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  Gedichte  -  Hermann Hesse 1877-1962 Dichter Schriftsteller
Ann
BeitragVerfasst am: 14.09.2004, 16:59  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Hermann Hesse 1877-1962 Dichter Schriftsteller
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Der Schmetterling
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Mir war ein Weh geschehen,
Und da ich durch die Felder ging,
Da sah ich einen Schmetterling,
Der war so weiß und dunkelrot,
Im blauen Winde wehen.
O du! In Kinderzeiten,
Da noch die Welt so morgenklar
Und noch so nah der Himmel war,
Da sah ich dich zum letztenmal
Die schönen Flügel breiten.
Du farbig weiches Wehen,
Das mir vom Paradiese kam,
Wie fremd muß ich und voller Scham
Vor deinem tiefen Gottesglanz
Mit spröden Augen stehen!
Feldeinwärts ward getrieben
Der weiß' und rote Schmetterling,
Und da ich träumend weiterging,
War mir vom Paradiese her
Ein stiller Glanz geblieben.


Zuletzt bearbeitet von Ann am 27.03.2008, 23:18, insgesamt einmal bearbeitet
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Ann
BeitragVerfasst am: 14.09.2004, 17:00  Neue Antwort erstellen
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Ich wollts, ich wär eine Blume
du kämst still gegangen
Nähmst mich zum Eigentume
in deine Hand gefangen
*
Auch wär ich gern ein roter Wein
und flösse süß durch deinen Mund
und ganz und gar in dich hinein
und machte dich und mich gesund.
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Ann
BeitragVerfasst am: 14.09.2004, 17:01  Neue Antwort erstellen
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Stufen
~~~~~~~~~~~~~~~~
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln und uns engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

(1941)
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Ann
BeitragVerfasst am: 14.09.2004, 17:02  Neue Antwort erstellen
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Kopflos
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Man nehm den Deckel nur vom Topfe
Und sieh, wie froh der Dampf entweicht!
Wie lebt nach abgeschnittnem Kopfe
Das schwere Leben sich so leicht!
Kein Schnupfen mehr, kein Nasentropfen,
Kein Zahnweh und kein Augenbrand
Noch Stirnkatarrh noch Schläfenklopfen,
Es ist wie im Schlaraffenland.
Zwar gibt es ohne Kopf kein Denken,
Doch ist es darum nicht so schad,
Man kann mit Wein die Kehle tränken,
Es ist das beste Gurgelbad.
Und ach, wie lebt es sich so stille:
Kein Wort, kein Lärm, kein grelles Licht!
Und nie mehr sucht man seine Brille
Und nie mehr macht man ein Gedicht.
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Ann
BeitragVerfasst am: 14.09.2004, 17:02  Neue Antwort erstellen
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Bei Nacht
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Nachts, wenn das Meer mich wiegt
Und bleicher Sternenglanz
Auf seinen weiten Wellen liegt,
Dann löse ich mich ganz
Von allem Tun und aller Liebe los
Und stehe still und atme bloß
Allein, allein vom Meer gewiegt,
Das still und kalt mit tausend Lichtern liegt.
Dann muß ich meiner Freunde denken
Und meinen Blick in ihre Blicke senken,
Und frage jeden still allein:
"Bist du noch mein?
Ist dir mein Leid ein Leid, mein Tod ein Tod?"
Fühlst du von meiner Liebe, meiner Not
Nur einen Hauch, nur einen Widerhall?"
Und ruhig blickt und schweigt das Meer
Und lächelt: Nein.
Und nirgendwo kommt Gruß und Antwort her.
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Ann
BeitragVerfasst am: 14.09.2004, 17:03  Neue Antwort erstellen
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Nacht
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Mit Dämmerung und Amselschlag
Kommt aus den Tälern her die Nacht.
Die Schwalben ruhn, der lange Tag
Hat auch die Schwalben *üd gemacht.
Durchs Fenster mit verhaltenem Klang
Geht meiner Geige *üder Strich.
Verstehst du, schöne Nacht, den Sang -
Mein altes Lied, mein Lied an dich?

Ein kühles Rauschen kommt vom Wald,
Daß mir das Herz erschauernd lacht,
Und leis mit freundlicher gewalt
Besiegt mich Schlummer, Traum und Nacht.
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Ann
BeitragVerfasst am: 14.09.2004, 17:04  Neue Antwort erstellen
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Belehrung
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Mehr oder weniger, mein lieber Knabe,
Sind schließlich alle Menschenworte Schwindel,
Verhältnismäßig sind wir in der Windel
Am ehrlichsten, und später dann im Grabe.
