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  Gedichte  -  Selma Meerbaum-Eisinger 1924-1942 deutschsprachige Dichterin
Ann
BeitragVerfasst am: 12.02.2014, 19:58  Neue Antwort erstellen
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Selma Meerbaum-Eisinger 1924-1942 deutschsprachige Dichterin
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Anmeldungsdatum: 13.09.2004
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Lied

Heute tatest du mir weh.
Rings um uns war Schweigen nur,
Schweigen nur und Schnee.
Himmel war, nicht wie Azur,
blau jedoch und voll mit Sternen.
Windeslied erklang aus fernsten Fernen.

Heute warst du mir ein Schmerz.
Häuser waren da, so weiß verschneit,
alle in des Winters Kleid.
Ein Akkord in tiefer Terz
war in unsrer Schritte Klang.
Bahnsirenen heulten lang ...

Heute war es wunderschön.
Schön wie tiefverschneite Höh'n,
eingetaucht in Abendglutenring.

Heute tatest du mir weh.
Heute sagtest du mir: geh!
Und ich - ging.

25. 12. 1939
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Ann
BeitragVerfasst am: 12.02.2014, 20:44  Neue Antwort erstellen
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Sehnsuchtslied

Leise schlägst in deinem Lied du einen Ton an -
und dir ist, als fehlte noch etwas.
Und du suchst verwirrt bei allen Tönen,
ob sie dir nicht sagen können,
wo's zu finden, wo und wie und wann...
Doch der eine ist zu blaß
und zu lüstern ist der zweite
und der dritte ist so voll mit Weite -
viel zu voll.

Du suchst lange - Moll und Dur und Moll
werden lebend unter deinen Händen.
Und dann schlägst du plötzlich eine Taste an,
und - es kommt kein Ton.
Und das Schweigen ist dir wie ein dumpfer Hohn,
denn du weißt es plötzlich ganz genau:
Dieser fehlt dir. Wenn ihn deine Hände fänden,
fiele ab von deinem Lied der Bann,
war' das Ende nicht mehr leer und grau.

Und du rührst und rührst die Taste -
fragst dich, wo hier wohl die Hemmung liegt,
suchst, ob nicht doch deiner Hände Weiche siegt,
deine Augen betteln voll Verlangen.
Kein Ton kommt. Einsamkeit bleibt nun zu Gaste
in dem Lied, das dir so schwer und süß gereift.

Um den ungespielten Ton wirst du nun ewig bangen,
bangen um das Glück, das dich nur leicht gestreift
in den leisen Nächten, wenn der Mond dich wiegt
und die Stille deine Tränen nicht begreift.
9.1.1941
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Ann
BeitragVerfasst am: 12.02.2014, 20:45  Neue Antwort erstellen
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Ja

Du bist so weit.
So weit wie ein Stern, den ich zu fassen geglaubt.
Und doch bist du nah -
nur ein wenig verstaubt
wie vergangene Zeit.
Ja.

Du bist so groß.
So groß wie der Schatten von jenem Baum.
Und doch bist du da -
nur blaß wie ein Traum
in meinem Schoß.
Ja.
6.7.1941
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Ann
BeitragVerfasst am: 13.02.2014, 11:06  Neue Antwort erstellen
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Du, weißt du . . .



Du, weißt du, wie ein Rabe schreit?
Und wie die Nacht, erschrocken bleich,
nicht weiß, wohin zu fliehn?
Wie sie verängstigt nicht mehr weiß:
Ist es ihr Reich, ist es nicht ihr Reich,
gehört sie dem Wind oder er ihr,
und sind die Wölfe mit ihrer Gier
nicht zum Zerreißen bereit?

Du, weißt du, wie der Wind schrill heult
und wie der Wald, erschrocken bleich,
nicht weiß, wohin zu fliehn?
Wie er verängstigt nicht mehr weiß:
Ist es sein Reich, ist es nicht sein Reich,
gehört er dem Regen oder der Nacht
und ist der Tod, der schauerlich lacht,
nicht sein allerhöchster Herr?

