken, pfiff ein Lied und eine Fröhlichkeit erfasste ihn, wie er sie noch nie zuvor gekannt hatte. Die beiden besuchten von jetzt an täglich den Laderaum, um sich dort Oliven zu holen und sich jeden Tag etwas näher zu kommen.

***

Schwester Lucca war inzwischen ein Stück weiter bei ihrer Runde dort angelangt, wo die Kranken eine Schreinerei eingerichtet hatten. Das Holz und die Nägel gehörten zu den Spenden, die am Ufer des Festlandes für die Kranken abgelegt wurden.

Der Fährmann brachte sie regelmäßig mit über die Insel. Oft waren es Angehörige, die diese Spenden dort ablegten. Sie baten auch manchmal den Fährmann sich danach zu erkundigen, ob ihr Sohn, Tochter oder Vater, Mutter noch lebten und gaben ihm Lebensmittel mit. Oft war es Wurst oder Speck, Sachen zum Bekleiden oder etwas Persönliches.

Sie konnten nicht wissen, dass diese liebgemeinten Geschenke bei ihren Angehörigen nicht ankamen. Der Fährmann wollte mit den Kranken nicht in Berührung kommen. Er ließ an der anderen Seite alles von den Kranken aus der Fähre transportieren und störte sich nicht daran. Er wechselte kaum ein Wort mit ihnen.

Es waren einfache Bretter von Transportkisten aus denen sie hier die Särge zimmerten. Der Friedhof nahm hier auf der Insel den größten Platz ein, und wenn es hier so weiterginge, *üssten sie sich bald etwas Neues einfallen lassen, zum Beispiel die Toten zu verbrennen oder mehrere Tote übereinander zu beerdigen.

Es war nicht so, wie auf Kreta üblich, dass die Toten in die Marmorwand eingebettet wurden, durch die kein Geruch nach außen drang. Vor deren Platte mit Gravur man Blumen abstellte und betete. Vielmehr wollte sich hier keiner länger als unbedingt nötig auf dem von Verwesung stinkenden Friedhof aufhalten, auch nicht zum Gebet eines guten Freundes, wusste man doch, bald läge man selbst hier.

Schwester Lucca begrüßte die fleißigen Zimmerleute in ihrer fröhlichen Art. (Handschlag war auf der Insel verpönt) Es reichte schon ein Blick und ein paar freundliche Worte. Es waren zu dieser Arbeit die kräftigsten *änner der Insel ausgewählt und auch die noch gesündesten.

Schwester Lucca spürte ihre Blicke, es waren die Blicke von wilden Tieren und Lucca hielt sich nicht auf, machte gleich, dass sie wieder fortkam. Trotzdem kamen einige der *änner hinter ihr her und spotteten über ihre Kleidung. Wäre diese nicht gewesen, wäre sie noch lange nicht entkommen. Sie schwor sich, um diese Arbeitsstelle demnächst einen großen Bogen zu machen.

***

Inzwischen hatte der Frachter im Hafen von Valencia angelegt. Dort wurden die Wassertanks gefüllt und das Schiff für die Reise um Europa flott gemacht. Auch betankt musste es werden, denn es war eines der modernsten Schiffe. Ines und ihre Familie konnten den Frachter für einen halben Tag verlassen. „Ich bring dir was Schönes mit!“ versprach Ines Moses.

Der hielt sich vorsichtshalber lieber im Frachtraum bei den Oliven auf und wollte erst aus seinem Versteck kommen, wenn der Frachter freie Fahrt machte. Heute wurden seine Finger besonders mit Oliven verwöhnt. Wenn er sie auf seine Fingerkuppen steckte und sie so betrachtete, musste er an Ines denken. Sie hatte ihm so viel Mut gemacht, dass er inzwischen selber glaubte, wieder gesund werden zu können.

***

Unterwegs beim Landgang versuchte Ines Mutter für sich einige Kosmetikartikel zu erhalten. Ines begleitete sie. Der Vater blieb mit den übrigen vier Söhnen in einer Hafenkneipe, um sich dort ein Bier zu trinken.

Ines schaute sich in dem großen Kosmetikartikelladen sehr gut um. Sie interessierte sich besonders für dünne Handschuhe, zog sie an und versuchte mit ihnen zu fühlen. Ihre Mutter wusste nicht so recht, was sie damit wollte. Doch Ines sagte, dass sie diese Hristos schenken wolle, dem Moses auf dem Frachter.
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