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  Kurzgeschichten  -  Zaunreiter
Heike Gewi
BeitragVerfasst am: 22.08.2007, 17:07  Neue Antwort erstellen
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Stammgast
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Anmeldungsdatum: 01.07.2007
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I've got the power ...donnert das Handy genau 6.00 Uhr morgens. Mit geschlossenen Augen tastet Elvira neben dem Kopfkissen nach dem erklärten Feind Nr. 1, der sämtliche Träume mit einem Schlag auslöscht, sodaß sie sich am Frühstückstisch nicht einmal erinnert, ob sie in Farbe oder Schwarz-weiß geträumt hat. - "Moin! Ich mach's kurz.", meldet sich Christian. "Bin in einer halben Stunde bei dir zum Frühstück und ...ab zur Hexe! Beim Kaffee dann mehr. Los, hoch mit dir!", schickt er seine Anweisung in ihre Ohrmuschel. Christian hält also Wort, denkt sie und ihr wird bewußt, daß es Dienstag ist.

Das Rot am Morgenhimmel nimmt sie nur flüchtig wahr. Ebenso die Milde dieses Sommers. Sonnenaufgänge sind ihr seit ihrer Scheidung zuwider geworden, weil sie mit Untergängen enden und man faktisch vor dem Dunkel steht. Still hofft sie, daß sich das ändern wird. Romantik hat einen neudefinierten Platz, bei ihrem bemüht rationalen Lebensstil. Allerdings, der frühe Morgen gibt ihr die Stille, die sie braucht, um sich auf ihre Geschichten zu konzentrieren, die seither einen extrem satirischen Zug haben und dem Tragischen so fern sind wie die Küchenfliege dem Thron einer Bienenkönigin. Klartext, Elvira schriftstellert.

Mit ein paar geübten Handgriffen ist die Kaffeemaschine startklar, die programmgemäß anfängt, vor sich hin zu tuckern und ihre Dampfschiffchen hinüber zur heilen Welt am Küchentisch segeln läßt. Ein Morgen wie jeder andere. Aber vielleicht auch nicht.

Unter der Dusche wird sie merklich munterer und trällert die Papagena. Beim Gedanken an Papageno stoppt sie. Vor ihrem geistigen Auge baut sich ein langer, spaßiger, braungelockter Kerl auf. Christian - der ehemalige Schulkamerad, mit dem sie in der vierten Klasse nach Schulschluß die Tierparkkasse ausgeraubt hatte. Seine Eltern entdeckten die Beute in den sehr auffällig ausgebeulten Hosentaschen und fragten nach ihrer Herkunft. Er hielt dicht - trotz Prügel.
Nach der Scheidung war er es, der ihr mit seinem Humor zu verstehen gab, daß es für nichts Garantien gibt. Das erlebt er als Journalist tagtäglich, was ihm aber nie die Hoffnung auf kleine Wunder genommen hat. Deswegen machte er ihr auch Mut, wieder zu schreiben, damit ihr Talent nicht verkümmert, das ihm in guter Erinnerung ist. Damals, als sie beide an der Penne im Schreibzirkel gegeneinander im Wettbewerb standen. Aus diesem Grund nimmt er sie zu ausgesuchten Interviews mit – der Stoff, aus dem Geschichten sind. Christian hat dafür einen Riecher.

Er macht gerade Recherchen zu einem Artikel über tropische und heimische Euphorbien, einschließlich des praktischen Nutzens dieser Gewächse. Dazu will er auch die Meinung einer Heilpraktikerin einholen, die sich durch homöopathische Anwendungen in ihrer Umgebung einen sehr zweifelhaften Ruf zugezogen hat. Erst vor zwei Tagen verriet ihm ein Apotheker die Adresse. "Das Hexenhaus.", raunte dieser ihm ehrfürchtig bei Zettelübergabe zu. Christians Verwunderung war groß. Einen Katzensprung von ihm entfernt? Ein kleines Häuschen, inmitten eines scheinbar verwilderten Gartens, den er von seinem Balkon im vierten Stock zu betrachten pflegt, aber nie geahnt hat, daß er diesen würzigen Duft im lauen Abendwind auf das Wirken einer "Hexe" zurück zu führen hat.