Du, weißt du, wie der Regen weint?
Und wie ich geh', erschrocken bleich,
und nicht weiß, wohin zu fliehn?
Wie ich verängstigt nicht mehr weiß:
Ist es mein Reich, ist es nicht mein Reich,
gehört die Nacht mir, oder ich, gehör' ich ihr,
und ist mein Mund, so blass und wirr,
nicht der, der wirklich weint?
4.3. 1941
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Ann
BeitragVerfasst am: 14.02.2014, 12:49  Neue Antwort erstellen
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Sonne im August

Gleich einer Symphonie in Grün
durchpulst von Licht und Duft und Glanz
ziehn Wiesen sich und Hügel hin
erfüllt von buntem Blumentanz.

Die Wege liegen lang im Wind,
und alle Birken neigen sich.
Und wenn die Gärten verlassen sind,
dann sind sie es nur für mich.

Die Bänke stehen wartend da,
die Gräser wiegen her und hin,
und manchmal scheint der Himmel nah,
und lange Vogelschwärme ziehn.

Und alles ist tief eingetaucht
in Lächeln und in Einsamkeit.
Mit Gold ist alles angehaucht,
und eine Elster schreit.
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Ann
BeitragVerfasst am: 14.02.2014, 12:51  Neue Antwort erstellen
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Vormittag

Der Wind singt sein Schlaflied
mit träumendem Rauschen,
die Blätter umschmeichelt er weich.
Ich laß mich verführen, dem Liede zu lauschen,
und fühl' mich den Gräsern gleich.

Es schauern die Lüfte
und kühlen mein heißes,
in Sehnsucht gehülltes Gesicht.
Die ziehenden Wolken verstreuen ihr weißes,
der Sonne gestohlenes Licht.

Die alte Akazie
verrieselt ihr Schweigen
in zitterndem Blättergewirr.
Die Düfte der Erde erheben sich, steigen
und fallen dann wieder zu mir.
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Ann
BeitragVerfasst am: 17.02.2014, 18:35  Neue Antwort erstellen
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Poem

Die Bäume sind von weichem Lichte übergossen,
im Winde zitternd glitzert jedes Blatt.
Der Himmel, seidig-blau und glatt,
ist wie ein Tropfen Tau vom Morgenwind vergossen.
Die Tannen sind in sanfte Röte eingeschlossen
und beugen sich vor seiner Majestät, dem Wind.
Hinter den Pappeln blickt der Mond aufs Kind,
das ihm den Gruß schon zugelächelt hat.

Im Winde sind die Büsche wunderbar:
bald sind sie Silber und bald leuchtend grün
und bald wie Mondschein auf lichtblondem Haar
und dann, als würden sie aufs neue blühn.

Ich *öchte leben.
Schau, das Leben ist so bunt.
Es sind so viele schöne Bälle drin.
Und viele Lippen warten, lachen, glühn
und tuen ihre Freude kund.
Sieh nur die Straße, wie sie steigt:
so breit und hell, als warte sie auf mich.
Und ferne, irgendwo, da schluchzt und geigt
die Sehnsucht, die sich zieht durch mich und dich.
Der Wind rauscht rufend durch den Wald,
er sagt mir, daß das Leben singt.
Die Luft ist leise, zart und kalt,
die ferne Pappel winkt und winkt.

Ich *öchte leben.
Ich *öchte lachen und Lasten heben
und *öchte kämpfen und lieben und hassen
und *öchte den Himmel mit Händen fassen
und *öchte frei sein und atmen und schrein.
Ich will nicht sterben. Nein!
Nein.
Das Leben ist rot,
Das Leben ist mein.
Mein und dein.
Mein.

Warum brüllen die Kanonen?
Warum stirbt das Leben
für glitzernde Kronen?

