Das Orthogravieh

> PLAUDERGARTEN

 

 


Neue Antwort erstellen
Neues Thema eröffnen
Autor Nachricht
  Kurzgeschichten  -  Brutalo /Teil 1
Juska
BeitragVerfasst am: 10.08.2007, 21:57  Neue Antwort erstellen
Kurzgeschichten
Brutalo /Teil 1
Antworten mit Zitat
Gartenmeister(in)
Gartenmeister(in)


Anmeldungsdatum: 07.10.2006
Beiträge: 6017

Brutalo
Die *ütter holten ihre Kinder ins Haus. Brutalo würde heute entlassen und das bedeutete nichts Gutes, denn seine Heimat war hier, hier in dieser Plattenbausiedlung. Er hatte seine 40 Jahre abgesessen; 40 Jahre, das war eine lange Zeit, nicht nur für ihn und wer weiß, wie er so mit der Freiheit zurecht kam. Immerhin ging das Gerücht, dass er vor 40 Jahren seiner Frau und den Kindern kurzerhand den Hals umgedreht hatte, einfach so, wie bei einem Hähnchen. Ja, sie waren auf der Hut, die Mitbewohner, denn sie wussten es: Seine Wohnung war nach wie vor hier. Wie mochte sie nach all den Jahren noch aussehen? Ob der Staat die Miete zahlte für ihn? „Aber wer wollte auch dort einziehen, in eine Wohnung, in der Leute ermordet worden waren. Ich bitte Sie!" Sie tuschelten eine Menge, die Bewohner, doch sobald Brutalo auftauchte, verstummte das Gespräch.
Man hörte nur noch die Stimmen, die riefen: „Mario, Britta, reinkommen!"
Brutalo hingegen schaute sich neugierig alles an. Er stand vor dem Kinderspielplatz und besah sich
die Spielgeräte, doch es war wie bei den Vögeln: Sobald er auf der Bildfläche erschien, flatterte alles
davon.
„Habt ihr schon gehört, der *örder ist wieder da?". Wer es bis jetzt noch nicht wusste, erfuhr es nun
durch Frau Suhl, die als Tratschweib in der ganzen Siedlung bekannt war. Immer stand sie an
irgendeiner Ecke, um die Leute über die Neuigkeiten aus der Umgebung zu informieren.
„Was sie nicht sagen?!", kam es aus vielen Kehlen und hinterher folgte oft die Frage: „und wen hatte
er ermordet und warum?". „Man sagt, er habe sich darüber so aufgeregt, dass diese Kinder nicht von
ihm seien und er wusste nicht mehr was er tat."
Er war kräftig gebaut, ein wahres Muskelpaket von einem Mann, wenn er auch schon 66 Jahre alt war; er erweckte den Eindruck, selbst heute, als könnte er noch immer Bäume ausreißen.
Nachdem er sich die Spielgeräte lange genug betrachtet hatte, machte er sich auf, um in seine Wohnung zu gehen, immer verfolgt von den Blicken der Menschen des Hauses. Brutalo öffnete die Tür zu seiner Wohnung, setzte sich an den verstaubten Esstisch und nach 40 Jahren, endlich, weinte Brutalo bitterlich über seine Tat.
Er weinte lange; es schüttelte ihn förmlich und sein Schluchzen vernahm man bis ins Treppenhaus. Brutalo vergaß es, seinen Kühlschrank zu füllen und erst recht, dafür zu sorgen, dass Strom in seine Wohnung kam. So lag er die halbe Nacht, den Kopf auf den Tisch zwischen seinen Armen und er verspürte keinen Hunger. Er suchte im Besteckkasten nach einem Messer und spielte mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen, als es plötzlich an der Haustür klopfte. Langsam erhob Brutalo sich und lief mit schlurfenden Schritten auf den Hausflur zu: Zwei Grünuniformierte standen im Treppenhaus und erwarteten von ihm, hereingelassen zu werden. Das Küchenmesser hielt Brutalo nicht länger in seiner Hand. Es wurde ihm sogleich abgenommen. Er blinzelte, als er in den grellen Hausflur blickte und hörte wie in weiter Ferne die Stimme des Beamten, der etwas redete von „verständigt worden" und „gefährdet" und „Nachbarn".
Den Blick auf das Küchenmesser gerichtet hielten die Beamten es für angebracht, Brutalo nicht länger sich selbst zu überlassen und sie nahmen ihn mit und steckten ihn vorsichtshalber in die Ausnüchterungszelle des Polizeigebäudes. „Haben Sie etwas gegessen?," wollte einer von ihnen wissen doch die einzige Antwort, die er erhielt war: Ich will ein Bier trinken!" „Na, na, WILL!",
