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  Kurzgeschichten  -  Der klene Maik
achatscheibe
BeitragVerfasst am: 16.09.2020, 18:45  Neue Antwort erstellen
Kurzgeschichten
Der klene Maik
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Gartenmeister(in)
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Anmeldungsdatum: 07.10.2011
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Der kleine Maik, elf Jahre alt, 6. Schulklasse. Es war der letzte Schultag, Zeugnisausgabe. Der Junge freute sich riesig, er hatte es geschafft, die 4 in Mathematik war verschwunden. Jetzt stand dort eine 2.  Da wird die Tante Marie sich freuen ... und seine Mutter natürlich auch. 
 
Vor einem Jahr machte er mit seiner Mutter Urlaub an der Ostsee. Seinen Vater hatte er vor vier Jahren verloren ... durch einen schweren Verkehrsunfall. Er war Busfahrer bei den Verkehrsbetrieben in der Stadt. An einer Kreuzung ... es war an diesem Tag seine letzte Linienfahrt, dann hätte er zwei Tage frei gehabt ... kam ein schwerer Lkw mit hohem Tempo aus der Seitenstraße gefahren, obwohl die Ampel rot angezeigt hatte. Der Truck knallte genau seitlich auf den Bus ... da wo der Fahrer saß ... der Vater vom Maik verstarb auf dem Weg ins Krankenhaus. Sechs Jahre zuvor hatten sie noch in der Stadt gewohnt, aber dann war die Großmutter von Maiks Vater gestorben und sie hatten das wunderschöne Haus auf dem Dorf geerbt. Maik konnte sich nur noch lückenhaft an seine Urgroßmutter erinnern, und der Urgroßvater war schon tot, da war der Maik noch nicht auf der Welt gewesen. Die Mutter vom Maik, die Gabi (eigentlich Gabriele, aber alle sagten nur Gabi) arbeitet im Krankenhaus als Physiotherapeutin, aber nur vormittags, wegen dem Maik, damit er nach der Schule nicht allein zu Hause ist und weil sie ihm auch bei den Schularbeiten helfen wollte. Aber so allein, ohne Mann, als Alleinverdiener ... leicht war es nicht. Ein Glück, dass sie keine Miete zahlen musste. Sie besaß ja das schöne Haus. Da waren damals nur wenig Reparaturen fällig gewesen, ein paar bauliche Veränderungen, aber nicht viel. Und ein wenig Geld hierfür war vorhanden, neben dem Haus gehörte auch ein kleines finanzielles Vermögen zu der Erbschaft. Aber das hatte ganz schnell das Haus sowie ein zweites Auto geschluckt, denn sie wohnten ja nun auf dem Land und nicht mehr in der Stadt. Uwe Kieslich hatte als Busfahrer Schichtdienst, schon deshalb benötigte man ein zweites Auto. Zwar fuhren auch Busse vom Dorf in die Stadt, aber zeitlich lag der Fahrplan nicht günstig. Natürlich nagten die Gabi und der Maik nicht am Hungertuch, nein, aber in Luxus schwelgen war auch nicht angesagt. Damit es ihnen aber gut ging, damit die Gabi dem Maik auch Geschenke zum Geburtstag und Weihnachten machen konnte, dass sie ihm mal diesen und jenen Wunsch erfüllen konnte ... aus diesem Grunde nahm sie am Nachmittag Privatpatienten an, bei sich zu Hause. Platz hatte sie ja. Sie richtete ein kleines Zimmer für die Therapiestunden her. Und sie begann Geld zu sparen, für einen Urlaub an der Ostsee. Es sollte eine Überraschung für Maik werden. Und die war auch gelungen, der Junge freute sich riesig. Am dritten Tag im Hotel begegneten sie im Foyer der Frau Liebich. Na, das war eine Überraschung. Marie Liebich, eine ehemalige Lehrerin aus ihrem Dorf. Man kannte sich ja, vom Sehen her, vom Grüßen und manchmal wechselte man auch ein paar Worte ... wenn man sich gerade mal über den Weg lief. Dass man sich aber nun hier an der Ostsee traf, dazu noch im selben Hotel abgestiegen war, was für ein Zufall. Und da man aus dem gleichen Ort kam, sich ein wenig kannte, ergab es sich, dass man die folgenden Tage gemeinsam verbrachte. Das hatte sich ganz automatisch so ergeben. Es entwickelte sich eine gute Freundschaft, vor allem zwischen dem Maik und der Marie Liebich. Die Marie begann den Maik zu *ögen, sie spielte mit ihm und sie lachten über viel Unsinn, den sie ihm erzählte. Und eines Abends bei einem Gespräch an der Hotelbar, der Maik lag schon im Bett, kamen sie auf die Schule zu sprechen. Der Maik hatte eigentlich gute Noten, nur in Mathematik, damit hatte er seine *ühe. Und sie, die Gabi, konnte nicht jeden Tag mit ihm Mathematik üben, wegen ihrer Privattherapie zu Hause. Und da huschte ein Lächeln über Frau Liebichs Gesicht ... sie hatte da eine Idee. Die Marie Liebich war 76 Jahre alt, lebte allein und hatte viel Zeit. Und sie war Lehrerin gewesen ... sie machte der Gabi den Vorschlag, dem Maik Nachhilfeunterricht zu geben. Ach was, nicht nur das, sie wolle jeden Tag mit ihm die Schulaufgaben erledigen. Natürlich unentgeltlich. Sozusagen als Nachbarschaftshilfe, einfach Mensch sein ... weil sie den Maik in ihr Herz geschlossen hatte, so einfach war das.  
 