"Spann mich nicht auf die Folter, Christian!", platzt es regelrecht aus Elviras Kaffeetasse heraus. Peng! Wie ein nicht mehr dehnbares Gummiband in Hosen oder sonst wo. Er mag Spannung. "Du sollst mir sagen, was du bisher rausbekommen hast. Mehr nicht!" – "Gut! Euphorbien gehören zur Familie der Wolfsmilchgewächse und sind ausnahmslos giftig. Aber trotzdem kamen sie immer schon als Heilpflanzen zum Einsatz. Hier bei uns ebenso wie beispielsweise in Südamerika. Zudem waren und sind sie unverzichtbare Grundlage zur Herstellung des Werkstoffs Gummi. Jetzt kommt der spaßige Teil. Die in Mexiko wachsende Candelilla, deren Wachs auch von Deutschland importiert wird und zwar gemäß der EG-Richtlinie 2000/63, trägt den lateinischen Namen Euphorbia antisyphilitica und soll 1932 erstmals beschrieben worden sein. Na, macht's Klick?" Christian mustert Elvira abwartend und fährt amüsiert fort. "Das Wachs der Candelilla ist die Grundlage der Kaugummiproduktion und wird als Trennmittel bei der Gummibärchenherstellung verwendet. Und.. Kondome werden generell aus Naturlatex gefertigt."

Alles, was sie noch aus Chemie weiß, purzelt in Richtung Gummi und wurde zu einem Gemisch aus gedehnten, klebrigen Begriffen wie Latex, Kautschuk, Harz und Wachs, daß sie am Ende nichts mehr trennen konnte. "Gummibärchen und gewachster Penis?", stöhnt Elvira bei der Wiederholung der Schlagworte, die in ihrem Hirn geschüttelt worden sind und am Ende keinen Sinn mehr ergeben. "Mensch Christian, wo hast du bloß den Blödsinn her? Arbeitest du jetzt für die Boulevardpresse? Was soll der Quatsch mit der Euphorbia antisyphilitica? Hört sich an wie gegen Syphillis.", gibt sie kapitulierend von sich. Elvira versteht nicht und von Botanik schon gleich garnichts. Ihr fällt plötzlich das Werbeplakat fuer Kondome ein, woraufhin sie lachen muß. "Endlich!", meint Christian, der ihr Lachen als angenehm empfindet. "Fahren wir jetzt zur Hexe?" Elvira ruft "Los, gib Gummi!", als ob sie mehr Gas der Antwort näher bringt. Christian konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Elvira hingegen ist in Gedanken zurück in ihre Kindheit gereist. Gummi, das haarige Problem. Vor vielen jahren prunkte über ihrem kindlichen Ponny ein rotes, verhaßtes Elastikhaarband, das die Haare in alle Himmelsrichtungen fliegen ließ, und das ihrem feinen Haar genauso mies stand wie der Kaugummi, den sie sich während des Unterrichts in der achten Klasse auf die Hand spucken und diese auf Anordnung des Mathelehrers Viertelchen in ihr Haar drücken mußte, nur um zu sichern, daß das Produkt mehrstündiger Kauarbeit auch sicher auf ihrem Kopf landete. Der Gang zum Frisör war unumgänglich und die Wut schier grenzenlos. Sie fühlte sich mehrfach bestraft. Die Maßregelung des Lehrers an sich, der nicht mit höhnischen Worte sparte, der Verlust der langen Haare und der unmoderne Stufenschnitt, der sie wie Köppel aus der Parallelklasse aussehen ließ, und den sie partout nicht leiden konnte. Für die Jungs ihrer Klasse war das der Aufruf zur Gegenwehr - der mit Kaugummi übersäte Lehrerstuhl. Daß sie zur Strafe den Stuhl nach dem Unterricht reinigen mußten, störte sie nicht. Wichtig war, Viertelchen hatte die ganze Stunde zu stehen!

