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  Kurzgeschichten  -  Ich wart' auf dich am Wegesrand - Teil 4
fredy.daxboeck
BeitragVerfasst am: 15.04.2007, 00:21  Neue Antwort erstellen
Kurzgeschichten
Ich wart' auf dich am Wegesrand - Teil 4
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Stammgast
Stammgast


Anmeldungsdatum: 16.01.2007
Beiträge: 46

Morgendämmerung

Die Nacht war sternenklar. Der Himmel über ihnen zeigte sich in dem tiefen Schwarz einer samtweichen Decke, auf der ein eifriger Diamantenliebhaber in jubelndem Überschwang seine glitzernden Kostbarkeiten verteilt zu haben schien. Die Luft war erfüllt von fremdartigen Geräuschen. Alle im Einzelnen vielleicht ein wenig unheimlich und irritierend, aber in ihrem Gesamtbild doch wieder beruhigend und seltsam vertraut.
Vor dem Zelt knackten gelassen die Reste eines heruntergebrannten Lagerfeuers vor sich hin, das zwischen dem Ring aus großen Flusssteinen orangerot zu pulsieren schien, wie ein eigenständiges Lebewesen das bemüht war, Wärme zu spenden.
Susan und Kyle saßen auf ihren zusammengerollten Schlafsäcken, knabberten an den Überresten ihres Abendessens, gebratene Rippchen, mehr verbrannt als gebraten, und lauschten schweigend den Geräuschen der Nacht und dem Flüstern und Murmeln des Flusses. Das Schweigen lag zwischen ihnen, dehnte sich aus und wirkte doch beruhigend. Es war nicht das Schweigen das man unbedingt brechen wollte weil es peinlich war, sondern ein Schweigen das Vertrauen und Geborgenheit vermittelte. Es ist so ruhig hier, dachte Susan und schloss einen langen Moment die Augen. Sie genoss diese Stille. Weit weg von jeglicher Zivilisation wie es schien. Eingehüllt in einem zart gesponnenen Kokon des Friedens und der Ruhe. Nichts schien hier noch wichtig zu sein. Sorgen, Probleme, schwerwiegende Entscheidungen die gefällt werden mussten, und verschiedene Überlegungen die sie in ihrem Hinterkopf in den Urlaub mitgenommen hatte; hier verblassten sie zu ihren wahren Werten die sie in Wirklichkeit vielleicht waren. Zu einem nichts sagendem Schein. Trivial, durchsichtig und fadenscheinig. Ein sanfter, warmer Wind kam von Süden und flüsterte hinter ihnen in den Blättern der Bäume. Er raunte ihnen leise seine Geschichten von der Freiheit und den weiten Unendlichkeiten die er bereist hatte, ins Ohr.
"Erzähl mir etwas von dem Fluss", brach Kyle mit kaum vernehmbarer Stimme das Schweigen. Susan spürte seine Worte mehr als sie sie hörte. "Wie bist du zum Kanu fahren gekommen? Warst du schon einmal hier?"
"Nein", erwiderte sie zögernd und überlegte wie viel sie erzählen sollte. "Ich war noch niemals hier. Ein Freund, er hat ein kleines Reisebüro, hat mir diesen Tipp gegeben. Ein ruhiger, angenehmer Wanderfluss ohne größere Überraschungen, großartige Landschaft, ziemlich abgelegen aber abwechslungsreich. Die ideale Route für überstrapazierte Nerven." Sie lächelte verhalten. "Ich war bei ihm, weil ich einen guten Tipp für einen Urlaub gebraucht hatte. Ein kleiner Trip für eine Woche ans Meer, oder vielleicht eine kleine Tour mit dem Motorrad. Aber er hat mich angesehen und mir direkt ins Herz gesehen. Wir haben uns eine Weile unterhalten. Er hat mir von diesem Fluss erzählt und dann habe ich gewusst; ich muss diese Fahrt machen. Drei Wochen Entspannung total, davon zwei auf dem Fluss." Kyle legte grinsend seinen Kopf zurück und betrachtete das glitzernde Funkeln der Sterne über ihnen.
"Der Mann verkauft Träume. Er versteht sein Geschäft."
