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  Kurzgeschichten  -  Der Karton
Brachial-Poet
BeitragVerfasst am: 18.07.2007, 22:43  Neue Antwort erstellen
Kurzgeschichten
Der Karton
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Oberg
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Anmeldungsdatum: 15.05.2007
Beiträge: 246

Der Karton

Nicht viele Kartons hatte er mit nach Hause genommen. Aber dieser war anders. Er hatte abgerundete Ecken und war so gefaltet, dass er ihn jederzeit unters Bett oder neben den Schrank stellen konnte. Schon auf dem Heimweg überlegte er, was er alles in ihm verpacken konnte. Vielleicht die Bücher aus dem Regal neben der Anrichte, oder sogar das alte Geschirr, dass seine Mutter ihm zum Einstand in seine Wohnung schenkte. Es hatte große rote Rosen als Dekor und der Rand war mit Efeu berankt. Er hatte es noch nie benutzt. Wann auch, denn Besuch bekam er sowieso nicht. Noch nie.
Er erreichte sein Haus und rannte mit dem Karton nach oben ins Wohnzimmer. Er faltete ihn zusammen. Schön sah er aus, vierzig Zentimeter im Quadrat. Er verklebte die Deckel des Kartonbodens, faltete die Kanten nach und stellte ihn auf den Tisch.
Ja, dass war es, was ihm fehlte in all den Jahren. Ein Karton von vollendeter Schönheit. Die Farbe erinnerte ihn an seinen letzten Urlaub in Andalusien. Die *ädchen waren braun gebrannt und interessierten sich nicht für ihn. Eine hatte er dennoch kennen gelernt. Er ging mit ihr essen und dann noch bei Juan was trinken.
Er fand sie klasse und hätte so gerne noch weitere Stunden mit ihr verbracht, vielleicht sogar die ganze Nacht. Ja, das wäre toll gewesen. Aber sie hatte keine Lust auf ein Abenteuer und verabschiedete sich freundlich. Er erinnerte sich wie er die ganze Nacht durch die Strassen lief. Überall dröhnte Musik aus den Cafes und es schien ihm so, als sei er der einzige einsame Mensch mitten im Trubel des Lebens.

Er streichelte sanft über die Pappe seines Kartons und stellte sich vor, wie er sie zart gestreichelt hätte. Maria hieß sie. Sie war dass, was man sich erträumen würde. Lange schwarze Haare, tolle Figur und dunkle Augen.
Er holte sich einen Edding aus dem Arbeitszimmer und malte diese Augen auf den Karton, dann malte er Lippen und immer mehr. Und während er sich ganz fallen ließ, in seinen Traum von Maria, liebkoste er den Karton, küsste ihn und erzählte ihm von seiner Liebe. Er gab sich seinen Gefühlen hin. Letztendlich landeten sie im Bett,
Er wollte das nicht. Er war eigentlich kein Mann für eine Nacht. Er sehnte sich nach Zweisamkeit, nach der großen Liebe und all dem, was dazu gehörte. Aber was sollte er machen. Er war alleine und der Karton war da. Er liebte ihn die ganze Nacht. Am Morgen faltete er ihn wieder auseinander, legte ihn auf den Stapel mit den anderen Kartons. Ich muss die Stadt anrufen, dachte er. Es wird sonst zu viel Altpapier.
Dann ging er ins Büro. Auf dem Gang kam ihm seine Sekretärin entgegen, Ich glaube du bist auch bald reif, dachte er und begann lachend den Tag.
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