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  Kurzgeschichten  -  Freigang Teil 2
Juska
BeitragVerfasst am: 03.04.2007, 21:38  Neue Antwort erstellen
Kurzgeschichten
Freigang Teil 2
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Gartenmeister(in)
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
Beiträge: 6017

Als Jonny aus dem Kino nach Hause kommt, liest er den Zettel „sind in der Pommesbude bei Pitter“. Er begibt sich direkt dort hin. Er verachtet seinen Vater nicht mehr. Die Sache mit der Türe hat ihm Respekt eingeflößt.

„Zeigst du mir denn mal bald deine Zelle?“ fragt er den Vater, bevor dieser mit dem Wärter wieder zurück muss. „Mal sehen, was sich machen lässt!“ verspricht Olli. „Aber du musst mir zuwinken, denn eine Zelle sieht aus wie die andere, wenn du mich schon nicht abholen darfst.“ Das versteht Olli natürlich nicht. Er verspricht trotzdem es zu versuchen. Ich werde dir zuwinken, damit du weißt, wo ich stecke.

***

Heute beeilt Jonny sich sehr zu seinem Vater zu kommen. In seiner Klasse weiß keiner, dass sein Vater im Knast sitzt. Mama sagt: - Wenn gefragt wird, sage einfach: „Mein Vater ist bei der Fremdenlegion!“ - Das macht er auch. Meistens stellt dann keiner weitere Fragen. Genau weiß er auch nicht, was die Fremdenlegion ist, aber das hat etwas mit Soldat zu tun. Während er sich früher für seinen Vater schämte, beginnt er heute damit, stolz auf ihn zu sein. Er will ihn fragen, warum er im Gefängnis ist, denn Mama will nicht darüber reden.

Von der Schule aus nimmt er die Straßenbahn und steht jetzt vor dem Bau mit den vielen kleinen vergitterten Fenstern. Breitbeinig, mit den Händen in den Hosentaschen schaut er die Front entlang. Er hört einen schrillen Pfiff und schaut in die Richtung. Drüben links aus dem kleinen Fenstergitter winkt ihm ein Arm entgegen. Sein Vater ruft: „J o n n y !“ so laut er kann. Jonny macht Faxen und tanzt hin und her. Dann winkt er zurück und beeilt sich, zum Vordereingang zu kommen. Dort nennt er seinen Namen und der Beamte telefoniert kurz. Plötzlich steht Herr Briel in der Türe und lacht ihn an. „Na, dann komm mal“, sagt er, „du darfst die Zelle sehen und dich dort mit deinem Vater aufhalten, ausnahmsweise!“ - Jonny macht einen Luftsprung und läuft mit Herrn Briel durch wie viele Gittertüren, die alle hinter ihm wieder verschlossen werden. Die Nummer 638 ist die letzte Tür, die für ihn geöffnet wird.

Da steht auch schon sein Vater und nimmt ihn herzlich in die Arme „Halbe Stunde“, sagt Herr Briel mit einem Augenzwinkern zu Olli. Dann lässt er die beiden allein. Jonny sieht sich im Raum erst einmal um. Es steht dort ein Fernsehen mit sämtlichen Programmen. Er darf mal durchschalten. Tatsächlich, zu Hause haben sie das nicht.

„Kabelfernsehen“, sagt Olli erklärend.
„Hast du ein Einzelzimmer?“ will Jonny wissen.
„Ja, schon, aber ich muss auch arbeiten. Normalerweise wäre ich jetzt nicht hier.“
„Was arbeitest du denn?“ fragt der Junge.
„Ich schnitze Holzkreuze, und zur Schule gehe ich auch noch, denn ich werde bald entlassen und dann muss ich wieder eine Arbeit finden, glaubst du, dass wir miteinander auskommen werden?“, fragt Olli zurück.
„Das glaub ich schon!“ meint Jonny.

Olli gewöhnt sich inzwischen daran, dass Jonny ihn fast täglich von der Schule aus mit der Straßenbahn besucht, indem er nur draußen vor den vergitterten Zellenfenstern steht (inzwischen hat er es gelernt ordentlich laut auf den Fingern zu pfeifen), um ihm zuzuwinken. Das gibt Olli ein Gefühl, welches für ihn unbeschreiblich ist. Er beginnt jetzt seinen Sohn zu lieben, wie er noch nie in seinem ganzen Leben einen Menschen geliebt hat. Sehnsüchtig wartet er täglich auf den Pfiff dieses 12-Jährigen und schaut lange aus dem Gitterfenster, denn er weiß nie so recht, wann denn für Jonny die Schulstunden zu Ende sind.

In der übrigen Zeit besucht ihn oft ein Sozialarbeiter, der sich mit Ollis Wiedereingliederung in die Gesellschaft beschäftig. Dazu gehören auch häufige Freigänge in seiner Gegenwart (ohne Handschellen versteht sich). Der Sozialarbeiter sorgt für das nötige Kleingeld, hat die Aufgabe mit ihm neue Garderobe einzukaufen, denn die Sachen, mit denen er vor zehn Jahren eingeliefert wurde, sind nicht mehr zu gebrauchen und ihm eine Arbeitsstelle zu vermitteln.

Dadurch kann Olli sich jetzt in Gegenwart des Sozialarbeiters in der Freiheit wie jeder freie Mensch ungezwungen bewegen. Er darf sich nur nichts zuschulden kommen lassen. Der Sozialarbeiter, Herr Rübensam, überlässt ihm die Wahl seiner Kleidung. Olli kauft sich in einem Jeansladen ein paar Jeans und karierte Hemden. Pullover und eine neue Jacke gehören auch mit zur Erstausstattung.

Noch vor einem Jahr mussten ihm selbst bei einem Arztbesuch außerhalb des Justizvollzugsgebäudes Handschellen angelegt werden. Durch diese Freiheit und die Blickkontakte mit seinem Sohn, fühlt Olli sich ausgesprochen wohl.

Und endlich ist es so weit, In seiner neuen Jeans und kariertem Hemd steht Olli mit einem Köfferchen vor dem Gefängnistor, breitet die Arme aus und Jonny läuft ihn schier um. Er ist gekommen, um ihn abzuholen. Unterwegs fragt ihn Jonny als erstes: „Warum warst du denn jetzt so lange im Knast?“

„Ach, ich habe da mal eine Dummheit gemacht“, meint Olli verlegen und schluckt.
Jonny sieht ihm an, dass er jetzt noch nicht gerne darüber sprechen will und lässt ihn in Ruhe. Hand in Hand steigen sie in die Straßenbahn ein, einer neuen gemeinsamen Zukunft entgegen.
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Ann
BeitragVerfasst am: 04.04.2007, 09:31  Neue Antwort erstellen
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Freigang Teil 2
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Administrator
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 45133
Wohnort: Gronau

Liebe Juska,
eine rührende Geschichte. Wünschen wir den beiden, dass sie den rauhen Alltag überstehen können.

Liebe Grüße
Ann
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Juska
BeitragVerfasst am: 05.04.2007, 22:12  Neue Antwort erstellen
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Gartenmeister(in)
Gartenmeister(in)


Anmeldungsdatum: 07.10.2006
Beiträge: 6017

Naja Ann, auch dieses ist leider nur eine Geschichte oder gottseidank.
Für welche ich mich als nächste entscheide? (weiß es noch nicht so genau)
schwierig, schwierig! Warten wir's ab.

liebe Grüße
Juska
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