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  Kurzgeschichten  -  Invasion
Juska
BeitragVerfasst am: 22.05.2007, 20:56  Neue Antwort erstellen
Kurzgeschichten
Invasion
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Gartenmeister(in)
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
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Es war Dezember, kalt, wie nicht anders zu erwarten war, an diesem wie auch an den anderen Wintertagen des Jahres.

Der Kaffee duftete und ich goss ihn in die Tassen, die bereits lange bereit standen, um gefüllt zu werden, doch bisher kamen wir nicht dazu, ihn zu trinken. Dabei war diese Jahreszeit die Zeit, in der wir die größte Freizeit hatten, denn auf dem Hof gab es nichts zu tun. Einige Reparaturen hatten wir längst erledigt und wir konnten uns jetzt der Muße hingeben.

Hubert betrat den Raum, warf sich in den Sessel und streckte seine elend langen Beine aus, die immer noch in den schweren Arbeitsschuhen steckten. Er tat es ohne den Kopf einzuziehen, um von mir ein Donnerwetter zu hören, heute und jetzt erwartete er von mir keine Gegenwehr. Er wusste, Schmutz konnte mich heute nicht aus der Ruhe bringen, dazu war das gerade Erlebte viel zu ereignisreich gewesen.

„Was meinst du, ob sie wiederkommen?“, wollte ich von ihm wissen. „Ich weiß nicht“, gab er mir zu verstehen, „doch ich werde nicht gelassen warten, bis sie kommen. Wir werden etwas gegen sie unternehmen.“

Ich drückte ihm eine Tasse Kaffee in die Hand und schob meinen Stuhl zu recht, auf dem ich ihm gegenüber Platz nahm. Nun kamen auch die anderen, Heini drückte sich in die Ecke der Eckbank und legte seinen Kopf auf den Tisch, dabei verschränkte er die Arme über seinen Kopf und verharrte so eine zeitlang, das man den Eindruck erhielt, er wäre eingeschlafen. Es war ein Zeichen der Erschöpfung und wir sahen nur hinüber, störten ihn nicht, weder mit Worten noch mit Gesten.
„Wären es Wölfe, wüssten wir zumindest, wie sie sich verhalten. Wenn wir mit solchen bisher auch nichts zu tun hatten, so könnten wir uns doch erkundigen, was man gegen sie unternehmen *üsste!“. Hubert schien ebenfalls recht erschöpft zu sein, und was ich in seinen Augen erkannte, hatte ich bisher bei ihm noch nie gesehen: Dort stand die nackte, pure Angst ihm ins Gesicht geschrieben.

Es war 16 Uhr, in wenigen Stunden würde es dunkel sein. Sie hatten wenig Zeit sich hier gemütlich auszuruhen, sie mussten mit Leuten reden, die etwas von der Sache verstanden, aber würden sie nicht für „verrückt“ erklärt? Würde man ihnen glauben?

Hubert griff zum Telefon, ließ sich von mir die Nummer des Bürgermeisters geben. Ich hörte seiner tiefen Stimme zu, die sich nach seinem Aufenthalt erkundigte. Folglich schien der Bürgermeister nicht daheim zu sein, doch Hubert notierte sich eine Telefonnummer und legte den Hörer auf.

„Der Bürgermeister bekam einen Anruf des Bauern Droste, er *öge sofort kommen, etwas Ungewöhnliches ginge auf seinem Hof vor. Ich muss zu ihm fahren. Wenn etwas ist, wecke Heini, und im Stall hält sich ja auch noch Anton auf. Halte die Türen zu und lasse keinen herein!“. „Nimm den Hund mit!“, rief ich ihm noch hinterher!

Während ich die Tassen zusammenstellte, um sie zurück in die Küche zu tragen, fiel mir auf, dass Heini tief und fest schlief.

Ich ließ in meinen Gedanken den Tag noch mal Revue passieren:
Er begann, wie jeder Tag, Hubert las die Zeitung zum Frühstück, sein jüngerer Bruder Heini, der auch mit uns auf dem Hof lebt und Anton, welcher mein Schwiegervater ist, standen im Türrahmen und machten keine Anstalten sich zu setzen.

