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  Gedichte  -  Barthold Hinrich Brockes 1680-1747 Schriftsteller Dichter
Ann
BeitragVerfasst am: 22.02.2008, 11:22  Neue Antwort erstellen
Gedichte
Barthold Hinrich Brockes 1680-1747 Schriftsteller Dichter
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
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Gedanken bey dem Fall der Blätter im Herbst

In einem angenehmen Herbst, bey ganz entwölktem heiterm Wetter,
Indem ich im verdünnten Schatten, bald Blätter-loser Bäume, geh',
Und des so schön gefärbten Laubes annoch vorhandnen Rest beseh';
Befällt mich schnell ein sanfter Regen, von selbst herabgesunkner Blätter.

Ein reges Schweben füllt die Luft. Es zirkelt, schwärmt' und drehte sich
Ihr bunt, sanft abwärts sinkend Heer; doch selten im geraden Strich.
Es schien die Luft, sich zu bemühn, den Schmuck, der sie bisher gezieret,
So lang es *öglich, zu behalten, und hindert' ihren schnellen Fall.
Hiedurch ward ihre leichte Last, im weiten Luft-Kreis überall,
In kleinen Zirkelchen bewegt, in sanften Wirbeln umgeführet,
Bevor ein jedes seinen Zweck, und seiner Mutter Schooß, berühret;
Um sie, bevor sie aufgelöst, und sich dem Sichtlichen entrücken,
Mit Decken, die weit schöner noch, als persianische, zu schmücken.

Ich hatte diesem sanften Sinken, der Blätter lieblichem Gewühl,
Und dem dadurch, in heitrer Luft, erregten angenehmen Spiel,
Der bunten Tropfen schwebendem, im lindem Fall formiertem, Drehn,
Mit offnem Aug', und ernstem Denken, nun eine Zeitlang zugesehn;
Als ihr von dem geliebten Baum freywilligs Scheiden (da durch Wind,
Durch Regen, durch den scharfen Nord, sie nicht herabgestreifet sind;
Nein, willig ihren Sitz verlassen, in ihren ungezwungnen Fällen)
Nach ernstem Denken, mich bewog, sie mir zum Bilde vorzustellen,
Von einem wohlgeführten Alter, und sanftem Sterben; Die hingegen,
Die, durch der Stürme strengen Hauch, durch scharfen Frost, durch schwehren Regen
Von ihren Zweigen abgestreift und abgerissen, kommen mir,
Wie Menschen, die durch Krieg und Brand und Stahl gewaltsam fallen, für.

Wie glücklich, dacht' ich, sind die Menschen, die den freywillgen Blättern gleichen,
Und, wenn sie ihres Lebens Ziel, in sanfter Ruh' und Fried', erreichen;
Der Ordnung der Natur zufolge, gelassen scheiden, und erbleichen!


Zuletzt bearbeitet von Ann am 28.03.2008, 12:04, insgesamt einmal bearbeitet
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Ann
BeitragVerfasst am: 22.02.2008, 11:23  Neue Antwort erstellen
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Barthold Hinrich Brockes 1680-1747 Schriftsteller Dichter
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Kirschblüte bei der Nacht

Ich sahe mit betrachtendem Gemüte
jüngst einen Kirschbaum, welcher blühte,
in kühler Nacht beim Mondenschein;
ich glaubt, es könne nichts von größerer Weiße sein.
Es schien, als wär ein Schnee gefallen;
ein jeder, auch der kleinste Ast,
trug gleichsam eine rechte Last
von zierlich weißen runden Ballen.
Es ist kein Schwan so weiß, da nämlich jedes Blatt,
- indem daselbst des Mondes sanftes Licht
selbst durch die zarten Blätter bricht -
sogar den Schatten weiß und sonder Schwärze hat.
Unmöglich, dacht ich, kann auf Erden
was Weißres aufgefunden werden.
Indem ich nun bald hin, bald her
im Schatten dieses Baumes gehe,
sah ich von ungefähr
durch alle Blumen in die Höhe
und ward noch einen weißern Schein,
der tausendmal so weiß, der tausendmal so klar,
fast halb darob erstaunt, gewahr.
Der Blüte Schnee schien schwarz zu sein
bei diesem weißen Glanz. Es fiel mir ins Gesicht
von einem hellen Stern ein weißes Licht,
das mir recht in die Seele strahlte.
Wie sehr ich mich an Gott im Irdischen ergötze,
dacht ich, hat er dennoch weit größre Schätze.
Die größte Schönheit dieser Erden
kann mit der himmlischen doch nicht verglichen werden.
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Ann
BeitragVerfasst am: 22.02.2008, 11:24  Neue Antwort erstellen
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Barthold Hinrich Brockes 1680-1747 Schriftsteller Dichter
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Die Traubenhyazinthe
1727

