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  Kurzgeschichten  -  Fatamorgana
Juska
BeitragVerfasst am: 23.07.2007, 12:58  Neue Antwort erstellen
Kurzgeschichten
Fatamorgana
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
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Fatamorgana

Diesmal wollte Vasco die mexikanische Steppe nur durchqueren, um seine Schwester zu besuchen. Sein Maulesel im Schlepptau stiefelte er unter seinem großen Sombrero daher, ab und zu an seiner Wasserflasche trinkend.

Seine Familie war zahlreich und sie freuten sich immer, wenn mal jemand vorbeischaute. Vasco kaute und spuckte seinen Priem in die Landschaft, er landete direkt auf seinem Stiefel. Der Mexikaner strich mit den Fingern über seinen struppigen Schnurrbart und sein bunter Poncho flatterte im Wind.

Sein linkes Bein zog er beim Gehen etwas nach. Es schmerzte leicht. Das ergab eine seltsame Spur im Sand. Das beste Mittel gegen diese Schmerzen war Laufen, deshalb dieser Aufbruch. Dort, wo die Steppe zur Rast einlud – es war eine sandige Anhöhe mit einem Kaktus – breitete er seinen Poncho aus und legte eine Pause ein. Irgendwann rollte er sich auf die Seite und schloss die Augen. Innerhalb weniger Minuten fiel Vasco in den tiefsten Schlaf. Er schnarchte wie ein junger Dachs.

Als er aufwachte schaute er sich fragend um. Er wusste nicht mehr, wo er sich befand. Wo war sein Maulesel? War er nicht unter einem Kaktus eingeschlafen? Es war weit und breit kein Kaktus in Sicht. - Ein Sonnenstich! - ging es ihm durch den Kopf - Ich muss einen Sonnenstich haben! - Er griff seinen Sombrero, schüttete den Sand aus seinen Stiefeln und rief seinen Maulesel.

Es kam ihm fast so vor, als sei der Sandsturm über ihn hinweggefegt. Der Esel blieb verschwunden, der Kaktus ebenso. Vasco erhob sich, stieg in seine Stiefel und besah sich die
Sonne, die ihm als Kompass diente. Er schaute auf seine Armbanduhr und drehte sich im Kreis. Es kam ihm so vor, als wäre er hier an dieser Stelle noch nie gewesen. Er war doch vorher genau in der entgegen gesetzten Richtung unterwegs gewesen! Vasco hängte sich seinen Poncho über den Kopf, besah sich den Inhalt seiner Wasserflasche und trank vorsichtig nur ein sehr kleines Schlückchen.

Dann machte er sich auf den Weg, den er meinte gehen zu *üssen. Wenn er wenigstens seinen Maulesel wieder hätte! Als er ein paar Stunden gegangen war, wurde der Boden immer sandiger. Er schien sich der Wüste zu nähern, in die er aber gar nicht wollte. Verzweifelt versuchte er noch einmal den Stand der Sonne mit der Uhrzeit zu vergleichen, aber das brachte ihm auch keine neue Erkenntnis.

Kaum dass er erneut losmarschierte, nahm er plötzlich ein Geräusch wahr. Es war ein Flimmern, wie es bei allergrößter Hitze entsteht. Dann erspähten seine Augen am Horizont den Kaktus und seinen Maulesel. - Das konnte doch nicht sein! - dachte er bei sich. Aber Irrtum ausgeschlossen, es war so.

Nun zwang ihn natürlich dieser Anblick die Richtung leicht zu ändern. Er beschleunigte seinen Gang, steckte sich erneut einen Priem zwischen die Zähne und stapfte, sonderbare Spuren hinterlassend weiter durch den Wüstensand. Irgendwann fragte er sich, warum er seinem Esel nicht näher kam. Nach wie vor sah er ihn mit dem Kaktus am Horizont. - Es wird eine Fatamorgana sein! - dachte er bei sich und verlangsamte seinen Schritt.

Vasco zögerte, war er sich doch schon längst seiner Sache nicht mehr sicher. Da tauchte, so plötzlich wie vorher
bei dem Esel, ein neues Bild auf, ebenfalls am Horizont,
ebenfalls dieses flimmernde Geräusch. Es war das Meer. Er meinte, es sogar rauschen zu hören. Einige Palmen und Strand; er sah alles ganz deutlich vor sich. Aber diesmal war Vasco auf der Hut.

Ich darf diesen Halluzinationen nicht glauben! Sie sind dazu da, mich zu verwirren. - sagte er bei sich. - Die Natur foppt mich! - Noch einmal suchte er den Stand der Sonne, sah auf seine Uhr und änderte seinen Weg in die vorherige Richtung.

Nun erschien der Esel links von ihm am Horizont. Er sah liebevoll zu ihm hin, änderte seinen Weg aber nicht. Fast so entstand bei ihm der Eindruck, als würde das Tier ihn fragend anschauen, warum er denn nicht zu ihm käme.

Tatsächlich änderte sich schon nach kurzer Zeit wieder die Landschaft. Hier und da tauchten schon ein paar Grasbüschel auf und der Sand schien zu verschwinden. Vasco gab es auf, seine Trugbilder je zu erreichen, als ihm ein neues Trugbild unter die Augen kam. Ein Mann mit seinem Esel in einem grauen Mantel mit spitzer Kapuze. Er zog den Esel an einem Seil hinter sich her.

Vasco hielt es für die dritte Erscheinung heute und ließ sich auch davon nicht mehr beeindrucken. Zielsicher setzte er seinen Weg fort. Irgendwann hob dieser Fremde die Hand zum Gruß, was Vasco wenig beeindruckte, hielt er ihn doch für eine Fatamorgana. Sicheren Schrittes stapfte er weiter. Es schien immer besser zu gehen mit seinem Bein. Die Spuren, die er hinterließ, sahen schon fast normal aus. Da tauchte in der Ferne die nächste Erscheinung auf. Diesmal jedoch animierte es ihn dazu anzuhalten und sie sich wie einen Film in Ruhe anzuschauen.

Am Horizont: Sein Esel, der Kaktus, ein Mann mit grauem Mantel mit spitzer Kapuze, der das Tier vom Kaktus los band, es mitnahm, den Kaktus abschlug und in die Seitentasche des Überwurfs am Esel verstaute.

Vasco blieb die Luft weg. Er drehte sich um, suchte den Kapuzenmann, jedoch der war inzwischen längst verschwunden.

Vasco machte sich auf den Weg zu seiner Schwester, kratzte sich am Schädel, nahm seinen Sombrero und zog pfeifend von dannen.
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