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  Kurzgeschichten  -  Spinalonga Teil 3
Juska
BeitragVerfasst am: 22.03.2007, 01:48  Neue Antwort erstellen
Kurzgeschichten
Spinalonga Teil 3
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Gartenmeister(in)
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
Beiträge: 6017

Viele liefen mit Krücken einher und manche konnten sich nur noch kriechenderweise fortbewegen. Es war ein großes Elend, denn viele mussten verhungern, weil sie nicht mehr richtig essen konnten. Da gab es keine Ausnahme, Kinder waren genauso betroffen, wie die Erwachsenen.

Doch das war nicht das Schlimmste. Das Allerschlimmste war der Umgang untereinander, der Hass und die Gier und der Neid. Diese Eigenschaften beherrschten die Insel.

Auf Spinalonga gab es keine Währung. Man konnte nichts kaufen und kam auch nicht von der Insel aufs Festland. Die Bevölkerung legte auch keinen Wert auf ihren Besuch.

***

Es war eine Kaufmannsfamilie aus der Hansestadt Hamburg, die sich als Passagiere auf dem Frachter aufhielten. Fünf Kinder gehörten zu den Eltern. Die sich hin und wieder an Deck aufhielten. Moses, wie sie Hristos alle nannten, versuchte sich so oft wie *öglich in seinem Ausguckkorb aufzuhalten, weil er sich von dort oben mit seinem Seerohr das *ädchen aus der Nähe betrachten konnte, ohne in Verlegenheit zu kommen, ihr Auskunft über seine Hände geben zu *üssen.

Sie interessierte ihn schon sehr und er bemerkte, dass auch er ihr nicht gleichgültig war. Sie hätte gerne mit ihm ge-redet und verstand diese Zurückhaltung nicht, die er ihr gegenüber zeigte. Gerne hätte sie ihn mal angesprochen, warum er denn immer mit Handschuhen herumliefe, doch dazu kam sie nicht. Er schien ihr aus dem Weg zu gehen. Die Besatzung durfte sich auch nicht für sie interessieren, das war ein ungeschriebenes Gesetz auf dem Frachter.

***

Spinalonga wurde von der Sonne beschienen. An diesem wunderschönen Tag erwarteten die Kranken die Fähre vom Festland, mit der das Ärzteteam regelmäßig erschien. Diesmal brachten sie eine Ordensschwester mit, die auf der Insel bei ihnen bleiben würde. Sie hatte sich inzwischen an der Seuche angesteckt.

Bei ihr begann die Krankheit mit einer Klauenhand. Zum Glück war es die linke. Sie hatte sich für ein Leben auf der Insel eingerichtet. Sie brauchte nicht viel. Ein Köfferchen gehörte zu ihrem Handgepäck und eine große Menge Verbandmaterial. Die Ordensfrau war noch jung an Jahren und viele *änner schauten ihr hinterher.

Einige von ihnen nahmen sich jede Frau, die sie hier erwischen konnten. Sie waren der Meinung, es wäre ihr gutes Recht, so lange sie noch am Leben wären, sich jeden Genuss zu verschaffen, den man bekommen konnte, freiwillig oder unfreiwillig, das spielte keine große Rolle hier.

Diejenigen, die am Schlimmsten aussahen, vergewaltigten besonders gerne die Frauen, denn freiwillig bekamen sie sie nicht. Es waren in erster Linie *änner, denen die Krankheit das Gesicht zerfressen hatte. Die Frauen, die ihnen nicht entkommen waren, träumten nachts von den Fratzen, die über sie hergefallen waren. Es war kein schönes Leben hier.

Schwester Lucca kannte hier schon viele Einwohner. Sie waren alle schon mal von ihr behandelt worden, denn sie kam regelmäßig die letzten Jahre hier mit dem Ärzteteam an.
Sie wusste auch von den Nöten der Menschen, der Grausamkeit, die hier herrschte und die Angst, die sie alle zu Tieren werden ließ.

***

Gerade hatte sich Moses in die Höhe begeben, um von seinem Aussichtspunkt mit dem Fernrohr das *ädchen zu beobachten. Zu dumm, dass sie es bemerkte und zu ihm rüberwinkte. Schüchtern drehte er sich um und schaute gen Horizont. Die junge Dame reizte es, lauthals darüber zu lachen, was ihn nur noch mehr verlegen machte.