Angenehmes Frühlingskindchen,
Kleines Traubenhyazinthchen,
Deiner Farb und Bildung Zier
Zeiget mit Verwundrung mir
Von der bildenden Natur
Eine neue Schönheitsspur.
An des Stengels blauer Spitzen
Sieht man, wenn man billig sieht,
Deiner sonderbaren Blüt
Kleine blaue Kugeln sitzen,
Dran, so lange sich ihr Blatt
Noch nicht aufgeschlossen hat,
Wie ein Purpurstern sie schmücket,
Man nicht sonder Lust erblicket.
Aber wie von ungefähr
Meine Blicke hin und her
Auf die offnen Blumen liefen,
Konnt ich in den blauen Tiefen
Wie aus himmelblauen Höhen
Silberweiße Sternchen sehen,
Die in einer blauen Nacht,
So sie rings bedeckt, im Dunkeln
Mit dadurch erhöhter Pracht
Noch um desto heller funkeln.
Ihr so zierliches Gepränge,
Ihre Nettigkeit und Menge,
Die die blauen Tiefen füllt,
Schiene mir des Himmels Bild,
Welches meine Seele rührte
Und durch dieser Sternen Schein,
Die so zierlich, rein und klein,
Mich zum Herrn der Sterne führte,
Dessen unumschränkte Macht
Aller Himmel tiefe Meere,
Aller Welt- und Sonnen Heere
Durch ein Wort hervorgebracht;
Dem es ja so leicht, die Pracht
In den himmlischen Gefilden
Als die Sternchen hier zu bilden.
Durch dein sternenförmig Wesen
Gibst du mir, beliebte Blume,
Ein' Erinnerung zu lesen,
Daß wir seiner nicht vergessen,
Sondern in den schönen Werken
Seine Gegenwart bemerken,
Seine weise Macht ermessen
Und sie wie in jenen Höhen
So auf Erden auch zu sehen.
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Ann
BeitragVerfasst am: 22.02.2008, 11:24  Neue Antwort erstellen
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 45056
Wohnort: Gronau

Die Welt ist allezeit schön

Im Frühling prangt die schöne Welt
In einem fast smaragdnen Schein.
Im Sommer glänzt das reife Feld
Und scheint dem Golde gleich zu sein.

Im Herbste sieht man als Opalen
Der Bäume bunte Blätter strahlen.

Im Winter schmückt ein Schein, wie Diamant
Und reines Silber, Flut und Land.

Ja kurz, wenn wir die Welt aufmerksam sehn,
Ist sie zu allen Zeiten schön.
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rita
BeitragVerfasst am: 03.04.2009, 23:16  Neue Antwort erstellen
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Barthold Hinrich Brockes 1680-1747 Schriftsteller Dichter
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Gartenmeister(in)
Gartenmeister(in)


Anmeldungsdatum: 14.10.2007
Beiträge: 3155

Der Goldkäfer

Der Monat junius beblümte Feld und Auen,
als ich, die Wunderpracht der Blumen zu beschauen ,
im Garten ging .Mein ältester Sohn lief mit ,
sein reger Fuss hüpft immer hin und her
mit fröhlichem , fast nimmer stillem Schritt.
Als er nun ungefähr
ein güldnes Käferchen auf einer Rose fand ,
ergriff er es mit seiner kleinen Hand
und kam darauf in vollem Springen
mir den gefundenen Schatz zu bringen.
Ich lobte seinen Fund und nahm ihn lächelnd hin ,
Betrachtete mit fast erschrocknem Sinn
die Schönheit , Farben und Figur ,
mit welcher ihn die bildende Natur
begabt und ausgeziert .
Durchs Auge ward mein Herz gerührt ,
als ich mit höchster Lust erblickte ,
wie ihn Smaragd und Gold den glatten Rücken schmückte .

Und ich bewunderte sein wandelbares Grün ,
das bald wie Gold , bald wie Rubin
und bald aufs neu smaragden schien ,
nachdem der Fürst des Lichts auf seine Teilchen strahlte
und die verschiedne Fläche malte .
Als ich mich lange nun an seinem Glanz ergötzet
und diese Schönheit hoch geschätzet ,
verspüret ich , wie die veränderliche Pracht
mich allgemach auf die Gedanken bracht :
was sind die Farben doch ? Nichts als ein blosses Nichts .
Denn wenn der Schein des all erfreunden Lichts
sich von uns trennet , schwinden ,
vergehn und sterben sie ; man kann nicht einst die Spur
von ihrer Pracht , von ihrem Wesen finden .

Dies heisst mich weitergehn und auch :was ist die Welt ?
Was ist das Irdische ? Was ist die Kreatur ?
Was sind wir selber ? Fragen .
Worauf mir Gottes Wort , Witz und Erfahrung sagen :
Farben sind es , was ihr sehet ,
Höret , riechet , schmeckt und fühlt .
Ohne Gott , den Brunn des Lichts ,
sind wir und ist alles nichts .
Alles schwindet und vergehet ,
was auch noch so herrlich spielt .

Da ich dem Knaben nun das Würmchen wieder reichte ,
entfloh es ihm und alle Freude mit .
Kein Kummer war ,der seinem gleichte ,
es wankte sein verwirrter Tritt ,
er fing erbärmlich an zu weinen ,
die kleine Hand rieb die betränten Augen ,
er änderte Gebärden und Gestalt ,
und konnt ihn nichts zu trösten taugen .
Worüber ich denn herzlich lachte .
Doch änderte sich dies mein Lachen bald ,
als ich unser Werk und kindisch Tun bedachte :
ein Wurm ergötzt ein Kind , ein gelber Kot die Alten ;
man will ihn mit Gewalt erhalten und behalten .
Das Kind hat kurze Lust , der Alte kleine Freude;
Sobald nur Wurm und Gold dahin sind , weinen beide .
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