Dort ist der Mond.
Er ist da.
Nah.
Ganz nah.
Ich muß warten.
Worauf?
Hauf um Hauf
sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie und nie.
Ich will leben.
Bruder, du auch.
Atemhauch
geht von meinem und deinem Mund.
Das Leben ist bunt.
Du willst mich töten.
Weshalb?
Aus tausend Flöten
weint Wald.

Der Mond ist lichtes Silber im Blau.
Die Pappeln sind grau.
Und Wind braust mich an.
Die Straße ist hell.
Dann...
Sie kommen dann
und würgen mich.
Mich und dich
tot.
Das Leben ist rot,
braust und lacht.
Über Nacht
bin ich
tot.

Ein Schatten von einem Baum
geistert über den Mond.
Man sieht ihn kaum.
Ein Baum.
Ein
Baum.
Ein Leben
kann Schatten werfen
über den
Mond.
Ein
Leben.
Hauf um Hauf
sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie
und
nie.
7.7.1941
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Ann
BeitragVerfasst am: 17.02.2014, 18:37  Neue Antwort erstellen
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Hände

Kraftvoll schön, gemeißelt wie aus weißem Stein,
dem ein Sonnenstrahl hat Leben eingehaucht
und der von den schönsten Rosen zarte Blätter hat geliehen,
sprechen sie im schlanken Spiel der Finger
mit den Händen, die sich ihnen anvertraut.

Sehnen spielen wie ganz ranke, nackte Ringer
und sind doch kosender Laut,
der betäubend süße Worte braut
für die Lippen, die verängstigt fliehen …

Und die Finger, die verhalten zärtlich ziehen
über seidenweiche warme Haut,
sind wie Menschen, die, als sie das Glück geschaut,
fast vergessen hätten, es zu fassen,
und es doch im letzten Augenblick gefaßt.
Ganz so ängstlich wollen sie die anderen nicht lassen
und sie flattern über sie in wilder Hast,
die bei der Berührung weich in Liebe sich verwandelt.

Plötzlich aber klammern sie sich an,
und sie zucken nur noch leise, dann und wann,
wie ein Kind nach langem Weinen
nur noch manchmal lautlos schluchzt.

Doch schon ist's, als würden Sonnen scheinen
-ganz von ferne noch und noch ganz zag -
doch schon kündend neuen hellen Tag.
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Ann
BeitragVerfasst am: 18.02.2014, 21:49  Neue Antwort erstellen
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Träume



Es sind meine Nächte
durchflochten von Träumen,
die süß sind wie junger Wein.
Ich träume, es fallen die Blüten von Bäumen
und hüllen und decken mich ein.

Und alle diese Blüten,
sie werden zu Küssen,
die heiß sind wie roter Wein
und traurig wie Falter, die wissen: sie *üssen
verlöschen im sterbenden Schein.

Es sind meine Nächte
durchflochten von Träumen,
die schwer sind wie *üder Sand.
Ich träume, es fallen von sterbenden Bäumen
die Blätter in meine Hand.

Und alle diese Blätter,
sie werden zu Händen,
die zärteln wie rollender Sand
und *üd sind wie Falter, die wissen: sie enden
noch eh' sie ein Sonnenstrahl fand.

Es sind meine Nächte
durchflochten von Träumen,
die blau sind wie Sehnsuchtsweh.
Ich träume, es fallen von allen Bäumen
Flocken von klingendem Schnee.

Und all diese Flocken
sie werden zu Tränen.
Ich weinte sie heiß und wirr -
begreif meine Träume, Geliebter, sie sehnen
sich alle nur ewig nach dir.
8.11.1941
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Ann
BeitragVerfasst am: 20.02.2014, 12:05  Neue Antwort erstellen
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Schlaflied für dich

Komm zu mir, dann wieg' ich dich,
wiege dich zur Ruh’.
Komm zu mir und weine nicht,
mach die Augen zu.

Ich flechte dir aus meinem Haar
eine Wiege, sieh!
Schläfst drin aller Schmerzen bar,
träumst drin ohne *üh’.