"Ja", pflichtete ihm Susan bei, und in ihren Augen flammte ein goldener Funke auf. "Ich werde ihm ein kleines Dankeschön bringen, wenn ich wieder nach Hause komme. Vielleicht einen besonders schönen Flussquarz?" Geistesabwesend warf sie ihr letztes Rippchen in die Glut und betrachtete das Feuer, das sofort gierig danach griff und mit kleinen gelbroten Zungen daran leckte. Ein lustiges Kichern kitzelte sie in der Kehle. Die Vorstellung, jeder zufriedene Kunde würde Dennis Parker als Präsent aus den verschiedenen Gegenden dieser Welt einen besonderen Stein, oder ein ähnliches Accessoires mitbringen, würde diesen sicherlich sehr bald vor ein echtes Problem stellen. Sie schüttelte gedankenverloren den Kopf.
"Hier draußen hat man das Gefühl, als würde sich die Erde ein schönes Stück langsamer drehen. Die großartigen Sorgen und Schwierigkeiten von daheim schrumpfen beinahe zu einem unscheinbaren Nichts, lächerlich nicht?"
"Nein, finde ich nicht", antwortete Kyle und sah Susan lange an. "Ich glaube eins der faszinierenden Dinge an so einem Lagerfeuer ist, dass wir uns ein wenig an unser ursprüngliches Leben erinnern. Das Leben das in unseren Genen ist. Das in unserem Blut fließt. Ein unbekannte Sehnsucht zieht an unseren Herzen, wenn wir in die Flammen sehen und den Rauch schmecken. Es ist die Sehnsucht nach dem Wesentlichen."
"Ja", stellte Susan fest und schwieg dann, weil sie nichts sonst zu sagen wusste.
Am östlichen Horizont stieg, beinahe unmerklich, die knochenbleiche, zwei Finger schmale Sichel des Mondes über die Hügel und warf ein diffuses Leuchten über das Land. Ein dünnes, zerfleddertes Wolkenband wanderte lautlos über den Nachthimmel, ohne allerdings das Strahlen der Sterne zu stören. Der Wind, der erst nur in den Bäumen zu hören war, streichelte zart Susans Gesicht und zerrte verspielt an ihren Haaren. Er legte eine Strähne über ihre Augen, die sie mit einer schnellen Bewegung ihrer rechten Hand wegwischte, ohne sich dessen bewusst zu werden. Sie gähnte und hielt schnell die Hand vor den Mund. Ein schuldbewusstes Lächeln dehnte ihre Lippen. "Ich denke, ich werde mich wohl zurückziehen."
"Hmmh", pflichtete ihr Kyle bei, legte ein paar große Holzscheite in Reichweite des Feuers, einige kleine und ein großes darauf und sammelte Töpfe, Teller und Becher ein. "Es ist
spät geworden." murmelte er dabei.
Wortlos ging ihm Susan zur Hand. Sie räumten das Lager auf, erledigten am Fluss den Abwasch und verstauten ihre Sachen in ihren Zelten. die sie links und rechts des Feuers aufgestellt hatten, den Eingang nach Osten, mit Blickrichtung zum Fluss. Ich *öchte am Morgen als ersten Eindruck die Ache und dahinter die aufgehende Sonne sehen, hatte Kyle gesagt.
Obwohl sie *üde und ein wenig geschafft war, wollte sich bei Susan der Schlaf nicht so
recht einstellen. Mit einem Ohr lauschte sie den ungewohnten nächtlichen Geräuschen, dem Knacken im Unterholz und dem Flüstern der Nacht, die ihr das Gefühl vermittelten, als schleiche jemand um das Zelt; mit dem anderen Ohr lauschte sie auf die Geräusche von Kyle.
"Ich wünsche dir eine schöne Nacht. So nah an deinen Träumen", waren seine Worte, ehe er sich abwandte und in seinem Zelt verschwand. Susan lächelte in die samtene Dunkelheit die sie weich umhüllte. Sie fühlte seine grauen Augen auf sich ruhen und wünschte sich, nicht das erste Mal seit sie ihn am Straßenrand aufgelesen hatte, wie sie sich eingestehen musste, von ihm berührt, gestreichelt und geliebt zu werden.
Ihre Gedanken wanderten weiter, suchten in der Dunkelheit nach dem Kanu, das sie ans Flussufer gestellt hatten und malten Bilder von ihrer gemeinsamen Fahrt, die vor ihnen lag. Durch zum Teil unberührte Auen, tiefe Schluchten und an weiten mit Wiesen und zahllosen Weiden bewachsenen *äander sollte sie ihre Fahrt führen. Susan fühlte eine tiefe innere Zufriedenheit, die von ihr Besitz ergriffen hatte.
Sie hatte es tatsächlich geschafft.