In der Abiturstufe verfolgte sie das Gummigespenst in Gestalt eines Chemievortrages, von dessen Bewertung die Endnote abhing und damit das Gesamtprädikat ihres Abiturabschlußzeugnisses. Es mußte also gut werden, der historische Querschnitt durch Gummi, Kautschuk, Harz und Wachs pflanzlicher Herkunft und der "Herstellung eines *öglichst sinnvollen Zusammenhangs aller beteiligten Begriffe", so die eindringliche Bitte des Lehrers Schlütterer, dessen sprechender Mund durch ihre Angst zu einem reißenden, schwarzen, übelriechenden Loch wurde.

Diese Begriffklauberei brachte ihr viele schlaflose Nächte, in denen sie von Gummimenschen in Tobasco träumte, die nichts anderes taten, als mit der "Sonne" Ball zu spielen, welche, wie konnte es anders sein, aus Kautschuk bestand und entsetzlich nach Schwefel stank. Bei jedem Treffer durch den Ring schrie das Publikum eine Wortgruppe aus den Definitionen, die sie paukte, um die Dinge eben fein säuberlich zu trennen. Bei jedem Fehlschlag sah sie sich am Kochtopf eines Eingeborenen, der Schlütterer ähnelte und abwechselnd Kautschuk und Verliererköpfe kochte, um sie sauber von Fleisch und Haaren zu trennen, und seinen Göttern zu opfern. Hätte sie das Thema beim parallel laufenden Schreibwettbewerb eingestellt, ohne auf Polymerisation, Vulkanisierung und Veresterung eingehen zu *üssen, dann wäre ihr der erste Preis sicher gewesen. Schlütterer verkochte sie nicht. Nach Ende des Vortrages strich sie ihre Eins und seine Anerkennung ein.

"Wir sind da.", ruft Christian. "Moment mal!", hört sich Elvira vor dem Aussteigen sagen. "Willst du andeuten, daß die Azteken schon so eine Art Kondom entwickelt hatten?"Christian strahlt über das ganze Gesicht und meint "Erstmal quetschen wir die Hexe aus. Okay?". Elvira ist es zufrieden.

An der Tür empfängt sie eine alte, hagere Dame. Sie lächelt und begrüßt sie mit den Worten "Na so ein hübsches Paar. Das sieht man gerne!". Christian und Elvira sehen sich ruckartig an. Während Christian darüber grübelt, ob man neuerdings in seinem Gesicht wie in einem Buch lesen kann und wenn ja, warum die Frau direkt neben ihm blind oder Analphabetin ist, sieht sich Elvira mit Christian an ihrem Lieblingsplatz - am Ufer des Parkteiches, der das rotgoldene Abendsonnenlicht widerspiegelt. Mein Gott!, denkt sie, die Frau ist eine Hexe.

Beim Tee kann Elvira nicht mehr an sich halten und fragt "Was heißt eigentlich Hexe?". " Eine gute Frage.", sagt die Alte. Christian schießt das *ärchen von Hänsel und Gretel durch den Kopf und war plötzlich nicht mehr bereit, den Bruderpart zu spielen. "Meines Wissens, ihr Lieben, entstammt das Wort dem althochdeutschen Hagzissa und setzt sich zusammen aus Hag für Hecke und Zissa für Sitzer. Aus Hagzissa wurde mit der Zeit Hexe. Und ja, ich bin eine Zaunreiterin, was Heckensitzer im weiteren Sinn bedeutet." Elvira fällt spontan Frau Holle ein - Mutter Holder, die ihren Sitz im Holunderbusch hat. "Vielleicht", erklärt unsere aufgeklärte Rentnerin weiter, "kann man es auch noch weiter fassen und mit Gratwanderin zwischen den Welten übersetzen?". Die Lieben sind platt. Beide scheinen, das Gleiche zu denken. Sind wir das nicht alle? So wie die Hexen beim Beltane-Fest in der Walpurgisnacht zwischen der alten Welt, den alten Werten und der neuchristlichen Welt ritten, bewegt sich Christian bei seinen Schlüssen aus gemachten Recherchen oft zwischen Absurdität und Realität und findet in der Mitte die Wahrheit. Elvira hingegen reitet zwischen Licht und Schatten, hauptsächlich wegen ihrer Scheidungsgeschichte, sodaß sie beim Wechsel vom Dunkel ins Licht nicht in der Lage ist, neue Signale zu erkennen. "Christian, ich will dich heute Abend unbedingt bei mir zu Hause sehen.", flüstert sie. Er nickt ihr zu und glaubt, daß ein Wunder geschehen ist. Aufgeregt wendet er sich an die Gastgeberin.