Meine Augen sollen dir
blinkend Spielzeug sein.
Meine Lippen schenk ich dir -
trink dich in sie ein.
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Ann
BeitragVerfasst am: 21.02.2014, 12:03  Neue Antwort erstellen
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Farben

So blau liegt es über dem schneeweißen Schnee
und so schwarz sind die grünen Tannen,
dass das ganz leise hinhuschende Reh
so grau ist wie nie beendbares Weh,
das man doch so gern *öchte bannen.

Schritte knirschen in Schneemusik
und Winde stäuben die Flocken zurück
auf die weiß überschleierten Bäume.
Und Bänke stehen wie Träume.

Lichter fallen und spielen mit Schatten
unendliche Ringelreihen.
Die fernen Laternen blinken mit mattem
Schein, den vom Schneelicht sie leihen.

18.12.1939
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Ann
BeitragVerfasst am: 22.02.2014, 12:07  Neue Antwort erstellen
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Lied

Nimm hin mein Lied -
Es ist nicht froh,
Der Regen weint und weint.
Und wer ihn sieht
Weiß sowieso,
Wie es das Glück gemeint.

Es ist vorbei
Die helle Zeit,
Die Lachen uns gelehrt.
Sie ging entzwei,
Zwiespalt gedeiht -
Wenn auch die Welt sich wehrt.

Kehrt sie zurück?
Ich weiß es nicht.
Vielleicht weiß es der Wind.
Er kennt das Glück,
Wenn's nicht zerbricht,
So sagt er's uns geschwind.

Doch sieh, der Wind
Verbirgt sich doch -
Er ist ja gar nicht da.
Ganz wie ein Kind,
So glaubt er noch:
Nur er weiß, was geschah.

Nimm hin mein Lied.
Vielleicht bringt es
das Lachen einst zurück.
Und wer es liest,
Der sagt: Ich seh's,
und meint damit das Glück.
30.6.1941
(S. 70-71)
_____
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Ann
BeitragVerfasst am: 23.02.2014, 13:32  Neue Antwort erstellen
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Ich bin der Regen
Gedicht von Meerbaum-Eisinger

Ich bin der Regen, und ich geh’
barfuß einher von Land zu Land.
In meinen Haaren spielt der Wind
mit seiner schlanken, braunen Hand.

Mein dünnes Kleid aus Spinngeweb’
ist grauer als das graue Weh.
Ich bin allein. Nur hie und da
spiel’ ich mit einem kranken Reh.

Ich halte Schnüre in der Hand,
und es sind auf ihnen aufgereiht
alle die Tränen, welche je
ein blasser *ädchenmund geweint.

Sie alle habe ich geraubt
bei schlanken *ädchen, spät bei Nacht,
wenn mit der Sehnsucht Hand in Hand
sie bang auf langem Weg gewacht.

Ich bin der Regen, und ich geh’
barfuß einher von Land zu Land.
In meinen Haaren spielt der Wind
mit seiner schlanken, braunen Hand.

8.3.1941
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Ann
BeitragVerfasst am: 24.02.2014, 18:12  Neue Antwort erstellen
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Ich bin die Nacht

Ich bin die Nacht. Meine Schleier sind
viel weicher als der weiße Tod.
Ich nehme jedes heiße Weh
mit in mein kühles, schwarzes Boot.

Mein Geliebter ist der lange Weg.
Wir sind vermählt auf immerdar.
Ich liebe ihn, und ihn bedeckt
mein seidenweiches, schwarzes Haar.

Mein Kuß ist süß wie Fliederduft -
der Wanderer weiß es genau...
Wenn er in meine Arme sinkt,
vergißt er jede heiße Frau.

Meine Hände sind so schmal und weiß,
daß sie ein jedes Fieber kühlen,
und jede Stirn, die sie berührt,
muß leise lächeln, wider Willen.