Sie war dem nervenaufreibendem Trubel ihres täglichen Lebens entronnen und lag nun hier, in ihrem Zelt, über ihr der Sternenhimmel und rundherum Natur; Wiesen, Sträucher, Bäume ... der Fluss. Hier solltest du mich sehen Myra, dachte sie, mit ein klein wenig Genugtuung im Hinterkopf. Du würdest es nicht glauben, aber es gefällt mir. Keine hektische Betriebsamkeit, keine Überlegungen wegen des nächsten Termins, kein Vorausdenken, Abwägen, Urteilen und Vergleichen ... kein Stress. Nur Frieden und ... Freiheit. Ja! Und dieses Gefühl der Weite und Größe, als ob mir Flügel gewachsen wären. Die Wirklichkeit scheint hier mit einem Male so weit und unendlich. Ich fühle mich so klein und unwichtig. Als kleines Rad im Getriebe der Zeit. Kyle hatte recht mit seinen Gedanken über das Lagerfeuer. Hier schlagen sechzigtausend Jahre Menschheitsgeschichte durch. Lächelnd schlief Susan ein. Nur eine kleine steile Falte zwischen ihren Augenbrauen zeugte von den Gedanken die sie mit in die andere Welt, jenseits des wachen Bewusstseins, nahm.
Am nächsten Tag erwachte sie früh, eher noch als Kyle wie es schien, in dessen Zelt alles noch ruhig war. Die Luft war schneidend kalt, aber frisch und belebend. Susan schlüpfte schnell in ihre Strümpfe, Hosen, Pullover und steckte den Kopf aus dem Zelt. Rot-goldene Sonnenstrahlen blitzten durch das Geäst der Bäume, in denen stellenweise noch die zarten Schleier des Morgennebels hingen. Tautropfen glitzerten silbern auf den Spitzen der Gräser. Vereinzelt begrüßten ein paar Vögel zaghaft den Sonnenaufgang, unsicher, als fürchteten sie ihn zu vertreiben. Die Überreste des Feuers lagen erkaltet zwischen den großen Flusssteinen, mattschwarz und bedeutungslos. Wie ein vor langer Zeit verendetes Tier. Unsicher schlüpfte Susan in ihre Stiefel und tapste aus dem Zelt, blinzelte kurz in die aufgehende Morgensonne und wandte sich dann dem Fluss zu, der sie mit seinem leisen flüsterndem Plätschern, Gurgeln, Klatschen und Wispern zu locken schien. Diese magischen Geräusche hatten sie in ihren Träumen die ganze Nacht begleitet. Jetzt schien der Ruf des Flusses unwiderstehlich geworden zu sein. Susan folgte ihm, im taunassen Gras eine schmale Spur hinterlassend, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein. Mit ungelenken Schritten ging sie dem Fluss entgegen, setzte sich ans Ufer und tauchte ihre Hände in das kalte Nass. Sie schöpfte mit beiden Händen das eisige Wasser und wusch ihr Gesicht.
Minutenlang saß sie nur da, betrachtete versonnen die Nebelfetzen, die, von der Sonne beschienen, rot und golden, wie der sichtbar gewordene Atem des Flusses weich über dem Wasser hingen, und ließ ihre Gedanken treiben. Hinter ihr, keine zwanzig Schritte entfernt, saß auf einem umgestürzten Baumstamm Kyle. Er saß schon eine ganze Weile da und beobachtete den Fluss, die aufgehende Morgensonne und dann Susan, die ihm gegen die rot-goldenen Strahlen beinahe wie eine überirdische Erscheinung anmutete. Er saß da, in zwei Decken gewickelt, und genoss die fast greifbare Stille der Morgendämmerung. Wenn die Nacht sich zur Ruhe
begibt und der Tag anbricht, schläft sogar der Wind ein, und eine Stille legt sich über die Welt, als ob die Natur den Atem anhalten würde. Kyle wagte es nicht sich zu bewegen, aus Angst den Moment zu zerstören und Susan vielleicht zu erschrecken.
Geräuschlos, beinahe wie eine Geistererscheinung, tauchten nacheinander vier Reiher aus dem Nebel auf. Ihr weißes Federkleid verschmolz nahezu völlig mit dem Dunst, der über dem Wasser hing. Mit seltsam anmutenden, hölzernen Schritten staksten sie den Fluss entlang und senkten hin und wieder die Köpfe, um im Fluss nach Nahrung zu suchen. Susan hielt den Atem an. Die scheuen Tiere schienen sie entweder nicht zu bemerken, oder einfach zu ignorieren. Erst als sie nach wenigen Augenblicken wieder im Dunst verschwunden waren; lautlos, nur ein gelegentliches Klappern der Schnäbel verriet Susan, dass sie nicht geträumt hatte, erhob sie sich und wandte sich langsam um. Sie bemerkte Kyle und ging auf ihn zu. Ihre Blicke trafen sich, aber keiner verlor ein Wort. Kyle streckte den linken Arm aus und Susan setzte sich neben ihn. Die Wärme seines Körpers hüllte sie augenblicklich ein und ein sanftes Kribbeln kroch über ihren Rücken. Sie schmiegte sich eng an Kyle, der den Druck kaum vernehmbar erwiderte.
