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  Kurzgeschichten  -  Brutalo Teil 2 und letzter Teil
Juska
BeitragVerfasst am: 13.08.2007, 13:49  Neue Antwort erstellen
Kurzgeschichten
Brutalo Teil 2 und letzter Teil
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
Beiträge: 6017

Frieda riss gleich alle Fenster auf, denn sie waren an Frischluft gewöhnt und nicht an so eine stickige Wohnung. Wie die Kinder freuten sie sich, als das kalte Wasser aus der Leitung plätscherte und sie bespritzten sich gegenseitig mit dem kalten Nass. Es gab sogar eine Flasche Shampoo im Bad - hätten sie auf das Datum geschaut - aber lassen wir das! Friedas Haare sahen schon lange nicht mehr so schön aus und Fredi und Manni meinten: „Hey Frieda, alte Schlampe, wussten gar nicht, dass du so gut aussiehst!. Und bald schon sprangen sie in den Betten herum, denn die kalte Dusche hatte sie zum Beleben gebracht. Das war dann auch der Grund, das Klopfen zu überhören und die Leute von der Seelsorge zogen wieder von dannen, ohne mit Brutalo auch nur ein Wort gesprochen zu haben. Dafür redeten aber die Hausbewohner mit ihnen. „Stellen sie sich vor, Penner sind jetzt dort! Unverschämtheit! Und das bezahlt wohlmöglich auch noch der Staat!".
Bruno indes interessierte sich nicht mehr dafür, was mit oder in seiner Wohnung passierte: - Sollten sie doch treiben, was sie wollten, sie würden schon sehen, was sie davon haben. - Für ihn war die Sache abgehakt, er hielt sich an der Flasche fest und fand Gefallen daran, im Freien zu schlafen. Welch ein Unterschied, als in einer Zelle zu liegen oder dort zu wohnen, wo einen alles an seine widerliche Vergangenheit erinnerte. Des nachts die Vögel singen und rascheln hören, *äuse flitzen sehen und dabei sein, wenn die Stadt aus dem Schlaf erwachte: Es war für ihn das Schönste und Größte, was er sich im Moment vorstellen konnte, dazu noch diesen Freund an der Seite, den sie Alfredo nannten und der es verstand Musik zu machen, wo immer er sich befand auf
.dieser alten Geige, die sie beim Sperrmüll entdeckten und immer wenn Bruno die Erinnerungen kamen und er hatte noch Geld in der Tasche, warf er Alfredo eine *ünze zu und bat ihn zu spielen. Alfredo spielte wunderschön. Bevor er bei den Pennern auskam war er Straßenmusikant gewesen. „Lady in red" wurde zu Brunos Lieblingslied und immer, wenn Alfredo spielen sollte, begann er mit diesem Lied.
„Warum ist ausgerechnet dieses Lied dein Lieblingslied?", wollte eines Tages Alfredo wissen. „Wann hast du eigentlich zum letzten Mal eine Frau gehabt?". Diese Frage war nicht so schnell zu beantworten für ihn und er gestand Alfredo, dass er schon Bock auf Frieda gehabt hätte, wenn sie nur nicht unbedingt in seine Wohnung gewollt hätte. Dass es sein Lieblingslied war, weil ihm immer wieder die Würgestreifen am Hals seiner Frau vor Augen standen, sagte er nicht. Sie waren sein ständiger Begleiter am Tage und in der Nacht. Von ihnen träumte er während der Zeit, die er in der Gefängniszelle verbrachte und er hatte sie vor Augen sobald er allein war. Plötzlich schlug Alfredo vor: „Lass uns zu Frieda gehen!". Alles in Bruno sträubte sich dagegen. „Sie wird schon wiederkommen und dann !". Bruno machte eine gewisse Handbewegung, doch Alfredo ging ohne
noch ein Wort zu sagen durch den Park in die Richtung auf die Plattenbauwohnungen zu. Bruno weigerte sich ihm nachzugehen, jedoch vom Ende des Parks winkte und grölte Alfredo herüber. Schließlich kannte er den Weg nicht so genau und die Hausnummer wusste er ebenfalls nicht. Er grölte so lange, bis Bruno sich erhob.
Bruno und Alfredo hörten durch die offenen Fenster die Stimmen ihrer Freunde schon von weitem. Es hörte sich ganz so an, als säßen sie nicht auf dem Trockenen, was sich bestätigte, sobald sie über die Türschwelle in die Wohnung traten. Es stand eine große Flasche Cognac vor ihnen, die sie noch nicht bis zu Hälfte geleert hatten. Die Flasche wurde reihum gereicht und Alfredo stupste Bruno in die Seite, der allerdings nicht darauf reagierte. „Frieda, bedank dich mal bei Bruno!". Alfredo ergriff für ihn das Wort: „Ich werde euch auch was feines spielen!", und schon klemmte er sich die Geige unter sein Kinn. Nun kam Frieda in Stimmung und zog Bruno hinter sich her, sie mochte ihn, allein schon wegen der Wohnung, aus der sie so gerne nicht mehr hinaus wollte.
Bruno hatte Nachholbedarf, Frieda konnte es kaum glauben, er musste ja völlig ausgehungert sein! Zunächst machte es ihr noch Spaß, aber jetzt, wo Alfredo die Melodie von „Lady in red" auf seiner Geige anstimmte und das Lied unter dem Gegröle ihrer Kumpel durch die Türritze drang, wurde seine Liebe doch sehr heftig. Die altbekannte Melodie ließ Bruno in einen wahren Rauschzustand versetzen und während er sonst Tag und Nacht die Würgeringe seiner Hände vor Augen sah, waren sie jetzt verschwunden. Bruno sah den nackten kahlen Hals vor sich, dem etwas Wesentliches fehlte. Frieda, diese Dame von 50 Jahren, den Umgang mit rauen Burschen gewohnt, fackelte nicht lange, sie setzte ihm links und rechts ein paar Backpfeifen und versuchte ihm zu entkommen. Plötzlich sprang Bruno auf, die Ohrfeigen hatten ihn wieder zur Besinnung gebracht. Er riss die Tür auf und brüllte in den Raum: „AUFHÖREN!", so laut, dass es in der ganzen Siedlung zu hören war. Sofort legte Alfredo die Fiedel zur Seite und alle starrten abwechselnd mal auf Friedas Hals und mal auf Bruno, der am ganzen Körper bebend seinen Kopf zwischen die Arme legte und ihn schluchzend auf die Tischplatte fallen ließ.
Es wurde still in der Wohnung. Frieda erhob sich und schlurfenden Schrittes, benommen von seinen heftigen Stößen, besah sich ihre Bisswunde in dem halbblinden Badezimmerspiegel und kam zurück mit der Bemerkung: „Das kostet dich aber mindestens eine Flasche Schnaps, mein Bruno!", und damit war für sie die Sache erledigt. Sie lümmelte sich in die Sofaecke und machte keine Anstalten, die Tür zu öffnen, als es dann wenige Minuten später an der Tür klopfte. Die Grünuniformierten standen wieder davor, um die Gesellschaft wegen ruhestörenden Lärms zu verwarnen, jedoch gab es keinen Grund mehr dafür. Es war so leise, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Unverrichteter Dinge zogen die Beamten wieder ab. „Keine besonderen Vorkommnisse!", gaben sie hinterher durch die Sprechanlage ihres Einsatzfahrzeuges in die Zentrale zurück.
Bruno setzte sich neben Frieda auf das Sofa und weinte in ihren Schoß. „Darauf lasst uns eine heben!" hob einer der Saufbolde die Stille auf und die Flasche machte wieder ihre Runde.
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