Ich bin die Nacht. Meine Schleier sind
viel weicher als der weiße Tod.
Ich nehme jedes heiße Weh
mit in mein kühles, schwarzes Boot.
6.5.1941
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Ann
BeitragVerfasst am: 25.02.2014, 11:11  Neue Antwort erstellen
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Rote Nelken

Ich habe Angst. Es drückt auf mich das Dunkel
jeder schwülen Nacht.
Es ist so still, und mich erstickt des großen
Schweigens schwere Pracht.
Warum, warum bist du nicht da? Ich hab'
gespielt, ich weiß - verzeih.
Ich hab' mit meinem Glück gespielt - es ging
entzwei - verzeih.
Es tut so weh, allein zu sein. Drum komm, ich
warte ja.
Wir lachen uns ein neues Glück, so glaub es doch
und komm zurück - es ist ja so viel Lachen da.
Schau mich doch an. Ist wohl mein Bild noch da
in deinem fernen Blick?
Ich will dich, wie die Traube will, daß man sie,
wenn sie reif ist, pflückt.
Mein Haar, es wartet. Und mein Mund will, daß
du wieder mit ihm spielst.
Sieh - meine Hände bitten dich, daß du sie in die
deinen hüllst.
Sie sehnen sich nach deinem Haar und sehnen
sich nach deiner Haut,
wie nach dem Traum sich sehnt ein Kind, das ihn
auch nur einmal geschaut.
Schau, es ist Frühling. Doch ist er blind, er weint
ja immerfort.
Solange wir nicht beisammen sind, so lange
weint er wie der Wind, dem der liebste Wald verdorrt.
Sieh, alles wartet nur auf uns: es warten alle
Wege, alle Bänke.
Es warten alle Blumen nur, daß ich sie pflücke
und dir schenke.
Du hältst die Sterne, die auf unsrer Schnur noch
fehlen, in der Hand.
Du hast sie keiner anderen umgehangen.
Und findest du für sie nicht bald ein neues Band,
so hast du mit den vollen Händen nicht was anzufangen.
Sieh - unsre Schnur, sie wartet noch. Ich hab' sie
zärtlich aufgehoben.
Es fehlt auch nicht ein einz'ger Stern und's ist
kein fremder mit verwoben.
Wir *üssen nicht um neue Schnüre fragen. Die
alte ist noch schön und lang.
Und hast du auch noch tausend Sterne in der
Hand - sie kann noch zehnmal tausend tragen.
Du bist so stark. Ich *öchte mich so gern in
deine Arme lehnen. Wenn du mich führst, so geh ich schnell.
Entsinnst du dich noch jener Nacht, der Schnee
war weich und klingend hell,
in der dein Arm mich stark umfing und ich so
schnell und sicher ging, als wär' ich groß wie du?
O, komm und führe mich so gut von Hindernis zu
Hindernis. Ich will gewiß nicht *üde sein,
ich bin dann sicher nicht mehr klein
und brauche keine Ruh'.
Und dann - in unsrem Liebeszelt, o dann, dann
werfen wir der Welt das hellste Lachen zu.
Nicht wahr, du kommst? Ich wein' nicht mehr. O
nein, ich bin ja nicht mehr leer,
du kommst gewiß, du kommst geschwind, o du
mein starker, schöner Wind
du wirst zum Sturm und reißt mich mit in deinem
heißen, wilden Ritt.
Ich bin noch hier. Der Traum ist aus. Ich bin
allein - wie roter Wein, so kocht mein heißes Blut.
Du bist nicht da - und warst so nah, und warst so
süße, wilde Glut.
Der Frühling weint. Er weint um uns. Wirst du
ihn ewig weinen lassen?
Du bist so gut. Drum komm zurück - du sollst
mich um die Schultern fassen,
wir wollen glühn so wie im Traum, wir wollen
blühn wie Baum nach Baum aufblühen werden
dicht bei uns.
Ich will dann lachen. Und dann klingt die ganze
Luft - die Sonne klingt. Das Wasser klingt, es
klingt die Nacht -
so hör, ich hab' für dich gelacht!
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