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  Gedichte  -  Karl Kraus 1874-1936 österr. Schriftsteller
Ann
BeitragVerfasst am: 22.08.2007, 16:32  Neue Antwort erstellen
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Karl Kraus 1874-1936 österr. Schriftsteller
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
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Zwei Läufer laufen zeitenlang,
der eine dreist, der andre bang:
Der von Nirgendher sein Ziel erwirbt;
der vom Ursprung kommt und am Wege stirbt.
Der von Nirgendher sein Ziel erwarb,
macht Platz dem, der am Wege starb.
Und dieser, den es ewig bangt,
ist stets am Ursprung angelangt.


Zuletzt bearbeitet von Ann am 27.03.2008, 20:15, insgesamt 2-mal bearbeitet
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Ann
BeitragVerfasst am: 22.08.2007, 16:35  Neue Antwort erstellen
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Karl Kraus 1874-1936 österr. Schriftsteller
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Vergleichende Erotik

So wird das Wunderbild der Venus fertig:
Ich nehme hier ein Aug, dort einen Mund,
hier eine Nase, dort der Brauen Rund.
Es wird Vergangenes mir gegenwärtig.

Hier weht ein Duft, der längst verweht und weit,
hier klingt ein Ton, der längst im Grab verklungen.
Und leben wird durch meine Lebenszeit
das Venusbild, das meinem Kopf entsprungen.
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Ann
BeitragVerfasst am: 25.11.2007, 19:40  Neue Antwort erstellen
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Karl Kraus 1874-1936 österr. Schriftsteller
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Verwandlung

Stimme im Herbst, verzichtend über dem Grab

auf deine Welt, du blasse Schwester des Monds,

süße Verlobte des klagenden Windes,

schwebend unter fliehenden Sternen –



raffte der Ruf des Geists dich empor zu dir selbst?

nahm ein Wüstensturm dich in dein Leben zurück?

Siehe, so führt ein erstes Menschenpaar

wieder ein Gott auf die heilige Insel!



Heute ist Frühling. Zitternder Bote des Glücks,

kam durch den Winter der Welt der goldene Falter.

Oh knieet, segnet, hört, wie die Erde schweigt.

Sie allein weiß um Opfer und Thräne.
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Ann
BeitragVerfasst am: 25.11.2007, 19:42  Neue Antwort erstellen
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Leben ohne Eitelkeit

Sieh, mein Außenbild ist fügsam,

sieh, mein Haben, so genügsam,

achtet wohl des Gleichgewichts.

Hat es wenig, dankt für viel es,

wahrt des Weges, Maßes, Zieles

und Verzichts.



Doch mein Innensein verzichtet,

eh es sich genügsam richtet,

achtet nicht des Gleichgewichts.

Immer steig' es oder fall' es,

hat es vieles, will es alles

oder nichts!
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Ann
BeitragVerfasst am: 25.11.2007, 19:43  Neue Antwort erstellen
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Karl Kraus 1874-1936 österr. Schriftsteller
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
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Mein Weltuntergang

Mir träumte, daß ich eben noch zurecht kam,

als unterging die Welt, vor meinen Augen

tat sie es, eben noch kam ich zurecht,

denn auf ein Haar wär' ich zu spät gekommen.

Ich stand auf einem Vorsprung von Sorrent,

Signore! rief der Wirt, und subito

sank Capri, hastenichgesehn, ins Meer.

Schon aber wars für uns auch nicht geheuer,

und eine Riesenflamme stach herüber,

weil einer drüben noch am Gashahn spielte.

Am sichersten, sagt einer, wärs in Wien,

wann geht der Zug, schon zeigt auch der Vesuv

der Welt die Zunge, sichrer ists in Wien.

Schon ist der Wirt erstickt und in Neapel

beteuern tausend Kuppler ihre Unschuld,

denn ihrer aller Hure sei gestorben,

und bieten zum Ersatz den letzten Knaben.

