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  Kurzgeschichten  -  Spinalonga 6 und letzter Teil
Juska
BeitragVerfasst am: 27.03.2007, 14:37  Neue Antwort erstellen
Kurzgeschichten
Spinalonga 6 und letzter Teil
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
Beiträge: 6017

Nachdem die Passagiere und Besatzung alle wieder an Bord waren und der Frachter volle Fahrt voraus entlang der spanischen und portugiesischen Küste in Richtung Europa unterwegs war, kam auch Hristos wieder zum Vorschein.

Nachdem seine Hände während der Abwesenheit der anderen so verwöhnt worden waren, sahen sie sogar richtig geschmeidig aus. Ines kramte die von ihr erprobten neuen Handschuhe hervor. Sie waren aus Gummi und sehr dünn. Ines half ihm dabei, seine Finger darein zu stecken und langsam, sehr behutsam begann Hristos damit ihren Körper zu erforschen. Ob er es sich nur einbildete, sei dahingestellt, aber er hatte das Gefühl, als wären seine Hände gefühlvoller geworden. Es konnte ja auch eine Täuschung sein.

Hin und wieder verkrochen sich die beiden im Laderaum zwischen den Oliven und kamen sich dort täglich näher. Sie redeten wenig, denn Ines war auch nicht der geborene Grieche, aber sie verstanden sich auch ohne Worte wunderbar.


Sie gaben sich ihre Liebe und das war mehr als alles andere auf der Welt. Sie waren miteinander verbunden und es interessierte sie nicht, was die Zukunft für sie bringen würde. Sie hatte ihn und er hatte sie und damit waren sie glücklich.

***

Die Schreiner auf der Lepra-Insel hörten ab jetzt täglich die Kinder unten am Strand auf ihren Schaukeln singen. Es berührte ihr Herz, sie so fröhlich zu sehen und zu hören. Die Kinderlieder setzten sich in ihre Ohren fest und manchmal erwischte man den einen oder anderen dabei, wie er mitsang, ohne es selbst richtig zu merken. Es war schon sonderbar, wie diese Kleinigkeit diese hartherzigen Kerle veränderte.

Schwester Lucca brachte am Sanitätsraum einen Zettel an. Darauf teilte sie mit, einen Chor gründen zu wollen. *änner, Frauen, wer wollte, könne mitmachen.

Es gab eine kleine Kapelle auf der Insel. Sie wurde in erster Linie als Friedhofskapelle benutzt. Nun sollte sie auch als Herberge für den Chor dienen. Die ersten Sänger meldeten sich recht zögerlich. Sie erkundigten sich vorsichtig, ob es denn wohl Kirchenlieder seien, die sie singen würden. Als das verneint wurde, erschienen die nächsten Sänger schon weniger vorsichtig, so dass Schwester Lucca bald ihren kleinen Chor zusammen hatte.

Was bei dieser Sache besonders ins Auge stach, war die Tatsache, dass die meisten Sänger aus den Reihen der Schreiner kamen. Diese waren denn auch der Meinung, zuerst die Kinderlieder singen zu wollen, deren Melodie sie vom Strand her immer wieder hörten, doch deren Texte sie nicht kannten und es wurmte sie ständig, dass sie aus dem Grunde nicht mitsingen konnten.

So kam es dann, dass der Chor bei seinem ersten Auftritt die gleichen Kinderlieder grölte, wie die Kinder und das teilweise mit Inbrunst der Sänger. Es störte keinen auf Spinalonga, dass der eine dabei krächzte, der andere schrie und der nächste lispelte, waren sie doch alle irgendwie behindert und es war auch kein schöner Anblick, wenn der Speichel ihnen beim Singen ungehemmt aus dem Mund lief. Sie wussten, wie sie aussahen und genierten sich nicht mehr. Der Chor schaffte es, die härtesten Menschen ein wenig zufriedener zu machen.

***

Der Frachter nahm dann tatsächlich Kurs auf Hamburg und Ines wusste, dass sie bald von Hristos Abschied nehmen *üsste, wenn sie nichts unternähme. Sie redete mit ihrer Mutter über seine Krankheit. Diese bekam einen großen Schrecken, als sie davon hörte. Sie bestand darauf seine Wunden sehen zu wollen und versprach zunächst ihren Mann nicht damit zu behelligen.

So kam es, dass Ines mit Hristos in ihrer Kabine erschien. Ines Mutter war sehr freundlich zu ihm, umarmte ihn und sah sich seine Hände an. Sie meinte zu Ines, dass da sicher noch etwas zu machen wäre, sie wolle mit Vater wegen der Kosten wohl reden. Aber Hristos *üsse in ein Krankenhaus. Den Rest erledigte Ines, denn es war einige Überzeugungsarbeit nötig, Hristos klar zu machen, dass es ohne Krankenhausaufenthalt nicht ginge.

***

Auf Spinalonga ging alles seinen gewohnten Gang. Es wurde gestorben und es kamen neue Leprakranke an. Geboren wurde auch das eine oder andere Kind. Die *ütter versuchten oft, diese zu verstecken, aber irgendwann siegte doch die Vernunft und sie gaben sie freiwillig den Ärzten mit, die zurück zum Festland fuhren, denn sie wollten es doch am Leben erhalten.

Hier auf der Insel war es der sichere Tod für so ein kleines Lebewesen, sich anzustecken.

Die Neuankömmlinge, die auf der Insel ankamen, lernten das harte Leben auf Spinalonga in der Form nicht mehr kennen, wie es dort früher war. Die Herzen der Menschen waren lange nicht mehr so grausam und egoistisch und manchmal halfen sich die Leute untereinander sogar.

Als dann eines Tages Schwester Lucca starb, gingen hinter ihrem Sarg fast sämtliche Inselbewohner her und es gab eine Menge Helfer, die ihre Arbeit auch später noch fortsetzten.

***

Am Ende ihrer Reise waren Ines und Hristos schon so gut miteinander befreundet, dass Ines sich ständig in seiner Nähe aufhielt.

Tatsächlich konnte Hristos von seiner schweren Krankheit dort geheilt werden, doch es war ein langer Weg und wäre Ines nicht gewesen, sicher hätte der junge Mann sich längst aufgegeben. Es mussten einige Hautverpflanzungen stattfinden und die waren nicht immer von Erfolg gekrönt. Doch gemeinsam war es kein Problem für sie, und sie schafften es, durch diese schwere Zeit zu kommen.

Hristos und Ines blieben zusammen, bekamen zwei Kinder und lebten weiterhin in Deutschland. In ihrem Wohnzimmer hing ein Bild an der Wand, darin eingerahmt die dünnen Handschuhe, mit denen Hristos seine ersten Streicheleinheiten austeilte.
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Ann
BeitragVerfasst am: 27.03.2007, 14:49  Neue Antwort erstellen
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Spinalonga 6 und letzter Teil
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Administrator
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 45133
Wohnort: Gronau

Juska, eine wunderschöne, rührende Geschichte. Danke, dass ich sie lesen durfte.

Dir einen sonnigen Frühlingstag und liebe Grüße

Ann
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Juska
BeitragVerfasst am: 28.03.2007, 10:16  Neue Antwort erstellen
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Spinalonga 6 und letzter Teil
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Gartenmeister(in)
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
Beiträge: 6017

Ich freu mich, dass dir die Geschichte gefallen hat und bald gibt es weitere,
denn jetzt ist es einfacher für mich sie zu schreiben. Sie sind hier schon gespeichert.

Auch dir einen sonnigen Tag und
viele liebe Grüße
Juska
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