Eine Weile saßen sie schweigsam nebeneinander, genossen nur die Nähe des anderen, ohne den Blick vom Fluss zu nehmen. Schließlich drückte sich Susan noch enger an Kyle und legte ihren Arm unter der Decke um seine Taille. Sie seufzte leicht. Ein leises Ausatmen, dem sanften Schnurren einer Katze, die ihre Zufriedenheit verriet, nicht unähnlich.
"Ich habe noch nie ein Bild von so vollkommener Harmonie gesehen", flüsterte Susan. Sie fürchtete die Stille des Morgens mit ihrer Stimme zu stören.
"Hmmh", stimmte ihr Kyle zu. "Dieses Bild kann man nicht fotografieren oder malen, man kann es nicht erklären oder beschreiben; man muss es einfach erleben."
Er wandte leicht den Kopf und der Duft von Susans Haar stieg ihm in die Nase, vertraut und doch betörend. Sie sah heute genauso zerknautscht aus wie beim letzten Mal, als sie desorientiert und verschlafen aus ihrem Zelt gekommen war. Kyle musste unwillkürlich lächeln. So verletzlich sie am Morgen auch wirkte: klein, schmal, und beinahe zerbrechlich, schien sie im Laufe des Vormittags über sich selbst hinauszuwachsen.
"Bist du manchmal einsam?" fragte sie, zögernd, jedes Wort abwägend. Sie wollte ihm nicht zu nahe treten oder ihn verletzen indem sie an alten Wunden rührte, und sah zu der breit gefächerten Weide die vor ihnen stand, nahe am Ufer, und ihre Zweige tief herunter hängen ließ, so dass sie beinahe das Wasser berührten. Eine große Wasseramsel saß auf einem dieser Zweige und wippte verschlafen trällernd auf und ab.
"Sind wir nicht alle manchmal einsam?" antwortete Kyle, steckte die rechte Hand unter der Decke hervor, zupfte sich einen langen Grashalm aus und kaute nachdenklich darauf herum. Ohne dass es ihm bewusst wurde, strich seine linke Hand über Susans Taille, zog sanfte Kreise und streichelte sie zärtlich. "Wie sollte ich einsam sein? Ich habe mein Leben, ich habe meine Welt, ich habe mich selbst. Ich habe mehr als die meisten Menschen." Er fühlte den sanften Druck von Susans Arm an seinem Körper, lehnte sich ein wenig zurück und folgte ihrem Blick.
"Ich habe im Laufe der Zeit Menschen kennen gelernt die einsam sind. Ich habe Ehepaare kennen gelernt die inmitten ihrer Familie und dem Trubel rundherum einsam sind. Ich habe *änner und Frauen kennen gelernt die inmitten ihres Freundeskreises sitzen, alle fröhlich und vergnügt, zumindest nach außen hin, und trotzdem sind sie einsamer als manche andere, die allein, irgendwo, für den versteckten Beobachter verloren und fehl am Platz wirken." Er schüttelte leise den Kopf. "Nein, ich kenne die Einsamkeit. Aber meine Einsamkeit ist anderer Natur. Manchmal fehlt mir ein Mensch, dem ich meine Gedanken erzählen kann und der mich versteht. Manchmal fehlt mir jemand, mit dem ich lachen kann. Aber die wenigsten Menschen haben jemand dem sie ihre Gedanken, ich meine die, die sie wirklich bewegen, mitteilen können und die sie verstehen. Und nur ganz wenige Menschen haben jemand, mit dem sie lachen können, wirklich lachen."
Susan lächelte wehmütig. Ein zitterndes Beben stieg in ihrer Brust hoch und sie bog den Kopf zurück, sah in den heller werdenden Morgen und dem Himmel über ihr, in dem die Sterne allmählich verblassten und das Grau der Dämmerung dem strahlenden Blau des neuen Tages wich.
"Komm", sagte sie einfach und erhob sich von dem Baumstamm. Ihre Hand hielt die seine fest