Ich schenkte ihnen schon den Kaffee ein, doch sie meinten: „Das Frühstück lass mal warten, wir *üssen zuerst noch in den Kuhstall.“ „Aber ich habe doch schon gemolken!“, meinte Hubert, der heute mit melken an der Reihe war, denn die drei ausgewachsenen *änner wechselten sich mit dieser unangenehmen Arbeit ab, unangenehm deshalb, weil es erforderlich war, bereits um sechs Uhr am frühen Morgen aufstehen zu *üssen.

„Die Tiere sind so unruhig!“ so die Aussage Antons, „*öglicherweise hält sich da eine Ratte im Kuhstall auf!“

Hubert sprang auf, ergriff seine Jagdflinte und machte sich auf den Weg, um die Ratte zu finden.
Ich bestand darauf, dass die beiden zuerst frühstückten.
Als ihnen der Kaffeeduft in die Nase stieg, setzten sie sich kurz, tranken die Tasse leer und schoben sich ein Brot in den Mund. Danach verschwanden auch sie.

Weil um die Mittagszeit keiner zum Essen kam, wunderte ich mich doch sehr, und ich lief in Richtung Kuhstall, um nachzusehen, was denn dort los war. Ich dachte daran, das sie eventuell noch immer mit dem Jagdgewehr im Hinterhalt ständen, um auf alles, was sich bewegt, zu schießen, deshalb rief ich geräuschvoll nach ihnen. Zunächst ging ich vor dem Futtertrog der Kühe entlang, die aber inzwischen längst auf der Wiese standen.

Da sah ich dann zum ersten Mal dieses Wesen. Ich nenne es so, weil ich nicht weiß, welches Tier es war. Zuerst sah ich nur das gräulich-rote Fell und diese Kugel welche am Rande des Futtertrogs kauerte.

Sofort versteckte ich mich, um es zu beobachten. Es war nicht sehr groß, eher konnte man es als klein bezeichnen. Seine Füße hatten die Form von Krallen und erinnerten mich an einen Raubvogel, und wenn man genau hinsah, schien das Wesen sogar Flügel zu besitzen, die es eng an seinem Körper gepresst hielt. Flügel aus Fell, wie seltsam!

Das Wesen hatte mich nicht kommen hören, obwohl ich doch lauthals rief, besaß es überhaupt Ohren? Vorsichtig, damit es mich nicht entdeckte, spähte ich wieder in seine Richtung. Es sah aus wie eine Fellkugel und dann sah ich das Besondere an ihm: Den langen rötlich-grauen Schwanz, der am Ende statt einer Schwanzspitze ein Dreieck besaß. So zeichnete man immer die Teufel, ja ich war mir sicher, wenn dieses Wesen den Kopf hob, würde ich ein paar Hörner erblicken.

Doch was trieb es dort in dem Futtertrog? Gerade hob es den Kopf und ich sah diese Augenschlitze, aus denen mich gelbe Pupillen ansahen.

Nun schien es mich zu erkennen, es hob den haarig rot befellten Arm und zielte mit seinem Dreispitz, den es in der Hand hielt, direkt auf mich. Schnell nahm ich reiß aus. Ich schloss die Türe hinter mir, die die Werk- und Wohnräume voneinander trennten, steckte den Schlüssel in meine Hosentasche und blieb in der Küche.
Ich musste noch lange daran denken und ärgerte mich darüber, dass ich zum Schluss nicht auf den Kopf geachtet hatte, denn ich vermutete dort ein paar Hörner, konnte mich aber nicht daran erinnern, sie gesehen zu haben. Große Angst konnte dieser kleine Teufel mir ohnehin nicht einflößen, dazu fehlte mir der nötige Respekt vor ihm.

Die Speisen waren inzwischen abgekühlt und ich stellte sie gerade zur Seite, als der Hund anschlug. Tatsächlich erschienen meine drei *änner hinter der Toreinfahrt.

Schnell schloss ich die Tür auf, um die Drei hereinzulassen. Ich zog sie ins Haus, um sofort hinter ihnen wieder die Tür zu verriegeln.