Ach wie gerne hätte er mit ihr geredet und sie mit seinen Händen berührt. Er hockte sich auf den Boden in seinem Ausguck. Als er so dort unten kauerte, zog er seine Handschuhe aus und betrachtete seine Finger. Nein, schlimmer war es nicht geworden, aber diese leichte Taubheit in ihnen würde ihn mit der Zeit vielleicht ganz gefühllos werden lassen. Wie gerne würde er sie vorher noch streicheln können. Er saß dort oben ganz in sich versunken und stierte auf seine Finger.

Da tauchte plötzlich ein Kopf neben ihm auf. Moses sah sich erschrocken um. Es war der Bruder dieses *ädchens, der den Mast erklommen hatte, um ihn zu besuchen. Er sprach in deutscher Sprache, die Hristos nicht verstand, ließ sich ebenfalls auf den Boden nieder und sie beide füllten den notdürftigen Platz vollkommen aus.

Der Junge zeigte auf das Fernrohr und Moses erlaubte es ihm hineinzusehen. Der Junge schaute lange hindurch. Als er Hristos das Instrument zurückgab, hatte dieser schon wieder seine Handschuhe an. Der Junge zeigte auf sich und sagte: „Walter!“ Hristos versuchte den Namen zu sprechen. Es gelang ihm nur schwer. Doch Walter ging es ähnlich, als er versuchte Hristos Namen auszusprechen.

Sie mochten sich und Moses war sicher, dass er noch öfter von Walter überraschend besucht würde. Walter war 14 Jahre alt und verriet ihm, dass seine Schwester 15 war.

***

Nach der ärztlichen Versorgung - es dämmerte schon – verabschiedeten sich Ärzte und Schwestern von Schwester Lucca. „Ja, wir sehen uns ja noch weiterhin!“ meinte ein Arzt zu ihr. „Sehen sie mal zu, wie sie aus dem wilden Haufen hier eine ordentliche Gemeinschaft bekommen.“ „Gott wird mir dabei helfen!“ war sich Schwester Lucca sicher.

Die kleine Gruppe, die sich auf die Fähre begab, war sich dabei allerdings nicht sehr sicher. „Ihr Wort in Gottes Ohr!“ murmelte der Arzt leise vor sich her, damit es keiner hören konnte.

Trotz ihrer Verstümmelung verlor Schwester Lucca nicht ihre gute Laune und versuchte selbstlos anderen Patienten zu helfen. Sie redete in einem freundlichen Ton mit ihnen, was auf der Insel kaum noch einer kannte. Vielleicht gab es ja doch noch Hoffnung auf ein besseres Zusammenleben auf diesem Stückchen Erde.

***

Schon früh am Morgen des nächsten Tages, Moses ging wieder seiner Aufgabe nach, den Horizont abzusuchen nach evtl. auftauchenden Schiffen oder Richtung Osten Land zu erspähen, denn bald musste in der Nähe Siziliens Küste in der Ferne zu sehen sein, tauchte der blonde Kopf von Walter wieder auf. Hristos kam nicht mal dazu von dort oben durch sein Sehrohr das *ädchen zu beobachten. Dabei stand sie schon an der Reeling und sah zu ihm herüber.

Walter hatte mit ihr darüber geredet. Darüber, dass Hristos an seinen Fingern Wunden hatte. Es war ihm nämlich nicht entgangen, als er ihn tags zuvor dort hatte sitzen sehen und auf seine Finger starrend. Seine Schwester war sehr besorgt um Hristos. Sie fand, Hristos wäre ein schöner Name.
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Ann
BeitragVerfasst am: 23.03.2007, 20:17  Neue Antwort erstellen
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Spinalonga Teil 3
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Administrator
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 45132
Wohnort: Gronau

Hallo Juska,
eine spannende Geschichte. Sie ist doch sicher noch nicht zu Ende? Ich freue mich auf weitere Folgen.

Liebe Abendgrüße

Ann
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Juska
BeitragVerfasst am: 24.03.2007, 19:20  Neue Antwort erstellen
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Spinalonga Teil 3
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Gartenmeister(in)
Gartenmeister(in)


Anmeldungsdatum: 07.10.2006
Beiträge: 6017

Teil 4 habe ich gerade eingestellt. Wie viele Teile es werden, kann ich noch nicht genau überschauen. Aber sie geht bald dem Ende zu.

Danke für deine Geduld und überhaupt danke für alles
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