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  Kurzgeschichten  -  Mut gefragt
Juska
BeitragVerfasst am: 26.09.2007, 22:38  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
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Mut gefragt
Er sah schon eigenartig aus mit seinem Ersatzarm, aber das war nicht das Schlimmste. Fritz verlor seinen Arm im Krieg Ein Granat-Splitter hatte ihn weggerissen. Lange lag er deswegen in einem Hospital und er schreckte immer vor dem Tag zurück, wenn er seiner Frieda zum ersten Mal wieder begegnen würde. Es war der rechte Arm und Fritz war Rechtshänder. Sicher hätte er seinen Bettnachbarn bitten können, einen Brief für ihn an Frieda zu schreiben, doch feige, wie er war, zögerte er es immer wieder hinaus. Sicher mochte sie ihn nicht mehr, als Einarmigen. Er sah sie vor sich, dachte daran, wie sie sich umarmten und dabei zärtlich küssten und jetzt? Da war nichts mehr, der Arm fehlte ihm von der Schulter an. Es sollte da Prothesen geben und wenn der Krieg zu Ende war, wollte er sich gleich darum kümmern.
Die Tränen flossen ohne sein Zutun, ganz von allein. Dieser Krieg, wie er ihn hasste. Er hatte bis jetzt nur Unglück gebracht. Zuerst trennte er sie beide voneinander, hatten sie sich doch gerade erst kennen und lieben gelernt und dann dieses hier? Mit hasserfülltem Blick sah er wieder auf die Stelle herab, an der früher sein Arm hing. Die Tür des Krankenzimmers tat sich auf und herein kam der Arzt mit zwei Krankenschwestern.
„So, Herr Block, da haben wir etwas ganz Feines für Sie!". Missbilligend schaute Fritz auf das eben als ganz Feines beschriebene Ersatzteil. Es schüttelte ihn: Es war ein Fleischerhaken an einer Holzprothese. Grauenhaft!! Wie sollte er damit jemals Frieda unter die Augen treten?
Hier jedoch war es ihm egal. Er konnte sich sowieso nicht dagegen auflehnen. Und mit einem Fleischerhaken war es zwar nicht *öglich zu schreiben, aber festhalten konnte man damit und anderen Leuten Angst einflößen. Er würde sich schon daran gewöhnen, wenn es auch nicht leicht war.
„Sobald die Prothese sitzt und Sie mit ihr klar kommen, dürfen sie auf Heimaturlaub zu Ihrer Familie!". Fritz zeigte darauf keine Reaktion. „Haben Sie nicht gehört?" erkundigte sich noch mal der Arzt. Doch, Fritz hatte es nur zu gut gehört und ihm gingen 1000 Gedanken durch den Kopf. Jetzt stand ihm bald das Allerschlimmste bevor: Wie sollte er es Frieda beibringen? Er konnte doch nicht einfach mit so einem Fleischerhaken zu Hause auftauchen! Fritz übte lange und gut und der Tag der Entlassung rückte immer näher. Soldat Karl riet ihm immer wieder: „Schreib es ihnen! Besser sie wissen es, bevor du kommst.". Nein, er brachte es einfach nicht über sich und als er sich zwei Tage später unterwegs auf dem Nachhauseweg befand, mochte er im Zugabteil mit keinem reden. Er hing seinen Gedanken nach. Ihn beschäftigte nur eins: Würde sie noch bei ihm bleiben?
Der Weg nach Hause war ihm noch nie so lang vorgekommen und je näher er sich der elterlichen Wohnung näherte, umso schwerer fielen ihm seine Schritte dort hin. Den Mantel hängte er sehr dekorativ über seinen angewinkelten Ersatzarm.
Als Fritz so überraschend plötzlich in der Waschküche stand, wo Mutter gerade die dampfende Wäsche mit einem Holzlöffel aus dem Kessel zwischen die Rollen des Waschbottichs beförderte, war die Freude groß. Mutter warf alles von sich, um ihren Sohn zu umarmen und willkommen zu heißen.
Es fiel ihr gar nicht auf, dass da etwas an ihrem Sohn nicht stimmte. Sie schob ihm vor sich her über die Hintertreppe und sagte: Komm her, jetzt gibt es erst mal eine leckere Tasse Kaffee und dann schicken wir Andi hinüber zu Frieda, um sie zu holen.