Sofort erzählte ich von dem roten Kerl im Futtertrog und sogleich machte Hubert sich wieder auf. Schon wenig später knirschte der Schlüssel im Schloss der Außentüre, und der kleine Teufel befand sich außerhalb des Hauses, angebunden an einen Baum.

Ich konnte den Baum vom Fenster aus sehen und war über diese Maßnahme entrüstet. Doch alle bestätigten mir, dass diese Wesen weitaus schlimmer wären, als jede Ratte.

Wo auch immer sie ihnen begegnet wären, sie richteten nur Unheil an. Der kleine Kerl im Futtertrog zum Beispiel hätte mit seinem Dreizack Löcher durch die Steinwand gebohrt, so dass das Wasser, welches die Tiere daraus trinken sollten, abfließen würde.

„Glaub mir“, sagte er, „ es sind Teufel, sie richten nur Unheil an! Den ersten schnappten wir, als er versuchte vor der Toreinfahrt lauter spitze Nägel in den Boden zu hämmern, dem zweiten begegneten wir auf dem Weg zur Kuhweide. Er
stach mit seinem Dreizack unseren Milchkühen in den Rücken. Der dritte rote Kerl scheuchte im Hühnerstall die Hühner von ihren Eiern auf und ließ den Hühnerstall offen, so dass sie überall herumliefen. Nicht ohne Grund mussten wir sie fesseln und mitnehmen.“.

Heini hatte sie alle in die alte Zisterne gesperrt, denn sie wurde doch nicht mehr benutzt.

Anton stand in der Küche mit dem Gesicht zum Fenster und hielt schon geraume Zeit den angebundenen Teufel und die Toreinfahrt im Visier. Gewöhnlich schien Anton ein ruhiger ausgeglichener Mensch zu sein, er sprach selten seit seine Frau ihn vor zwei Jahren verlassen hatte, diesmal reizte es ihn jedoch sehr - ganz gegen seine Gewohnheit - zu reden.

„Ich glaube nicht, dass man sie mit der Flinte erschießen kann, und wenn wir es versuchen, sind wir nicht besser als sie. Sie haben dann die Macht über uns!“

Heini hob den Kopf, er war aus seinem Dämmerschlaf erwacht. Ich betrachtete mir vom Fenster aus den grau-roten Kerl: „Aber Ohren hat er nicht und Hörner kann ich auch nicht entdecken! Ich glaube sie sind taub, jedoch Flügel scheinen sie zu besitzen.“

Heini hatte die Wesen angefasst, bevor er sie von oben in die Zisterne warf. Es platschte, als sie unten aufkamen. Flügel hatte er dabei nicht erkennen können, sonst hätte er die Zisterne von oben verschlossen.

Anton meldete das Kommen von Hubert an, doch Hubert kam nicht allein, in seiner Gesellschaft befanden sich der Bürgermeister und Bauer Droste.

Die beiden Gäste blieben lange Zeit vor dem Baum stehen, an dem Hubert das rot-graue Wesen angebunden hatte. Wir gesellten uns dazu und redeten über unseren Verdacht. Ich besah mir jetzt eingehend den Kopf des Burschen, der uns mit hasserfüllten gelben Augen anstarrte. Tatsächlich befanden sich zwei kahle runde Stellen dort, wo man die Hörner vermutete.

Bauer Droste betrachtete sich den Teufelskerl eingehend, der dessen Wut erkannte. „Ein Glück, dass sie taub und stumm sind, das wird es uns erleichtern auf sie zu schießen! Aber dieser hier ist kein ausgewachsener Teufelskerl, wie sie sich auf unserem Hof zeigten. Das da“, und er zeigte dabei auf den Angebundenen, „das ist höchstens ein Kleinkind von denen!“

Bevor sie den Weg hierher genommen hatten, wollte Hubert dem Bürgermeister und Bauer Droste die Wesen in der Zisterne zeigen, aber die Zisterne war leer, eigentlich auch kein Wunder, wenn sie ihre Flügel benutzen konnten, hätten sie ungehindert herausfliegen können, denn Heini hatte die Zisterne von oben nicht verschlossen, die Flügel aus Fell fielen ihm erst jetzt, an diesem kleinen Kerl auf.