Dann legen wir uns zu den Vätern nieder,
Sind endlich weise und voll kühler Klarheit,
Mit blanken Knochen klappern wir die Wahrheit,
Und mancher lög und lebte lieber wieder.
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Ann
BeitragVerfasst am: 14.09.2004, 17:05  Neue Antwort erstellen
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Einsame Nacht
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Die ihr meine Brüder seid,
Arme Menschen nah und ferne,
Die ihr im Bezirk der Sterne
Tröstung suchet eurem Leid,
Die ihr wortelos gefaltet
In die blaß gestirnte Nacht
Schmale Dulderhände haltet,
Die ihr leidet, die ihr wacht,
Arme, irrende Gemeinde,
Schiffer ohne Stern und Glück -
Fremde, dennoch mir vereinte,
Gebt mir meinen Gruß zurück!
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Ann
BeitragVerfasst am: 14.09.2004, 17:07  Neue Antwort erstellen
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~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Wenn du die kleine Hand mir gibst,
Die so viel Ungesagtes sagt,
Hab ich Dich jemals dann gefragt,
Ob du mich liebst?

Ich will ja nicht, das du mich liebst,
Will nur, daß ich dich nahe weiß
Und daß du manchmal stumm und leis
Die Hand mir gibst.
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Ann
BeitragVerfasst am: 14.09.2004, 17:08  Neue Antwort erstellen
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Der Wanderer an den Tod

Auch zu mir kommst du einmal,
du vergißt mich nicht,
und zu Ende ist die Qual
und die Kette bricht.

Noch erscheinst du fremd und fern,
lieber Bruder Tod.
Stehest als ein kühler Stern
über meiner Not.

Aber einmal wirst du nah
und voll Flammen sein.
Komm, Geliebter, ich bin da,
nimm mich, ich bin dein.
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Ann
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September

Der Garten trauert,
kühl sinkt in die Blumen der Regen.
Der Sommer schauert
still seinem Ende entgegen.

Golden tropft Blatt um Blatt
nieder vom hohen Akazienbaum.
Sommer lächelt erstaunt und matt
in den sterbenden Gartentraum.

Lange noch bei den Rosen
bleibt er stehen, sehnt sich nach Ruh.
Langsam tut er die großen,
*üdgewordenen Augen zu.
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Ann
BeitragVerfasst am: 14.09.2004, 17:09  Neue Antwort erstellen
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Ich bin ein Stern
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Ich bin ein Stern am Firmament,
Der die Welt betrachtet, die Welt verachtet,
Und in der eignen Glut verbrennt.
Ich bin das Meer, das nächtens stürmt,
Das klagende Meer, das opferschwer
Zu alten Sünden neue türmt.

Ich bin von Eurer Welt verbannt
Vom Stolz erzogen, vom Stolz belogen,
Ich bin der König ohne Land.

Ich bin die stumme Leidenschaft,
Im Haus ohne Herd, im Krieg ohne Schwert,
Und krank an meiner eignen Kraft.
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Ann
BeitragVerfasst am: 14.09.2004, 17:09  Neue Antwort erstellen
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Manchmal

Manchmal, wenn ein Vogel ruft
oder ein Wind in den Zweigen
oder ein Hund bellt im fernsten Gehöft,
dann muß ich lange lauschen und schweigen.

Meine Seele flieht zurück,
bis wo vor tausend vergessenen Jahren
der Vogel und der wehende Wind
mir ähnlich und meine Brüder waren.

Meine Seele wird ein Baum
und ein Tier und ein Wolkenweben.
Verwandelt und fremd kehrt sie zurück
und fragt mich. Wie soll ich Antwort geben ?
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Ann
BeitragVerfasst am: 14.09.2004, 17:10  Neue Antwort erstellen
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Sprache des Frühlings

Jedes Kind weiß, was der Frühling spricht:
Lebe, wachse, blühe, hoffe, liebe,
freue dich und treibe neue Triebe,
gib dich hin und fürcht das Leben nicht!

Jeder Greis weiß, was der Frühling spricht:
Alter Mann, laß dich begraben,
räume deinen Platz den muntern Knaben,
gib dich hin und fürcht das Sterben nicht!
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BeitragVerfasst am: 14.09.2004, 17:11  Neue Antwort erstellen
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Im Altwerden

Jung sein und Gutes tun ist leicht,
und von allem Gemeinen entfernt sein;
aber lächeln, wenn schon der Herzschlag schleicht,
das will gelernt sein.
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