Er unterhielt sich lange mit seiner Mutter über die Verletzung, den Hospital-Aufenthalt und die Angst, die er ausgestanden hatte, weil er dachte: >Jetzt ist es aus, besonders mit Frieda.> Und je länger er darüber sprach, um so wohler wurde es ihm. Es fiel ihm immer mehr ein, was er noch zur Sprache bringen wollte und seine Mutter war eine so gute Zuhörerin; sie unterbrach ihn kaum während er sich alles von der Seele redete. Am Ende riet sie ihm: „Ruf Frieda an, jetzt!". Wie er sich verhalten sollte, riet sie ihm nicht. „Meinst du wirklich?" fragte Fritz unsicher. „Ja, unbedingt! Sie wird auf dich warten!"
Zögernd begab sich Fritz zur Telefonzelle, die nicht weit entfernt an der Straßenecke stand. Sein flaues Gefühl im Magen würgte ihm die Kehle und als er ihre Stimme vernahm, brachte er nichts weiter heraus als seinen Namen. Dann redete Frieda in einem fort; er verstand nicht ein Wort. Das einzige was er vernahm war der Hörer, der am Ende ihres Redeschwalls auf die Gabel gelegt wurde. Er versuchte sich an ihre Sätze zu erinnern, aber es war ihm nicht *öglich. >Hatte sie sich gefreut? Ja sicher, sie hatte sich sehr gefreut! Was hatte sie gesagt?> überlegte er krampfhaft. So viel er auch darüber nachdachte, es wollte ihm einfach nicht einfallen und als er betrübt die Stufen zur elterlichen Wohnung hinaufstieg, lief ihn fast jemand um. Ungestü* wurde er von Frieda in den Arm genommen und seine Prothese drückte sich tief in seine Rippen. Noch beim Küssen überlegte Fritz: >Sie muss es bemerkt haben, ja bestimmt, sie wird es bemerkt haben!> Noch am gleichen Abend bekam sie alles zu sehen; es war für sie überhaupt kein Thema.
Als er am nächsten Tag mit Frieda im Arm durch die belebte Stadt zog, fiel es ihm auf: Jedem Dritten, der ihnen entgegen kam schien ein Körperteil zu fehlen. Er sprach diese Feststellung laut aus und Frieda meinte darauf zu ihm: „Es ist nicht so wichtig! Hauptsache du bist da!"


Zuletzt bearbeitet von Juska am 17.08.2014, 08:47, insgesamt einmal bearbeitet
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Ann
BeitragVerfasst am: 27.09.2007, 09:59  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 45131
Wohnort: Gronau

Halo Juska,
ja, so war es damals, ich kenne es auch. Mir sind beim Lesen die Tränen gekommen. Wofür all diese schrecklichen Sachen? Wenn ich darüber nachdenke, kommt heute noch echte Wut in mir auf. Meinen Vater traf es etwas weiter zur Mitte, mitten ins Herz. Er war 31 Jahre alt.Warum, Warum?

Jusak, liebe Grüße
Ann
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Juska
BeitragVerfasst am: 28.09.2007, 11:08  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 07.10.2006
Beiträge: 6017

Liebe Ann,
Kann es überhaupt eine Entschuldigung für dieses ganze Elend geben?

Geschockt

Der Mensch ist geboren um zu leiden (ein Spruch meiner Mutter, sicher aus der Überlieferung von ihrer Mutter, die in diesem entsetzlichen Krieg zwei Söhne verlor)
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Leddes
BeitragVerfasst am: 30.09.2007, 10:56  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 16.09.2006
Beiträge: 1739
Wohnort: Baden-Baden

Hallo Juska

Für diesen Wahnsinn gibt es keine Vernünftige Erklärung. Kriege und ihre Folgen. Da hast Du das ganze Elend aufgezeigt.
Es gibt ja wohl keine Familie wo nicht der Krieg Spuren hinterlassen hat. Außer den Kriegsgewinnlern.
Entweder durch Verlust an und von Menschen oder der Heimat und in sovielen Fällen noch beides zusammen.

Nur die Menschen werden nicht vernünftiger, das sieht man ja leider jeden Tag.

Gruß Leddes
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