Ja, und dann kam dieser Tag der Zeugnisausgabe. In manchen Fächern hatte er jetzt sogar eine 1 stehen, aber wichtig war die 2 in Mathematik. Darüber freute er sich am meisten. Und die Tante Marie wird sich auch riesig freuen. Maik kam mit dem Bus aus der Stadt gefahren, der hielt in der Dorfmitte, am Anger. Er musste dann von dort zurücklaufen um nach Hause zu kommen. Aber wie immer nach der Schule ging er in die entgegensetzte Richtung, die Hauptstraße weiter und nach dreihundert Meter rechts abbiegen in die Gartenstraße. Dort wohnte in der 4 auf der rechten Seite die Tante Marie. Maik bog also an diesem wundervollen, erfreulichen Tag in die Gartenstraße und blieb abrupt stehen. Genau in diesem Moment sah er, wie aus dem Haus seiner geliebten Tante Marie ein Sarg getragen wurde. Eine Welt brach zusammen. das konnte er nicht verstehen. Er wollte sich mit ihr gemeinsam freuen, über ihren Erfolg ... die 2 in Mathematik. Das kann doch nicht wahr sein. Erst hatte er den Vater verloren, jetzt seine liebe Tante Marie. Maik verstand das Leben nicht mehr. Das war doch alles nicht gerecht.
 
Am Abend erzählte dann die Gabi dem Maik, die Tante Marie sei vor ihrer Haustür einfach umgefallen. Sie hatte die Blumen im Vorgarten gegossen, wollte wieder in das Haus und fiel plötzlich um. Das Herz. Sie muss wohl auf der Stelle tot gewesen sein. Eine Nachbarin hatte es gesehen und sofort den Notdienst alarmiert. Aber die konnten nicht mehr helfen. 
„Nun ist die Marie im Himmel und schaut auf uns herunter, genau wie der Papa“, sagte seine Mutter später zu ihm, als er im Bett lag und auf den Gute Nacht Kuss wartete. Als er dann allein war, kullerten ein paar Tränen über seine Wangen und schluchzend sprach er: „Liebe Tante Marie, ich verspreche dir, im nächsten Jahr habe ich in Mathematik eine 1.“ Irgendwann schlief er dann ein, träumte von der Tante Marie und seiner 1.
 
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