klang darauf entrüstet die Stimme des Beamten, doch schon bald darauf stand eine Dose Büchsenbier vor ihm und aus der einen Dose wurden vier oder fünf im Laufe der Nacht und als der Tag anbrach, hörte der Diensthabende Beamte sein Schnarchen.
Nach Überprüfung seiner Angaben wurde Brutalo am nächsten Morgen entlassen, jedoch nicht eher, ohne vorher den sozialen Dienst über ihn zu informieren, der versprach, sich um ihn zu kümmern. Brutalo indessen wollte nicht sogleich zurück in seine triste Wohnung. Ihn interessierte das Leben, das ihm so lange vorenthalten worden war. Es zog ihn in die Stadt, in die Kirchen, in die Geschäfte. Der Tag wurde ihm nicht langweilig. Er fühlte sich wohler dort zwischen vielen Menschen, die ihn nicht mit Argusaugen betrachteten und jeden seiner Schritte verfolgten. Von seinem Startkapital konnte er sich eine Weile über Wasser halten und er genoss es, sich an einem Stand einen Backfisch zu kaufen, ihn auf einer Parkbank zu verspeisen und sich mit den Pennern im Stadtgarten zu unterhalten. Schon bald fühlte er sich weniger einsam und er beschloss für sich, seine Wohnung schnellstens zu vergessen. Er wollte sich den Pennern anschließen, die keinen Anstoß an ihm nahmen und die es nicht interessierte woher er kam und wohin er ging. Es interessierte sie nur - was er nicht wissen konnte - :„Dieser Typ hat sich einen Fisch gekauft, er muss noch Knete haben und es wäre doch gelacht, wenn dabei für uns nichts abspringen sollte." Frieda holte in seinem Auftrag für jeden ein Bier und schon war Brutalo in die Gemeinschaft der Penner aufgenommen.
Ab jetzt hieß er Bruno; er streifte seine Vergangenheit ab, soff sich das Gehirn zu und versuchte den ganzen Schlamassel zu vergessen, der hinter ihm lag. Frieda gefiel ihm und sie hatte es schnell herausbekommen, dass es da eine Wohnung gab, in die er nicht hineinwollte. Der Gedanke an eine Wohnung ließ Frieda nicht mehr los, schon lange sehnte sie sich nach einem heißen Bad und einem weichen Bett, doch sie konnte Bruno lediglich die Wohnungsschlüssel entlocken und also zog einige Stunden später ein ganzer Trupp Penner in Richtung Plattenbausiedlung. Die Stimmung unter ihnen war großartig, freuten sie sich doch alle auf die Annehmlichkeiten, auf die sie so lange verzichten mussten.
Die Plattenbaubewohner sahen diesen Fußtrupp mit den Flaschen in der Hand schon von weitem kommen. „Was will das Gesocks hier? Wir *üssen es vertreiben!". Die gute Laune der Penner änderte sich mit einem Schlag: Sie wagten es nicht, sich weiterhin miteinander zu unterhalten. Sie kannten diese Art der Begrüßung schon aus Erfahrungen, die sie lieber nicht gemacht hätten und überhörten die Anfangsrufe der Menschen dieser Art wie: „Hey, Penner!". Und ..Ab mit euch, was wollt ihr hier!", und „Geht zurück dorthin, wo ihr herkommt!". Ruhig und gelassen wedelten sie nur mit dem Wohnungsschlüssel und die Hausbewohner rückten missmutig zur Seite. Wie üblich wurde natürlich getuschelt, aber so etwas überhörten die Neulinge geflissentlich.
Nach oben
Sponsor
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde

Seite 1 von 1
gedichte-garten.de Foren-Übersicht  -  Kurzgeschichten

Neue Antwort erstellen

 

Thema Autor Forum Antworten Verfasst am
Weihnachten Teil 2 Johannes Bäcker Eigene Gedichte von Gästen 1 25.12.2018, 15:45 Letzten Beitrag anzeigen
Teil des leben karsten Eigene Gedichte von Gästen 1 07.06.2018, 18:25 Letzten Beitrag anzeigen
Ritter Risco - Teil 3 Juska Kindergedichte und Kinderlieder 0 15.02.2014, 19:40 Letzten Beitrag anzeigen
Ritter Risco Teil 1 und 2 Juska Kindergedichte und Kinderlieder 0 05.02.2014, 16:20 Letzten Beitrag anzeigen
Das Regenbogenland – Teil I von Micha... Sternchen Kindergedichte und Kinderlieder 1 02.12.2013, 14:40 Letzten Beitrag anzeigen

Annegret Kronenberg © 2004-2006 | Alle Rechte vorbehalten | Inhalt | Lyrik | Liebesgedichte | Gedichte & Poesie | Adventskalender basteln | Internet Forensicherheit