Viel sicherer wärs freilich jetzt in Wien,

wie aber kommt man bei dem Untergang

hinüber, oben schweift schon ein Komet,

der Mond ist übernächtig und die Sonne,

die schläfrige, macht heute Überstunden,

jedoch die Grotte hat heut blau gemacht

und gelb vom Schwefel eines Fremdenführers

befremdet auf der Stelle sie den Fremden,

Leuchtkugeln läßt beim Feuerwerk des Himmels

ein Bravo Stuwer in die Gärten schwirren

und aus der Barke gellt der Hilferuf

des alten Lohndieners sein »Tramontano!«,

auch der von »Loreley!« ist schon zur Stelle,

der Leiermann spielt bella Napoli,

nimmt ewig Abschied, will mit einem Aug',

das zweite ist kaput, Neapel sehn

und sterben. Voller Schrecken ist die Nacht.

Ein Zuhälter mit einem halben Ohr,

als Legitimation zeigt er es vor,

ist hier und dort und läßt mich nicht mehr los,

beteuert fort, er selbst sei der padrone.

Am sichersten ists sicher jetzt in Wien,

was macht man heute abend in Sorrent,

meine Geliebte schläft mit einem Bettler,

es regnet Blut und ich hab keinen Schirm,

man schließt das Kino, hundert arme Kinder

sind ausgesperrt und scharen sich um mich,

verlangen noch die letzte Zigarette.

Dann sind sie tot. Ein Kutscher schlägt sein Pferd

und ruft mit letzter Leidenschaft sein »Ah!«

Wer lebt noch außer mir? Denn lebte einer,

*üßt' den Verlust er auf Millionen schätzen.

Jetzt springt die Flut, die Flamme brennt ins Meer,

und eine Tafel wird am Fels befestigt,

darauf gedruckt schon, nicht geschrieben steht:

Preßburger, kaiserlicher Rat, gesund!
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Ann
BeitragVerfasst am: 25.11.2007, 19:45  Neue Antwort erstellen
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Die Leidtragenden

Du großer Gott der Großen und der Kleinen!

Du prüfst die Großen, weil es Kleine gibt.

Du prüftest einmal Kleine durch den Großen.

Und riefst ihn weg. So hat er diese Prüfung

als Prüfer und Geprüfter schlecht bestanden.

War dies die Absicht, als Du Tod und Leben

zu seligem Unterschied erfunden hast?

Stürzt in die Bresche der Unendlichkeit

der irdische Feind, ein tollgewordener Haufe?

Und ist das Leid nicht göttlicher Besitz,

daß die es tragen, die gekreuzigt haben?

Ist selbstvergoss'nes Blut nur ein Rubin,

ein falscher Diamant die echte Thräne,

ein Putz, den sich die Judasfratze borgt?

Dann ist die Zeit zu Ende und nichts bleibt

als Deine Prüfung. Laß es sie entgelten,

in Stadt und Staat die Mißgebornen fühlen,

daß es vollbracht ist! Nimm ihr eigenes Blut

und traure über sie mit Gottes Thräne!
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Ann
BeitragVerfasst am: 25.11.2007, 19:45  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
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Kriegsberichterstatter

Wie? Es gibt Krieg? Wir wissen es von solchen,

die noch ihr dreckiges Ich haben, das erzählt,

in welcher Stimmung sie den Krieg besichtigt?

Ein Schlachtroß fand' es unter seiner Würde

mit seinem linken Hinterhuf die Krummnas'

von sich zu stoßen – und die oben sitzen,

empfangen sie, und stehn ihr Red' und Antwort,

verköstigen an ihrem eigenen Tisch

den Auswurf? Wie, war das Ereignis denn

nicht stark genug, den innern Feind zu schlagen?

Er dringt zur Front, macht sich ums Blatt verdient?

Stellt uns den Krieg vor, stellt sich vor den Krieg?

Er wird nicht untergehn? Er lebt? Er dient nicht?

Nicht exerzieren *üssen die Gemeinen?

Ist es ein Krieg? Ich denk', es ist der Friede.

Die Bessern gehen und die Schlechtem bleiben.

Nicht sterben *üssen sie. Sie können schreiben.
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