umschlossen ohne loszulassen und sie zog ihn hinter sich her. Die Decken rutschten zu Boden und blieben unbeachtet liegen.
Susan führte Kyle zu ihrem Zelt, schloss sorgfältig den Reißverschluss und kniete sich ihm gegenüber hin. Sie legte ihre Hände in die seinen und sah ihm in die Augen. Endlos lange wie ihr schien, sahen sie einander nur an.
"Du bist so wunderschön", murmelte Kyle.
"Küss mich endlich, einsamer Anhalter", flüsterte Susan, hob ihre Arme und legte sie um seinen Nacken. Behutsam drückte er seinen Mund auf ihre Lippen, staunte über ihre zarte Weichheit und kostete den süßen Geschmack der Liebe.
Ihr Busen drückte sachte gegen seine Brust und er konnte ihre Erregung spüren, die wie eine heiße Woge über ihr zusammenschlug. Sie drückte ihn heftiger an sich, öffnete den Mund und ließ ihre Zunge ihn erforschen, saugte an seinen Lippen und presste ihn fester und fester an sich. Ihre Finger verkrallten sich in seinen Haaren und ihr Körper schien mit seinem Eins werden zu wollen. Seine Hände waren überall, schienen sich zu verdoppeln und verdreifachen. Er streichelte sie. Zitternd suchend und verlangend nehmend. Wie ein junges Raubtier, das nach langem Hungern endlich einen blutigen Happen Fleisch zwischen seine Zähne bekommt. Susan genoss diese Vorstellung. Ihr Körper fieberte nach seiner Leidenschaft und ihre Haut brannte von seinen Berührungen. Aus zaghaft geflüsterten Worten wurden Versprechungen, aus hastig gemurmelten Wünschen wurden Forderungen, und aus dargebotenen Sehnsüchten wurde - endlich - grenzenloses Verlangen, dass über sie hinweg spülte wie eine riesige Woge aus reiner Sinnlichkeit.
Die Leidenschaft riss die beiden hinab in den Strudel aus gegenseitigem Nehmen und Geben, aus Streicheln und Kratzen, aus Küssen und Beißen. Ihre verschlungenen Körper kämpften und lösten sich, fielen wieder übereinander her, verlangten und verschlangen einander; und sie liebten sich mit der Urgewalt der Verzweiflung, die weiß, dass es vielleicht kein Morgen mehr gibt. Die Erde schien zu beben und das kleine Zelt verwandelte sich in eine brodelnde, kochende Hölle aus Hitze und Glut.
Lange noch, nachdem die beiden in einem berauschenden Gipfel zu ihrem Höhepunkt gefunden hatten, lagen sie ineinander verknäult, schwitzend und keuchend da und lauschten dem Dröhnen ihres Bluts in den Adern und dem wilden Schlag ihres Herzens. Ein Moment in dem die Seele bloß zu liegen scheint, so weit und so offen. Verletzlich wie der junge Morgen.
"Du bist meine Göttin ..." flüsterte Kyle in die weiche feuchte Haut zwischen Susans Brüsten und seine Hände wühlten in ihrem Haar.
"Psst, nicht sprechen, nicht jetzt. Sei einfach bei mir. Sei einfach in mir. Sei einfach ein Teil von mir." Susan schlang ihre Arme und Beine um seinen Körper und wand sich zärtlich unter ihm. Ihre Hände suchten und fanden, streichelten und forderten, reizten und verlangten; und sie wiederholten ihr lustvolles Spiel der Liebe. Diesmal aber wesentlich langsamer, intensiver und bewusster, bis sie die Leidenschaft füreinander wieder mit seinem wilden Strudel in ihre unersättlichen Tiefen riss.
Später, sehr viel später, die Sonne war längst über die Wipfel der Bäume am Fluss gestiegen und wärmte das kleine Zelt unangenehm auf, lösten sie sich, rollten über den Boden, lachten und balgten miteinander. Sie küssten und streichelten sich, glücklich einander zu haben, neckten sich und spielten wie zwei kleine Kätzchen. Susan konnte sich nicht erinnern, jemals so ausgelassen und fröhlich, innerlich so frei gewesen zu sein.
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wabe
BeitragVerfasst am: 15.04.2007, 08:55  Neue Antwort erstellen
Kurzgeschichten
Ich wart' auf dich am Wegesrand - Teil 4
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Gast