"Wurde Wolfsmilch als Heilmittel gegen Syphillis verwendet?"
"Nein!", war die extrem kurze Antwort, "Aber wir haben sie zur Abtreibung angewandt. Dazu benutzte man zumeist die Samen der Zypressenwolfsmilch. Selbstverständlich sind zuviele davon tödlich. Die Syphillis betreffend, ist mir nur bekannt, daß Casanova selbst, um sich nicht anzustecken, Kondome aus Schafsdärmen verwendete. Mit Seidenbändchen..." Die Dame schmunzelt und sieht einer Hexe nicht im geringsten ähnlich.
"Allerdings haben wir gerne", sie scheint im Namen der gesamten Hexenzunft zu sprechen, woraus sich das Kollektivum ergibt, "die Harze, die aus Wolfsmilch gewonnen werden, ihrer antibakteriellen Wirkung wegen, für Reinigungs- und Schutzzauber verräuchert. Junger Mann! Syphillis muß mit hochwirksamem Penicillin behandelt werden. Kein Inhaltsstoff der Wolfsmilch, Ingenol oder Phorbolester, gibt diesen her." Christian sieht seine Felle weg schwimmen, bezüglich des Clous seiner Story. Willkommen Realität! "Wissen sie, ob früher im Mittelalter oder zu Casanovas Zeiten ihre Zunft aus einheimischer Wolfsmilch Gummi herstellen konnte?" "Christian!", donnert Elvira, der ihr historischer Abriß aus der Penne einfällt. "Gummi herzustellen, war erst ab 1839 *öglich. Durch die Entdeckung der Vulkanisierung von Goodyear." – "Nein.", kürzt die Dame ab. "Es mag zwar oft in der Hexenküche nach Schwefel gerochen haben, aber Gummiherstellung kann man ausschließen. Ich weiß, daß sie auf die Maya anspielen, die Kautschukbälle produzierten vor mehr als 3000 Jahren, um ihr religiöses Ballspiel Pok Ta Pok auszuüben. Mir ist durchaus bekannt, daß die Tolteken in Nordmexiko die schon von ihnen erwähnte Sukkulente Euphorbia antisyphilitica hierfür nutzten und nicht nur den Kautschukbaum. Wer will hundertprozentig ausschließen, daß nach der Entdeckung Amerikas und den Pleiten mit den Schafsdärmen dort ein *ögliche Lösung geboten wurde? Genaues weiß man nicht." Sie atmet tief durch. " Junger Mann, es bleibt eine Vermutung, die nicht durch Fakten untermauert werden kann. Für den Artikel, den sie schreiben, empfehle ich, das genauso zu formulieren." Noch mehr Felle weg, denkt er und Elviras Augen haben seit heute einen Glanz, wenn er ihren Blicken begegnet. Auf einmal hat er es eilig mit der Verabschiedung. Die Dame schweigt lächelnd und bringt die Gäste bis zur Gartentür.

"Riech nur!", flüstert Elvira Christian zu. "Der Kräutergarten.", meint er kurz und überlegt, ob er Elvira seine Junggesellenbude zeigen soll. Beide drehen sich zu ihrer Gastgeberin und sehen in die lebhaften Augen einer Rentnerin, die an der Hecke steht, meisterhaft mit Homöopathie und Pharmazie jongliert und ob ihres Wissens *ächtig beneidet wird. Ehrfürchtig nicken sie ihr zu.

"Hunger? Ich lad dich zum Essen ein.", sagt Christian.
"Ist das ein date?" - Er führt sie über die Straße zu seinem Appartement. Sie läßt es einfach geschehen.
(storyboard Heike Gewi, 8 Manuskriptseiten)

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