Die fünf *änner bewaffneten sich und gingen auf die Suche. Mir zuliebe begann die Suche zunächst einmal um unseren Hof herum. Dort schien alles friedlich zu sein. Ich wollte die Kühe von der Weide holen, sie melken und füttern und machte mich sogleich auf dem Weg.

Entgegen meinen Gewohnheiten verriegelte ich vorher alle Türen, denn wenn die Teufel noch unterwegs waren, sollten sie nicht in unser Gebäude eindringen können. Die Kühe standen schon am Gatter bereit, um in den Stall zu kommen. Es war nicht üblich, dass sie im Winter auf die Weide kamen.

Von dem Wirtschaftsweg aus, über den ich die Kühe trieb, konnte ich das Anwesen von Bauer Droste in der Ferne erkennen, doch was ich jetzt sah, ließ mich den Atem stocken: In der Nähe seines Hofes war die Luft schwarz vor fliegenden Teufeln.

Sofort lief ich den Kühen voraus, um die *änner zu suchen und sie darauf aufmerksam zu machen, doch sie waren bereits mit ihren Traktoren davon gefahren.

Ich öffnete den Kuhstall und trieb die Tiere herein, dann versuchte ich sofort Hubert zu erreichen, um ihm meine Beobachtung mitzuteilen. Zum Glück meldete er sich gleich, noch bevor sie auf dem Hof des Bauern Droste waren. Hubert war sehr erschrocken, als er die Teufelinvasion sah. Er sprach von ausgewachsenen Kerlen, so groß wie Menschen und davon, dass sie ihm Angst einflößen würden. Ich solle nur gut die Tore verriegeln und mich sofort melden, wenn etwas Außergewöhnliches auftreten würde.

Ich versprach mein Bestes und überprüfte noch einmal sämtliche Schlösser. Selbst die Kuh- und Schweineställe wurden von mir verriegelt. Dann begab ich mich an die Melkarbeit. Nachdem die Melkmaschinen bei allen Kühen liefen, registrierte ich ihre Unruhe. Sie schienen besser zu hören als ich.

Ich bückte mich, um bei den ersten Kühen die Melkmaschinen wieder vom Euter zu entfernen, als ich eine Gestalt bemerkte, die das Stallfenstergitter von außen verdunkelte.

Tatsächlich saß dort ein ausgewachsener menschengroßer Teufel und machte sich mit seinem Dreizack die Fingerkrallen sauber.

Uns trennte keine Fensterscheibe, so dass er mit mir reden konnte, was mich allerdings sehr verwunderte, denn Bauer Droste hatte auf dem Hof davon gesprochen, dass diese Wesen taub und stumm seien. Den kleinen Hofteufel hatten die drei *änner auf ihrer Tour mit dem Traktor angebunden mitgenommen. Er konnte also diesen großen Kerl nicht angezogen haben, indem er sich bemerkbar gemacht hätte.

Was dieser große Teufelsbursche mir einreden wollte, war schon allerhand. Er schleimte mir in den Ohren, ich solle doch die Tür aufschließen. Dann würde er mich überraschen.

„Bleib bloß, wo du bist!“, drohte ich ihm, „und komme mir nicht zu nahe! Das könnte dir schlecht bekommen!“. Er lachte schallend darüber. Mir war nicht nach Lachen zumute. In meinem Kopf arbeitete es fieberhaft.

- Wenn schon die Kleinen nur Schlechtes trieben, wie waren dann erst die Großen? – ging es mir im Kopf herum. Ich musste versuchen, noch mal Huberts Handy zu erreichen, so lief ich also gleich zum Telefon in die gute Stube. Dort fühlte ich mich sicher und die Kühe mussten noch warten.

Hubert kam sofort an den Apparat, als hätte er nur auf meinen Anruf gewartet. „Verlass bloß nicht das Haus!“ riet er mir, „und öffne keine Tür! Die Burschen stecken überall und erreichen alles im Flug. Ich mache mir große Sorgen um dich“, flüsterte er mir noch schnell zu. Dann war das Gespräch zu Ende.

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