Einen wunderschönen sonnigen Morgen, lieber Fredy

deine zauberhafte Erzählung ist mir Jungbrunnen *lächel*
So gegen fünf Uhr bin ich erwacht und konnte nicht anders, als nachzuschauen, was der Fluss nun anstellen wird mit seinem einmaligen Fund.
Und siehe da, ich durfte eintauchen in die Morgendämmerung, die ich aber nicht vor dem Bildschirm genoss, sondern in meinem Bett, etwas später, bei weit geöffnetem Fenster, Vogelzwitschern und herrlichem Sonnenaufgang.

Total eingefangen vom Zauber der Stimmung träumte ich mich zurück ins Gestern an einen kleinen Badeteich hinein in ein Augenpaar und ein Blau,
für das ich bis heute keinen Vergleich gefunden habe...

Bitte lass uns Susan und Kyle noch ein wenig begleiten, ihre Abenteuer der Kanufahrt miterleben.

Du schreibst zum Träumen schön und ich danke dir, für den Zauber, den ich erleben darf.

Herzliche Grüße in deinen Sonntag !
Wabe-Waltraud
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Ann
BeitragVerfasst am: 16.04.2007, 17:00  Neue Antwort erstellen
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Ich wart' auf dich am Wegesrand - Teil 4
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Administrator
Administrator


Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 45132
Wohnort: Gronau

Lieber Fredy,

Danke für Deine wunderschöne Liebsgeschichte. Da werden viele Erinnerungen wach, die Wabe nicht besser hätte ausdrücken können als mit "Jungbrunnen".
Lieber Fredy, vielleicht erzählst Du uns bei Gelegenheit noch einmal eine Deiner wunderbaren Geschichten. Bis dahin alles Gute und nochmals "Danke!"

Ganz liebe, herzliche Grüße

Annegret
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